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Autismus-Spektrum-Störung

Autismus – eine Störung mit vielen Gesichtern

Autismus hat viele Gesichter: die Ausprägung ist sehr individuell. Um betroffene Schüler individuell zu unterstützen, muss die spezifische Autismus-Spektrum-Störung identifiziert und entsprechend im Unterricht berücksichtigt werden.

Autismus-Spektrum-Störung: Autismus – eine Störung mit vielen Gesichtern Schüler mit Autismus-Spektrum-Störung können Mimik und Gefühle häufig schlecht wahrnehmen © Pixel-Shot - stock.adobe.com

Kaum ein anderes Behinderungsbild ist von so vielen Vorstellungsbildern, Mythen und Meinungen umrankt wie der Autismus. Wir alle kennen den filmischen Rainman oder etwa die These von Einsteins Asperger-Autismus, die vor einiger Zeit in den Medien Furore machte. Das mag zum guten Teil daran liegen, dass das Erscheinungsbild und die Ausprägungen von Autismus sehr unterschiedlich und individuell sind. Seit einigen Jahren wird in der Diagnostik daher zunehmend der Begriff Autismus-Spektrum-Störung (ASS) verwendet. Unter dieser Bezeichnung werden autistische Störungen im engeren Sinn wie auch solche, die nur Teilaspekte aufweisen, subsummiert: frühkindlicher Autismus – Aspergersyndrom – high functioning Autismus – atypischer Autismus mit Intelligenzminderung – nicht spezifische tiefgreifende Entwicklungsstörungen.

Erfahrungsgemäß birgt das Unspezifische des Autismus-Begriffs die Gefahr, jegliche Auffälligkeiten, die autistisch erscheinen, jedoch nicht mit einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung in Zusammenhang stehen, als Autismus zu bezeichnen. Die Komplexität der diagnostischen Absicherung einer ASS-Diagnose bedarf daher unbedingt eines Kinder- und Jugendpsychiaters bzw. der entsprechenden Abteilung eines sozialpädiatrischen Zentrums oder einer Klinik. Damit kann eine anschließende sonderpädagogische spezifische Förderung wesentlich zielführender sein.

Störung in der Wahrnehmungsverarbeitung

Die zentrale Beeinträchtigung bei Menschen mit Autismus stellt die Störung der Wahrnehmungsverarbeitung dar. Die Wahrnehmung verarbeitet auf komplexe Weise Reize, welche über die Sinne aufgenommen werden. Hören, Sehen, Riechen und Schmecken wie auch taktile Informationen geben uns Einzeleindrücke bezüglich unserer Umgebung und werden in einem hochkomplizierten Prozess im zentralen Nervensystem (ZNS) zu einer bedeutungsvollen Ganzheit zusammengesetzt. Bei autistischen Schülern sind die Vorgänge der Wahrnehmungsverarbeitung auf unterschiedlichste Art gestört, sei es vereinfacht ausgedrückt bezüglich einer Über-, wie auch einer Unterempfindlichkeit im Zusammenhang mit Reizen. Dabei können ein oder auch mehrere Wahrnehmungsbereiche betroffen sein, dies ist individuell sehr unterschiedlich.

Kommunikation und Interaktion mit anderen beeinträchtigt

Neben der auffälligen gestörten Wahrnehmungsverarbeitung als Kernsymptom bietet auch das Konzept der „Theory of Mind“ ein Erklärungsmodell zum Verständnis von autistischen Menschen. Denn nicht nur die veränderte Wahrnehmung, auch die Art der Kommunikation und Interaktion mit anderen ist bei autistischen Menschen oftmals beeinträchtigt.

So kann man bemerken, dass autistische Schüler sich nicht intuitiv in andere Menschen hineinversetzen können. Sie vermögen nicht, aus der Perspektive des Gegenübers das Geschehen zu interpretieren und Rückschlüsse auf Gefühle und Motive zu ziehen. Neueste Gehirn-Forschungen zeigen dabei einen Zusammenhang zu einer herabgesetzten Aktivität der Spiegelneuronen bei autistischen Menschen, die dazu führt, dass diese physiologisch gar nicht in der Lage sein können, bestimmte Aspekte der menschlichen Kommunikation adäquat zu verfolgen (vgl. Lisum, Autismus, 2009, S. 17 f.).

Besondere Reaktionen auf Wahrnehmungs- und Interaktionsreize

Empathieerleben, Rollenwechsel und das Deuten von sozialen Situationen gestalten sich äußerst kompliziert für diese Schüler. Es wird so besser verständlich, dass sich die Betroffenen als Reaktion darauf aus der überfordernden Wahrnehmungs- und Interaktionssituation herausziehen, indem sie sich beispielsweise auf spezielle Interessen fixieren bzw. eigene Wahrnehmungsimpulse setzen. Auch der Drang, bestimmte ritualisierte Abläufe und Situationen rigide beizubehalten, wird verständlicher.

Beim Hören beispielsweise können Geräusche als unangenehm wahrgenommen werden. Die Schüler zeigen Schwierigkeiten beim Richtungshören oder beim Filtern von akustischen Informationen. Sie weisen eine längere Verarbeitungszeit bei akustischen Aufforderungen auf. Ein Zuviel an solchen akustischen Eindrücken führt gleichermaßen zu einer Abschaltung der akustischen Wahrnehmung.

Beim Sehen gelingen gute Verarbeitungsergebnisse, sofern die visuellen Eindrücke gleichbleibend und berechenbar sind. Winzige Veränderungen können bereits Probleme verursachen. Insbesondere das komplexe Lesen von Gesichtsausdrücken bzw. das Halten von Blickkontakt gestalten sich häufig schwierig und führen nicht selten zu massiven visuellen Selbststimulationen. Bestimmte visuelle Reize wirken hingegen enorm faszinierend und werden über längere Zeiträume aufrechterhalten.

Literaturtipps:

Kaminski, M., u. a. (Hrsg.): Pädagogische Förderung von Kindern und Jugendlichen
mit Autismus, Tagungsbericht, Würzburg 2000

LISUM: Unterrichtsentwicklung. Sonderpädagogische Förderung in den Berliner Schulen. Teil 6 Autismus. Brandenburg 2009

Remschmidt, H.: Autismus. Erscheinungsformen, Ursachen, Hilfen. München 2008

In der vestibulären Wahrnehmung finden sich oft intensive Schaukel- oder Wackelbewegungen. Komplizierte Abfolgen von motorischen Schrittfolgen oder Handbewegungen werden intensiv ausgeführt. Andere taktile Reize werden entweder durch verändertes Druck- und Schmerzempfinden sehr wenig bis gar nicht oder sehr exzessiv zugeführt. Selbst- und fremdverletzendes Verhalten kann daraus schlüssig erklärt werden.

Autistische Schüler zeigen im Bereich des Schmeckens und Riechens häufig ungewöhnlich großes Interesse. Sie bevorzugen manchmal sehr ungewöhnliche Nahrungsmittel und nehmen Dinge gern in den Mund.

Für die Verarbeitung von Wahrnehmungsreizen werden bevorzugt die Nahsinne (tasten, riechen, schmecken) genutzt, weniger die Fernsinne (sehen, hören). Während die autistischen Schüler einerseits nicht selten ungewöhnliche Gedächtnisleistungen („Inselbegabungen“) verfügen, so haben sie andererseits auch oft Probleme in der Fokussierung der Aufmerksamkeit. Bei sprachlichen Anweisungen wie auch bei Informationen mit zeitlichem Bezug können Einzelreize schwierig zu einem Gesamtbild integriert werden.

Individuelle angepasste strukturierende Hilfen im Unterricht

All diese Faktoren führen zu erheblichen Auswirkungen auf das Lernen und müssen unterrichtlich beachtet werden. Neben dem Verständnis für die ursächlichen Wahrnehmungsverarbeitungsdefizite helfen insbesondere Maßnahmen zur Strukturierung. Hier sollen die Schüler ein bestehendes System oder Schema anwenden bzw. ein neues entwickeln. Diese Strukturierungsmaßnahmen wirken lenkend von außen und können sehr gezielt geplant werden. Sie schaffen Sicherheit und Kompetenz, sorgen auch für ein gewisses Maß an Flexibilität.

Der Grad der Strukturierung muss dabei dem jeweiligen Schüler genau angepasst werden. Sie sollte nicht länger als nötig eingesetzt werden.

  • Strukturierung des Raums (Personen, Aktivitäten, Gegenstände): Welche Personen sind wo? Wo bin ich? Wo ist wessen Platz? Wohin soll ich gehen? Wo soll ich bleiben? Wo passiert welche Aktivität? Wo wird etwas von mir erwartet? Wo soll ich was tun? Wo befindet sich was? Wo gehört was hin?
  • Strukturierung der Zeit (Abfolgen und Zeitdauer): Wann passiert was? Wann soll ich was tun? Wie lange dauert das?
  • Strukturierung der Arbeit: Inhalt – Was soll ich tun? Menge – Wie viel ist zu tun? Ende – Wann bin ich fertig? Motivation – Was kommt nach der Arbeit?

Besonders wichtig für den autistischen Schüler ist die konstante und sichere Lernumgebung mit Sicherheit gebendem Verhalten der Bezugspersonen. So sollte im Klassenzimmer möglichst wenig Ablenkung geboten und der Schüler gut mit den Räumlichkeiten vertraut sein. Ein Einzelplatz zeigt bessere Lernwirksamkeit als zu große Nähe zu einem Mitschüler. Es geht um Konstanz und Verlässlichkeit, auch in den äußeren Bedingungen. Bei Unterrichtsgängen außer Haus bedarf es einer intensiven Vorbereitung und Visualisierung der neuen Orte. Es hilft eine klare Personenzuordnung. Alles Neue kann potenziell Angst und Unsicherheit auslösen.

Als Lehrkraft hilft man dem autistischen Schüler mit einer klaren, einfachen Lehrersprache ohne Ironie bzw. Witz. Die Unterstützung erfolgt eher durch körpersprachlich-pantomimische Hilfen, weniger durch die Mimik. Es hilft, für einen Gegenstand nur ein Wort zu verwenden. Arbeitsaufträge werden immer gleichlautend wiederholt, nicht variierend. Es erfolgt jeweils nur ein Arbeitsauftrag. Man sieht, dass allein schon die sprachliche Lenkung durch die Lehrkraft andere Maßnahmen erforderlich macht als die für die anderen Schüler.
Konkrete Konzepte insbesondere zur Unterstützten Kommunikation bieten handlungsorientiertes Weiterarbeiten in stark strukturierenden Lern- und Unterrichtssituationen, mit denen man auch als Lehrkraft sicher und zielorientiert Unterricht für Schüler mit ASS gestalten kann.

Claudia Omonsky

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