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Pubertätskonflikte

Was tun, wenn Schüler sich in Sie verlieben?

Dass sich Schüler in der Pubertät in ihre Lehrkräfte verlieben, ist nicht ungewöhnlich, bietet aber Konfliktpotenzial. Lehrer sollten professionelle Distanz wahren und klare Grenzen aufzeigen.

Pubertätskonflikte: Was tun, wenn Schüler sich in Sie verlieben? Lehrer sollten professionelle Distanz wahren, auch wenn die kleine Aufmerksamkeit noch so liebevoll gestaltet ist © ChristArt - Fotolia.com

„Ist Herr Mayer da?“, fragen zwei „aufgebrezelte Achtklässlerinnen (…) mit Gitarre und rot glühenden Backen“ an der Tür zum Lehrerzimmer. Sie haben ihm, dem „bestaussehenden Kollegen der Schule“, ein Lied geschrieben und wollen es ihm vorspielen. Herr Mayer reagiert „peinlich berührt bis genervt“, denn die beiden Schülerinnen überhäufen ihn in letzter Zeit mit Geschenken: „ein Fotoalbum mit Selfies und Aufnahmen der beiden in Modelpose, einen selbst verfassten Roman, in dem er und seine Verehrerinnen die Hauptrollen spielen, (…) selbstgebackene Kuchen und (…) unzählige Postkarten und Briefe“, berichtet Bloggerin Catrin Kurtz in ihrem Beitrag „Liebeslied für Herrn Mayer“ in der Süddeutschen Zeitung. Als dann kurz darauf auch noch eine DVD mit dem Liebeslied — „unterlegt mit Fotoeinblendungen von Herrn Mayer“ — als Präsent in seinem Fach liegt und eine digitale Version auf den Facebook-Accounts der beiden Schülerinnen veröffentlicht wird, „findet Herr Mayer das alles gar nicht mehr lustig“. Spätestens jetzt heißt es, klare Grenzen zu setzen.

Doch wie sollten Lehrer — und natürlich auch Lehrerinnen — damit umgehen, wenn Schülerinnen bzw. Schüler sich in sie verlieben und das offensiv zeigen?

Rechtzeitig reagieren und das Gespräch suchen

Dass Schüler sich in ihre Lehrer verlieben, kommt häufig vor: „Besonders Mädchen zwischen 16 und 18 Jahren entdecken plötzlich ihre Gefühle für den meist sehr viel älteren Mann an der Tafel“, sagt der Schulpsychologe Volker Dunkel auf der Website urbia.de. Manche Mädchen, wie auch die beiden im Eingangsbeispiel, testen dann die Grenzen aus und versuchen, dem Lehrer möglichst nahe zu kommen. Bei Jungen hingegen sind Liebesgefühle nicht so offensichtlich: Sie unterdrücken ihre Emotionen eher oder legen aggressives Verhalten an den Tag, so Volker Dunkels Beobachtung (ebd.).

Warum verlieben sich Schülerinnen in ihren Lehrer? „Häufig steckt ein Wunsch nach Wertschätzung dahinter, der in der Familie nicht erfüllt wird“, sagt Norbert Hirschmann, Vorsitzender des Landesverbands Bayerischer Schulpsychologen in einem Interview mit FOCUS-SCHULE.

Stellt eine Schülerin ihrem Lehrer nach, sollte er am besten „frühzeitig“ reagieren und das Gespräch suchen, rät Hirschmann. Der Tenor eines solchen Gespräches könnte folgendermaßen lauten: „Du schreibst mir E-Mails, die über das normale Maß hinausgehen, ich verstehe deine Gefühle, fühle mich auch geschmeichelt, wie kann ich dir helfen?“ Dabei sollte man der Schülerin/dem Schüler höflich und freundlich gegenübertreten, sich aber immer seiner Lehrerrolle bewusst sein. Und ganz wichtig: Die Lehrkraft sollte „sich nicht auf eine exklusive Beziehung einlassen“ und keinesfalls „Geheimnisse oder Versprechen teilen“ (ebd.).

Arno Becker, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes in Hamburg, empfiehlt zudem, für die Aussprache einen „unverfänglichen Ort“ zu wählen (urbia.de, Link s. o.). Auch sollte man sicherheitshalber die Kollegen informieren oder bei Unsicherheiten Rat einholen. Manchmal sei es auch sinnvoll, mit den Vorgesetzten oder den Eltern zu sprechen, denn es bestehe die Gefahr, „dass aus Liebenden Verfolgende werden, die nicht eher Ruhe geben, bis der Lehrer ‚mein‘ oder vernichtet ist“, warnt Norbert Hirschmann in FOCUS (Link s. o.).

Klare Grenzen setzen, zweideutige Situationen vermeiden

Auch im alltäglichen Umgang mit Schülern sollten Lehrer Abstand halten. Wie viel Nähe darf zwischen Lehrern und Schülern sein? Für den Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin stellt sich diese Frage überhaupt nicht: „Da ist kein Ermessensspielraum“, äußert er im Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger, es gebe klare Grenzen: Berührungen seien radikal tabu. Ein Lehrer „hat seine Schülerinnen nicht anzufassen“, betont er. Schwieriger sei die emotionale Grenze zu ziehen.

„Was (männliche) Lehrer im Umgang mit Schülerinnen beachten sollten“ fasst ein Beitrag auf der Website lehrerfreund.de in „3 Tipps“ zusammen. Auch hier die unmissverständliche Empfehlung „Als Mann hat Ihre Hand nichts auf einer Schülerin verloren — auch nicht in rein freundschaftlicher Weise.“

Wenn Teenies „in koketter Weise“ mit ihren Lehrern flirten, gilt: „Ersticken Sie jede Flirterei durch Ihre emotionslosen Reaktionen im Keim.“ (ebd.) Der dritte Tipp: „Kontrollieren Sie Ihre Blicke“ und „versuchen Sie gerade bei Schülerinnen die prekären Zonen ganz bewusst und entspannt als Ziel Ihrer Blicke zu meiden“.

Probleme, sich eindeutig abzugrenzen

Warum grenzen sich Lehrkräfte nicht immer eindeutig ab? — Norbert Hirschmann nennt dafür einige Gründe:

  1. Vor allem junge Kollegen hätten „noch den Anspruch: Alle Schüler sollen mich mögen“ und wahrten deshalb manchmal nicht die nötige Distanz.
  2. Andere hätten „ein Helfersyndrom, sehen defizitäre Familienverhältnisse“ und überschritten deshalb Grenzen.
  3. Wieder andere litten unter eigenen Beziehungsproblemen und fühlten sich „durch das Werben der Schülerin narzisstisch bestätigt“.

In den beiden letzteren Fällen rät Hirschmann zu einer Beratung, „denn es besteht Wiederholungsgefahr“ (FOCUS, Link s. o.).

Verliebte Teenager neigen dazu, das Verhalten des geliebten Lehrers/der geliebten Lehrerin misszuverstehen oder überzuinterpretieren. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang der Test „Ist dein Lehrer in dich verliebt?“ auf der Teenie-Website testedich.de: Da wird schon ein „Hey“ oder „Hi“ mit freundlichem Lächeln eine gute Note oder auch nur das Hinwegsehen über eine Unterrichtsstörung zum Indiz für Gegenseitigkeit.

Unterstützung durch Kollegen suchen

Wenn bereits harmlose Freundlichkeiten fehlgedeutet werden, ist das sicherlich auch ein Grund, warum Lehrer manchmal lange nicht merken, dass Schülerinnen sich in sie verliebt haben. Norbert Hirschmann bedauert im FOCUS-Interview, dass Lehrer „allein gelassen“ werden, „wenn es um so heikle Dinge geht“. Gerade ein Lehrer müsse „über seine Gefühle Bescheid wissen“. (ebd.) Supervisionen sind im Lehrerberuf eher die Ausnahme. Doch was spricht dagegen, einfach einmal einen Kollegen oder eine Kollegin mit in den Unterricht zu nehmen, der dann konzentriert die Lehrer-Schüler-Interaktion im Hinblick auf klare Grenzen beobachtet und Feedback gibt?

Herr Mayer aus dem Eingangsbeispiel setzt nach der Erfahrung mit den Achtklässlerinnen sehr klare Grenzen: Zu vertraulichen Gesprächen mit Schülerinnen zieht er eine Kollegin hinzu, und er betont „gerne und oft“ dass er glücklich verheiratet ist. Und seit die beiden verliebten Schülerinnen beim letzten Wandertag Frau Mayer kennengelernt haben, „hat sich die Situation merklich entspannt“, schreibt Catrin Kurtz.

Martina Niekrawietz

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