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Berufsbild

Lehrerrolle neu verstehen und selbst definieren

Der Lehrerberuf hält viele Herausforderungen bereit, mit denen Berufsanfänger meist nicht gerechnet haben. Es gilt, sich täglich in seiner Rolle neue zu definieren und kreativ trotz Hindernissen den Schulalltag zu gestalten.

Berufsbild: Lehrerrolle neu verstehen und selbst definieren Ein junger Lehrer als unterstützender Moderator bei der Gruppenarbeit © Christian Schwier - Fotolia.com

Vor kurzem fragte mich ein Freund, was meiner Meinung nach eigentlich ein Lehrer können muss, was das eigentlich für ein Job sei — Lehrer. Er selbst kannte nur diese „verstaubten“ Persönlichkeiten aus seiner eigenen Kindheit und konnte sich nicht so richtig vorstellen, was ich eigentlich den ganzen Tag so mache. Wir unterhielten uns und ich erklärte ihm meinen Arbeitsalltag. Doch später musste ich erneut an unsere Unterhaltung denken und ich habe mir die Frage gestellt, was denn ein moderner Lehrer eigentlich ist. Welche Rolle hat er und was bedeutet es denn nun wirklich, Lehrer zu sein? — Die Antwort auf diese Fragen ist nicht einfach. Und doch möchte ich im Folgenden einen Ansatz zu ihrer Klärung liefern.

Als ich mich vor einigen Jahren dazu entschied, Lehrer werden zu wollen, wollte ich junge Menschen unterrichten. Ich wollte Begeisterung wecken und Inhalte vermitteln, wollte all das Interessante aus dem Studium weitergeben und mein Wissen weitertragen. Heute bin ich Lehrer und frage mich manchmal, was ich hier eigentlich mache.

Herausforderung 1: unerwartete, belastende Situationen sind der Alltag

Als Lehrer sehe ich mich mit unglaublich vielen verschiedenen Situationen konfrontiert, die von Menschen gemacht sind — und genau das ist es, was die meisten vergessen, wenn Sie sich entweder für den Beruf des Lehrers entscheiden oder über ihn urteilen möchten. Ein Beispiel: Man steht morgens auf, gewohnte Rituale von Zähneputzen bis Kaffeetrinken, fährt zur Schule, geht nichtsahnend in die erste Stunde und findet einen völlig verheulten und verstörten Jungen vor sich, der am gestrigen Tage noch lauthals, frech und vorlaut durch die Klasse krakeelte. Auf längeres Insistieren hin stellt sich dann heraus, dass sein Vater in der Nacht die Familie verließ, weil dieser sich nach Jahren des Versteckens zu seiner Homosexualität bekannt hat. Trösten Sie einmal diesen Jungen und finden Sie warme Worte, um ihn wieder aufzubauen ... und erklären Sie ihm seine folgende 5 in Deutsch (nachdem er vorher auf 2 stand).

Ein andermal kommt man ebenso nichtsahnend in seine achte Klasse und plötzlich steht die Polizei vor dem Klassenraum: Eine Schülerin hat bei einem Drogeriemarkt diverse Artikel gestohlen und wurde dabei beobachtet und schließlich überführt. Das folgende Elterngespräch führen Sie als Klassenlehrer selbstverständlich auch. Und noch ein anderes Mal — dieselbe Klasse — kommt ein aufgebrachter Schüler in den Raum mit blutender Hand. Er hat den Spiegel auf der Toilette zerdeppert, weil er mit einem anderen Mitschüler Streit hatte. Und bitte nicht falsch verstehen: Ich bin Lehrer an einem gutbürgerlichen, vorörtlichen Gymnasium mit wirklich gut erzogenen und lieben Kindern.

Herausforderung 2: Ausstattung der Schulen mit Lernmitteln und Geräten ist schlecht

Ich will mich keinesfalls beschweren, aber gerade auch Berufseinsteiger darauf aufmerksam machen, dass der Lehrberuf an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland ein vielfältiger, anspruchsvoller, psychologisch herausfordernder und sich wandelnder Beruf ist. Man ist Seelsorger, Integrationshelfer, Übersetzer, Ansprechpartner, Vertrauensperson, im Idealfall Identifikationsfigur, jemand, zu dem man aufschauen kann. Man ist jedoch auch Feindbild, jemand, zu dem man sich abgrenzen will und muss. Und zuallererst ist man Wissensvermittler.

Doch auch hier ändert und wandelt sich stetig das Bild. Im Referendariat wird einem eingeimpft, dass man fachdidaktisch aktuell und modern unterrichten soll: binnendifferenziert, individuell fördernd und fordernd. Also bereitet man stundenlang Arbeitsblätter vor, durchdenkt Gruppenarbeitsphasen, versucht Gruppensynergien zu schaffen, Tafelbilder zu erstellen, Wissen zu bündeln und dann so zu sichern, dass bei den Schülern etwas hängen bleibt. Dann werden Einstiege auf Folie gezogen, Audio-CDs gebrannt oder der Laptop mitgebracht, um Fotomontagen oder Videosequenzen zu nutzen.

Die Stunde beginnt, man hat sich um alles gekümmert: OHP, Audioabspielgerät und Beamer. Und dann merkt man: die Lampe des OHPs ist defekt, der CD-Spieler spielt keine gebrannten CDs und ein netter Kollege hat vergessen, das Stromkabel für den Beamer mit abzugeben. Dann steht man wie blöd vor der Klasse, alles giert und geiert und freut sich über dein Unvermögen. Und du grinst, wirfst alles über den Haufen und hältst eine spontan improvisierte Stunde à la Frontalunterricht. Auch das gehört zu meinem Job — und das wesentlich öfter als man denkt.

Herausforderung 3: Bildungspolitik vs. Schulalltag

Dann ist da noch die Politik: Unterricht 4.0 ist das neue Schlagwort. Hörverstehen hier, Digitalkompetenz da. Man schämt sich schon fast, wenn man die gute alte Tafel benutzt. Doch bevor man das großen Projekt der Digitalisierung ausruft, sollten Länder und Kommunen sich einmal die Realität an Schulen ansehen: In meiner Schule sind Löcher in den Wänden, es fehlen Klobrillen, die Lehrer haben nicht mal einen funktionierenden Drucker. Die behelfsmäßig von Schülern an die Decke platzierten Beamer, die in ewig langem Streit von der Stadt erstritten wurden, hängen schief. Die Schüler haben sich einen Spaß daraus gemacht, die Anschlüsse (wohlgemerkt noch das gute alte VGA) zu sabotieren, sodass kein Stecker in den Laptop passt. All die schönen Ideen vom Einsatz digitaler Medien im Unterricht scheitern schlicht daran, dass man sich Wochen vorher in eine Liste eintragen muss, wenn man den PC-Raum nutzen möchte. Und auch hier gibt es Aufrüstungsbedarf: Letztens wollte eine Schülerin einen Textkörper mit Strg C/Strg V von einer Internetseite in ein Word Dokument kopieren und der PC stützte ab. Aber nicht, weil sie es falsch gemacht hätte — es passierte dann bei allen Mitschülern. Der PC war schlicht und einfach zu alt, um diese Datenmenge bewerkstelligen zu können.

Sicherlich ist das eine scharfgezeichnete Momentaufnahme, aber der Schulalltag ist mitunter genauso.  Die Frage ist: Was bedeutet das für den Beruf als Lehrer, für das Selbstbild und für das Rollenverständnis?

Herausforderung 4: ein sich wandelndes Lehrerbild

Lehrer müssen sich selbst neu erfinden — und das jeden Tag. Sie müssen reagieren können, agieren und entscheiden. Sie müssen zuhören, verstehen, Integrationsarbeit leisten. Und wenn sie mit etwas nicht einverstanden sind, verlangt es ihr Beruf, es dennoch zu tun. Der moderne Lehrer ist ein sich ständig Bewegender, ein anpassungsfähiges Individuum, gut ausgebildet und bereit, jeden Tag neue Herausforderungen zu bestehen. Der moderne Lehrer ist Abenteurer, Huckleberry Finn und Tom Sawyer in einem. Er definiert seine Rolle ständig neu — heute, in 15 Jahren und in weiteren 15 Jahren. Er ist ein Anpassungskünstler mit vielen Zusatzaufgaben und das viel mehr als er eigentlich Akademiker ist.

Selbst wenn Lehrer all die Herausforderungen meistern, wissen es die Schüler meist dennoch nicht zu schätzen. Auch damit muss ein Lehrer umgehen können. Doch eines verrate ich Ihnen: Wenn Sie es einmal geschafft haben, einem Schüler ein Leuchten in die Augen zu zaubern, ist dies das schönste Gefühl, das man haben kann. Und genau das ist mein Job — Lehrer. Und genau darum liebe ich ihn, auch wenn ich mit völlig anderen Vorstellungen begonnen habe.

Tim Heidemann

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