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Personale Kompetenz

Vom Lyrik-Muffel zum (selbst-)kompetenten Rapper

Deutschunterricht fordert die meisten Jugendlichen heraus, wenn sie selbst Gedichte schreiben sollen. Hier sind ihre personalen Kompetenzen besonders gefragt, geht es doch u. a. um Motivation, Selbsteinschätzung, Mut und Toleranz.

Personale Kompetenz: Vom Lyrik-Muffel zum (selbst-)kompetenten Rapper Es kostet Teenager zunächst Überwindung, selbst ein Gedicht zu schreiben © photosaint - Fotolia.com

Im Deutschunterricht der Klasse 7 geht es um Lyrik. Die Schüler haben schon Kriterien erarbeitet, die für ein Gedicht wichtig sind: Reimschema, Metrum, Inhalt, sprachliche Mittel, erstes Epochenwissen usw. Nun sollen sie in einer kreativen Stunde ein eigenes Gedicht schreiben, in dem sie alle erarbeiteten Kriterien einbeziehen. 

Die Stunde beginnt, und der Lehrer gibt den Schülern ein Arbeitsblatt mit Arbeitsaufträgen, die genau darstellen, was sie tun sollen. Wichtig ist, dass er Wert auf selbstständiges Arbeiten legt. Als grundlegende Anforderung stellt er an die Schüler, ein Gedicht zu schreiben, in dem sie etwas Persönliches verarbeiten. Hierbei darf es sich um eine negative Erfahrung, z. B. Ärger mit dem anderen Geschlecht oder Stress mit den Eltern handeln, aber auch um eine positive Erfahrung, z. B. etwas, das die Schüler erreicht haben und worauf sie stolz sind. Das Gedicht muss sich jedenfalls mit der eigenen Person auseinandersetzen. Explizit wird von den Schülern verlangt, sowohl Emotionen als auch Einblicke in ihre innere Welt zu gewähren. 

Selbstwahrnehmung als Lernziel

Bereits hier setzt die personale Kompetenz an: Sie fordert, dass Schüler im Bereich Selbstwahrnehmung ausgebildet werden. Das heißt, dass wir aus unseren Schülern Menschen machen, die sich selbst wahrnehmen können. Auf den ersten Blick mag das wie eine relativ offensichtliche und eindeutige Teilkompetenz wirken, auf einen zweiten, tiefenpsychologisch und pädagogisch geprägten Blick, ist die Sachlage jedoch weitaus komplexer. Jugendliche tendieren zu Abschottung, Selbstüberschätzung und emotionaler Verdrängung. Das ist Teil ihres Entwicklungsprozesses. Und das ist auch gut so. Nichtsdestotrotz können wir als Lehrer hier ansetzen und den Schülern Mittel und Wege anbieten, wie sie ihr Seeleninnerstes verarbeiten können — kompetent verarbeiten. Den Schülern muss ebenfalls mitgeteilt werden, dass sie ihr fertiges Produkt nicht zwangsläufig abgeben, vorlesen oder teilen müssen. Es ist etwas sehr Privates, das hier von ihnen verfasst wird und über dessen Veröffentlichung der Lehrer jeden Schüler selbst entscheiden lassen muss.

Vielleicht wird nicht jeder Schüler sein Gedicht jemand anderem zeigen oder gar vorlesen, vielleicht hat sich der ein oder andere auch gar keine Mühe gegeben. Der Unterricht hat ihnen allerdings einen Weg eröffnet, wie sie sich ihren eigenen Problemen nähern, wie sie damit umgehen und vielleicht auch darüber hinwegkommen können. 

Kleine Tricks zur Motivation

Aber es lassen sich in unserem Beispiel noch mehr Teilkompetenzen der personalen Kompetenz abbilden. Motivation steht als Stichwort ebenfalls in ihrer Beschreibung. Nun weiß jeder Lehrer, dass besonders pubertierende Jungen meist schwierig für Lyrik und besonders für das Verfassen eines Gedichtes zu motivieren sind. Wichtig ist, dass der Lehrer den Schülern zeigt, wofür sie das Ganze eigentlich machen. Sicherlich lassen sich Phasen, in denen Schüler keine Lust auf ein bestimmtes Thema haben, extrinsisch und über Druck motivieren. Aber es liegt auf der Hand, dass dies die personale Kompetenz nicht auszubilden vermag. Und da auch kaum ein Schüler in dem Alter eine Karriere als Dichter anstrebt, erscheint die intrinsische Motivation auf den ersten Blick ebenso schwierig. Aber auch hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen. 

Machen sich Lehrer die Mühe, mit ihrer Klasse im Vorfeld lyrische Texte zu erarbeiten, so erkennen die Schüler schnell und effektiv, dass Lyrik etwas ist, das sie in ihrem täglichen Leben begleitet. Es dreht sich hierbei nicht um Goethe oder Schiller, sondern um die Musik, die die Schüler im täglichen Leben hören. Nehmen wir einmal an, dass Ahmed aus der 7c gern den sogenannten Gangstarap hört. Geben Sie ihm die Möglichkeit, einen Text seiner Wahl (er sollte vielleicht noch kurz auf Jugendfreiheit geprüft werden — aber lassen Sie hierbei bitte Großzügigkeit walten) mitzubringen und damit zu arbeiten. Fragen Sie ihn, welche Botschaft der Künstler vermitteln will, was ihn bewegt, das zu schreiben, was er schreibt. Zeigen Sie Ihrem Schüler, dass Lyrik eine Form der Auseinandersetzung mit sich selbst ist. So werden Sie es auch schaffen, ihn dazu zu bringen, motiviert und eigenständig an einem Gedicht zu schreiben. Und noch ein Tipp: Es hilft, wenn Sie Ahmed sagen, dass es kein Gedicht, sondern eine Art Rap ist, die er schreiben soll.

Hierbei soll eigentlich nur deutlich werden, dass Lehrer mitunter zu kleinen Tricks bei der Vorbereitung greifen müssen, um aus ihren Schülern personal kompetente Menschen zu machen. Wenn Ahmed lernt, dass er sich motivieren kann, etwas zu schreiben, das ihn persönlich weiterbringt, hat er eine wichtige Lektion im Leben gelernt. Nebenbei bemerkt hat man die Teilkompetenzen Leistungsbereitschaft und Kreativität hier bereits geschickt inkludiert. 

Persönlichkeit fördern für ein eigenständiges Leben

In unserem Beispiel sind bereits diverse Kompetenzen bearbeitet: z. B. die Fachkompetenz, die Sozial- und Methodenkompetenz. Anhand der obigen Ausführungen wird aber ersichtlich, wie komplex der kompetenzorientierte Lehrplan eigentlich ist und worauf er den Fokus legt: auf die Ausbildung lebenskompetenter Menschen. Jeder einzelne Schüler ist anders, jeder hat andere Fähigkeiten und Talente, Vorlieben oder Abneigungen. Es ist uns Lehrern gar nicht möglich, auf all diese Unterschiede einzugehen. Das zu verlangen wäre absurd. Was aber von uns verlangt werden kann — und was wir auch zu leisten imstande sind — ist, dass wir Schülern anhand von Projekten, Arbeitsaufträgen oder Erziehungsmaßnahmen die Möglichkeit geben, entsprechend ihres eigenen Charakters zu arbeiten. Wenn wir diese Form von Schule vorbereiten, erziehen wir unsere Schüler zu kompetenten Persönlichkeiten.

Tim Heidemann

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