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Trauerarbeit

Tod eines Schülers oder Lehrers — was tun?

Der Tod eines Schülers oder Kollegen ist immer eine emotionale Ausnahmesituation. Lehrer beschäftigt die Frage, wie sie ihren Schülern die traurige Nachricht überbringen sollen. Trauerexperten geben hilfreiche Hinweise.

Trauerarbeit: Tod eines Schülers oder Lehrers — was tun? Schüler sollten in ihrer Trauer nicht alleingelassen werden. Sie brauchen Unterstützung gerade auch in der Schule © BillionPhotos.com - Fotolia.com

Lehrerin Catrin Kurtz berichtet im „Lehrer-Blog“ der Süddeutschen Zeitung über ein Erlebnis zu Beginn ihrer Schullaufbahn: Eine ihrer Schülerinnen war bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Die Nachricht traf die Lehrerin unvermittelt: „In der Schule rechnen wir nicht mit dem Tod“, so überschreibt sie auch ihren Beitrag. Trotzdem ist es passiert, und Catrin Kurtz muss zunächst einmal ihre eigenen Gefühle und Gedanken sortieren. Besonders bewegt sie die Frage: „Wie sage ich es am nächsten Tag der (…) Klasse?“ Als sie dann „vor 25 Jugendlichen“ steht, „mit einem Kloß im Hals“, ist sie noch immer ratlos. „Es gibt keine Worte, die einem solchen Moment den Schrecken nehmen, die erklären, helfen oder irgendetwas besser machen“, so ihre Erfahrung. Schüler und Lehrerin sind schockiert und fühlen sich hilflos, entsetzt und traurig. „Das alles hat uns, die Schüler und mich, übermannt und wir haben zusammen geweint“, erzählt Catrin Kurtz.

Ein Lehrer, der vor der Klasse weint? In dieser schwierigen Situation eine menschliche und nachvollziehbare Reaktion, von der ein wichtiges Signal an die Schüler ausgeht: Gefühle-Zeigen ist erlaubt! (Vgl. dazu: Katrin Michel: „Tod und Trauer in der Schule“, S. 39 f.).

Das Gespräch mit der Klasse

Wenn Lehrer und Schüler gemeinsam von einem Schicksalsschlag betroffen sind, begegnen sie sich als Menschen auf Augenhöhe, betont auch die Theologin Angelika Scholz in ihren „methodischen Hilfestellungen zum Umgang mit dem Tod eines Schülers/einer Schülerin“. Sie empfiehlt, sich vor dem Betreten der Klasse kurz Zeit zu nehmen, sich die ersten Sätze und „eine einfache Struktur“ für das Gespräch in der Klasse zurechtzulegen. Besonders hilfreich dabei sind die ausformulierten Vorschläge für Impulsfragen („Hattet Ihr davon schon erfahren?“, „Wie gut kanntet Ihr X?“, „Wie geht es Euch?“, „Was beschäftigt Euch?“ etc.) Auch sollte eine Atmosphäre geschaffen werden, „in der ein Abschied und ein Gespräch möglich ist“. Angelika Scholz schlägt vor, einen Stuhlkreis zu bilden und eine Kerze aufzustellen. „Vereinbaren Sie, dass Gefühle und Äußerungen der Schüler/-innen im Klassenraum verbleiben“, raten die Autoren der Handreichung „Umgang mit Trauer in der Schule“ (S. 13). Der Tod und „die eigene Betroffenheit“ sei „ein sehr persönliches Thema“, für das man „einen geschützten Raum“ brauche. Die Lehrkraft sollte jedoch darauf achten, „eine gewisse innere Distanz zu wahren“, um handlungsfähig zu bleiben (Angelika Scholz, Link s. o.). — Das fällt womöglich leichter, wenn man gemeinsam mit einem Kollegen (z. B. dem Vertrauenslehrer oder einem Religions- bzw. Ethiklehrer) in die Klasse geht.

Umgang mit möglichen Reaktionen der Schüler

Um möglichen Gerüchten und damit verbundenen Ängsten oder Schuldzuweisungen vorzubeugen, sollte man die Klasse möglichst unmittelbar informieren und dabei die „Fakten des Geschehens“ klar benennen. Das gilt auch für die genaue Todesursache bei Suizid (ebd.). Sicher wird es dennoch Detailinformationen geben, die der Lehrer „nicht geben kann oder will“. Angelika Scholz (Link s. o.) rät dann zu folgender Reaktion: „Das weiß ich nicht. Aber ich glaube auch nicht, dass es jetzt wichtig ist.“ Auch auf Spekulationen und Schuldzuweisungen sollte sich die Lehrkraft nicht einlassen.

Ein zentraler Hinweis, der sich bei Trauerexperten immer wieder findet: „Werten Sie keine Reaktionen der Schüler/innen!“ — Auch „inadäquate Verhaltensweisen“ sollten akzeptiert werden, so Angelika Scholz (Link s. o.). Das gilt allerdings nicht für pubertäres „Gekasper“ (meist ein Zeichen für Unsicherheit) oder unangemessene Äußerungen über den Verstorbenen.

Oft sind die Schüler zum ersten Mal mit Trauer und dem Verlust eines Menschen konfrontiert und wissen noch nicht, wie sie damit umgehen sollen: Darf man an einem solchen Tag trotzdem lachen oder sich ablenken? Ist es in Ordnung, wenn man nicht trauert? All das sind wichtige Aspekte, die auch im Unterrichtsgespräch thematisiert werden sollten. Das Schulportal der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung unterstützt Lehrer dabei mit Materialien zum Thema „Tod und Trauer in der Schule“. Empfehlenswert sind hier besonders die Hintergrundinformationen zum Thema „Trauerprozesse“: Sie umreißen kurz unterschiedliche Phasenmodelle der Trauer und zeigen auch grundlegende Bewältigungsstrategien beim Umgang mit Trauer.

Die Schüler nicht allein lassen

Die Schüler sollten an diesem Tag nicht allein gelassen werden. Deshalb sollte man keinesfalls den Unterricht vorzeitig beenden. Auch ist es „schlecht, wenn die Schüler/innen nach Hause kommen und, belastet mit diesen Informationen, niemanden zum weiteren Gespräch zur Verfügung haben“, betonen die Autoren des Leitfadens „Vom Umgang mit Trauer in der Schule“ (Link s. o., S. 13). Deshalb sollte man kurz vor dem regulären Unterrichtsende nachfragen, wie sich die häusliche Situation gestaltet. Auch sollte man gleich am ersten Tag die Eltern über das traurige Ereignis informieren. Hierfür gilt: „Je jünger die betroffenen Schülerinnen und Schüler sind, desto wichtiger ist eine schriftliche Information der Eltern“  .Situationsbezogene Mustertexte für Elternbriefe (Suizid eines Schülers, Tod eines Lehrers) finden sich ebenfalls auf der Website der DGUV und in der Handreichung „Tod und Trauer in der Schule“ (S. 42, Link s. o).

Trauerarbeit in der Schule: Rituale und Orte der Stille

Besonders in den ersten Tagen ist es wichtig, „einen Ort zu haben, an dem wir trauern können“ („Vom Umgang mit Trauer in der Schule“, S. 15, Link s. o.). Ein solcher „Ort der Stille“ kann ein zentral gelegener, für alle gut erreichbarer Raum oder eine Ecke im Klassenzimmer sein, die mit einem Bild des/der Verstorbenen und mit Blumen, Kerzen usw. geschmückt ist. Auch „ein Buch, in dem Gedanken oder Trauer ausgedrückt werden können“ (ebd.) sollte ausliegen.

Eine kleine Kerze, die am Platz des/der Verstorbenen brennt, ein zum Gedenken gepflanztes Bäumchen auf dem Schulhof, ein Brief an die/den Verstorbenen oder etwas selbst Gebasteltes für das Grab, das Gestalten einer Schultrauerfeier oder auch nur das gemeinsame Hören der Lieblingsmusik — solche Rituale helfen den Zurückgebliebenen, den Verlust zu verarbeiten. Wenn dann im Laufe der Zeit die Betroffenheit abnimmt, sollten „besondere Tage“ wie der Geburtstag oder Todestag nicht vergessen werden: „Eine Erinnerungskerze im Klassenzimmer, eine kleine Gedenkfeier oder aber ein gemeinsamer Besuch am Grab tun Klassenkameraden und Hinterbliebenen gut.“ („Vom Umgang mit Trauer in der Schule“, S. 23, Link s. o.)

Direkt am ersten Tag nach dem traurigen Ereignis sollte man den Schülern jedoch erst einmal Raum für die eigenen Gefühle und Gedanken geben. Lehrer und Autor Arne Ulbricht lud seine Schüler nach dem gemeinsamen Klassengespräch zu einem Spaziergang ein. Fast alle seine Schüler kamen mit: „Wir redeten über die Ferien. Irgendwann setzten wir uns an einen See in die Sonne, wir lachten ein wenig. Und ich dachte: So nah war ich der Klasse noch nie.“ ( „Ich hielt den Schmerz kaum aus“, 13.01.2015, spiegel.de) — Eine Erfahrung, die Lehrer immer wieder beschreiben: Der gemeinsame Trauer- und Bewältigungsprozess schweißt nicht nur das Kollegium, sondern vor allem auch Lehrer und Schüler zusammen, „man wird zu einer Einheit, die gemeinsam das Unerträgliche aushält und am Ende gestärkt aus einem solchen Albtraum hervorgeht“, schreibt Arne Ulbricht (ebd.).

Martina Niekrawietz

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