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Lebensgestaltung

Work-Life-Balance: Privatleben vereinbar mit dem Lehrerberuf?

„Lehrer sein bedeutet, ein lockerer Halbtagsjob mit drei Monaten Urlaub im Jahr“ – diesem Vorurteil begegnen Lehrer immer wieder. Doch das Gegenteil ist der Fall: Der Lehrerberuf zählt zu den anstrengendsten überhaupt. Und oft genug bleibt dabei auch das Privatleben auf der Strecke ...

Lebensgestaltung: Work-Life-Balance: Privatleben vereinbar mit dem Lehrerberuf? Bei einer Wanderung mit der Familie können Lehrer wieder Energie tanken für ihren stressigen Alltag © Miredi - Fotolia.com

Lehrer sind „keineswegs beneidenswerte Halbtagsjobber“, vielmehr „üben sie einen der anstrengendsten Berufe aus“, so fasst Prof. Uwe Schaarschmidt in einem Vortrag die Ergebnisse der Potsdamer Lehrerstudie zusammen. In erster Linie betreffe das die psychischen Belastungen: Insbesondere „die sozial-kommunikativen, emotionalen und motivationalen Anforderungen“ erwiesen sich „oftmals als komplex und widersprüchlich und damit als schwer erfüllbar“. (S. 1) Und die Arbeitszeiten? Aktuelle Studien beziffern sie auf 51,0 bis 52,9 Wochenarbeitsstunden. (vgl. dazu Süddeutsche Zeitung, 17.05.2010, „Faul? Von wegen!“). Lehrer an weiterführenden Schulen kommen nach Auskunft des Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, jährlich auf „weit mehr als 1800 Stunden“. Dabei sind „Ferien im herkömmlichen Sinn (...) für Lehrer nur die Sommerferien“, so Kraus, die übrigen unterrichtsfreien Zeiten beanspruchten größtenteils Korrekturen, Präsenzdienste, Planungsaufgaben et cetera (ebd.). Und während die meisten Erwerbstätigen nach „Feierabend“ ihren Arbeitsplatz verlassen, bringen Lehrer Arbeit nach Hause mit.

Psychische Belastungen, eine hohe Anzahl von Wochenarbeitsstunden und nicht eindeutig definierte Arbeitszeiten in der Schule und zu Hause – kein Wunder, dass vielen Lehrern eine klare Trennung von Beruflichem und Privatem schwerfällt. Damit wächst auch die Gefahr, dass das Berufliche gegenüber anderen Lebensbereichen zu viel Gewicht bekommt. Dadurch sind Konflikte programmiert und wichtige Kraftquellen fallen weg. 

Leben in Balance: Was bedeutet das?

Der Begriff „Work-Life-Balance“ hat in den letzten Jahren einen Bedeutungswandel erfahren: Bezeichnete er ursprünglich ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Beruf und Familie, so „geht es heute (...) um eine ausbalancierte Lebensqualität, in der Arbeit und alle Bestandteile des Privatlebens konfliktarm miteinander verbunden werden“ (Detlef Kuhn, Dieter Sommer: Betriebliche Gesundheitsförderung, Wiesbaden 2004, S. 153). In der wissenschaftlichen Literatur wird der Begriff „Work-Life-Balance“ oft kritisiert, weil er die Bereiche „Arbeit“ und „sonstiges Leben“ polarisiert, wie die Psychologin Alexandra Strehlau in ihrer Diplomarbeit anmerkt. Sie bevorzugt deshalb den Ausdruck „Life Balance“, „um zu verdeutlichen, dass nicht von zwei a priori getrennten Lebensbereichen ausgegangen wird, sondern ein ganzheitlicher Zusammenhang aller Lebensbereiche fokussiert wird“ (S. 3).

Stimmt Ihre Work-Life-Balance?

Bei einer ersten Selbsteinschätzung helfen diverse Online-Tests mit sofortigem Feedback: So zum Beispiel ein Kurztest auf der Website eines Unternehmens für Karriereberatung. Natürlich berücksichtigen solche doch sehr allgemein gehaltenen Fragenkataloge weder die spezifischen Anforderungen des Lehrerberufs noch individuelle biographische Besonderheiten. Deshalb ist es unbedingt sinnvoll, sich für die Auseinandersetzung mit den eigenen Lebens-Prioritäten Zeit zu nehmen.

Welches sind die zentralen Lebensbereiche?

Auf der Basis des Balance-Prinzips des Neurologen Nossrat Peseschkian entwickelte der bekannte Zeitmanagement-Experte Lothar J. Seiwert ein Zeit-Balance-Modell mit vier Haupt-Kategorien (vgl. dazu: L. J. Seiwert, „’Entschleunigung’ für ein erfülltes Leben“):
1. Arbeit/Leistung umfasst Berufliches, Erfolg und materielle Sicherheit.
2. Kontakte beinhaltet Familie und Freundeskreis, Zuwendung und Anerkennung.
3. Körper/Gesundheit enthält Ernährung, Erholung, Entspannung, Fitness und
4. Sinn und Erfüllung bezeichnet die Subkategorien Liebe, Selbstverwirklichung, Religion, Philosophie oder Zukunftsfragen.

Wer ein erfülltes Leben führen will, sollte zunächst für sich eine Lebensvision entwickeln, bei der diese Bereiche in einer gesunden Balance stehen. Damit das gelingt, rät Seiwert, sich in folgende Frage hineinzudenken:

Wie sollte meine persönliche Lebensbilanz am Ende aussehen?

Am besten imaginieren Sie dazu eine konkrete Situation, etwa Ihren 75. Geburtstag: Welche Gäste wünschen Sie sich? Was sagen Festredner im Idealfall über Sie? Und was möchten Sie lieber nicht hören? Im Klartext geht es dabei um die Fragen: „Was will ich? Was kann ich? Welches Gefühl will ich haben, wenn ich in 10, 20 oder gar 50 Jahren auf mein Leben zurückblicke?“ (Seiwert, Link s. o.). Die Antworten auf diese Fragen sollten schriftlich festgehalten werden.

Anschließend empfiehlt Seiwert, konkrete Ziele für die berufliche und persönliche Zukunft zu formulieren und diese fest einzuplanen: für das Jahr, für jede Woche und auch für jeden einzelnen Tag. Wichtig ist dabei immer, dass „berufliche und private Ziele im richtigen Verhältnis zueinander stehen“ und dass „keiner der vier Lebensbereiche (...) zu kurz kommt“, sonst gehen „auf Dauer (...) Power und Energie“ verloren, warnt Seiwert.

Meine Rollen, meine „Lebenshüte“

Wer im Leben zu viele Rollen und Aufgaben übernimmt, läuft Gefahr, sich zu verzetteln. Deshalb rät Seiwert (ebd.), über die Fragen nachzudenken:
„Welche Rollen wurden mir von anderen auferlegt? Für welche habe ich mich bewusst entschieden?“ Seiwert arbeitet dabei mit dem eindringlichen Bild von „Lebenshüten“, die sich auf unserem Kopf stapeln. Sind diese „Hüte“ ermittelt und schriftlich festgehalten, sollte eine Bewertung erfolgen: Sind sie „eher mit angenehmen (...), gleichgültigen (...) oder (...) unangenehmen Gefühlen verbunden?“ Die entscheidende Frage ist dann: „Welche [Hüte] will ich künftig ablegen?“ Seiwert empfiehlt: „Verabschieden Sie sich von den „Hüten“, die Ihnen übergestülpt wurden und die Sie nicht wollen“ (ebd.). – Bei vielen „Hüten“ erscheint diese Empfehlung natürlich allzu rigoros, weil praktisch ad hoc nicht umsetzbar. Doch es geht bei der Umsetzung eines Lebensleitbildes genauso wie bei dem Ablegen von belastenden Rollen eher um eine konsequente Politik der alltäglichen Schritte. Seiwerts Rat dazu: „Planen Sie Ihren Tagesablauf. Setzen Sie dabei Prioritäten. Sonst werden Sie von dringlichen Aufgaben, die unvorhergesehen auf Sie einprasseln, aufgefressen.“ (ebd.)

Martina Niekrawietz

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