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Handlungsorientierter Unterricht

Handlungsorientierung als Hoffnungsträger im Politikunterricht?

Handlungsorientierter Politikunterricht in der Sekundarstufe I ermöglicht erfahrungsbetontes Lernen, indem sich Schüler aktiv und selbstständig mit Inhalten auseinandersetzen und sich so — neben dem Wissenserwerb — eine eigene Meinung bilden können.

Handlungsorientierter Unterricht: Handlungsorientierung als Hoffnungsträger im Politikunterricht? Aktives Lernen motiviert, sich mit dem Thema Wahlen intensiv auseinanderzusetzen © JiSign - Fotolia.com

In den vergangenen Jahren ist auch in der Fachdidaktik Politik das Prinzip der Handlungsorientierung weithin rezipiert worden […]. Sie ist sogar ein Hoffnungsträger: Sie soll helfen, aus totem Unterricht eine lebendige, sinnvolle Veranstaltung zu machen; sie soll entfremdetes Lernen in eine Sache der Subjekte verwandeln; so soll sie auch das Motivationsproblem beseitigen.“ (Reinhardt, Sibylle: Handlungsorientierung. In: Sander, Wolfgang (Hrsg.): Handbuch politische Bildung. Bonn 2005, S. 146.)

Weitaus radikaler formulierte Hilbert Meyer eine entsprechende Forderung: „Lehrer sollten in der Schule sehr viel häufiger als üblich gemeinsam mit den Schülern etwas tun, das Hand und Fuß hat. Unterricht sollte so oft wie möglich zu Ergebnissen kommen, die man anfassen und vorführen, mit denen man spielen oder arbeiten kann, die augenblicklich und auch später noch für die Schüler Gebrauchswert haben.“ (Meyer, Hilbert: Handlungsorientierter Unterricht. In: Breit, Gotthard/ Massing, Peter (Hrsg.): Grundfragen und Praxisprobleme der politischen Bildung — Ein Studienbuch. Bonn 1992, S. 500.) Meyer konkretisiert, warum solch ein Unterricht seiner Ansicht nach sinnvoller sei: „Man kann durch Handeln und während des Handelns sehr viel lernen. Und der Unterricht wird für die Schüler wie für den Lehrer spannender und offener, manchmal natürlich auch risikoreicher als der übliche Alltagstrott.“ (ebenda)

Risikoreicher ist dieser Unterricht nach Meyer, da aufgrund der offenen Unterrichtsstruktur am Anfang nicht immer eindeutig feststeht, was am Ende als Produkt entstanden sein wird. Damit bleibt auch der konkrete Weg, der als Lernprozess beschritten werden soll, nicht ein-deutig vorgegeben. Aber was heißt das genau? Wie sieht solch ein Politikunterricht, der „Hand und Fuß hat“, aus? Wie müssen Unterrichtsergebnisse gestaltet sein, um einen „Gebrauchswert“ für die Schüler zu haben?

Legitimierung über die Rahmenvorgaben „Politische Bildung“

Die grundlegende Leitidee des Faches Politik lässt sich exemplarisch an den Rahmenvorgaben NRW darstellen. Hier wird Politische Bildung im Sinne einer „lebendigen Demokratie“ beschrieben, die „auf die Fähigkeit und Bereitschaft ihrer Mitglieder angewiesen [ist; F.L.], sich mit politischen Problemen auseinanderzusetzen, den politischen Prozess zu verfolgen, sich an ihm zu beteiligen und Mitverantwortung für die Angelegenheiten des Gemeinwesens zu übernehmen.“ (Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Rahmenvorgabe Politische Bildung. Düsseldorf 2008. S. 14.) Es ist damit die „Aufgabe der politischen Bildung, das notwendige Wissen und die kognitiven, normativen und handlungsbezogenen Voraussetzungen zu entwickeln und zu fördern, die die Bürgerinnen und Bürger in die Lage versetzen, ihre demokratischen Rechte und Pflichten, ihre Möglichkeiten und Chancen wahrzunehmen.“ (ebenda.)

Damit zielt die politische Bildung auf die politische Mündigkeit (junger) Menschen ab. Sie sollen hierbei lernen, die politischen, sozialen und ökonomischen Realitäten im Hinblick auf die ihnen zugrunde liegenden Strukturen und Legitimationen zu analysieren. Gleichzeitig sollen sie systematisches und strukturiertes Wissen über diese Realität entwickeln sowie sich ein selbstständiges und reflektiertes Urteil bilden und ihre Chancen der Einflussnahme auf die Gestaltung demokratischer Strukturen in der Gesellschaft erkennen und nutzen (lernen). Die angestrebte politische Urteilsfähigkeit (auf der Basis von Werten und Wertorientierungen) kann jedoch nicht gelehrt, vermittelt oder verordnet werden, sondern kann sich nur in einem kommunikativen und selbstreflexiven Prozess herausbilden. (vgl. ebenda.) Diese Leitideen basieren somit in besonderem Maße auf dem Begriff der politischen Mündigkeit, hierfür wiederum wird eine „umfassende Kommunikationskompetenz der Bürgerinnen und Bürger“ (ebenda, S. 12.) vorausgesetzt.

Handlungsorientierung im politischen Unterricht

Handlungsorientierter Unterricht ist nach Hilbert Meyer zu verstehen als ein „ganzheitlicher und schüleraktiver Unterricht, in dem die zwischen dem Lehrer und den Schülern vereinbarten Handlungsprodukte die Organisation des Unterrichtsprozesses leiten, so daß Kopf- und Handarbeit der Schüler in ein ausgewogenes Verhältnis zueinander gebracht werden können.“ (Meyer, S. 500.) Im Sinne eines ganzheitlichen Unterrichtes (Kopf-Herz-Hand) kann auch handlungsorientierter Unterricht noch um die affektiv-emotionale Lerndimension — bspw. über eine lebensweltliche Themenauswahl — ergänzt werden.

Nach Heinz Klippert werden meist drei Verfahren unterschieden, die Handlungsorientierung ausmachen: reales Handeln, simulatives Handeln und produktives Handeln. (vgl. Klippert, Heinz: Handlungsorientierter Politikunterricht — Anregungen für ein verändertes Lehr-/Lernverständnis. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Methoden in der politischen Bildung — Handlungsorientierung. Bonn 1991, S. 9 ff.)

Das reale Handeln betrifft die außerschulische und innerschulische Realität und bezieht sich damit nicht auf den „klassischen“ Unterricht selbst, sondern fokussiert Fragen der Mitbestimmung der Schülerinnen und Schüler am Schulleben, wie durch das Gestalten einer Schülerzeitung oder durch Erkundungen (im Sinne von Exkursionen und Ausflügen).

Das simulative Handeln „holt außerschulische Realität durch Als-Ob-Handeln in den Unterricht.“ (Reinhardt, S. 146.), methodisch lässt sich dies u. a. durch Plan- und Rollenspiele umsetzen. So können Schülerinnen und Schüler, nach vorheriger inhaltlicher Einarbeitung, politische Entscheidungsprozesse simulieren. Denkbar wären hier bspw. Simulationen einer Parlamentsdebatte zu einem Gesetzesvorschlag oder Entscheidungssituationen wie bspw. die geplante Unterbringung von Asylbewerbern in einer Gemeinde (vgl. Klippert, Heinz: Planspiele, 5. Auflage. Weinheim/ Basel 2008.).

Produktives Handeln lässt sich als Verwandlung von Wissensaufnahme in eine aktive Aufgabenstellung zusammenfassen. Hierbei wird das erarbeitete Wissen auf eine neue Situation transferiert und damit ein eigenes Produkt — sei es im einfachen Fall z. B. eine Tabelle oder ein (Reaktions-)Schreiben oder in komplexeren Situationen bspw. ein Fernsehbeitrag — erstellt. (weiterführend vgl.Reinhardt, S. 147 f.) „Alle diese Methoden sind aktive Methoden, die ein offenes, schülerzentriertes und nicht zuletzt auch ‚demokratisches Lernen’ gewährleisten. Sie führen die Schüler weg vom herkömmlichen ‚reproduktiven Informationsunterricht’.“ (Klippert, Heinz: Durch Erfahrung lernen — Ein Prinzip (auch) für die politische Bildung. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Erfahrungsorientierte Methoden der politischen Bildung.  Bonn 1988, S. 76.)

Klippert fasste diese Formen als erfahrungsbetontes Lernen oder Erfahrungslernen zusammen, wobei er auf die aktive Seite des Erfahrens, im Sinne eines eigenen Erlebens, Erforschens oder Entdeckens abzielte, im Gegensatz zum passiven Erfahren als Zuhören sowie Erzählen- und Erklären lassen,. (vgl. ebenda, S. 75 ff.)

Ergänzend sind hierbei drei Prinzipien zu berücksichtigen: Das Lernen soll a) ganzheitlich erfolgen, d. h. der Lernprozess wird nicht auf eine bestimmte Dimension des Lernens (kognitiv, affektiv, psychomotorisch) beschränkt. Da das Handeln i.d.R. auf den drei Ebenen Individuum, Gruppe und Gesellschaft erfolgt, gestaltet sich das Lernen b) wirklichkeitsnah. Über die Lernziele und die verwendeten Verfahren soll eine Verständigung zwischen Lehrendem und Lernenden erfolgen, daher gestaltet sich der Lernprozess c) demokratisch. (vgl. Rein-hardt, S. 147 f.)

Klippert bemerkt weiterhin, dass es zentral um tätiges, handlungsbezogenes Lernen gehe und nicht um rein vordergründiges Handeln, denn bloße Handlung stelle noch keine Erfahrung dar. „Erfahrung hat immer einen gewissen Tiefgang, ist im Verständnis der Schüler verwurzelt.“ (Klippert 1988, S. 76.) Damit muss dieses Lernen immer eine intellektuelle Reflexion und produktive Verarbeitung beinhalten und nicht auf eine rein sinnliche Wahrnehmung (Besichtigung) oder eine oberflächliche Lernhandlung (Fotografien) beschränkt sein. (vgl. ebenda.) Das bedeutet für den Politikunterricht, dass die Aufgabe für die Schüler so gestaltet sein muss, dass es sich um eine echte Auseinandersetzung mit dem betreffenden Lerngegenstand handelt und sich hieraus ein Lernzuwachs ergibt. Somit darf die Aufgabe eben nicht auf ein Besichtigen, Fotografieren, Nachahmen o. Ä. reduziert werden, sondern muss ein Einordnen, Beurteilen, Bewerten, Reflektieren o. Ä. ermöglichen.

Aktives Lernen motiviert

Nicht zu vergessen bleibt der motivierende Effekt bei aktivem Lernen. So motiviert aktives Lernen unmittelbar, und zwar sowohl durch die belebenden und kurzweiligen Momente der Tätigkeit selbst, als auch durch die vielen kleinen und großen Erfolgserlebnisse. „Man entdeckt etwas, man gestaltet etwas, man löst Aufgaben und Rätsel, kurzum: Man ist produktiv und kann sich die entsprechenden Ergebnisse bzw. Erfolge als ‚Leistung’ zuschreiben.“  (ebenda, S. 84.) Zwingend erforderlich ist hierfür jedoch, dass die Schülerinnen und Schüler den Arbeitsprozess weitgehend selbstständig und selbstverantwortlich gestalten können, denn nur so haben sie die Möglichkeit, sich die erworbenen Kompetenzen und das erarbeitete Ergebnis selbst zuzuschreiben und ein entsprechendes Bewusstsein und Forschungsstreben auszubilden. (vgl. ebenda, S. 85.)

Politische Bildung soll Schülerinnen und Schüler befähigen, zu mündigen Bürgern zu werden. Mündigkeit setzt jedoch eigenverantwortliches Handeln voraus. Handlungsorientierung bietet den Lernenden die Möglichkeit, solch eigenverantwortliches Handeln einzuüben.

Frank Lauenburg

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