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Praxistipps Lernlücken

Lernbrücken gegen Lernlücken

Die Herausforderung von Lernschwächen ist sicher nicht neu und war auch vor der Corona-Krise ein Thema. Doch es hat sich noch einmal verschärft. Welche Möglichkeiten Lehrer und Lehrerinnen jetzt haben, erfahren Sie in diesem Beitrag. 

Praxistipps Lernlücken: Lernbrücken gegen Lernlücken Praxistipps für Lernlücken © Dragon Tiger 8 - stock.adobe.com

Wie reagiert die Politik auf die Lernlücken durch Schulschließungen und Wechselunterricht bei Kindern und Jugendlichen? Bundesbildungsministerin Anja Karliczek setzt auf eine Nachhilfe-Offensive im Herbst 2021. Im Gespräch ist dafür ein Budget von einer Milliarde Euro, und starten soll das Projekt im Herbst 2021.

Das ist zu spät und das Geld wird nicht reichen, kritisieren verschiedene Lehrer/-innen-Verbände und Bildungsexperten. Denn während die Bundesbildungsministerin davon ausgeht, dass „20 bis 25 Prozent“ der schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen „vermutlich große Lernrückstände – vielleicht sogar dramatische“ haben, schätzt der Deutsche Lehrerverband (DL), dass „mindestens 80 Prozent der Schüler wegen der Corona-Krise eine zusätzliche Lernförderung brauchen“, so der Artikel „Karliczek: Mindestens jeder fünfte Schüler hat vermutlich dramatische Lernrückstände“ (im Folgenden abgekürzt mit N4T) im Bildungsmagazin News4teachers.

Schulferien kürzen, Schuljahr verlängern ...

Um Lernrückstände zu kompensieren, braucht es personelle und zeitliche Ressourcen. Wo sollen die herkommen? Auch dafür liegen verschiedene Vorschläge auf dem Tisch, die Anette Kuhn auf der Website „Das Deutsche Schulportal“ (im Folgenden abgekürzt mit DDS) zusammenfasst: Bildungsforscher Marcel Helbig etwa hält es für sinnvoll, das Schuljahr 20/21 bundesweit bis Weihnachten zu verlängern. Das zöge jedoch einen ganzen Rattenschwanz an Konsequenzen nach sich: Universitäten und Ausbildungsstätten müssten sich an die neuen zeitlichen Gegebenheiten anpassen, und „unzählige Bestimmungen“ müssten geändert werden, z. B. „Gesetze im Bund, in den 16 Ländern, (...) der Handwerkskammern“ – ein „Kraftakt, wie auch Marcel Helbig im Interview mit dem SPIEGEL zugibt.

Die SPD-geführten Länder schlagen hingegen vor, „rund jedem fünften der 11 Millionen Schüler [sic!] (...) über ein ganzes Schuljahr zwei Stunden pro Woche oder über ein halbes Schuljahr vier Stunden“ zusätzlichen Unterricht anzubieten (N4T). Doch nach dem Ausfall von vielen Hundert Präsenz-Unterrichtsstunden in allen Klassen erwartet DL-Präsident Heinz-Peter Meidinger, „dass eine Lernförderung über mehr als nur ein Schuljahr laufen müsse“ (ebd.). Und der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Udo Beckmann hält es sogar für nötig, bei der zusätzlichen Förderung „auf eine zeitliche Begrenzung zu verzichten“ (ebd.).

Die KMK bringt ein „freiwilliges zusätzliches Lernjahr“ ins Spiel – ein Vorschlag, den auch viele Lehrer/-innen unterstützen. (DDS) Auf wenig Gegenliebe bei der Lehrerschaft stoßen hingegen Initiativen oder Pläne einzelner Bundesländer, Ferien zu kürzen oder zu streichen: Das zeigt z. B. die Spontanbefragung des Deutschen Schulportals unter dem oben verlinkten Artikel, bei der eine überwältigende Mehrheit der Lehrkräfte (am 20.04.21 waren es 86 Prozent) eine Kürzung der Schulferien ablehnt (ebd.).

Mit Vergleichsarbeiten systematisch Lernstände ermitteln

Bisher (Stand April 2021) gibt es „keine bundesweiten Lernstandserhebungen“ und auch keine repräsentative Studie über das Ausmaß der Lernrückstände bei den Schüler/-innen (DDS). „Wir brauchen dringend diagnosebasierte, wissenschaftlich fundierte Förderkonzepte“, fordert jedoch die Fokusgruppe Bildungspolitik der Heinrich-Böll-Stiftung in ihrem E-PAPER „Blindflug beenden und stark aus der Krise kommen“. Das sei dann die „Grundlage“ für „verbindliche zusätzliche Fördermaßnahmen“ (ebd., S. 6). Eine erste Möglichkeit zur Ermittlung der Lernstände aller Viertklässler/-innen in den Fächern Mathematik und Deutsch biete der IQB-Bildungstrend 2021 im Mai 2021. Dieser könnte „um geeignete Aufgaben und Fragebögen ergänzt werden, um eine Einschätzung der pandemiebedingten Auswirkungen (...) zu erlauben“ (ebd., S. 5). Falls die Zeit dafür zu knapp ist, könnten die Länder „eine ggf. im Umfang reduzierte Untersuchung zu Beginn der 5. Jahrgangsstufe beauftragen (....), um dann in den folgenden Schuljahren gezielte Maßnahmen entwickeln zu können“ (ebd.). Zudem sollten sie – nach dem Vorbild Nordrhein-Westfalens – die zentralen Vergleichsarbeiten in der 8. Jahrgangsstufe (VERA 8) „verbindlich auf den Beginn des Schuljahres 2021/22“ verlegen, um sich ein Bild von der Lernausgangslage in Klasse 9 zu machen (ebd., S. 6).

Weil diese Monitoring-Studien allein „keine Hinweise auf individuelle Förderbedarfe“ geben, raten die Bildungsexperten der Heinrich-Böll-Stiftung anschließend zu „einer aussagekräftigen Individualdiagnostik“. Dabei muss das Rad nicht neu erfunden werden: Die Länder könnten einfach „die zahlreichen vorhandenen, qualitätsgesicherten“ Instrumente zur klassenbezogenen oder individuellen Lernstandsdiagnostik auf einer digitalen bundesweiten Plattform für alle Schulen in Deutschland verfügbar machen, z. B. auf Mundo oder „Wir lernen online“ (WLO), schlägt der Fokuskreis vor (ebd., S. 7).

Individuelle Lernbetreuung mit Corona School e. V.  

Auf der Website Corona School gibt es kostenfreie Lernunterstützung für Kinder und Jugendliche. Lehramtsstudentinnen und -studenten „mit Nachhilfeerfahrung“ betreuen Schüler/-innen digital per Video-Chat. Auch „1:1-Projektcoaching“ ist möglich, und „interdisziplinäre Online-Kurse“ sollen „Schüler*innen befähigen, kollaborativ an gesellschaftsrelevanten Themen zu arbeiten, Zukunftskompetenzen aufzubauen und in den Austausch mit Expert*innen zu kommen“.

Das Angebot richtet sich dabei speziell an Kinder und Jugendliche, „die herkömmliche Nachhilfe aufgrund persönlicher, sozialer, kultureller oder finanzieller Ressourcen nicht oder nur sehr schwer wahrnehmen können“. Eine gute Sache im Dienste der Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit! 

Maßnahmen gegen den Corona-Gap auf Schulebene

Noch stecken die meisten Bundesländer mitten in der dritten Corona-Welle: Die Schulen sind vielerorts geschlossen, und die Öffnungsphasen mit Präsenzunterricht sind oft viel zu kurz für eine systematische Förderung jedes einzelnen Kindes oder Jugendlichen gemäß seinem individuellen Lernstand. Trotzdem können Schulen und Lehrkräfte schon jetzt diejenigen Schüler/-innen identifizieren, die zusätzliche Förderung benötigen.

Geeignete Maßnahmen auf Schulebene haben die Schulpsychologen in Nordrhein-Westfalen auf ihrer Website zusammengestellt.

Zunächst überlegt das Kollegium „in Konferenzen“, welche Bedeutung der Corona-Gap für die Schule hat. Welche und ungefähr wie viele Schüler könnten betroffen sein? Mit welchen schulorganisatorischen Maßnahmen ließe sich das Problem abfangen?

Durch starres Festhalten an Vorgaben fallen Schüler/-innen mit Lernlücken noch weiter zurück und verlieren vollends den Anschluss. Deshalb halten die Schulpsycholog/-innen auch die folgenden Fragen für wichtig: Welche Möglichkeiten für „flexible Lösungen“ bieten die gesetzlichen Vorgaben und „Systemregeln“? Wo gibt es Freiräume bei Vorgaben für Versetzungen, Anzahl von Klassenarbeiten, Zeitpunkt von Prüfungen, Gewichtung einzelner Noten etc.? Diesbezüglich könnte sich das Kollegium auch schon während der Distanzphasen in der dritten Welle Gedanken machen.

Schüler/-innen kommen „anders“ zurück in die Schule

Auch sollte jeder Lehrkraft bewusst sein, dass die Schüler/-innen „anders wieder zurück zur Schule kommen“. „Dieses ‚Anders‘ gilt es zu berücksichtigen und als Erklärung von Verhaltenszuschreibungen zugrunde zu legen“, raten die Schulpsychologen. Das bedeutet, sich jeden einzelnen Fall genau anzusehen, die individuelle Lernausgangslage zu berücksichtigen und ggf. auch bei den Schüler/-innen bzw. deren Eltern nachzufragen, wie im folgenden Beispiel: Eine Siebtklässlerin verhält sich nach der Corona-Zwangspause in der Schule anders. Die vorher auch nur mittelmäßige Schülerin ist jetzt still und zieht sich zurück, ihre Hausaufgaben sind immer wieder unvollständig.

Ohne genaueres Hinsehen raten die Lehrer/-innen ihr nun vielleicht am Ende des Schuljahres, die Klasse zu wiederholen. Auf Nachfrage aber hätte sich gezeigt, dass das Kind durch einen Krankheitsfall zu Hause stark belastet war: Die Familie hatte sich abgeschottet, um eine Corona-Ansteckung des betroffenen Familienmitgliedes zu vermeiden, und es war mit dem pubertierenden Mädchen immer wieder zu Konflikten gekommen. Hier wäre also ein „frühzeitiges Beratungsgespräch“ mit der versetzungsgefährdeten Schüler*in und ihren Eltern „eine erste, niedrigschwellige Maßnahme“(ebd.). Das Kind fühlt sich gesehen, ist motiviert und aufgeschlossen für „gemeinsame Vereinbarungen zu individuellen Fördermaßnahmen“.

Lernstandsscreening und Feedback geben

Bei einer schnellen Einschätzung der individuellen Situation Ihrer Schüler/-innen – auch im Vorfeld während Distanzunterrichtsphasen – helfen zwei Fragebögen (ebd.). Mit dem Selbsteinschätzungsbogen bekommen Sie einen ersten Eindruck, wie belastend die Auszeit für Ihre Schüler/-innen war und wie gut oder weniger gut das Lernen zu Hause gelaufen ist. Die Ergebnisse können dann zudem in das „Screening für Lehrkräfte“ einfließen (ebd. zum Download). Hilfreich wäre es dabei auch, wenn sich die Fachkollegen untereinander über ihre Einschätzungen abstimmen.

Um ein genaues Bild zu erhalten, sollten Lehrkräfte auch:
  • kurze Einzelgespräche führen,
  • die abgegebenen Aufgaben in der Zeit der Schulschließungen noch einmal sichten,
  • diagnostische Tests durchführen und den Schüler/-innen erklären, warum,
  • den „(zeitökonomischen!)“ Austausch mit Fachkolleg/-innen suchen und die Ergebnisse bündeln.

Entlastend bei der Vorbereitung des individuellen Förderunterrichts sind „leistungshomogene Gruppen“. Und bei Feedbackgesprächen sehen die Schüler/-innen, wo sie stehen und welche Lerninhalte nachzuarbeiten sind.

Martina Niekrawietz


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