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Beschluss

KMK: Anweisungen zur Lese- und Rechtschreibschwäche

Der Beschluss der Kultusministerkonferenz zur Lese- und Rechtschreibschwäche stellt Lehrer vor besondere Herausforderungen im Umgang mit den Schülern und ihren Eltern. Diagnose, Beratung und Förderung zählen zu den inzwischen rechtsverbindlichen Handlungsanweisungen der Kultusministerkonferenz.

Beschluss: KMK: Anweisungen zur Lese- und Rechtschreibschwäche Diagnose, Beratung und Förderung bei einer Lese-Rechtschreib-Schwäche zählen laut KMK-Beschluss zu den regulären Aufgaben der Schule © p!xel 66 - Fotolia.com

Der Beherrschung der Schriftsprache spricht die Kultusministerkonferenz (KMK) eine besondere Bedeutung zu, da sie für die sprachliche Verständigung, für den Erwerb von Wissen und Informationen sowie für den Zugang zum Beruf und für das Berufsleben erforderlich sei (vgl. KMK 2007, S. 2).

Der Beschluss ist nicht auf bestimmte Schularten beschränkt, womit alle Lehrer in der Pflicht sind. Wie keine andere Vorschrift zuvor, steckt der KMK-Beschluss den Rahmen für Differenzierung und individuelle Förderung zugleich weit, aber auch präzise ab, sowohl in der Breite – er betrifft alle allgemeinbildenden Schulen – als auch in die Länge – er verpflichtet die Lehrer zur Hilfe bis zum Ende der Sekundarstufe I.

In ihrem Beschluss vom 04.12.2003 in der Fassung vom 15.11.2007 formuliert die KMK im Abschnitt I, wie Schule von der Diagnose über die Beratung bis hin zur Leistungsbewertung die Schüler unterstützen sollte.

„Die pädagogische, psychologische und medizinische Forschung" bei der Diagnose einer Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) sei kontrovers diskutiert und Fragen nicht abschließend geklärt, so formuliert die KMK in ihrem Beschluss. „Unbestritten ist, dass die Diagnose und die darauf aufbauende Beratung und Förderung der Schülerinnen und Schüler mit besonderen Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben zu den Aufgaben der Schule gehören“ (KMK 2007, S. 1).

Neue Aufgabengebiete für Lehrer: Diagnose, Beratung, Förderung

Die Herausforderung: Über die Tätigkeit der „traditionellen“ Wissensvermittlung hinaus müssen Lehrer „neue“ Tätigkeiten kompetent ausführen, nämlich Diagnose, Beratung und Förderung. Diese zählen zu den „ganz regulären“ Aufgaben der Schule, die nicht länger an außerschulische Träger oder Akteure übertragen werden können.

Über die Zielgruppe der durchschnittlich und überdurchschnittlich leistungsfähigen Schüler hinaus, müssen Schulen sich auch Schülern „mit besonderen Schwierigkeiten“ intensiv zuwenden. Auch hier kann die Zielgruppe nicht weiter auf Hilfen durch außerschulische Professionen verwiesen werden.

„Dazu ist es wichtig, Lernschwierigkeiten frühzeitig zu erkennen, um mit der Förderung möglichst frühzeitig beginnen und einen individuellen Förderplan entwickeln zu können. Grundlage für die förderdiagnostische Tätigkeit ist die Beobachtung

  • des sprachlichen, kognitiven, emotional-sozialen und des motorischen Entwicklungsstands,
  • der Lernmotivation im Lesen und Schreiben und
  • der Wahrnehmungsleistungen und -kompetenzen der einzelnen Schülerin oder des einzelnen Schülers mit besonderen Lernschwierigkeiten.

Daher ist die Beobachtung der Lernausgangslage, insbesondere in der Klassenstufe 1, von besonderer Bedeutung“ (KMK 2007, S. 1).

Die Herausforderung: Indem die KMK den Lehrern die „Beobachtung“ als originäres Diagnoseverfahren überträgt, erteilt sie mit ihrem Beschluss der medizinischen Diagnose mit den standardisierten Tests, anderen Untersuchungen und dem daraus folgenden Gutachten für den Gültigkeitsbereich des gesamten Schulsystems eine klare Absage. Alle Maßnahmen, die außerhalb des Schulsystems stattfinden, sind allerdings hiervon nicht betroffen, denn sie fallen auch nicht in die Zuständigkeit der Kultusminister.

Für die Schulen heißt das, dass nicht mehr die spezialisierten Experten mit objektivierten, wissenschaftlich aufwändig erarbeiteten „Werkzeugen“ die Diagnose einer LRS durchführen, sondern die Lehrer mit dem nicht ganz objektiven „Werkzeug“ der Beobachtung. Im „traditionellen“ Berufsverständnis musste ein Lehrer nur die kognitiven Leistungen des Schülers und in begrenztem Umfang dessen Arbeits- und dessen Sozialverhalten einschätzen. Die hier nun geforderten Inhalte der Beobachtung gehen deutlich über das hinaus und schließen auch ein, den „sprachlichen und den motorischen Entwicklungsstand“ des Schülers sowie „Wahrnehmungsleistungen und -kompetenzen“ zu erfassen.

Die Beobachtungskompetenz der Lehrer muss dem erweiterten Themenkatalog gerecht werden, allerdings braucht sie nur der Situation im Unterrichtsalltag zu genügen und muss nicht den Standard einer wissenschaftlichen Datenerfassung erfüllen.

Unterrichtsentwicklung zur individuellen Förderung

„Die Schule entwickelt Arbeitsformen“, formuliert die KMK (2007, S. 1). „Ein Lese- und Schreibunterricht, der am jeweiligen Lernentwicklungsstand des Kindes ansetzt, ausreichend Lernzeit gibt und die Ergebnisse gründlich absichert, ist die entscheidende Grundlage für den Erwerb der Fähigkeit zum Lesen und Rechtschreiben.“

Die Herausforderung: Lehrer sind folglich dazu angehalten, den Unterricht individuell an dem Lernentwicklungsstand der Schüler auszurichten, statt sich „traditionell“ am Lernstand der gesamten Klasse oder einiger weniger Niveaustufen zu orientieren. Lehrer haben im Lese- und Schreibunterricht jedes Kind einzeln im Blick und müssen dabei berücksichtigen, dass unter Umständen alle Kinder an unterschiedlichen Aufgaben arbeiten und alle unterschiedlich viel Zeit für die Erledigung benötigen.

Nicht zuletzt „werden in der Auswertung förderdiagnostischer Beobachtungen Förderpläne/Lernpläne entwickelt und für den individuell fördernden Unterricht genutzt. Sie sollen im Rahmen des schulischen Gesamtkonzeptes mit allen beteiligten Lehrkräften, den Eltern sowie den Schülerinnen und Schülern abgesprochen werden. Sie bilden die Grundlage für Maßnahmen der inneren und äußeren Differenzierung“ (KMK 2007, S. 1).

Die Herausforderung: Jedes einzelne Kind erhält somit seinen individuellen Lehrplan. Dem bislang gültigen Konzept des Förderunterrichts erteilt der Beschluss eine klare Absage. In der Vergangenheit wurden mit allen „Förderkindern“ mit ähnlichem Rechtschreibphänomen gleiche Übungen durchgeführt oder aus Diktat-Übungsbüchern Diktate abgearbeitet. Jetzt gilt: Jeder Schüler hat seine individuelle Problemlage und dafür soll er seine individuellen Hilfen bekommen. Sowohl Problemlage als auch Hilfen werden im Förderplan bzw. Lernplan schriftlich festgehalten.

Der Förderplan soll dann nicht nur dem einzelnen Lehrer für sein Vorgehen im Unterricht dienen. Zur Transparenz und zur breiten Unterstützung der notierten Maßnahmen wird Rechtschreibförderung des einzelnen Kindes zum Gemeinschaftsprojekt vom gesamten nahen Umfeld dieses Kindes.

Leistungsbewertung

Die Notenvergabe für Leistungen von Schülern mit LRS unterliegen laut KMK zwar geltenden Maßstäben der Leistungsbewertung, doch ist ein Nachteilsausgleich oder ein Abweichen von den allgemeinen Grundsätzen der Leistungsbewertung beim Erlernen von Lesen und Rechtschreiben möglich, der aber mit andauernder Förderung in den höheren Klassen wieder abgebaut werden könne. Als Nachteilsausgleich sind etwa die Ausweitung der Arbeitszeit, zum Beispiel bei Klassenarbeiten, vorgesehen, das Bereitstellen von technischen und didaktischen Hilfsmitteln, zum Beispiel Audiohilfen und Computer, oder der Einsatz methodisch-didaktischer Hilfen, zum Beispiel Lesepfeil, größere Schrift, optisch klar strukturierte Tafelbilder und Arbeitsblätter.

Die Herausforderung: Beim Ergebnis wird bei allen Schülern folglich der gleiche Maßstab angelegt. Dies betrifft die Anzahl der richtigen Wörter und Anzahl der Fehler im gleichen Text. Der Nachteilsausgleich darf sich nur auf den Weg zu diesem Ergebnis beziehen. Um einen Nachteilsausgleich gewähren zu können, muss in den Wochen und Monaten vorher der „Nachteil“ genau diagnostiziert und seine Folgen abgeschätzt werden: Wer schlecht hört, braucht eine Hilfe zum Hören und nicht etwa mehr Zeit oder eine größere Schrift. Wer schlecht sieht, braucht nicht einfach nur eine Ausweitung der Arbeitszeit oder einen Computer als Schreibhilfe. Wer eine schlechte Aufmerksamkeitsspanne hat, aber in den letzten Wochen fleißig geübt hat, für den könnte das „Zerlegen“ eines Diktats in drei Teile mit ganz kurzen Pausen ein viel passenderer Nachteilsausgleich sein, als mehr Zeit oder technische Hilfsmittel. Kurz: Ohne genaue Diagnose des „Nachteils“ gibt es keinen sinnvollen Nachteilsausgleich.

Als Abweichungen von den allgemeinen Grundsätzen der Leistungsbewertung formuliert die KMK (2007, S. 3) das Einordnen der schriftlichen und mündlichen Leistung auf Basis des individuellen Lernstands unter Berücksichtigung von Anstrengungen und Lernfortschritten, vor allem in der Grundschule; die stärkere Gewichtung mündlicher Leistungen, insbesondere in Deutsch und in den Fremdsprachen, den Verzicht auf eine Bewertung der Lese- und Rechtschreibleistung nicht nur im Fach Deutsch, sondern auch in anderen Fächern und Lernbereichen, die Nutzung des pädagogischen Ermessensspielraumes und zeitweise Verzicht auf die Bewertung der Rechtschreibleistung in Klassenarbeiten während der Förderphase. Alle Abweichungen müssen in den individuellen Förderplänen bzw. Lernplänen der Schüler formuliert und dokumentiert sein.

Die Herausforderung: Bevor eine Rechtschreibleistung eine nicht übliche Bewertung erhalten kann und bevor die Noten ausgesetzt werden können, sollte das im Förderplan festgelegt worden sein. Der individuelle Förderplan ist die Grundlage für jede sinnvoll zu begründende Abweichung in der Bewertung. Nach den Diktaten muss diese Abweichung dokumentiert werden.

„In Zeugnissen kann vor allem in der Grundschule in besonders begründeten Ausnahmefällen auf die Bewertung der Leistungen im Lesen und Rechtschreiben zeitweise verzichtet werden. Entsprechendes gilt – soweit dies vorgesehen ist – für die Erteilung von Teilnoten im Lesen und Rechtschreiben“ (KMK 2007, S. 3).

Vor allem in der Primarstufe habe die Leistungsbewertung eine pädagogische Komponente. Sie motiviere zudem Schüler zur Weiterarbeit oder zur Verbesserung der Leistung. Abweichungen von den allgemeinen Grundsätzen der Leistungsbewertung seien jedoch in geeigneter Weise im Zeugnis zu vermerken, so der Beschluss der KMK (2007, S. 4).

„Bei der Entscheidung der Schule über die Versetzung oder über den Übergang in eine weiterführende Schule ist vorrangig die Gesamtleistung der Schülerin oder des Schülers zu berücksichtigen, da es sich dabei auch um eine Prognoseentscheidung handelt. (...) Die Feststellung, ob die Voraussetzungen für die Anpassung der äußeren Prüfungsbedingungen an die besonderen Bedürfnisse des betroffenen Prüflings vorliegen, ist eine schulische Entscheidung, die einer landesrechtlichen Regelung bedarf. Eine der Prüfung unmittelbar vorangegangene mehrjährige schulische Förderung ist ein Indiz für die Gewährung eines Nachteilsausgleichs“ (KMK 2007, S. 4).

Neue Anforderungen an die Lehrerausbildung

Nicht zuletzt die individualisierte Unterrichtkonzeption und -durchführung setzt bei Lehrern spezifische Kompetenzen voraus: „Die Vermittlung der Fähigkeit, Schülerinnen und Schüler mit besonderen Schwierigkeiten im Lesen und im Rechtschreiben zu fördern, ist eine Aufgabe der Lehrerbildung in allen Phasen“, wie die KMK (2007, S. 2) fordert. „Dazu gehören, besonders für die an Grundschulen tätigen Lehrkräfte, die Ausbildung in der Didaktik und Methodik des Erstlese- und Erstschreibunterrichts, die Diagnosefähigkeit, die Entscheidung über Bereiche der Förderung und die Erarbeitung von Förderplänen/Lernplänen.“

Darüber hinaus ist es erforderlich, dass sich Lehrer Wissen über LSR –„Zustandekommen, Erscheinungsbild, Ausmaß und Folgen“ (KMK 2007, S. 1) – aneignen, um Eltern entsprechend beraten zu können. Denn die „umfassende Information der Eltern“ gehört laut KMK zu weiteren Aufgaben der Lehrer. „Sie geben Hinweise auf häusliche Unterstützungsmöglichkeiten, die von den Eltern umzusetzen sind. Eltern „erhalten Hinweise auf die jeweils angewandte Lese- und Rechtschreibmethode, auf die besonderen Lehr- und Lernmittel, auf häusliche Unterstützungsmöglichkeiten, geeignete Fördermaterialien, Motivationshilfen und Leistungsanforderungen“ (KMK 2007, S. 2).

Da die schulische Bildung der Länderhoheit unterliegt, ist der KMK-Beschluss inzwischen in allen Bundesländern in Form von Verwaltungsvorschriften verabschiedet und veröffentlicht worden. Die Verwaltungsvorschriften, die untereinander länderspezifisch leicht variieren, sind für die unterrichtenden Lehrer verpflichtend.

Karl Gajewski

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