Fach/Thema/Bereich wählen
Sprachkompetenz

Schul- und Bildungssprache — ein häufig unterschätztes Lernfeld

An der Bildungssprache in der Schule scheitern viele Schüler — und nicht nur die Nicht-Muttersprachler. Lehrkräfte sollten das in ihrem Unterricht berücksichtigen und Sprachkompetenz auch in ihrem Fachunterricht vermitteln.

Sprachkompetenz: Schul- und Bildungssprache — ein häufig unterschätztes Lernfeld Wenn der Lehrer redet und es wird nichts verstanden, dann ist der Frust groß © Africa Studio - stock.adobe.com

Vor einigen Jahren wurde ich als Fachbetreuer für den Unterricht in Deutsch als Zweitsprache als Referent zu einer Fortbildung in einer weiterführenden Schule eingeladen. Der zuständige Ministerialbeauftragte stellte mich den Lehrkräften vor und meinte dann, an mich gerichtet: „Wir stellen seit einiger Zeit fest, dass wir in unseren Klassen immer mehr Schüler haben, die keine Hauptschüler sind, doch die im Unterricht Probleme mit der Sprache haben.“ Dem konnte ich zustimmen, bemerkte allerdings einleitend, dass es für mich weder Hauptschüler, noch Realschüler oder Gymnasiasten gebe, sondern Schüler, auf die sich die Lehrkräfte in und mit ihrem Unterricht einstellen müssen.

Lehrkräfte unterrichten Schülerinnen und Schüler, keine Fächer!

Doch hier zeigt sich für viele Lehrkräfte, vor allem der sogenannten weiterführenden Schulen ein Problem, das nicht leicht zu lösen ist. Haben sie doch während ihrer Ausbildung zur Lehrkraft viele Semester lang Fächer studiert und fachwissenschaftliches Wissen erworben. Als Lehrkraft sehen sie sich nun in der Pflicht, dieses weiterzugeben. Nicht selten haben sie zudem die Fächer studiert, die sie schon als Schüler besonders interessiert haben und die ihnen leichtgefallen sind. Das erforderliche fachliche Denken, die Begrifflichkeit und die entsprechenden sprachlichen Wendungen erwarben sie im Laufe der Zeit, ohne sich darüber groß Gedanken gemacht zu haben. Als Lehrkraft treffen sie nun auf Schülerinnen und Schüler, die ihnen häufig wie Menschen von einem anderen Stern vorkommen. Das Problem auf den Migrationshintergrund mancher Schüler zu reduzieren, trifft allerdings nur in Einzelfällen zu. Viel häufiger wird von den Lehrkräften nicht berücksichtigt, dass die Sprachbildung ein zentrales Thema in jeder Unterrichtsstunde und in jedem Fach, sowohl in den geisteswissenschaftlichen, wie den naturwissenschaftlichen Fächern und auch in Mathematik oder den praktischen Fächern sein sollte bzw. sein müsste.

Die Unterrichtssprache von Lehrkräften hat viele Facetten

Die Unterrichtssprache von Lehrkräften hat unterschiedliche Funktionen und setzt sich aus diversen Elementen zusammen. Die Schüler sollen sich angesprochen fühlen und ihre Aufmerksamkeit soll auf den Unterrichtsgegenstand gerichtet werden. Sie sollen die dargebotenen Unterrichtsinhalte verstehen, zum Mitdenken und Nachdenken angeregt werden und eine Fragehaltung bezogen auf das Thema entwickeln. Daneben lenkt die Lehrkraft den Unterrichtsablauf, gibt Hinweise, ruft einzelne Schüler auf, ermahnt andere bei Störungen und Unaufmerksamkeit, organisiert, diszipliniert, lobt und tadelt. Dazu bedient sie sich mehr oder weniger reflektiert diverser „Register“, die ineinanderfließen und wesentlich zum Erfolg oder Misserfolg des Unterrichts beitragen.

Viele Aspekte des unterrichtlichen Sprachverhaltens der Lehrkräfte lassen sich mit dem Begriff „Alltagssprache“ zusammenfassen, die allerdings auch wieder regional unterschiedliche Elemente und dialektale Einfärbungen aufweist. Ein weiterer Aspekt ist die „Fachsprache“, der sich die Lehrkraft bedient. Sie greift neben dem Fachwortschatz und der fachspezifischen Syntax u. a. auf eine fachspezifische Bildsprache und symbolische Formelsprache zurück, mit denen im speziellen Fach kommuniziert wird. Abschließend hierzu ist noch die individuelle „nonverbale Sprache“ der einzelnen Lehrkraft zu erwähnen, ihre Gestik, Mimik und Artikulation, die auf manche Schüler motivierend wirken können, andere eher vom Mitdenken und Lernen ablenken oder gar ängstigen. Will man als Lehrkraft das eigene unterrichtliche Sprachverhalten reflektieren und Wege zur Optimierung entwickeln, sollte man den folgenden Rat von Josef Leisen beherzigen: „Sprachschwache Lerner sind demnach wie ein „Lackmuspapier“, das besonders sensibel auf Sprachprobleme anschlägt und der Lehrkraft Sprachhürden vor Augen führt.“ (Josef Leisen 2019 / Impressum)

Sprachbewusster Unterricht ist planbar

Für Lehrkräfte, die neben der Vermittlung von „Unterrichtsstoff“ auch die sprachliche Bildung und Weiterbildung ihrer Schüler in den Blick nehmen wollen, können bei ihrer Unterrichtsplanung die folgenden Leitfragen als Denkanstöße dienen:

  • „Welche sprachlichen Mittel sind zur Bewältigung dieses speziellen Unterrichtsgegenstandes erforderlich?
  • Welche Textsortenkompetenz muss bei den Schülern für dieses Fach bzw. diesen Unterrichtsgegenstand gegeben sein?
  • Wie können die Schüler die sprachlichen Mittel erwerben, reflektieren und für die Weiterarbeit nutzbar machen?
  • Wie kann das Vorwissen der Schüler aktiviert und genutzt werden?
  • Welche exemplarischen sprachlichen Modelle können am konkreten Unterrichtsgegenstand entwickelt werden?
  • Woran können die Schüler die erworbenen sprachlichen Kompetenzen sinnvoll üben?
  • Wie lassen sich Leistungsanforderungen formulieren und Lernaktivitäten gestalten, die sowohl fachliche als auch sprachliche Kompetenzen schulen?
  • Wodurch kann der bildungssprachliche Anteil der Lehrkraft im Unterricht reduziert und die Beteiligung von Schülern erhöht werden?
  • Wodurch können Formulierungsbarrieren bei den Schülern vermindert und Formulierungshilfen geboten werden?
  • Welche Redemittel können zur selbständigen Erarbeitung von Aufgaben im und außerhalb des Unterrichts geboten werden?“  (Klaus Vogel: DaZ-Kinder im Unterricht — was tun?, Praktische Planungshilfen zur Sprachförderung. Hamburg 2017, S. 34–35)

Für den konkreten Unterricht, die Unterrichtsstunde bzw. die Sequenz ist es hilfreich, wenn die Lehrkraft die erforderlichen sprachlichen Mittel als Wortkarten, Satzstreifen oder Sprechblasen zur Verfügung stellt und auch beim eigenen sprachlichen Verhalten eine Vorbildfunktion einnimmt und immer wieder auf die Wortkarten, Satzstreifen oder Sprechblasen zurückgreift. Zur Arbeit mit Texten sollten vorentlastende Verständnishilfen, Zeichnungen, Diagramme oder Bilder gefertigt und einbezogen werden. Ein weiterer wichtiger Punkt, der zu planen ist, sind die sprachlichen Übungen der Schüler und die Schaffung von Möglichkeiten, Sicherheit und Selbstvertrauen bei der Anwendung der erworbenen Schul- und Bildungssprache zu gewinnen.

Hier bieten sich vielfältige Dialogsituationen an. Schüler können z. B. Schülern einer anderen Klasse oder Eltern auf einem Sommerfest beschreiben oder erklären, was sie gelernt und erforscht oder worüber sie sich kundig gemacht haben. Oder die Schüler verfassen zu Unterrichtsthemen Texte für eine Schülerzeitung, gestalten Plakate, drehen Videos oder schreiben Szenen und führen diese auf.

Fetische, die sprachbewusstes Unterrichten erschweren

Eine Lehrkraft, die jahrzehntelang ihre Sachfächer in der Sekundarstufe unterrichtet hat, klagt darüber, dass die Schüler immer weniger mitbringen: „Die Texte im Buch verstehen sie oft nicht, bei Probearbeiten schreiben sie auswendig gelernte Hefteinträge hin, nach dem Motto: Das Richtige wird schon dabei sein. Wie soll ich ihnen da den Stoff vermitteln? Ich muss erläutern und erklären, sonst bringe ich ja das vom Lehrplan geforderte Wissen überhaupt nicht an die Schüler.“ — Doch, ist nicht das Wissen jedes Menschen nur ein Tropfen und sein Nichtwissen ein Ozean? Die Fokussierung auf das Wissen, sowohl im Denken der Lehrkräfte wie auch der Schüler, verstellt häufig den Blick auf die sprachliche Dimension und die Wege und Strategien, sich selbstständig Wissen anzueignen. Zudem wird bei vielen Schülern die Entwicklung einer Fragehaltung zu den unterschiedlichsten Themen und über die diversen Zusammenhänge eher behindert als befördert.

Ein weiterer Fetisch, der sprachbewusstes Unterrichten behindert, ist das Benotungssystem. „Ich brauche etwas, was ich objektiv messen und juristisch nachprüfbar bewerten kann“, sagen die Lehrkräfte. „Ich muss das lernen und wissen, was abgefragt wird“, sagen die Schüler. „Ich will eine gute Note.“ Das sprachbewusste Unterrichten, die Entwicklung der Sprachkompetenz der Schüler und das Lernen des selbstständigen Wissenserwerbs bleiben dabei leider häufig auf der Strecke. Dies heißt allerdings nicht, dass es auch weiterhin so bleiben muss. „Ein zunehmender Anteil von Schülern deutscher wie nichtdeutscher Muttersprache bringt die vorausgesetzten Sprachkompetenzen (…) nicht in die Schule mit.“ (Helmuth Feilke: Bildungssprachliche Kompetenzen — fördern und entwickeln. In: Praxis Deutsch 233, Seelze 2012, S. 4) Wenn dem so ist, heißt dies für Lehrkräfte, dass sie sich auf diese Gegebenheiten einstellen und trotz mancher überkommener Fetische des deutschen Schulsystems „ihren“ Schülern das mitgeben, was sie zum Leben im 21. Jahrhundert brauchen. Die Erweiterung der sprachlichen Kompetenzen und ein kompetenter Umgang mit Sprache gehören sicher dazu.

Klaus Vogel

Dazu passender Ratgeber
Dazu passende Arbeitshilfe

Mehr zu Ratgeber Unterricht
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×