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Methodenkompetenz

Mit Selbstkompetenz zu Wilhelm Tell

Manche Themen des Deutschunterrichts liegen Schülern fern. Oft reagieren sie mit Unlust und Verweigerung. Um die Selbstkompetenz der Schüler aufzubauen und sie zu eigenständigem Lernen zu motivieren, hilft oft ein neuer Zugang zum Thema.

Methodenkompetenz: Mit Selbstkompetenz zu Wilhelm Tell Was hat Willhelm Tell mit mir zu tun? — Hier gilt es für Schüler, den Bogen zum Heute zu spannen © ira1609 - Fotolia.com

„Boah, mir ist völlig egal, was dieser bekloppte Wilhelm Tell da vom Kopf von so nem dummen Typen geschossen hat.“ Ein völlig alltäglicher Kommentar eines Schülers bei der Lektüre von Schillers Klassiker. Nennen wir unseren Probanden Dirk. Dirk hat den Arbeitsauftrag bekommen, in Partnerarbeit mit Lisa die Szene auf dem Marktplatz zu beschreiben. „Jetzt komm, lass uns arbeiten, Dirk!“, versucht Lisa ihn zu motivieren. Doch Dirk ist völlig desinteressiert und unterhält sich mit jemand anderem bereits über die am Wochenende erlebten Dinge. In unserem Beispiel ist offensichtlich, dass die Sozialkompetenz von Dirk wenig ausgeprägt ist. Gemeinsames Lernen scheint hier schwierig. Die Sozialform ist daher zu hinterfragen. Was tun wir also als Lehrer?

Offensichtlich muss Dirk in seiner Persönlichkeit und in seiner Einstellung geschult werden. Sicherlich könnte man ihn maßregeln und versuchen, ihn zum Arbeiten zu zwingen. Dann würden wir womöglich herausfinden, dass Dirk gar nichts gelesen hat und überhaupt nicht weiß, worum es eigentlich geht. Entweder erklärt Lisa ihm also alles oder Dirk nimmt von dieser Stunde gar nichts mit nach Haus. Wir als Lehrer müssen also im Vorfeld entscheiden, wie wir mit solchen Situationen umgehen.

Intrinsische Motivation wecken

Ein wichtiger Punkt ist hier, dass der Lehrer seine Lerngruppe kennt und einschätzen kann, welche Methoden er einsetzt. Er kann aus dem Repertoire der Methodenkompetenzen ganz konkret auf seine Lerngruppe bezogen aussuchen. In unserem Beispiel würde es nichts nützen, auf die Stärkung  der Sozialkompetenz zu setzen. Der richtige Weg führt hier über den Aufbau der Selbstkompetenz, um den Schüler zu bewegen, mitarbeiten zu wollen.
Es ist offensichtlich, dass Dirk von dem Thema nicht begeistert ist. Das mag daran liegen, dass „Wilhelm Tell“ ein wenig älter ist, sprachlich schwer zugänglich für Heranwachsende, nichts mit Computern oder Fußball zu tun hat und bestimmt nicht im Kontext einer Wochenendplanung zu gebrauchen ist.

Es kann aber auch daran liegen, dass Dirk gar nicht versteht, was eigentlich hinter dem „Tell“ steckt. Es kann daran liegen, dass der Zugang zu dem Werk über den literarischen Austausch — ohne zu wissen, was da eigentlich steht — nur sehr bedingt funktional und zielführend ist. Und es liegt auch nicht fern, dass Dirk intrinsisch ungefähr so motiviert ist, den „Tell“ zu lesen und zu verstehen wie eine Schnecke, die sich auf einen Marathon vorbereitet. Aufgabe des Lehrers ist hier, Interesse zu wecken und dann auf die Schüler und deren Lernumfeld bezogen den richtigen methodischen Ansatz zu finden, um das Lernziel zu erreichen. Dirk soll also intrinsisch motiviert werden, eigenverantwortlich und engagiert, d. h.  selbstkompetent, den an ihn gestellten Arbeitsauftrag zu bearbeiten.

Die Lebenswelt der Schüler einbeziehen

Jeder Lehrer wird nun seufzen und sagen, dass das alles in einer idealen Welt ja funktionieren mag. Doch der Alltag sieht eben anders aus. Mag sein. Trotzdem: Versuchen Sie, einen Bezug zur Lebenswelt des Schülers herzustellen. Es ist zunächst völlig egal, wie dieser aussieht. Stellen sie dem fußballbegeisterten Dirk beispielsweise folgende Aufgabe:

„Du bist Teil einer Fußballmannschaft und trainierst hart. Du spielst gut, kommst regelmäßig zum Training und bist beliebt. Trotzdem musst du bei Spielen immer auf der Bank sitzen. Gespräche mit dem Trainer werden abgeblockt oder bringen nichts. Aufgabe: Beschreibe in eigenen Worten, wie du dich fühlst, indem du einen Tagebucheintrag verfasst.“

Über diesen Zugang könnte der Lehrer beginnen, Dirk den Weg in das Stück zu öffnen. Von zentraler Bedeutung ist aber, dass er sich überlegt, wie dieser Zugang methodisch zu gestalten ist. Ob Dirk mehr Lust hat, sich mit Lisa über die Marktplatzszene auszutauschen, oder in einem kleinen eigenständigen Projekt herauszufinden, was sein Tagebucheintrag mit dem Dilemma Tells gemein hat? Ich wage zu behaupten, die Antwort liegt auf der Hand. Geben Sie Dirk den Freiraum, sich eigenständig und ungestört Gedanken zu machen, geben Sie ihm einen längerfristigen Auftrag (z. B. in Form eines kurzen Portfolios), oder lassen Sie ihn in den Unterrichtsstunden etwas Kreatives dazu entwerfen (immer individuell auf den Schüler abgestimmt). Sie werden erreichen, dass Dirk Selbstkompetenz aufbaut, Interesse für das Thema aufbringt und sich zumindest teilweise engagiert zeigt.

Selbstkompetenz als Fundament für gemeinsames Lernen

Von hier aus müssen Sie den Elfmeter nur noch verwandeln. Schüler haben ein ganz natürliches Interesse daran, von ihnen investierte Zeit auch in Form von Präsentationen o. Ä. darzustellen. Sie werden sich ganz automatisch mit Dingen, die sie selbst betreffen, identifizieren und somit folgerichtig auch diese Form von Identifikation auf literarische Werke übertragen.

Lassen Sie Dirk vorstellen, was er erstellt hat. Geben Sie ihm entsprechendes Feedback, selbst wenn das Ergebnis vielleicht nicht so geworden ist, wie Sie sich das vorgestellt haben. Es geht darum, den Schüler selbst kompetent arbeiten zu lassen, ihn selbstkompetent zu machen. Haben Sie das erreicht, ist der nächste Schritt nur noch eine Verknüpfung von Kleinigkeiten.

Leiten Sie die Klasse nun beispielsweise an, in einem Museumsrundgang ihre Ergebnisse zu präsentieren, so wird sich Dirk mit Sicherheit ganz anders in einem Gespräch mit Lisa verhalten, als noch zu Beginn dieses Artikels. Sicherlich wird er noch einige Anleitung benötigen, aber das Fundament für ein funktionierendes, gemeinsames Arbeiten ist durch die Vermittlung von Selbstkompetenz gelegt worden.

Tim Heidemann

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