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Übungen gegen Legasthenie

Montessori-Prinzipien proaktiv bei Legasthenie einsetzen

Legasthenie zieht meist weitere Probleme wie ein mangelndes Selbstbewusstsein mit sich. Daher ist es wichtig, Kinder mit Legasthenie gezielt zu unterstützen. Dabei helfen Montessori-Prinzipien.  

Übungen gegen Legasthenie: Montessori-Prinzipien proaktiv bei Legasthenie einsetzen Mit allen Sinnen Rechtschreibung lernen © markkujath.com - stock.adobe.com

„Das macht ja richtig Spaß!“, freut sich eine Schülerin mit schlechten Deutschnoten. Es liegen Probleme im Rechtschreiben vor und sie hat Notenschutz aufgrund des ausgestellten Legasthenie-Attests. Aber sie „möchte endlich richtig schreiben können“ – und meint damit sowohl Rechtschreibung als auch eine ordentliche Handschrift. „Und das soll Deutsch-Nachhilfe sein?“, wundert sie sich - wir knüpften vor wenigen Tagen vor dem eigentlichen Lernen Freundschaftsbänder, falteten kleine Glückssterne aus Papierstreifen und übten Linienführung mit Stiften. Alles mit dem Ziel, jetzt schwierige Wörter korrekt zu schreiben – sowohl die einzelnen Buchstaben als auch die richtige Schreibweise.

Probleme durch die Legasthenie

Legasthenie wird in der Medizin und Psychologie mit „Entwicklungsstörung beim Erlenen des […] Schreibens von Wörtern“ erklärt. Das Wort „Störung“ ist fachlich auf das Lernen von Rechtschreibung und die Rechtschreibleistung bezogen zwar treffend, lässt das betroffene Kind allerdings meist ungewollt als unfähig und geistig zurückgeblieben erscheinen. Oder es meint, etwas sei mit ihm nicht in Ordnung. Allerdings sollte und darf dieses isolierte Phänomen nicht dem Individuum als Charakterbezeichnung übergestülpt werden, sodass es sämtliche Lebensbereiche negativ beeinflusst!                                                                                                                                

Etliche Schüler/-innen mit Legasthenie/Rechtschreibstörung können ihren Fokus bzw. Lernwillen auf andere Inhalte und Fächer lenken. Manche dagegen entwickeln (psychosomatische) Beschwerden, weil das „Nicht-richtig-schreiben-Können“ ihnen als permanent anwesend, in alle Lebensbereiche dringend, vorkommt. Aus einer vorliegenden Legasthenie/Rechtschreibstörung resultierende Probleme gilt es zu verhindern. Und sie kann gelindert, wenn nicht gar behoben werden. Je eher damit begonnen wird, desto bessere Resultate werden erzielt.

Umfassende Wahrnehmung der Sinne ist beim Lernen nicht nur motivierend, sondern auch grundsätzlich wichtig, um überhaupt und einfacher Rechnen, Sprechen, aber auch Lesen und Schreiben richtig lernen zu können.

Der Einsatz der Sinne beim Lernen

Durchs Verwenden unterschiedlichster Sinne werden beide Gehirnhälften beansprucht. Die rechte Hand wird von der linken, die linke Hand von der rechten gesteuert, umgekehrt vermittelt die linke Hand der rechten Hemisphäre Informationen und die rechte Hand der linken. Die linke Hälfte ist überwiegend für Logik, Mathematik, Reihenfolgen und Sprache zuständig, die rechte eher für Intuition, Emotionen, Rhythmus, Vorstellungen und Bilder sowie Musik.

Das Gehirn arbeitet insgesamt vielschichtiger, wenn immer wieder sowohl die rechte als auch linke Hemisphäre verwendet wird (Rita Messmer: Mit […] Kindern [L]ernen lernen). Ein beispielsweise rechtshändiges legasthenes Kind das korrektes Schreiben lernen will, muss demnach ebenfalls die linke Hemisphäre (zuständig für Zeichen, Sprache…) aktivieren. Das kann durch Bewegungen passieren, die auch nach links verlaufen: Klettern, einbeinigesHüpfen, Schwungübungen mit dem Stift und Schreibschriften (!), die in alle Richtungen verlaufen. Klassische Kinderspiele wie das gegenseitige Sprüche-Klatschen, Gummihüpf, Ball prellen, „Blinde Kuh“ u. a. schulen unterschiedlichste Sinne.

Arbeiten also immer wieder beide Hemisphären durch unterschiedlichste Aktivitäten wie Fühlen, Tasten, Basteln, Rennen, Hüpfen, Klettern, Zuhören, Singen, Zählen usw., bilden diese Verknüpfungen untereinander. Informationen können schneller abgerufen, erfasst und abstrakte Zusammenhänge gebildet werden. Das bedeutet, dass es Kindern, die sich auf unterschiedlichste Weise beschäftigen, leichter fällt, auch richtig Schreiben zu lernen! „Sensorische Integrationen kommen [nämlich] […] durch die Eigenwahrnehmung des gesamten Körpers zustande. […]. […] Der Zusammenhang von Intelligenz und Bewegung, Körper und Geist, Kopf und Hand ist das zentrale Thema der Montessori-Pädagogik." (Nina Hellwig: Mit Montessori Legasthenie behandeln). Die sog. Fernsinne Hören und Sehen, die im Alltag und in der Schule oft Anwendung finden, können das gesamtheitliche Lernen nicht ersetzen!

Was ist aber, wenn nun schon das Problem der Legasthenie/Rechtschreibstörung besteht? Es ist aufwändiger, zu beheben als vorzubeugen – es ist aber möglich.  

Montessori-Prinzipien bei Legasthenie

Die eingangs genannten Übungen fördern die Hand-Auge-Koordination. Auch ist das Erfassen von Materialien und Formen wichtig fürs Erkennen unterschiedlicher Buchstabenformen und Führen eines Stiftes/Füllers mit den Fingern, denn es verknüpft beide Gehirnhälften. Dies alles bedingt sich gegenseitig und ist fürs Lernen von Abstraktem wie Lesen und Schreiben wichtig. Nach Montessori ist „Die Hand […] das Organ des Geistes“ und „Die Hände sind Werkzeuge der menschlichen Intelligenz.“ (Nina Hellwig: Mit Montessori Legasthenie behandeln).                                                                                                                             

Folgende Prinzipien können hilfreich sein, „dieser Schwäche“ spielerisch, ansprechend und fürs Kind ganz nebenbei zu begegnen und sie zu beheben – es wird motiviert, zu üben und zu lernen.     

Den Tastsinn fördern

Der Tastsinn kann durch unterschiedliche Materialien und Oberflächen wie Sand, Kork, Schnur, Knete… gefördert werden.

Hier sind mehrere Schritte sinnvoll:

  1. Zuerst werden das Objekt sowie das Wort angesehen und nachgefahren.
  2. Dann wird das Ganze mit geöffneten Augen, dabei aber wegsehend, wiederholt
  3. und schließlich werden mit geschlossenen Augen die Hände und Finger geführt.

Das Betasten, Nachfahren von Wörtern auf den genannten Oberflächen baut ein „Gedächtnis der  Muskeln und Haut“ auf.                                                                                                                                               

Das Fingerspitzengefühl entwickelt sich beispielsweise durch Greifen im Pinzettengriff. Das Kind greift dabei z. B. größere Holzperlen mit Zeigen Finger und Daumen, fädelt diese auf einen am anderen Ende verknoteten Schnürsenkel. Dies wird nacheinander mit dem Mittelfinger und Daumen und allen Perlen, dem Ringfinger und Daumen, dem kleinen Finger und Daumen wiederholt – zuerst mit geöffneten Augen, dann mit Wegsehen und zum Schluss mit geschlossenen Augen. Anschließend erfolgt diese Übung mit der anderen Hand. Auf diese Art lassen sich auch Spielzeugtiere, Obstsorten oder Buchstaben aus Kunststoff betasten.                                                                                                                                                  

Buchstaben lassen sich auch aus Knetmasse formen oder aus Salzteig, aus Schnüren legen oder ausschneiden. Die Stangenknete ist weicher Masse vorzuziehen, da sie zuerst weichgeknetet werden muss, was die Handmuskulatur trainiert. Großen Elternbuchstaben werden anschließend kleine Kinderbuchstaben an die Seite gestellt. Der Fantasie beim Lernen sind keine Grenzen gesetzt. Wichtig ist aber den Sinn fürs große Ganze im Blick zu behalten.   

Das Sehen mit einbeziehen

Das Unterscheiden von Farben und Formen mit Farbtäfelchen, Farbenmischen, Bauen und Stecken mit Bausteinen, Formen mit Knete (Brezeln, Buchstaben, Zahlen), das Schleife Binden, Weben, Flechten usw. schult das Auge und  Gehirn. Darüber hinaus können Schüler/-innen ähnliche Buchstaben und Ziffern wie b und d, p und q, w und m, 3 und E, 5 und S usw. besser unterscheiden.                                                                                                                                                  

Das Einprägen von Wortbildern, das sog Ganzworterfassen ist ebenfalls hilfreich beim Lesen- und Schreibenlernen. Die Abbildung einer Sonne wird mit dem Wort „Sonne“ zusammenfügt. So können Wortbilder erarbeitet und sich eingeprägt, unterschiedliche Phoneme und deren Schreibweisen, -möglichkeiten gelernt und unterschieden werden (z. B. Lid + Lied, Seite + Saite, Geld und Gold u. a.).

Einbeziehen des Hörens

Es kann, je nach Problem, auch sinnvoll sein, den Gehörsinn zu fördern, um phonologische Bewusstheit zu schulen. Dazu gibt es unterschiedliche Materialien wie Geräuschedöschen, Glöckchen, Musikinstrumente. Dazu auch optische (Handbewegungen, Handzeichen) oder haptische Erlebnisse zu kreieren (Gummiband dehnen bei „gedehnten, langausgesprochen-en Wörtern“ beispielsweise), ist sinnvoll.     

Weitere Ideen

Hier ist leider nur ein kleines Bouquet an Möglichkeiten aufgezeigt. Die Vielschichtigkeit würde den Rahmen sprengen. Viele weitere Anregungen finden Sie in den genannten Büchern oder im LehrerbüroMontessori-Pädagogik im Allgemeinen und Ihre eigenen Ideen zur jeweiligen individuellen Förderung können sanft aber effektiv der Problematik Legasthenie/Rechtschreibstörung entgegensteuern. Das Fördern eines mit positiven Gefühlen verbundenen Lernumfeldes trägt ebenfalls dazu „Lernblockaden“ zu lösen, da die seelische Befindlichkeit der Lernenden oftmals eine wichtige Rolle spielt.

Viele Schüler/-innen konnten mit diesen Prinzipien schon motiviert werden, lernten Neues und vor allem auch das richtige Schreiben. Durch positive Erfahrungen mochten viele „plötzlich“ das Fach Deutsch. Allerdings, so meine ich, mochten sie wohl eher die abwechslungsreichen, praktischen Methoden. Außerdem, und das ist das Wichtigste, sie erlangten Selbstbewusstsein, glaubten wieder an sich - und das ganz nebenbei.

Marylin Albert-Legniti


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