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Projektunterricht

Projektlernen ist Demokratie lernen

Statt Vereinzelung und Vereinsamung Gemeinschaft erleben. Dazu kann Projektunterricht einen wesentlichen Beitrag leisten. Jeder trägt dabei Verantwortung fürs Gelingen, der Erfolg gehört allen. Eine Erfahrung, die zum demokratischen Denken erzieht.

Projektunterricht: Projektlernen ist Demokratie lernen Gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten, ganz unabhängig vom jeweiligen Leistungsvermögen, stärkt alle Schüler © DGLimages/Shutterstock.com

„Ich habe das noch nie gemacht.“ Lukas stellt Teller auf den langen Esstisch, Julian stellt die Becher daneben. Wir sind mit einer siebten Klasse auf Klassenfahrt und das gemeinsame Mittagessen steht an. „Noch nie einen Tisch gedeckt?“, haken wir irritiert nach. „Nein, ich esse immer alleine in meinem Zimmer.“ Beim Essen fragen wir weitere Schüler. Sie berichten, dass sie oft im Wohnzimmer vor dem Fernseher essen, mit ihren Geschwistern oder eben allein. Gemeinsame Zeit als Familie am Tisch, in der ihr Tag und andere Dinge besprochen werden, kennen sie nicht.

Die Vereinzelung oder sogar Vereinsamung innerhalb der Familie findet auch gesamtgesellschaftlich statt. Der Typ des Einzelkämpfers, der durch seine Besonderheit eine einzigartige Karriere in den sozialen Netzwerken macht, ist für viele Schüler das Vorbild für die eigene Zukunft geworden. „Du allein bist verantwortlich für dein Glück!“ könnte der passende Werbeslogan dafür sein. Schüler von heute jagen damit einem Versprechen nach, das sich für kaum jemanden erfüllen wird.

In der Gemeinschaft sind Schwächen erlaubt

Grunderfahrungen, in denen die Leistung einer Gemeinschaft über den Einzelnen hinaus verweist, werden im Alltag der Kinder immer seltener. Die Stärke einer Gemeinschaft (Familie, Team, Verein) liegt darin, als einzelner Mensch auch einmal scheitern zu dürfen. Eine Gemeinschaft trägt und fängt auf, in ihr sind Schwächen erlaubt. Andersherum fordert eine Gemeinschaft dazu auf, eigene Stärken und Engagement für das Wohl aller einzubringen. Schule ist die einzig verpflichtende Institution, die diesen Grundwert der Demokratie erfahrbar machen kann und muss (siehe Hamburgisches Schulgesetz §2).
„Die Demokratie ist mehr als eine Regierungsform; sie ist in erster Linie eine Form des Zusammenlebens, der gemeinsamen und miteinander geteilten Erfahrung.“ (Dewey, John:  Democracy and Education: An Introduction to the Philosophy of Education. New York 1916, S. 93). Seit über zehn Jahren unterrichtet aus diesem Grund die Erich Kästner Schule Hamburg in Projekten.

Projekte erfordern Kooperation

Projektarbeit geht in der Regel von einem gesellschaftlichen Phänomen aus. Die Schüler werden also dazu aufgefordert, sich mit Fragestellungen oder Problemen auseinanderzusetzen, die über ihre eigene Person hinausweisen.

Und das tun sie nicht allein. Die Dimensionen von Projekten macht eine Kooperation von Schülern erforderlich, die über klassische, in einzelnen Stunden eingesetzte Partner- oder auch Gruppenarbeit weit hinausgeht. Nehmen Schüler ein Projekt in Angriff, so sind sie von der Fragestellung über die Planung, Recherche, Erarbeitung bis hin zum Ergebnis und dessen Präsentation auf eine enge Zusammenarbeit angewiesen. Selbstverständlich führt dies auch zu Konflikten. Schüler halten sich nicht an Absprachen, haben Material vergessen oder schlicht unterschiedliche Ideen, um ans Ziel zu kommen. Konfliktfähigkeit wird in jeder Phase gefordert und gefördert. Hier entfaltet der Projektunterricht seine sozialisierende Wirkung, die die Fähigkeit zur Zusammenarbeit stärkt.  Eine für die demokratische Gesellschaft grundlegende Kompetenz (vgl. Emer, Wolfgang / Lenzen, Klaus-Dieter: Projektunterricht gestalten – Schule verändern. Baltmannsweiler 2009, S. 35 f.).

Verantwortung gemeinsam tragen

Die Arbeit an Projekten erfordert zudem ein hohes Maß an Selbstständigkeit und Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Dadurch, dass der Lehrer nicht Leiter, sondern Lernbegleiter ist, sind die Schüler aufgefordert, für ihren eigenen Lernprozess und für das Ergebnis der Gruppe die Verantwortung zu tragen. Nur wenn die Schüler in jeder Phase des Projektes ihre individuellen Stärken verbindend einsetzen, werden sie erfolgreich sein. Es entsteht eine positive Abhängigkeit im Team: Entweder schwimmen wir als Gruppe gemeinsam oder gehen gemeinsam unter. Die Erkenntnis, dass der Erfolg einer Gemeinschaft von jedem Einzelnen abhängt, ist wichtig für einen demokratisch denkenden Menschen.

Gleichzeitig macht diese Art des Vorgehens für die Schüler erfahrbar, wie entlastend eine gemeinschaftliche Arbeit sein kann. Die Bürde, die gesamte Verantwortung für seinen persönlichen Erfolg tragen zu müssen, wird im kooperativen Lernen geteilt (s. Brüning, Ludger / Saum, Tobias: Erfolgreich unterrichten durch Kooperatives Lernen. Strategien zur Schüleraktivierung. Teil I und II. Essen 2006).

Selbstbewusstsein als Grundlage demokratischen Handelns

Nicht zu unterschätzen ist auch, wie das Projektlernen das Selbstbewusstsein stärken kann. Da die Schüler einen Großteil ihres Lernprozesses unabhängig vom Lehrer durchlaufen, weisen sie sich Lernerfolge auch eher selbst zu und gewinnen so einen guten Einblick in ihre Stärken (Emer, Wolfgang / Lenzen, Klaus-Dieter, a.a.O. S. 33). Gerade für schwächere Schüler und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf ist die Erfahrung, sich erfolgreich an Gruppenergebnissen beteiligen zu können, die ihre eigene individuelle Leistungsfähigkeit übersteigen, von unschätzbarem Wert.

Menschen mit Selbstbewusstsein haben ein größeres Interesse daran, friedlich in einer demokratisch geprägten Gemeinschaft zu leben. Bestätigung findet der Projektunterricht in Ergebnissen der Kognitionsforschung. Neben der zweiten zerebralen Säule des Lernens, der aktiven Beteiligung des Schülers, geht das Projektlernen darauf ein, dass das Gehirn ein Sozialorgan ist, das Kooperation, Beziehung und Austausch braucht, um erfolgreich lernen zu können (s. Korte, Martin: Wie Kinder heute lernen. Was die Wissenschaft über das kindliche Gehirn weiß. Das Handbuch für den Schulerfolg. Stuttgart 2009.)

Dieser Artikel beschreibt lediglich eine Facette des Projektlernens, nämlich wie die Fähigkeit demokratisch zu denken und zu handeln gefördert und gefordert wird. Selbstverständlich verbirgt sich in der Projektmethodik eine Komplexität des Lernens und Lehrens, die hier nicht in Gänze abgebildet werden kann. Methodische Kompetenzen müssen schrittweise eingeführt, eingeübt und stetig eingefordert werden. Fragen nach einer gerechten Bewertung oder der Sicherstellung, dass alle Schüler mitdenken und den Sachverhalt verstehen, bleiben an dieser Stelle offen.

Lena Pintatis, Nina Wilm

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