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Berufswahl

Betriebserkundungen erfolgreich organisieren

Berufserkundungen ermöglichen Schülern einen ersten Blick in die Arbeitswelt. Eine anspruchsvolle Aufgabe für Lehrer, sollen Schüler doch in die Lage versetzt werden, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Berufswahl: Betriebserkundungen erfolgreich organisieren Schüler sollten sich bei der Betriebserkundung auf bestimmte, vorher abgesprochene Aspekte fokussieren © industrieblick - Fotolia.com

Wie bereiten sich deutsche Schüler auf ihre Berufswahl vor? Welche Unterstützung bekommen sie? Diese Fragen beantwortet die im November 2014 erschienene Studie „Schule, und dann?“. Demnach berät sich die Mehrheit der Schüler mit dem direkten sozialen Umfeld über die beruflichen Möglichkeiten. Als besonders hilfreich bewerten die Jugendlichen Praktika und „Gespräche mit Berufstätigen aus dem angestrebten Berufsfeld“ (Link s. o., S. 6). Von denjenigen, die im Internet suchten, fand nur ein Drittel „gute Informationsangebote“ (ebd.). Genauso verhielt es sich bei den Schülern, die die Agentur für Arbeit aufsuchten: Nur ein Drittel von ihnen fühlte sich dort gut beraten. (ebd.) Das heißt: Was bei der Berufsorientierung wirklich weiterhilft, sind persönliche Gespräche und konkrete Erfahrungen im betrieblichen Kontext.

Betriebserkundung als Teil der Lebensweltorientierung

Besonders hilfreich für eine kritische und reflektierte Berufsorientierung ist deshalb  eineBetriebserkundung: Sie wird intensiv im Unterricht vor- und nachbereitet. Wobei die Schüler Methoden an die Hand bekommen, um die für sie relevanten Aspekte der Arbeitswelt zu erforschen, besonders auch diejenigen, die später über ihre Zufriedenheit im Beruf entscheiden werden.

Die Autoren der Handreichung „Go and find out! — Die Betriebserkundung in der Arbeitswelt“, federführend erarbeitet von der Soziologin Prof. Dr. Bettina Zurstrassen von der Universität Bielefeld, bringen das Ziel einer unterrichtlich begleiteten Betriebserkundung auf den Punkt: Sie soll — ausgehend von den Lernbedürfnissen der Schüler — diese „befähigen, Aspekte der Arbeitswelt (…) erkunden und beurteilen zu können.“ Dabei sollen die Jugendlichen u. a. lernen, „dass der Betrieb auch ein gesellschaftlich-politischer Ort ist, an dem gegensätzliche Interessen aufeinander stoßen“ (S. 5), wobei das Unternehmen als „Handlungsfeld“ begriffen wird, „in dem es für alle Beteiligten — Mitarbeiter und Management — ‚Autonomiespielräume, Machtzentren und Aushandlungszonen‘ gibt. (Vgl. dazu: Thomas Welskopp, Der Betrieb als soziales Handlungsfeld, 1996) Für eine in diesem Sinne „sozioökonomische Perspektive auf den Betrieb“ treten die Redakteure und Herausgeber der Handreichung „Go and find out!“ ein. (Im Folgenden abgekürzt mit „LDGB“, da der Leitfaden von der DGB-Initiative Arbeit und Schule herausgegeben wurde.)

Das Konzept der Aspekt-Erkundung

Betriebe sind äußerst komplex. Gesamterkundungen sind deshalb „inhaltlich (…) wenig Erfolg versprechend“, so die Wirtschaftskammer Österreich in ihrem umfassenden Leitfaden für Betriebe, Lehrer und Schüler (im Folgenden abgekürzt mit LWKÖ) (S. 14). Deshalb sollten die Schüler bei ihrer Betriebserkundung nur bestimmte Aspekte ins Auge fassen, die in den Leitfäden, Broschüren und Handreichungen zur Betriebserkundung ähnlich aufgeführt werden (hier gemäß des kurzen, checklistenartigen „Leitfadens zur Betriebserkundung“ von kobra.net, S. 2):

  • technologischer Aspekt,
  • (betriebs-)wirtschaftlicher Aspekt,
  • sozialer Aspekt (LDGB: „Arbeit und Soziales“),
  • berufsorientierter Aspekt und
  • ökologischer Aspekt.

Bei den verschiedenen Handreichungen zur Betriebserkundung ist zu beachten, dass es terminologische Unterschiede gibt. So entsprechen bei „LDGB“ den Aspekten „Inhaltsfelder“, während der Terminus „Aspekte“ einzelne Facetten des Themas bezeichnet).

Sherlock Holmes im Betrieb

Für die Betriebserkundung greift man dann zunächst einen einzelnen Aspekt heraus und klärt anschließend, mit welcher Problemfrage er untersucht werden soll. Aus dem Inhaltsfeld „Arbeit und Soziales“ könnte man etwa den (Teil-)Aspekt „Interessenvertretung“ auswählen und dazu als Thema formulieren: „Wie funktioniert die Jugend- und Auszubildendenvertretung im erkundeten Betrieb? Welche Konflikte treten im Betrieb in der Ausbildung auf?“ (ebd.) Eine solche Selektion wird als „didaktischer Reduktionsprozess“ (LDGB, S. 16) bezeichnet.

Wie viele Aspekte die Schüler erkunden, hängt von den jeweiligen Sozialformen ab: „Möglich sind arbeitsgleiche oder arbeitsteilige Gruppenarbeit, Partnerarbeit, Einzelerkundungen oder Erkundungen durch die gesamte Lerngruppe“. Unbedingtes Ziel der Betriebserkundung ist es aber, dass sich die Jugendlichen ihr eigenes differenziertes Urteil bilden (Überwältigungsverbot: keine Indoktrination!).

Die Betriebserkundung ist mit Detektivarbeit vergleichbar. Sie nutzt die Methode des entdeckenden Lernens, genauer gesagt die Verfahren „Befragung“ und „Beobachtung“. Durch Beobachtung lassen sich Produktions- und Arbeitsabläufe erfassen, während entscheidungs- und dienstleistungsorientierte Tätigkeiten „nur durch eine Befragung erschlossen werden“ können (Martin Firmkäs: „Leitfaden zur Betriebserkundung für Betriebe und Lehrer“, S. 5)

Fertige (Unterrichts-)Materialien

Hier eine Auswahl von Links und Fundstellen in Leitfäden, die Ihnen die Arbeitsschritte in allen Phasen von der Planung bis zur Nachbereitung erleichtert:

  • Bei der Akquise von neuen Unternehmen für Betriebserkundungen ist sicherlich die kleine Broschüre der Bundesarbeitsgemeinschaft SCHULEWIRTSCHAFT nützlich. Darin wird genau erklärt, worum es geht.
  • Anregungen für eine Unterrichtsstunde zur Vorbereitung für eine Betriebserkundung mit Internetrecherche finden sich auf der Website planet-beruf.de
  • Materialien für die Erkundung unterschiedlicher Betriebsarten (Industriebetriebe, Dienstleistung und Handwerk, Einzelhandel, Landwirtschaft, Krankenhaus und Stadtverwaltung) der Kurt-Tucholsky-Schule in Köln gibt es hier
  • Eine kurze Anleitung zur Vorbereitung und Durchführung eines Interviews steht zur Verfügung in „Go and find out! – Die Betriebserkundung in der Arbeitswelt“ (LDGB, S. 31 f.). Ebenfalls nützlich: ein Formblatt mit Verhaltensregeln und Datenschutzbestimmungen (S. 29 f.), die von den Schülern unterschrieben werden müssen. Und ein fertig formuliertes Informationsschreiben für die Erziehungsberechtigten mit Bestätigung zum Abtrennen kann direkt ausgedruckt, ausgefüllt und losgeschickt werden (LDGB, S. 26.)
  • Ein „Verlaufs- und Organisationsüberblick für die Betriebserkundung“ gibt der Lehrkraft jederzeit den Überblick über die erforderlichen Handlungsschritte, differenziert nach Phasen und nach Akteuren („Schule“, „Kooperation Schule & Betrieb“, „Betrieb“) und mit beigefügtem Zeitraster und rechtlichen Anmerkungen („Veröffentlichung der Ergebnisse – Datenschutz, Betriebsgeheimnis beachten“) (LDGB, S. 21-25)
  • Eine detaillierte Checkliste zum Erkundungsablauf (S. 13), sowie Anregungen für Fragen zu den unterschiedlichen Aspekten (S. 10–12) bietet der „Leitfaden zur Betriebserkundung für Betriebe und Lehrer“
  • Checklisten jeweils für Lehrer und Betriebe sorgen für einen lückenlosen Überblick (LWKÖ, S. 33 f.) und Feedbackbögen können dafür genutzt werden, dass die Schüler unmittelbar nach der Betriebserkundung ihre Erfahrungen dokumentieren. (S. 46)

Martina Niekrawietz

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