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Bloß nicht auffallen — Strategien von LRS-Schülern

Wer fördern will, muss genau hinsehen. Gerade LRS-Schüler entwickeln die erstaunlichsten Strategien, um nicht aufzufallen. Wer diese kennt, kann helfend eingreifen.

LRS: Bloß nicht auffallen — Strategien von LRS-Schülern LRS-Schüler wissen sich zu helfen, um nicht aufzufallen: z. B. den Mitschüler fragen © Ingo Bartussek - Fotolia.com

Schülerinnen und Schüler der 5. Klasse meinen, das Schlimmste an LRS ist, „das man einen 50 % Schongse hat (das heist das man das richtige denkt und sich für das falsche entscheided)“, „das ich dauernt was Falschschreibe“, „das ich angst habe andere könten darüber lachen“. „ Es ist mir peinlich wenn ich etwas schreibe und meine Mittschuler dass lessen!“

Natürlich gibt es viele andere Sorgen. Das Üben, das meist als sinnlos empfunden wird, und ein schlechtes Gewissen den Eltern gegenüber werden häufig genannt. Nur sehr selten haben Lehrkräfte mit „dem Schlimmsten“ zu tun. 

Kein Schüler möchte ausgelacht werden. LRS-Schüler haben das manchmal leider begründete Gefühl, andere Schüler würden sich über sie lustig machen, weil sie nicht gut vorlesen und/oder schlecht rechtschreiben. 

Durch Kompensation unauffällig durch die Grundschule

Damit sie diesen „Gefahren“ entgehen, entwickeln sie oft die verschiedensten Strategien, um bloß nicht aufzufallen – jedenfalls nicht bezüglich ihrer Schwierigkeiten beim Lesen und Rechtschreiben. Diese Strategien entwickeln sie meist unbewusst. Es lässt sich kaum erkennen, ob beziehungsweise dass es sich um eine Reaktion aufgrund der LRS handelt.

Kompensation als Strategie:

  • auswendig lernen statt lesen,
  • Reihenfolgen aufsagen, ohne die einzelnen Elemente herausgelöst zu kennen (Abc, 1 x 1),
  • Diktate üben (das bedeutet „abmalen“, auswendig lernen oder „Eselsbrücken“ merken wie „es kommen 5 Dehnungs h vor“),
  • Fleiß, gute Beteiligung. 

Mit diesen Mitteln durchlaufen viele LRS-Schüler erfolgreich und unerkannt die Grundschule. Sie haben ein oder zwei Lehrkräfte, auf die sie sich gut einstellen und werden zu Hause meist unterstützt. Keiner merkt, dass sie von Rechtschreibregeln eigentlich keine Ahnung haben. Denn um nicht mit Dingen, die sie nicht können, aufzufallen, nutzen sie beispielsweise folgende eigene Strategien:

  • nie als Erster lesen / gutes Gedächtnis, um sich zu merken, was ein anderer vorgelesen hat,
  • abwarten und beobachten, um erst zu handeln, wenn z. B. ein guter anderer Schüler ein Signal für die Lösung gibt,
  • jedes Wort einzeln bewusst lernen,
  • Gefühl für: sieht gut aus / sieht schlecht aus.

Später eigene Regeln und Vermeidungsstrategien

Mit zunehmendem Alter kommen dann eigene Regeln hinzu, wie „ Hinter einem Komma steht immer ‚dass‘“ oder es entstehen Missverständnisse durch Übergeneralisierung: 

  • „ver“ und „vor“, ich bin ja schlau, schreib ich immer nur mit “v“: „Vernsehen“, „Vorschung“.
  • Nach der, die, das wird großgeschrieben.

Um nicht als „dumm“ aufzufallen, entwickeln LRS-Schüler schließlich häufig Vermeidungsstrategien: verträumt, vergesslich, faul oder chaotisch, zappelig, unaufmerksam. Das ist immer noch besser als dumm. Wer nicht weiß, wo er weiterlesen muss, wird vielleicht vom Lehrer ermahnt, aber wenigstens nicht von Mitschülern ausgelacht.

Leider entstehen so allmählich immer mehr Verhaltensauffälligkeiten: Ängste, Minderwertigkeitskomplexe, Rückzugsverhalten, wenig Frustrationstoleranz usw.

Der Teufelskreis muss durchbrochen werden

Ob ein Schüler schlechte Noten bekommt, weil er nicht aufpasst, stört, träumt oder ähnliches, oder ob er das tut, weil er nichts versteht, spielt irgendwann keine Rolle mehr. Der Schüler gerät in einen Teufelskreis. Einige Verhaltensänderungen werden der Pubertät zugerechnet. Schlimmstenfalls fehlt zu Hause die Unterstützung. Eine Lehrkraft als Bezugsperson, die Veränderungen erkennen würde, gibt es oft nicht mehr. Die Leistungen werden immer schlechter, die Ängste nehmen zu und schließlich entwickeln sich nicht selten psychosomatische Störungen wie Kopf- oder Bauchschmerzen.

Ein Ausweg aus dieser Situation kann nicht allein durch Nachteilsausgleich und Notenschutz erreicht werden. Es ist notwendig, dass LRS-Schüler andere Strategien erlernen, mit ihren Schwächen umzugehen beziehungsweise Versäumtes nachzuholen. Dafür muss erkannt werden, warum und wie sie handeln und denken, um falsche Wege zu verlassen und sinnvolle zu gehen.

Uta Livonius

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