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Empfehlungen für die Praxis

Fördern nach Corona – aber wie?

Die Empfehlungen der „Ständigen wissenschaftlichen Kommission der KMK“ unterstützen Schulen und Lehrkräfte bei der Förderung nach Corona. Lesen Sie hier, worauf man dabei achten sollte.

Empfehlungen für die Praxis: Fördern nach Corona – aber wie? Lehrkraft hilft Sekundarschüler im Unterricht © Robert Kneschke - stock.adobe.com

2 Milliarden Euro stellt der Bund für das Aktionsprogramm „Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche“ zur Verfügung. Doch wie lassen sich diese Gelder am effektivsten für Aufholmaßnahmen bei Lernrückständen und zur Abmilderung der pandemiebedingten psychosozialen Beeinträchtigungen nutzen? Dazu veröffentlichte die „Ständige wissenschaftliche Kommission der KMK (StäwiKo)“ im Juni 2021 praktische Handlungsempfehlungen für das Schuljahr 2021/22. Hier beantwortet das Gremium auf Basis aktueller wissenschaftlicher Studien die wesentlichen Fragen für eine sinnvolle Planung.

Mit den Fördergeldern haushalten tut not

Eine entscheidende Information vorneweg: Die „Nachhilfemilliarden“ werden nicht reichen, um „die Folgen der Pandemie (...) vollständig zu kompensieren“. Das betonen nach Lehrerverbänden und -Gewerkschaften nun auch die Wissenschaftler der StäwiKo (ebd., S. 1). 

Die Gelder verteilen sich auf Heranwachsende von 0 bis 19 Jahren, das sind in Deutschland 15,3 Mio. Kinder und Jugendliche. „Selbst wenn man davon ausgeht, dass nur ein Drittel dieser jungen Menschen pandemiebedingt Unterstützung benötigt, stehen jedem betroffenen Kind oder Jugendlichen nur 645 Euro zur Verfügung“, rechnen die Experten vor (ebd.). Das ist nicht viel für eine nachhaltige Förderung über das gesamte Schuljahr hinweg.

Zudem sind die 2 Milliarden nicht nur zur Überbrückung von Lernlücken gedacht, sondern auch für die Abmilderung von psychosozialen Folgen der Pandemie. Deshalb ist es wichtig, die wenigen Mittel möglichst effektiv zu nutzen und für die richtigen Maßnahmen und Zielgruppen zu verwenden. Der folgende Beitrag unterstützt Sie bei der Planung auf Handlungsebene mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Empfehlungen.

Fokussierung statt Gießkannenprinzip

„Begrenzte Ressourcen, wie sie im Aufholprogramm zur Verfügung stehen, müssen gezielt eingesetzt und Maßnahmen fokussiert werden“, resümieren die Wissenschaftler. Nötig sei daher eine „dreifache Fokussierung“ (ebd., S. 4 f.): 

  1. „auf besonders betroffene Gruppen“, z. B. auf Jugendliche aus „benachteiligten sozialen Kontexten“. Oft sind das besonders diejenigen, die zu Hause weniger Unterstützung haben oder denen es an selbstregulativen und metakognitiven Strategien fehlt, die doch für eigenständiges selbstverantwortliches Lernen unerlässlich sind (ebd., S. 7). 
  2. auf die Übergänge von den Eintrittsjahrgängen (5. bzw. 7. Klasse) bis zur Berufsvorbereitung. Auch Schüler/-innen in der „Einführungsphase der gymnasialen Oberstufe“ sollten besonders in den Blick genommen werden, „um pandemiebedingte Rückstände aus der Sekundarstufe I zu kompensieren“ (ebd., S. 8).
  3. Beim Schließen der Lernlücken sollte man sich in erster Linie auf die sprachlichen und mathematischen Basiskompetenzen konzentrieren, also auf die Hauptfächer Deutsch, Mathematik und auf den Fremdsprachenunterricht.

Praktische Handlungsempfehlungen für Übergänge

Angesichts der vielen verschiedenen Schularten und Altersgruppen sind die Empfehlungen für die vielfältigen Übergangs-Szenarios im Sekundarbereich besonders umfangreich. Hier (S. 9 ff.) werden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler teilweise auch sehr konkret, wie anhand des Beispiels vom Übergang von der Grundschule auf die Sekundarstufe I gezeigt werden soll. 

Die Experten/Expertinnen gehen davon aus, dass hier die Prognosen im Schuljahr 2021/2022 „weniger valide“ ausfallen werden (ebd. S. 10), da die Lehrkräfte weniger leistungsbezogene und sozio-emotionale Informationen über die Schüler/-innen haben als in den vorausgegangenen Schuljahren mit konstantem Präsenzunterricht. Fraglich ist dadurch, „ob die am Ende des Schuljahres 2020/21 erreichten Kompetenzstände der Schülerinnen und Schüler ein anschlussfähiges, erfolgreiches Lernen in der Sekundarstufe I erlauben“ (ebd.). Wie lassen sich diese

Verunsicherungen – und auch Frustrationen – für die Schülerinnen und Schüler abfedern? Die Experten/Expertinnen formulieren dazu fünf Punkte, die für die praktische Planung wichtig sind (ebd.):

  1. Pandemiebedingte Probleme („Verhaltensregeln, Risiken“), aber auch „optimistische Zukunftsperspektiven“ thematisieren und alle Beteiligten dafür sensibilisieren, „dass gerade in der Übergangsphase mit vermehrten psychosozialen Krisen der Kinder zu rechnen ist“.
  2. Ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Schülern und Schülerinnen aufbauen.
  3. Zu Beginn des Schuljahres „Lernausgangslagenuntersuchungen“ in Deutsch und Mathematik durchführen und Nachholbedarfe identifizieren.
  4. Auf dieser Basis Förderangebote zu machen und
  5. das Sitzenbleiben und Abschulen für „mindestens zwei Schuljahre“ abzusetzen, um den Schüler/-innen Leistungsdruck zu ersparen (ebd.).

Auch für weitere Schülergruppen an schulartspezifischen Übergängen werden Maßnahmen konkretisiert, etwa für den Übergang von Sekundarstufe I zu II, für Jugendliche am Übergang in die gymnasiale Oberstufe, mit offener Anschlussoption oder für Schüler/-innen ohne Abschluss (ebd., S. 11). 

Forschungsbasierte Materialien für den Unterricht

Auch das ist eine wichtige Forderung der StäwiKo: Bei den Unterrichtsinhalten und -materialien sollte man nichts dem Zufall überlassen, sondern wissenschaftlich erprobte Materialien nutzen. Idealerweise greifen dabei „informelle Diagnostik und Förderung systematisch ineinander“, wie das etwa bei folgenden Materialpools der Fall ist: 

  • „für Deutsch im Rahmen der Bund-Länder-Initiative BiSS - Bildung durch Sprache und Schrift 
  • und für Mathematik durch das Deutsche Zentrum für Lehrerbildung Mathematik (DZLM) für unterschiedliche Jahrgangsstufen

Die beiden Beiträge „Lesekompetenzen stärken im Distanz- und Wechselunterricht“ () und „Individuelle Matheförderung leicht gemacht“ unterstützen Sie dabei mit Praxistipps und Links.

Gute Fördermaßnahmen – schlechte Fördermaßnahmen

Auch bei der Auswahl effizienter Fördermaßnahmen unterstützen Sie die Empfehlungen der StäwiKo mit Informationen gemäß dem aktuellen Forschungsstand (S. 4 ff.): 

So haben etwa „außerunterrichtliche Maßnahmen wie Ferienkurse nur eine begrenzte Wirksamkeit“, wenn man sie nicht „mit längerfristigen unterrichtsintegrierten und unterrichtsergänzenden Maßnahmen“ koppelt. Dabei seien es „entscheidende Erfolgsbedingungen“, Ferienkurse und unterrichtsspezifische Maßnahmen kohärent zu verzahnen und auch die Effekte systematisch zu erfassen („Monitoring“).

Als wirksam haben sich Tutorenmodelle erwiesen, die die Einzel- bzw. Kleingruppenförderung „eng“ mit den verantwortlichen Lehrkräften abstimmen. Die Effektivität hängt dabei jedoch maßgeblich „von der fachlichen Kompetenz“ der Betreuenden ab. Hier bieten sich besonders auch Kooperationen bzw. Vernetzungen mit Universitäten, Nachhilfeinstituten etc. an. (Vgl. Artikel „Lernbrücken gegen Lernlücken“ ).

Um bei der Qualifikation von Tutorinnen und Tutoren die einzelne Lehrkraft zu entlasten, könnten die Fachschaften bzw. AGs von Fachlehrern und Fachlehrerinnen zudem schulweite Standards/Tutorials/Workshops etc. initiieren und sich mit außerschulischen Akteuren vernetzen. 
 

Martina Niekrawietz


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