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Unterrichtsgestaltung

Wirkungsvolle Lehrersprache

Es kommt auf den Lehrer und seine Sprache an, soll Lernen gelingen. Denn die Lehrersprache ist wesentlicher Bestandteil des Unterrichts, deshalb sollte sie sehr gezielt und bewusst eingesetzt werden. Frage-, Kommunikations- und Modellierungstechniken helfen dabei.

Unterrichtsgestaltung: Wirkungsvolle Lehrersprache Was Lehrer sagen und wie sie es sagen — das ist entscheidend für ein gutes Lernklima © Syda Productions - Fotolia.com

In seiner wegweisenden Metastudie „Lernen sichtbar machen“(John A.C. Hattie, Visible learning: A synthesis of over 800 meta-analyses relating to achievement,  London 2009) untersucht John Hattie verschiedene Einflussfaktoren und Effekte in Bezug auf den Lernerfolg. Eine wichtige Erkenntnis daraus lautet ganz lapidar: Auf den Lehrer kommt es an!

Die Lehrperson und ihr Verhältnis zum Schüler ist erwiesenermaßen ein wesentlicher Gelingensfaktor für das schulische Lernen. Es lohnt sich also darüber nachzudenken, welche Mittel und Wege die Lehrkraft hat, um eine gute und gelingende Lehrer-Schüler-Beziehung herzustellen, die man als Voraussetzung fürs Lernen betrachtet.

Lenken und strukturieren mittels Sprache

Ein wesentlicher Faktor dabei ist Sprache und Kommunikation. Denn diese ist eng gekoppelt an die Persönlichkeit eines Menschen und verleiht ihr Ausdruck — natürlich auch im Lehrberuf. Interaktionssituationen sind gekennzeichnet durch die permanente wechselseitige Beeinflussung der Kommunikationspartner. Das wissen wir spätestens seit Watzlawick. Lehrer lenken und strukturieren mit Sprache den Unterricht, sie versprachlichen Situationen und Handlungen, fördern die Sprache und Kommunikation der Schüler durch ihr Vorbild, und nicht zuletzt lenken sie auch das erziehliche Geschehen durch Lob oder Sanktionen häufig über die Sprache. Daher kommt der Sprache des Lehrers umfassende Bedeutung zu.

Lehrer spricht viel, Schüler sprechen wenig

Die Kommunikationspsychologie stellte fest, dass Lehrer im Unterricht fast 80 Prozent der gesprochenen Wörter sagen und im Schnitt 55 Fragen pro Unterrichtsstunde stellen. Schüler hingegen stellen als Klasse insgesamt nur zwei bis drei Fragen pro Stunde  (vgl. Tausch, R., Tausch, A.: Erziehungspsychologie, 9. Auflage, Göttingen 1979). Um wie viel diskrepanter kann dieser Vergleich bei Schülern mit Einschränkungen im Lernen, Denken oder Sprechen ausfallen. Die Schüler nehmen ganz automatisch und fast zwangsläufig eine Konsumhaltung ein, die Aufmerksamkeit sinkt und der Lehrer leidet umgekehrt unter dem Zuviel-Sprechen.

Stimme pflegen und andere Kommunikationskanäle nutzen

Die Schattenseite des Sprechberufs bringt schlimmstenfalls Stimmstörungen. Aber auch in Abstufungen findet man bei Lehrern häufig Symptome wie Atemfehler, Halsschmerzen, Heiserkeit, Stimmüberlastungen, gepresste Stimme, Räusperzwang und weitere Symptome, bei denen die Stimme an Klang und Tragfähigkeit verliert.

Ein wichtiger Faktor für die Lehrersprache ist also die Stimmpflege des Lehrers. Arbeiten Sie als Lehrer an ihrer Sprache, indem Sie auch die anderen Kommunikationskanäle wie Körpersprache, Mimik und Gestik gezielt und häufig einsetzen. Nutzen Sie bildhafte Medien und nonverbale Signale, Rituale und präzise Arbeitsaufträge, um im Unterricht weniger sprechen zu müssen. Die richtige Lautstärke zu finden ist ein individueller Prozess. Dazu kann eine Logopädin oder eine Sprecherzieherin professionelle Hilfen und Tipps geben.

Fragetechniken verbessern

Eine wichtige Kompetenz im Lehrberuf ist das Fragenstellen. Welche Aspekte können Sie bedenken, um Ihre Lehrerfragetechnik zu verbessern?
Impuls: Ein wirkungsvoll gesetzter Impuls gibt Denkanstöße und entwickelt damit hohes Potenzial, die Schüler am Unterricht zu beteiligen. Gute Impulse bringen Denk- und Handlungsprozesse in Gang. Man kann Impulse auf unterschiedliche Art setzen:

  • Verbale Impulse: eine Frage, eine Behauptung, ein Auftrag oder eine Provokation
  • Mediale Impulse: ein Setting, Bild, Zeichnung, Tafelanschrift, Hörbeispiele
  • Stumme Impulse: Körperhaltung, Gestik, Mimik; gerade im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung bewährt sich der stumme Impuls, da er ohne auditive Verarbeitung auskommt. Die Schüler dürfen in Ruhe schauen und wirken lassen, um dann im eigenen Tempo zu einer Reaktion vorzudringen.

Fragen: Fragen zu stellen erweist sich als ungleich komplexer. Besonders bei Berufsanfängern stellt man fest, dass die Fragetechnik oft eher verwirrt als erhellt. Für den Unterricht ist eine kontrollierte Fragetechnik mit klarer Zielsetzung notwendig. Was soll mit der Frage erreicht werden?

  • Wissensfragen: „Was weißt du zum Herbst?“
  • Konvergente Denkfragen mit eindeutiger Antwortmöglichkeit: „Was passiert, wenn ich diesen Knopf drücke?“
  • Divergente Denkfragen mit unterschiedlichen Antwortmöglichkeiten: „Wie können wir am Elternnachmittag zeigen, was wir heute gelernt haben?“
  • Gefühlsgerichtete Fragen mit emotionaler Konnotation: „Wie geht es wohl dem Mädchen auf dem Bild?“
  • Wertungsfragen zur Beurteilung von Vorgängen: „Wie gut hat das Lernen heute bei dir geklappt?“
  • Fragen zum Ablauf/Schlüsselfragen an Gelenkstellen des Unterrichts: „Was beachten wir bei der Arbeit mit der Lerntheke?“ Besonders die Schlüsselfragen zum Unterricht sollte eine Lehrkraft genau überlegen und innerlich wie ein Sprungbrett in den Planungsablauf einbauen. Das hilft der Struktur und zur Klarheit für die Stunde, da es logische und ablaufbedingte Unklarheiten aufdecken kann.

Stellen Sie Fragen einzeln und vermeiden Sie Kettenfragen. „Was brauchst du wann zum Ausschneiden?“ ist eine sehr komplexe Frageart, die viele Schüler nicht verstehen. Auch die Aneinanderreihung mehrerer Fragen kann nicht immer geleistet werden. Im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung beginnen Sie mit einer einzelnen Frage, die zunächst beantwortet werden sollte. Bleiben Sie sich darüber bewusst, ob Sie einem Schüler schon zwei Fragen in einem Satz stellen können. Manche Schüler können zwar zwei Anweisungen befolgen („Steh auf und komm zur Tafel, bitte.“), aber die Verarbeitungszeit von zwei Fragen ist unter Umständen wesentlich länger.

Beachtung der chronologischen Reihe: Beachten Sie bei der Satzkonstruktion die logische, zeitliche Reihenfolge und vermeiden Sie Schachtelkonstruktionen („Bevor du in die Pause gehst, räumst du dein Mäppchen in die Tasche.“ — „Räume dein Mäppchen in die Tasche. Gehe dann in die Pause.“).

Echte Fragen unterscheiden sich von Suggestiv- oder Fangfragen wie auch von rhetorischen Fragen („Brauchst du ein Schreibheft zum Schreiben?“, „Das war ein Witz, oder?“). Beachten Sie auch die grammatikalisch-syntaktische Richtigkeit. Stellen Sie keine Ergänzungsfragen oder Inversionen („Du brauchst … was zum Schneiden?“). Unterscheiden Sie offene und geschlossene Fragen, die mit hohem oder geringem Sprachanteil beantwortet werden können („Was weißt du noch über …?“ bzw. „Hast du auch zwei Hände?“).
Beantwortung abwarten: Ein äußerst wichtiges Mittel für die gute Lehrersprache ist es, eine Antwort abzuwarten. Schüler mit Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung reagieren oft wahrnehmungsbedingt verzögert. Die Sprachverarbeitung dauert signifikant länger, und die Reaktion ist mit Latenzzeit verbunden. Bleiben Sie bei der einmaligen Fragestellung, wiederholen Sie die Frage nicht mehrfach hintereinander und stellen Sie die Frage nicht sofort um, falls sie nicht sogleich beantwortet wird ? sondern warten Sie einfach einmal in Ruhe ab. Dann können Sie Hilfestellungen anbieten, statt als Lehrkraft selbst zu ergänzen. Satzstarter können Schülern enorm helfen, Antworten formulieren zu können. Es sollte selbstverständlich sein, die Schüler ausreden zu lassen. Umgekehrt sollten Sie sich nicht mit einem einzelnen Wort als Antwort zufriedengeben und zur Antwort ergänzen, sondern die Schüler anhalten, ganze Sätze zu sprechen. Die Förderung der Sprache ist im Förderschwerpunkt allgemeines Unterrichtsprinzip.

Aktives Zuhören und Kommunikationshilfen

Aktives Zuhören: Verstärken Sie richtige Antworten verbal und nonverbal durch Bestätigung, Lob, Hervorhebung oder durch Nicken, Gestik, Bejahung. Geben Sie möglichst aussagekräftige Rückmeldung in Form von Bezugnahme auf konkrete Handlungen oder Leistungen („Du hast sehr schnell gearbeitet und viele Aufgaben richtig“ statt „Das war toll!“). Sie können in qualitativer oder in quantitativer Hinsicht rückmelden.

Beachten Sie in besonderer Weise den Wortschatz und die Kenntnisse in der Begriffsbildung Ihrer Schüler. Es passiert sehr schnell, dass man hier den Erfahrungshorizont überschätzt und „über die Schüler“ hinweg unterrichtet. Üben Sie ein, dass Schüler viel und oft nachfragen, wenn sie Wörter nicht verstehen. Scheuen Sie sich auch nicht, häufig nachzufragen, ob die Schüler einen bestimmten Begriff erklären können.

Literatur zum Thema:

Christiane Eiberger / Heide Hildebrandt: Lehrersprache richtig einsetzen. Trainingsbausteine für eine wirksame Kommunikation in der sonderpädagogischen Förderung. Hamburg 2014

Wolfgang Beywl / Klaus Zierer: Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen. Überarbeitete deutschsprachige Ausgabe von "Visible Learning for Teachers".  Baltmannsweiler 2014

Sprech- und Kommunikationshilfen werden im Unterricht bei Schülern mit Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung ritualisiert und individuell eingesetzt. Maßnahmen zur unterstützten Kommunikation wie Gebärden, elektronische Hilfsmittel oder Bildmaterial sind umfangreich vorhanden. In Abstimmung mit den Therapeuten sollte hier ein passendes und einfach zu erlernendes System gewählt werden.

Modellierungstechniken

Modellierungstechniken helfen bei der Anpassung der Sprachmuster und dem Sprachaufbau. Sie können vorausgehend oder nachfolgend angewendet werden.

  • Präsentation: Verwenden Sie gehäuft die Zielform und das zu übende Sprachmuster. Die Schüler können dies dann immer wieder aufnehmen und nachsprechen.
  • Parallel-Sprechen: Sie können die Handlungen, die ein Schüler gerade ausführt parallel sprachlich begleiten.
  • Alternativfragen: Zur Beantwortung der Frage bieten Sie zwei Zielstrukturen an („Gießen wir das Wasser auf die Pflanzen oder in die Flasche?“).
  • Korrektives Feedback: Sie geben die Schüleräußerung mit richtiger Zielstruktur nochmals wieder („Der Ball ist in die Korb.“ — „Ja, der Ball ist im Korb.“).
  • Expansion: Weiten Sie einzelne Satzstrukturen der Schüler zu einer richtigen Zielstruktur aus („ mit Kanne“ — „Wir können mit der Gießkanne Blumen gießen.“)
  • Extension: Ausweitung der Schüleräußerung zur Erweiterung der semantischen Struktur („Wir brauchen eine Gießkanne.“ — „Wir brauchen eine Gießkanne, damit wir die Blumen auf der Fensterbank gießen können.“).

Besonders im sprachheilpädagogisch orientierten Unterricht finden sich viele weitere Modellierungstechniken und Hinweise für die Lehrersprache. Kommunikative Prozesse erfolgreich zu gestalten und die Lehrersprache gezielt und differenziert einsetzen zu können ist ein fortwährender Prozess, der immer wieder der Übung und Reflexion bedarf.

In Überprüfung der eigenen Lehrersprache kann es helfen, sich zunächst auf nur eine einzige Veränderung zu konzentrieren und diese zu verankern. Wenn Sie möchten, befragen Sie Kollegen, Schüler oder andere Vertraute nach einer Rückmeldung über Ihre Lehrersprache. Auch eine Videoanalyse des eigenen Unterrichts gibt darüber Aufschluss.

Claudia Omonsky


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