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Förderschwerpunkt GE

Sehbehinderung und Blindheit — Folgerungen für den Unterricht

Schüler mit Sehbehinderung im Förderbereich GE benötigen passgenaue Angebote, damit sie dem Unterrichtsgeschehen folgen können. Es ist für Lehrer daher wichtig, über die verschiedenen Sehbehinderungen gut informiert zu sein, um entsprechende Unterstützungsmaßnahmen ergreifen zu können.

Förderschwerpunkt GE: Sehbehinderung und Blindheit — Folgerungen für den Unterricht Auch eine Lupe kann zuweilen das passende Hilfsmittel sein, Abbildungen oder Texte besser zu erkennen © Syda Productions - Fotolia.com

Schüler mit einer Sehbehinderung oder Blindheit haben es in der Schule oft schwer, weil man die damit verbundenen Einschränkungen nicht immer gleich erkennt. Im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung haben manche Schüler zu den vielfältigen Ausprägungen auch einen Förderbedarf im Sehen, auf den man mit spezifischen Folgerungen für den Unterricht reagieren kann und muss. Es ist für Lehrkräfte wichtig, mehr über die unterschiedlichen Sehbehinderungen zu wissen, um passende Folgerungen für den Unterricht ableiten zu können. Denn dort hilft es nicht immer, den Schüler einfach näher an die Tafel zu setzen oder die Dinge stark zu vergrößern.

Das Sehsystem kann grob gesprochen in zwei Bereiche unterteilt werden: Beim peripheren System handelt es sich im Wesentlichen um das Auge, also die physiologische Voraussetzung zum Sehen. Das zentrale Sehsystem, der visuelle Cortex ist verantwortlich für die Verarbeitungsleistung der sinnlichen Eindrücke im Gehirn. Es hat stets Auswirkungen auf das zentrale System, wenn das periphere System betroffen ist. Eine genaue Diagnostik sollte immer ein Facharzt oder Orthoptist erstellen.

Funktionen des Sehens und visuelle Einschränkungen

Welche Funktionen des Sehens können unterschieden werden? Laut ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health) können folgende visuellen Funktionen eingeschränkt sein:

  1. Sehschärfe: Die Sehschärfe, auch Visus genannt, wird über die Schriftgröße und Entfernung gemessen. Der klassische Sehtest, den wahrscheinlich fast jeder von uns schon     einmal mitgemacht hat, misst das optische Auflösungsvermögen.
  2. Gesichtsfeld: Ohne den Kopf zu bewegen, können die Augen im Gesichtsfeld bestimmte Ausschnitte wahrnehmen. Dies betrifft im vertikalen Gesichtsfeld etwa einen Winkel     von 130 Grad, im horizontalen Gesichtsfeld von ca. 180-200 Grad.
  3. Licht- und Farbaufnahme: Die Licht- und Farbaufnahme leistet Wahrnehmung von Farben. Eine der bekanntesten Beeinträchtigungen der Licht-und Farbaufnahme ist die sogenannte Rot-Grün-Blindheit, bei der die Farbtöne nicht unterschieden werden können und am ehesten als Grau erscheinen.
  4. Kontrastsensitivität: Die Empfindlichkeit für Kontraste ermöglicht es dem Auge, sich an die Umgebungsbedingungen anzupassen, um Kontraste wahrzunehmen. So können wir beispielsweise tagsüber keine Sterne am Himmel erkennen, aber sehr wohl in der Nacht.
  5. Visuelle Wahrnehmung, Orientierungsfähigkeit und räumliches Sehen: Die Wahrnehmung der Lage im Raum bedeutet, sich selbst in Beziehung zu den Objekten der Umgebung betrachten zu können. Die Raum-Lage-Wahrnehmung bezieht sich also auf das Verhältnis von Gegenstand zu Betrachter bzw. von Gegenstand zu Gegenstand. Das räumliche Sehen kann Muster und sich wiederholende Strukturen erkennen.

Es wird deutlich, dass eine Einschränkung im Sehen sehr unterschiedliche Ausprägungen und Auswirkungen haben kann, zumal wenn es sich dabei um ein multifaktorielles Geschehen handelt. Kinder und Jugendliche mit Sehbehinderung können ihr eingeschränktes Sehvermögen nutzen, auch wenn sie in vielen Situationen auf Hilfe angewiesen sind.

Literatur zum Thema:

Gruber, Hildegard/Hammer, Andreas: Ich sehe anders — Medizinische, psychologische und pädagogische Grundlagen der Blindheit und Sehbehinderung bei Kindern. 2., erweiterte Auflage. Würzburg 2002

Lang, Markus/Hofer, Ursula/Beyer, Friederike : Didaktik des Unterrichts mit blinden und hochgradig sehbehinderten Schülerinnen und Schülern. Band 1: Grundlagen. Stuttgart 2008

Lang, Markus/Hofer, Ursula/Beyer, Friederike: Didaktik des Unterrichts mit blinden und hochgradig sehbehinderten Schülerinnen und Schülern. Band 2: Fachdidaktiken. Stuttgart 2008

Walthes, Renate: Einführung in die Sehbehinderten- und Blindenpädagogik. München 2003

Sonderpädagogische Förderung und technische Hilfen können hier sehr gut weiterhelfen. Die weitgehend medizinische Definition von Seheinschränkung wird oft durch Visus-Werte definiert, die jedoch nicht alleinig aussagekräftig sind. Man unterscheidet hier Sehbeeinträchtigung, Sehbehinderung, hochgradige Sehbehinderung und Blindheit.

Gründe für die Sehbehinderung liegen beispielsweise in Schädigungen im vorderen Auge, wie Katarakt, Kolombom, Narben auf der Netzhaut oder blinde Flecken. Sie können aber auch im hinteren Auge liegen, etwa bei einer Makuladegeneration, Netzhautablösung oder Grünem Star. Auch Tumore oder andere Schädigungen wie fehlender Augapfel sind Gründe. Einer der häufigsten Gründe für eine Sehbehinderung ist die CVI/„central visual impairment“. Es handelt sich dabei um eine hochgradige visuelle Einschränkung, die nicht durch die oben angeführten Gründe erklärbar ist. Bei definitorischer Blindheit nehmen die Schüler dann schließlich ihre Umgebung gar nicht mehr oder nur noch sehr gering über visuelle Reize wahr, sondern wesentlich über die anderen Sinne wie beispielsweise Gehör oder Tastsinn.

Folgerungen für den Unterricht und die Unterrichtsgestaltung

Eingeschränktes Sehvermögen eines Schülers hat natürlich Auswirkungen auf den Unterricht bzw. die Unterrichtsgestaltung. Beides muss entsprechend so gestaltet werden, dass die Schwierigkeiten des betroffenen Schülers kompensiert werden können.

  1. Farbe: Da die Farbe Rot von vielen Schülern mit Sehbehinderung besonders gut wahrgenommen werden kann, lohnt es sich im Einzelfall, von schwarzer auf rote Schrift umzustellen. Auch die Kontraste der Hintergrundfarbe können variiert werden, z. B. Schwarzschrift auf gelbem Hintergrund. Generell ist bei der Farbgebung an der Tafel auf guten Kontrast zu achten, da die meisten Tafeln in dunkelgrüner Farbe sind.
  2. Raumgestaltung und Arbeitsplatzorganisation: Für die allgemeine Raumgestaltung empfiehlt sich nicht nur für Schüler mit Sehbehinderung eine klare räumliche Struktur mit eindeutigen Ordnungsmustern. Regalsysteme, Ordnungs- und Aufräumsysteme sowie Gegenstände des alltäglichen Lebens werden entsprechend sortiert und erhalten einen festen Platz. Das gleiche gilt für die Ausrichtung der Arbeitsutensilien auf dem Arbeitstisch. Neben den Fragen der Handlungsplanung hilft eine klare Arbeitsorganisation auch im Kleinen bei der Bewältigung von neuen Lernaufgaben. Da Schüler mit Sehbehinderung manchmal sehr lange Zeit benötigen, um Lichtwechsel zu adaptieren, sollten sie nicht mit Blick zum/aus dem Fenster platziert werden. Durch frontalen Sonneneinfall oder sehr helles Tageslicht von vorn wird ein Platzwechsel dann zu einer längeren Prozedur, in der der Schüler evtl. nicht mitarbeiten kann, weil er durch die langsame Adaptation noch nichts sieht. Das gleiche gilt für blendendes Licht. Für die Tafelarbeit ist es besonders wichtig, für sehr gute, indirekte Beleuchtung zu sorgen. Auch wenn wir alle mit der Stromspardevise „Licht aus!“ aufgewachsen sind: Für Schüler mit (Seh-)Behinderung ist es immens wichtig, dass Arbeitsplatz und Raum, insbesondere die Tafel stets sehr gut ausgeleuchtet sind. Es gibt zudem unterschiedlichste, individuell angepasste Leuchtmittel und Lampen, die am Arbeitsplatz des Schülers installiert werden können (Warmlicht, Kaltlicht, Waldmannleuchte, etc.). Der Arbeitstisch sollte in der Neigung verstellbar sein, damit Schüler mit Sehbehinderung aus dem richtigen Blickwinkel arbeiten können. In Absprache mit der Sehförderung/Orthoptik wird die optimale Entfernung zum Arbeitsmedium gefunden. Kontrastierende Linien helfen dem Schüler, sich auf dem Tisch, bei einem Material oder auf einem Arbeitsblatt zu orientieren.
  3. Gestaltung von Material und Arbeitsblättern: Der Vergrößerungsbedarf ist von Schüler zu Schüler unterschiedlich. Je nach Art und Ursache der Sehbehinderung ist es entweder nötig, sehr groß zu vergrößern, die Abstände zu ändern oder evtl. sogar zu verkleinern. Dies kann nur mit den Fachleuten abgesprochen werden. Daher holen Sie sich frühzeitig Rat, wenn Sie darüber unklar sind. Nicht richtig ist, dass eine Sehbehinderung automatisch mit Vergrößerungsbedarf verbunden ist. Für die Gestaltung von Visualisierungen, Tafelanschriften oder Arbeitsblättern wählen Sie klare Farben, wenig Details, kontrastierende Rahmen und insgesamt starke Kontraste. Differenzierend werden Arbeitsblätter mit dem passenden Zeilen- und Buchstabenabstand ausgestattet. Auch eine Zeilennummerierung hilft bei der Orientierung. Blocksatz ohne visuellen     Ankerpunkt wirkt eher verwirrend. Zeilenschablonen und Lesehilfen können zusätzlich helfen.

Passende Hilfsmittel erleichtern das Lernen

Die professionelle Beratung für den individuellen Einzelfall kann durch die entsprechenden Fachleute im Mobilen Sonderpädagogischen Dienst, der Sehförderung oder der Orthoptik angefragt werden. Es ist für Lehrkräfte wichtig zu wissen, dass passende Hilfsmittel bei einer Sehbehinderung enorm gewinnbringend sind. Lupen, Bildschirmlesegeräte, Lampen und Leuchten, sprechende Uhren und Anzeigen, digitale Hilfsmittel wie Braille-Lesezeile am PC, Vergrößerungssoftware, Sprachausgabe sowie Spezialtastatur/ Brailletastatur für den Computer — es gibt unzählige, sehr hilfreiche Arbeitsmittel, die den Alltag enorm erleichtern — und den Schülern helfen, trotz ihrer Sehbehinderung gut am Unterricht teilnehmen zu können.

Claudia Omonsky

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