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Filme im Unterricht

Wenn Geschichte lebendig wird

Die Vergangenheit lebt auf, wenn der Lehrer im Geschichtsunterricht Dokumentar- oder Spielfilme zeigt. Dabei sollte er den Schülern die Unterschiede zwischen historischen Quellen und fiktiven Elementen erläutern, um zu einer kritischen Sicht des Mediums Film anzuregen.

Filme im Unterricht: Wenn Geschichte lebendig wird Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg stellen einen eindrücklichen Bezug zur Geschichte her Gemeinfrei, Fotograf: Heinz Radtke

„Die meisten Menschen bekommen das, was sie über Geschichte wissen, durch Filme bzw. über das Fernsehen vermittelt“, urteilt der Geschichtsdidaktiker Michael Sauer. (Sauer, Michael: Geschichte unterrichten — eine Einführung in die Didaktik und Methodik, 3. Auflage. Seelze-Velber 2004, S.176) „Allein dies“, so Sauer weiter, „sollte ein Grund dafür sein, sich auch im Geschichtsunterricht mit Filmen zu befassen und Schülerinnen und Schülern exemplarisch grundlegende Einsichten in den Charakter der Gattung zu vermitteln.“ (ebd.) Wichtig und reizvoll erscheint hier jedoch eine fachwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Medium Film, und das geht über das reine Anschauen irgendeines Filmes weit hinaus.

Grundlegende Unterscheidung verschiedener Filmtypen

Um zu einer effektiven Auseinandersetzung mit dem Medium Film zu gelangen, bietet sich als erstes eine grundlegende Unterscheidung zwischen den verschiedenen Typen von Filmen an, die für historische Fragestellungen relevant sind. Am gebräuchlichsten ist dabei die Unterscheidung nach filmspezifischen Quellengattungen. Danach lassen sich Filmdokumente (Originalaufzeichnungen aus einer bestimmten Zeit) und Dokumentarfilme (Filmdokumente, mit denen eine bestimmte Darstellungsabsicht verbunden ist) von „historischen Spielfilmen“ (Spielfilme, die in einer vergangenen Epoche spielen) und Unterrichtsfilmen (meist ein Dokumentarfilm mit einem speziellen didaktischen Bezug für lernende Adressaten) unterscheiden.

Das Problem dieser Unterscheidung liegt jedoch darin, dass zwei unterschiedliche Kategorieebenen miteinander verbunden werden: Quelle und Darstellung sowie Dokument und Fiktion. Während das erste Begriffspaar das Verhältnis zwischen verfilmter Zeit und Filmentstehungszeit betrachtet — sind beide Zeiten gleich, handelt es sich um eine Quelle, sind diese unterschiedlich, so handelt es sich um eine Darstellung — so legt das zweite Begriffspaar den Fokus darauf, ob etwas Vorfindbares abgebildet oder die Handlung frei erfunden wird. Allerdings sind auch hier die Trennlinien oft unscharf: Vor allem Dokumentarfilme kombinieren häufig Originalaufnahmen mit nachgespielten Szenen.

Dokumentarfilme als historische Quelle

Betrachtet man jedoch die für den Geschichtsunterricht relevantesten Gattungen, den Dokumentarfilm und den „historischen Spielfilm“, so sollte in besonderem Maße auf die Zeitebenen geachtet werden. „Der historische, also früher und weitgehend zeitgleich zum gezeigten Geschehen entstandene Dokumentarfilm (etwa Leni Riefelstahls „Triumph des Willens, 1934) ist für uns heute eine Quelle, der moderne, für uns zeitgenössische Dokumentarfilm dagegen eine Darstellung, in der lediglich historische Bausteine — vergleichbar den Quellenzitaten im Historikertext — von einer aktuellen Fragestellung und einem heutigen Erkenntnisinteresse aus verwendet und inszeniert werden.“ (ebd., S. 178)

Den Spielfilm könnte man weiter zwischen dem „historischen Spielfilm“ als Quelle und dem „Geschichtsspielfilm“ als Darstellung unterscheiden.

  Quelle Darstellung
dokumentarisch Filmdokument, historischer Dokumentarfilm Heutiger Dokumentarfilm
fiktional Historischer Spielfilm Geschichtsfilm

Quelle: Sauer, Michael: Geschichte unterrichten — eine Einführung in die Didaktik und Methodik, 3. Auflage. Seelze-Velber 2004, S. 178.

Auf den ersten Blick erscheint diese Unterscheidung eher einem Spleen der Geschichtsdidaktiker zu entsprechen und doch: „Wenn man freilich Filme befragen will, muss man erst einmal wissen, worüber sie überhaupt Auskunft geben können: über die Vergangenheit und den damaligen, zeitgenössischen Blick auf sie oder über unsere heutige Sichtweise und Deutung der Geschichte.“ (ebd.)

Problematischer Auftritt von fiktiven Figuren und Zeitzeugen

Insgesamt betrachtet besitzen Filme durchaus ihren Reiz für den Geschichtsunterricht. Vor allem Filmdokumente können an erster Stelle als Zeugnisse für die äußeren Erscheinungsweisen von Vergangenem dienen: Sie können Antworten darauf geben, wie bestimmte Menschen, aber auch Häuser und Landschaften sowie Gegenstände des täglichen Bedarfs aussahen. „Filme können hier mehr noch als stehende Bilder, Vorstellungen vor unserem inneren Auge entstehen lassen.“ (ebd.) Sauer erwähnt hierbei aber auch den „Ton“, dem er ein „Mehr an Atmosphäre“ (ebd.) zuschreibt.

Der moderne Dokumentarfilm ist nicht ganz unproblematisch: Während Dokumentarfilme früher meist ausschließlich aus historischen Filmaufnahmen bestanden, die inhaltlich eingebettet und kommentiert wurden, kombinieren moderne Fassungen meist solch historische Aufnahmen mit nachgestellten Szenen. Sauer kritisiert dabei, dass die „unerläuterte Kombination der verschiedenen Elemente“ (ebd., S. 180) eine reflektierte Rezeption schwierig mache. „Da werden historische Filmaufnahmen gezeigt, über deren Herkunft, ursprünglichen Kontext und Verwendungszweck man in aller Regel nichts erfährt.“ (ebd.)

Vor allem aber kritisiert Sauer den teils unreflektierten Einsatz von Zeitzeugen „als die eigentlichen Historiker“ (ebd.) in solchen Darstellungen – sie seien ja dabei gewesen und könnten daher am besten berichten, „wie es wirklich war“. Genau hierin liegt aber das Problem: Vergangene Ereignisse können immer nur selektiv aus der Sicht der einzelnen Beteiligten wahrgenommen werden, eine „Gesamtgeschichte“ ergibt sich ja gerade erst in der Gesamtheit der unterschiedlichen Deutungen. So kritisiert Sauer, dass Geschichte „mit unterschiedlicher Wahrnehmung, selektiver Erinnerung und Deutung zusammenhängt, wird dabei mehr verdeckt, als erhellt.“ (ebd.)

Außerdem trete der fiktive Charakter bei nachgestellten Szenen nicht immer ausreichend hervor. Hinzu kommt die Untermalung durch Musik und Ton, die meist auf Dramatik und Spannungseffekte setze, und somit ebenfalls — bewusst oder unbewusst — Deutungen und Wertungen erzeugt.

Filme bieten ästhetisch-emotionale Wirkung

Den Umkehrschluss daraus zu ziehen und moderne Dokumentarfilme pauschal zu verteufeln, mag sicherlich der falsche Weg sein. Denn immerhin bieten diese Filme eine Annäherung an historische Ereignisse und Prozesse. Es bleibt jedoch das Fazit, dass deren Gestaltung mit den Schülern besprochen und reflektiert werden sollte, um eine kritische Rezeption anzubahnen.

Grundsätzlich empfiehlt es sich, Filme erst einmal komplett und ohne Unterbrechung zu schauen, um die ästhetisch-emotionale Wirkung zu entfalten, die der Film bietet. Im Anschluss sollten die Schüler sich über ihre spontanen Eindrücke austauschen. In einem zweiten Schritt kann man sich nun den technischen Mitteln zuwenden und die Frage erörtern, wie die persönlichen Eindrücke erzeugt wurden. Jetzt bietet es sich an, einzelne Szenen noch einmal anzusehen und genau an diesen zu arbeiten. Dabei besteht jedoch die Gefahr, dass das Interesse der Lernenden schnell abnimmt. Als mögliche Alternative bieten sich Fragenkataloge bzw. Beobachtungsbögen während des Schauens an. Diese verzerren jedoch das „Auf-sich-wirken-lassen“ des Dargestellten.

Technische Mittel und Filmsprache als Unterrichtsgegenstand

Um die technischen Mittel, die in einem Film eingesetzt wurden, zu analysieren, sind grundlegende Kenntnisse der „Filmsprache“ notwendig. Dabei lassen sich die Kameraeinstellung, die Kameraperspektive, die Kamerabewegung, die Beleuchtung, der Schnitt und der Ton unterscheiden. Bezüglich der Kameraeinstellung kann zwischen der Totalen (dem Zuschauer wird ein Überblick über das gesamte Geschehen geboten), Halbnah (Personen und Gegenstände treten genauer in Erscheinung), Nah (die Personen sind in ihrer Mimik und Gestik genau zu erkennen), Groß (der Kopf einer Person wird bildfüllend gezeigt) und Detail (Einzelheiten von Personen oder Gegenständen werden fokussiert) unterschieden werden.

Bei der Kameraperspektive lässt sich zwischen der Normalsicht (die Kamera befindet sich in Augenhöhe mit dem Objekt), der Froschperspektive (das Objekt wird von unten betrachtet und somit zu ihm aufgeschaut) und der Vogelperspektive (das Objekt wird von oben betrachtet) unterscheiden. Die Kamerabewegung kann statisch sein oder schwenken. Darüber hinaus kann ein Zoom zur Fokussierung eingesetzt werden. Nicht zuletzt können die Beleuchtung und damit der bewusste Einsatz von Licht und Schatten genauso bestimmte Stimmungen erzeugen wie der zielgerichtete Einsatz von Geräuschen, Musik, Dialogen oder Kommentare.

Sind diese Elemente der Filmsprache erst einmal mit den Schülern besprochen, so können diese durchaus als Grundlage für einen Beobachtungsbogen genutzt werden.

Werbevideos zum Selbermachen

Um die Effekte der Kameraführung sowie der eingesetzten Musik zu verdeutlichen kann es für Schüler durchaus reizvoll sein, selbst in die Rolle des Filmemachers zu schlüpfen. Hierfür erhalten die Schüler die Aufgabe, eine bestimmte Absicht in einer kurzen filmischen Sequenz darzustellen. Wie würden sie ihren Klassensprecher in einem Werbevideo vorstellen? Wie würde ein Imagevideo ihrer Schule aussehen? Genauso bietet es sich an, eine bestimmte Filmsequenz mit unterschiedlicher musikalischer Untermalung zu präsentieren und anschließend die Wirkung der Musik zu hinterfragen.

All diese Beispiele zeigen die Möglichkeiten der Analyse und des Einsatzes unterschiedlichster filmischer Dokumente auch im Geschichtsunterricht, die weit über das reine Anschauen eines Filmes hinausgehen. Und doch muss deutlich herausgestellt werden, dass diese Ideen nicht nur eine umfassende Vorbereitung des Lehrers, sondern auch sehr viel Unterrichtszeit benötigen, die der Geschichtsunterricht oft leider nicht zur Verfügung hat. Filme sollten sicherlich im Geschichtsunterricht Verwendung finden, da hier Geschichte transportiert wird, dieser Einsatz kann jedoch nur exemplarisch erfolgen.

Frank Lauenburg

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