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Filme im Unterricht

Anstiftung zum Spielen: SOMMERS WELTLITERATUR TO GO

Einmal in der Woche ein Literaturvideo für YouTube produzieren: Ein taffes Programm, wenn man nebenbei noch andere Dinge zu tun hat. Michael Sommer erzählt aus seinem Arbeitsalltag zwischen Playmobil und Deutschunterricht.

Filme im Unterricht: Anstiftung zum Spielen: SOMMERS WELTLITERATUR TO GO Der Autor beim Aufstellen der Spielfiguren für einen Dreh © Antonia Puetz

Es wird mal wieder knapp. Freitagnachmittag, kurz nach drei, ich sitze am Schreibtisch und starre auf den Anfang meines „Drehbuchs“ für den kommenden Montag. Das Skript ist noch lange nicht fertig, von Figuren und Kulissen ganz zu schweigen. Warum mache ich mir Woche für Woche diesen Stress? Natürlich kenne ich die Antwort auf diese Frage — die Fans und die Kooperationspartner erwarten auch nächsten Montag eine neue Episode. Also muss ich die Muse wohl zwingen, wenn sie nicht freiwillig kommt. Wie heißt es noch? Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit?

Ich hole ein bisschen weiter aus. Mein Name ist Michael Sommer, seit ziemlich genau vier Jahren veröffentliche ich einmal in der Woche ein neues Video in meinem YouTube-Kanal SOMMERS WELTLITERATUR TO GO. Mithilfe meines etwa 950 Darsteller starken Ensembles aus 7,5 cm hohen Plastikkollegen fasse ich in ungefähr 10 Minuten den Inhalt von Werken der Weltliteratur zusammen — Dramen, Erzählungen, Romane. Die mittlerweile 240 Videos werden hauptsächlich von Schülern und Studenten angeschaut, die vor der nächsten Klausur „schnell noch mal gucken“ wollen, worum es in ihrer Lektüre eigentlich geht. Oder vor dem Deutschabitur. Am Tag vor den letzten schriftlichen Prüfungen der meisten Bundesländer schnellten die Zugriffszahlen von meist 7.500 auf über 45.000 hoch.

Beihilfe zur Buchvermeidung oder Leseförderung?

Dabei hinterlassen die Nutzer Kommentare wie „Du hast meine Deutscharbeit gerettet!“ oder „Super, jetzt muss ich‘s nicht mehr lesen“. Ich freue mich, wenn ich helfen kann, aber bei Kommentaren wie dem letzten spitze ich natürlich die Ohren. Denn obwohl YouTube mittlerweile mein kreativer Spielplatz ist, bin ich ein Fan des Selberlesens — ein Anliegen meines Kanals ist es, Imagewerbung für Literatur zu machen, nach dem Motto: „Man kriegt keinen Ausschlag, wenn man ein Buch berührt, man kann unter Umständen sogar Spaß damit haben.“ Für den Spaß sind die Playmobilkollegen zuständig, die in der hehren Welt der E-Literatur eigentlich nichts verloren haben. Indem ich Kleist, Brecht und Schiller ins Kinderzimmer sperre, bringe ich sie dazu, dahin zurückzukehren, wo sie hingehören: Ins Reich des Spiels.

Weitere Informationen:

Ende November erschien im Fischer Kinder- und Jugendbuchverlag das Buch zum YouTube-Kanal: GEHST DU GOETHE! – SPEED-DATING MIT DEUTSCHEN KLASSIKERN. Michael Sommer hat darin seine zehn erfolgreichsten Videos von Faust bis Nathan als analoge Appetithäppchen liebevoll neu angerichtet und mit neuen Playmobil-Fotos versehen. Eine spielerische und anregende Art, alten Klassikern neu zu begegnen.

Hochkultur im Kinderzimmer

Wir neigen oft dazu zu vergessen, dass Literatur, wie Kunst überhaupt, eine Form des sozialen Spiels ist. Und Spiel bedeutet, bei aller möglichen Ernsthaftigkeit, dass die Beteiligten Spaß dabei und Freude daran empfinden. Das ist jedoch nur möglich, wenn das Mitspielen grundsätzlich frei und freiwillig ist, und hier kommen wir zum Problem des Begriffs „Pflichtlektüre“: Wo Zwang anfängt, hört Spiel auf. Natürlich kann ich dieses Dilemma nicht auflösen: Wir brauchen die Auseinandersetzung mit zentralen Werken unserer Kultur im Bildungsprozess. Aber — und an dieser Front kämpfe ich mit meinem Playmobilensemble — Lehrerinnen und Lehrer sollten alles dafür tun, die Begegnung mit Literatur so spielerisch wie möglich zu machen. Spielerisch bedeutet nicht oberflächlich — klar, diesen Vorwurf kann man meinen Adaptionen machen. Spielerisch bedeutet, einen Raum zu öffnen, in dem alles möglich ist, in dem wir uns nicht mehr in Herrschaftsbeziehungen und Konsumzwängen begegnen, sondern in dem wir Rollen, Figuren, Geschichten ausprobieren, uns in Beziehung zu ihnen setzen, um das Unerhörte geschehen zu lassen.

Von der Wunschliste zum Video

Pardon. Ich weiß, ich habe einen Hang zum Predigen, was vielleicht auch ein Grund für meinen wöchentlichen Produktionsrhythmus ist (nur findet die Predigt bei mir montags statt). Zur Produktion gibt es noch einiges zu erzählen: Am Anfang steht die Werkauswahl. Ich arbeite schon seit dem ersten Jahr eng mit dem Reclam Verlag zusammen, der mir Werke aus seinem Repertoire zum Verplaymobilisieren vorschlägt, außerdem gibt es eine lange Liste von Zuschauerwünschen, aus denen ich das Publikum einmal im Jahr fünfzehn Titel im Rahmen eines „Volksentscheids“ auswählen lasse; dann wollen natürlich die Pflichtlektüren der einzelnen Bundesländer berücksichtigt werden, meine eigenen Interessen, die Bemühung, mehr weibliche Autoren ins Programm zu nehmen, mehr Internationales — es gibt viele Interessen unter einen Hut zu bringen.

Die Grenzen des Erzählbaren

Schritt zwei: Das Lesen. Auch wenn ich ein Werk schon mal gelesen habe, ich muss es frisch im Kopf haben, um mein Drehbuch zu schreiben. Dabei hat sich mit der Zeit ein gewisses Format ergeben: Zu Anfang stelle ich die wichtigsten Figuren vor, spreche vielleicht Entstehung und Epoche an, und dann geht’s los: Ob antikes Drama oder postmoderner Roman — bei SOMMERS WELTLITERATUR wird jedes Werk in eine geringe Anzahl von Szenen zerlegt, in denen immer die Figuren die Informationsträger sind. Dementsprechend kann ich gut über Charaktere, Konflikte und Handlung sprechen, aber relativ schlecht abstrakte Ideen vermitteln — oder gar die sprachlich-ästhetische Gestaltung eines Werkes. Diese wichtigen Aspekte der Literatur lassen sich schwer oder gar nicht in meinem Format vermitteln, weshalb ich auch keine Lyrik verplaymobilisiere. Es ist, auch das kann man nicht oft genug sagen, ein möglicher Anfang, aber sicher nicht das Ende der Beschäftigung mit Literatur. Am Ende der Videos jedenfalls steht oft, aber nicht immer, ein kleines Fazit, vielleicht ein Deutungsansatz, eine Verbindung zu unserer Lebenswirklichkeit.

Tatort Küchentisch

Steht das Skript im Umfang von 1.000 bis 1.500 Wörtern, müssen die passenden Figuren und Kulissen gefunden werden — ein zeitaufwendiger Prozess. Ich bemühe mich, die Vorbereitungen zum Dreh, wie oben geschildert, am Freitag abzuschließen, um am Montag die Arbeitswoche mit den Proben und Aufnahmen zu starten — was zwei bis vier Stunden dauert und auf dem Küchentisch stattfindet. Dabei strebe ich keine Perfektion an, im Gegenteil: Das Unfertige und Hausgemachte ist durchaus Teil des Konzepts — es geht mir nicht um ein Hochglanzprodukt eines kommerziellen Großstudios, sondern um einen spielerischen Zugang zur Literatur, den jeder selbst nachmachen kann. Dann der Schnitt und mögliche Korrekturen (ich bekomme von einem Reclam-Mitarbeiter Feedback, ein großartiges kleines Lektorat!) und spätestens am Montagabend wird das Ganze veröffentlicht. Endlich. Das Netz ist um ein bisschen Kultur reicher. Die Muse wird wieder ausgespannt und ich wende mich meinem Zweitjob zu: Deutschlehrer an einer Fachakademie für Sozialpädagogik.

Michael Sommer

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