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Handynutzung kreativ thematisieren

Unterricht gegen Handysucht

Wieviel Handynutzung ist zu viel? Das ist eine Frage, über die Jugendliche mit Lehrkräften und Eltern eher ungern reden. Doch mit den Unterrichtsideen in diesem Beitrag „kriegen Sie sie“ – wetten?

Handynutzung kreativ thematisieren: Unterricht gegen Handysucht Handynutzung ist ein Thema mit vielen Facetten © Monkey Business - stock.adobe.com

„Du bist das Letzte, an das ich denke, bevor ich abends einschlafe. Und du bist mein erster Gedanke am Morgen“ – mit diesem schwärmerischen Satz beginnt der NDR-Gesundheitsexperte Dr. Johannes Wimmer seinen filmischen Beitrag. Dieser  handelt allerdings nicht von Liebeskummer, sondern thematisiert Handysucht. „3,7 Stunden – so viel Zeit verbringen wir täglich mit unserem Smartphone“, sagt Wimmer. Und dann schlägt er auch schon den Bogen zu einer exzessiven Handynutzung: „Das Blöde ist, wenn du’s übertreibst, dann stellen sich nach und nach (...) Beschwerden ein, mit denen nicht zu spaßen ist (...) und die sogar deine Gesundheit gefährden können“ (ebd., ab min 3:19), so Wimmer, der sich mit diesem Video offenbar direkt an Jugendliche wendet. Nutzt man den Film als Einstieg in eine Unterrichtseinheit über Handysucht, könnte man das Video genau an dieser Stelle stoppen und in ein Unterrichtsgespräch einsteigen: Wie nutzt du das Handy? Woran merkst du, dass du zu viel Zeit damit verbracht hast? Hast du auch schon einmal gesundheitliche Beeinträchtigungen an dir beobachtet, und wenn ja, welche?  

Doch Handysucht ist ein Thema mit vielen Facetten:  Wie merkt man, dass man süchtig ist? Und wann genau hört eine normale Nutzung auf und fängt süchtiges Verhalten an? Auch das sind wichtige Fragen, die Sie mit den Materialien und Ideen für spannende Unterrichtseinheiten aus dem folgenden Beitrag aufgreifen können. 
Risiken exzessiver Handynutzung

Exzessive Handynutzung beeinträchtigt nicht nur die physische und psychische Gesundheit (Adipositas, Rückenprobleme, Herz- und Kreislauf-Beschwerden durch mangelnde Bewegung, Schlafmangel, Depressionen und vieles mehr), sondern bringt auch noch in vielen weiteren Bereichen Probleme mit sich. Zum Beispiel: 
Soziale Kontakte nehmen ab, 

  • die Schulleistungen verschlechtern sich, 
  • Konflikte in Schule und Familie nehmen zu, 
  • Störungen der Selbstwahrnehmung treten gehäuft auf und 
  • die Gefahr, Opfer von Internetmobbing zu werden, steigt.

Wenngleich Gesundheit für viele Jugendliche einen hohen Stellenwert hat, so sind die genannten Beeinträchtigungen angesichts der vielen Lockungen und Vorteile des Smartphones vermutlich nicht so überzeugend, dass der Handykonsum deswegen eingeschränkt würde. Deshalb empfiehlt es sich, diese Risiken im Unterricht etwas näher zu beleuchten, zum Beispiel mit Hilfe der klicksafe-Broschüre „AlwaysOn“. Hier gibt es überzeugende Hard-Facts für die Kids: Sie erfahren z. B., dass 

  • sich „über 10 % aller Verkehrsunfälle aufgrund der Nutzung von Smartphones und Handys“ ereignen,
  • Handykonsum vor dem Einschlafen wach macht und das wieder löscht, was vor dem Zubett-Gehen gelernt wurde,
  • Messenger-Nachrichten zu schädlichem Dauerstress führen, da sich die meisten Jugendlichen genötigt sehen, immer sofort zu reagieren (FOMO oder Fear of Missing Out).

Diese „unerwünschten Nebenwirkungen“ erleben die meisten Jugendlichen vermutlich täglich, und „AlwaysOn“ macht sie ihnen bewusst – ein erster Schritt dazu, das Nutzungsverhalten zu reflektieren und schädliche Gewohnheiten zu ändern.

Bin ich schon süchtig?

Dazu gibt es in „AlwaysOn“ einen Selbstcheck (ebd., S. 10 des PDFs) mit vielen aussagekräftigen Indikatoren für schädliche Handynutzung in Form von Ich-Aussagen („Beim Lernen fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren, weil mein Smartphone mich ständig ablenkt“ etc.).

Die Unterrichtseinheit der BR-Reihe „so geht Medien“ widmet sich eine ganze Schulstunde lang der Frage „Ab wann bin ich abhängig von meinem Handy?“ Dabei reflektieren die Kids ihre individuelle Nutzungsdauer und überlegen zudem, wofür sie ihr Handy nutzen. Sie identifizieren „unnötige Zeitfresser“ und denken darüber nach, wieviel Handyzeit ok ist. Zuletzt erarbeiten sie einfache „Strategien zur bewussteren Nutzung“, z. B. beim Videokonsum in TikTok und YouTube „Handyfarben auf schwarz-weiß stellen“, in Whats-App Benachrichtigungen abschalten oder eine „handyfreie Zeit nehmen“.

Natürlich ist die wirkungsvollste Maßnahme gegen Handysucht die Limitierung der Zeit, die mit dem Smartphone verbracht wird. Dabei ist es natürlich sinnvoll, zunächst herauszufinden, wieviel Bildschirmzeit täglich anfällt. Und das funktioniert am besten mit einem Bildschirmzeit-Tracking-Tool. Die klicksafe-Broschüre „Smartphones souverän nutzen“ empfiehlt bei iPhones die Nutzung der Funktion „Bildschirmzeit“, und bei Android eine App, die möglichst wenig Nutzerdaten erfasst, z. B.  „Offtime“ (ebd., S. 9 des PDFs). 

10 Tipps für eine gesunde Handynutzung

In ihrer Reihe „Mach’s klar! Politik – einfach erklärt“ widmet die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg auch dem Thema „Diagnose ‚Handysucht‘ – Gefahr oder Hysterie?“ ein Heft. Es eignet   sich wunderbar dafür, dass Jugendliche das eigene Nutzungsverhalten einmal „für sich“ reflektieren und überdenken, ohne dass Lehrkräfte, Eltern oder Medienpädagoginnen oder -pädagogen gleich „den moralischen Zeigefinger“ erheben. Ein paar Beispiele für diese wenig moralinsaure Herangehensweise, die einfach nur zum Nachdenken anregt und den Kids Gelegenheit gibt, in Sachen „Handykonsum“ ihre eigene Haltung zu entwickeln:

„Es ist umstritten, ob es eine Handysucht gibt und wodurch sie gekennzeichnet ist“, heißt es da z. B. (ebd., S. 3 des PDFs). Nach dieser Aussage ist es für die Schülerinnen und Schüler natürlich interessant, was denn überhaupt eine Sucht ausmacht. Sie finden hier eine kurze einfache Definition von Sucht und die sechs Diagnosekriterien für Alkoholabhängigkeit, denen sie dann sechs entsprechende „Anzeichen für Handyabhängigkeit“ gegenüberstellen. Diese sind nicht unbedingt vergleichbar: Da wird etwa beim Alkoholismus die „Toleranzbildung“ beschrieben, bei der „für den ‚Kick‘ zunehmend höhere Dosen erforderlich“ sind. Gibt es das wirklich auch beim Handy als eine zunehmend „intensivere Beschäftigung“ damit, „um befriedigt zu werden“? Und sind die körperlichen und psychischen Entzugserscheinungen bei Alkoholsucht wirklich vergleichbar mit „Nervosität, Aggressivität, Gereiztheit, Stress oder Panik“, wenn das Smartphone mal nicht verfügbar ist? Lauter spannende Fragen, die reichlich Stoff für Diskussionen in Gruppenarbeit oder mit Freunden bieten.

Statt Verboten oder einschneidenden Einschränkungen der Handyzeit setzt auch die „Mach’s klar“-Handreichung auf Einsicht und „Tipps für einen ‚gesünderen‘ Handumgang“, die ganz leicht umzusetzen sind: „Ersetze einige Handyfunktionen wie Uhr, Wecker oder Taschenrechner durch analoge Geräte“ heißt es da zum Beispiel oder „Schalte dein Handy auf lautlos, um nicht immer abgelenkt zu werden“ (ebd., S. 4). Etwas schwieriger ist da schon „Lass dein Handy in der Tasche, wenn du dich mit Freunden triffst“, denn das bedeutet womöglich, dass die Kids gegen den Strom schwimmen müssen. Es sei denn, sie schaffen es, solche bewussten Auszeiten in der Peergroup als coole Challenge zu implementieren...

Real-Life-Challenge

Jeden Tag eine neue Smartphone-Challenge – das ist die Devise der Handysektor-Real-Life-Challenge. Hier gibt es spannende Challenges für 19 Tage, die man gemeinsam mit Freunden oder der Klasse „durchziehen“ kann. Mal verzichtet man auf Abkürzungen und schreibt alles aus, was natürlich die Anzahl der Nachrichten erheblich reduziert. Mal postet man Selfies statt Emojis. Mal zeigt man jemandem, wie man in WhatsApp Privatsphäre-Einstellungen vornimmt (muss man natürlich erst mal selber checken), mal gibt man einer Person ein Lebenszeichen, mit der man lange keinen Kontakt hatte, und mal nimmt man eine dreitägige YouTube-Auszeit. Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt, und das downloadbare Kartendeck kann beliebig mit eigenen Ideen weiter ausgebaut werden. 

Vielleicht haben Sie ja Lust, diese Real-Life-Challenges Ihren Schülerinnen und Schülern schmackhaft zu machen. Weitere Anregungen für Challenges (nicht nur zur Fastenzeit !) bietet der Beitrag „Leg doch mal dein Handy weg!“ hier in Ihrem Lehrerbüro.

Martina Niekrawietz


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