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Personale Kompetenz

Gute Chancen für eine individuelle Entwicklung

Schüler müssen und sollen sich personal entwickeln. Doch was bedeutet das? Selbstvertrauen,  Motivation und Teamfähigkeit? Am besten von allem genug. Ein Beispiel aus der Praxis zeigt, wie personale Kompetenz unter Anleitung des Lehrers entstehen kann.

Personale Kompetenz: Gute Chancen für eine individuelle Entwicklung Auf Teamgeist und Leistungsbereitschaft kommt es an, will man als Mannschaft erfolgreich sein © Monkey Business - Fotolia.com

Matthias und Hasan sind die Sportstars der Klasse.  Abwechselnd sollen sie ihre Teammitglieder für ein Fußballspiel wählen. Natürlich möchte jeder der beiden gewinnen. Alle anderen warten gespannt darauf, in das Team mit den besten Schülern gewählt zu werden. Wie werden die beiden entscheiden? — Hasan fängt an und wählt Paul. Das war klar, denn Paul ist der beste Fußballspieler von allen. Matthias wählt Per, der nur etwas schlechter spielt als Paul. Nun ist Hasan wieder an der Reihe und er wählt Melanie. Ein Raunen geht durch den Rest der Klasse. Melanie ist etwas dicklich, unsportlich und hat mit Fußball einfach gar nichts zu tun. Völlig verwundert steht sie auf und geht zu Hasans Team. Aber sie ist auch irgendwie stolz und froh, nicht — wie sonst immer — die Letztgewählte zu sein. Auf die zornige Nachfrage von Per, was denn diese Wahl solle, entgegnet Hasan, dass es schließlich seine Entscheidung sei, wen er in sein Team wählt und wen nicht. 

Nach der Teamwahl spielen beide Mannschaften gegeneinander. Das Ergebnis ist überraschend: Hasans Team gewinnt. Melanie hat eine ganze Halbzeit durchgespielt und  ihren Job gut gemacht. Sie war in der Abwehr, denn auf Hasans Nachfrage, was sie gut könne, hatte sie geantwortet, dass sie auf ganz kurze Distanzen recht schnell rennen könnte. Hasan hatte sie daraufhin in die Abwehr gestellt. Der Plan ging auf. Am Ende des Tages ist der Sieg Gesprächsthema bei allen Schülern. Melanie merkt man an, dass sie stolz und selbstzufrieden nach Hause geht. 

Ein gutes Team braucht kompetente Individuen

An diesem Beispiel  lassen sich zwei Phänomene hervorragend beobachten. Auf der einen Seite steht der Erfolg des kompetenzorientierten Lehrplans. Auf der anderen Seite die erfolgreiche Umsetzung dieses Lehrplans durch die Lehrkraft. Herr Josefs hatte in seinen vorherigen Unterrichtseinheiten verstärkt darauf gesetzt, die personale Kompetenz seiner Schüler auszuformen und vor allem die Teamfähigkeit zu stärken. Er wollte ihnen zeigen, dass ein gut funktionierendes Team besser ist als ein einzelnes Individuum. Und offensichtlich hat es funktioniert. Vielleicht war auch ein bisschen Glück dabei. Aber ist das nicht beim Fußball immer der Fall? 

Im Rahmen des kompetenzorientierten Unterrichts gehört in einer modernen deutschen Schule neben den bekannten Verbündeten Sozialkompetenz, Fachkompetenz und Methodenkompetenz auch die personale Kompetenz zum Repertoire der zu vermittelnden Fähigkeiten. Zur personalen Kompetenz zählen Aspekte wie Motivation, Leistungsbereitschaft, Selbstwahrnehmung und Selbsteinschätzung, Selbstvertrauen, Toleranz, Kreativität und eben die oben angesprochene Teamfähigkeit. 

Verantwortung für sich und andere übernehmen

Dass sich diese Teilkompetenzen oftmals überschneiden, liegt auf der Hand: Hasan hat sein Team und seine Fähigkeiten so eingeschätzt, dass er eine realistische Chance auf den Sieg hatte. Er hat erkannt, dass es Melanie wohl nicht gut gehen wird, wenn sie wieder als letzte gewählt worden wäre. Damit hat er für sie Verantwortung übernommen. Durch einen kreativen Ansatz hat er gezeigt, dass es selbst für die nicht sportaffine Melanie eine sinnvolle Funktion im Team gibt. Und schließlich hat er Melanie durch sein offenes Auftreten motiviert, das Beste aus sich herauszuholen. 

Gleichzeitig hat Melanie verstanden, dass sie sich Mühe geben muss, um ein Ziel zu erreichen. Ihre Motivation, Leistungsbereitschaft zu zeigen, ist gewachsen. Und das Ziel war von Hasan eindeutig vorgegeben: der Sieg. Auch sie vermochte es, sich auf Hasans Frage hin sinnvoll und funktional selbst einzuschätzen und hat somit ihrem Team einen Mehrwert beschert. 

Wandel zu mehr Persönlichkeit

Die Einführung des kompetenzorientierten Lehrplans scheint langsam Früchte zu tragen. Unsere Schüler — und dies ist an Realbeispielen häufig erkennbar — entwickeln sich zu selbstständig denkenden Individuen. Sie entwickeln und erwerben Kompetenzen, sich z. B. selbst Wissen anzueignen, zu lernen wie das geht. Der Lehrer steht nicht mehr einfach vorn und predigt sein Wissen. Schüler müssen nicht mehr einfach zuhören, aufsaugen, auswendig lernen und reproduzieren. Vielmehr lernen sie, sich selbst einzuschätzen, sich in Gruppen einzubringen und sich zu motivieren. Vor allem lernen sie, eigenständig zu sein. Das ist oftmals ein langsamer und mitunter auch sehr mühsamer Prozess. Mit Sicherheit ist unser Beispiel ein Idealfall oder doch zumindest ideal skizziert. Es geht aber vielmehr um den Grundsatz, dass ein Wandel im Unterrichtsdenken stattgefunden hat — hin zu einem Ansatz, der aus Schülern kompetente Menschen macht.

Wer es versteht, seinen Schülern diese Werte zu vermitteln, sich mit ihnen hinzusetzen, zu diskutieren und gemeinsam Schlüsse zu ziehen, der wird auch bei seinen Schülern eine Veränderung im Denken bewirken. Vor allem im Zeitalter der sozialen Netzwerke, in Zeiten, in denen über WhatsApp & Co mehr kommuniziert wird als im normalen Leben, muss Schule dafür Sorge tragen, dass sich die Schüler personal ausbilden. Sie müssen eine Persönlichkeit entwickeln können, die eben durch die personale Kompetenz geprägt ist. Sie müssen wissen, wann eine Situation als (zu) schwierig einzuschätzen ist, wann sie Verantwortung übernehmen oder wann sie tolerant sein müssen. Denn schließlich möchten wir sie zu mündigen Menschen erziehen. Wir wollen Werte in die Gesellschaft getragen wissen, die von denjenigen, die sie tragen, selbst gelebt und verstanden werden — durch ihre Persönlichkeit. 

In Zeiten, in denen Schüler immer mehr auf digitale Medien setzen und immer weniger in den realen Austausch mit ihren Mitmenschen treten, ist es die Aufgabe von Eltern und Schule (und manchmal eben vor allem diejenige der Schule), gemeinsam personale Kompetenz zu gestalten.

Tim Heidemann

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