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Autismus-Spektrum-Störung

Was Lehrer über Autismus wissen sollten

Einer von 100 Schülern leidet an einer Autismus-Spektrum-Störung. Das hat Auswirkungen auf den Schulalltag. Um die besonderen Bedürfnisse und Verhaltensweisen der Betroffenen zu verstehen, sollten Lehrer gut informiert sein.

Autismus-Spektrum-Störung: Was Lehrer über Autismus wissen sollten Lehrer sind als Vermittler gefordert, wenn Autisten durch Mitschüler ausgegrenzt werden © pressmaster - Fotolia.com

„Can you make it to the end?“ ist der Titel eines noch nicht einmal eineinhalb Minuten langen Videos, das innerhalb von fünf Monaten bereits fast 4,8-Millionen Mal angeklickt wurde. Tatsächlich verlangt der kurze Film dem Betrachter einiges ab: Er zeigt den Besuch eines Einkaufszentrums aus der Perspektive eines autistischen Jungen namens Alex, und es fühlt sich an, wie in der Geisterbahn.

Ganz normale Alltagsgeräusche von Schritten, herunterfallenden Münzen oder vom Trinken mit einem Strohhalm werden unvermittelt und extrem laut wahrgenommen, der Blick hetzt von einem Detail zum nächsten und selbst freundliche Gesichter werden zur Bedrohung. Ruhiger wird Alex erst (und der Betrachter mit ihm), als er auf den Marmorboden sieht, um die Platten zu zählen. Doch die Mutter unterbricht den Selbstberuhigungsversuch („Take my hand“) und bleibt mit dem Jungen vor einer Videowand stehen. Dort fällt der Blick auf die in schneller Abfolge wechselnden Bilder, ein greller Lichtblitz und Panik kommt auf: Die akustischen und optischen Sinneseindrücke folgen immer rascher aufeinander, der Atem des Jungen wird immer lauter und schneller, bis er sich von der Hand seiner Mutter losreißt und verzweifelt schreit. — Dann Cut. Alex erklärt mit einfachen Worten seinen Zustand: „I‘m not naughty (= ungezogen). I’m autistic. And I get just too much information.“

Das Video vermittelt einen kleinen Einblick in die besondere Wahrnehmung und Verarbeitung von Umwelt- und Sinneseindrücken bei Kindern und Jugendlichen mit einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Und es macht deutlich, dass die Symptome von ASS von Außenstehenden oft falsch interpretiert werden und deshalb erklärungsbedürftig sind.

Der folgende Beitrag fasst die wichtigsten Fakten zusammen, um mit den Besonderheiten betroffener Schüler besser klar zu kommen und die Kinder und Jugendlichen im Unterricht angemessen und begabungsgerecht fördern zu können.  

Gestörte Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung

Der Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus (im Folgenden abgekürzt mit „BVA“) definiert Autismus als „eine komplexe und vielgestaltige neurologische Entwicklungsstörung“. Häufig bezeichne man Autismus-Spektrum-Störungen „auch als Störungen der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung, die sich auf die Entwicklung der sozialen Interaktion, der Kommunikation und des Verhaltensrepertoires“ auswirken, so die Autoren des BVA.

Kennzeichnend für die unterschiedlichen „tiefgreifenden Entwicklungsstörungen“ (vgl. dazu die Definition in der internationalen Klassifikation der Krankheiten ICD-10), die unter dem Oberbegriff Autismus-Spektrum-Störungen zusammengefasst werden, ist „ein reduziertes Interesse an sozialen Kontakten“ sowie ein reduziertes Verständnis sozialer Situationen“, konkretisiert das Informationsportal „Neurologen und Psychiater im Netz“. Hinzu kommen „sprachliche Besonderheiten und Einschränkungen“, vor allem „der Sprachentwicklung, aber auch der pragmatischen Anwendung von Sprache“ (ebd.).

Anzeichen, die auf eine Störung hinweisen

Grundsätzlich sind drei Hauptmerkmale bei den meisten Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung zu beobachten (vgl. dazu ausführlicher die Informationen über „Symptome und Störungsbild von Autismus-Spektrum-Störungen“ auf der Website Neurologen und Psychiater im Netz):

  1. eine gestörte soziale Interaktion,
  2. Beeinträchtigungen bei Kommunikation und Sprache,
  3. wiederholte, stereotype Verhaltensweisen und Interessen.

Diese drei Hauptmerkmale sind grundlegend bei der Diagnostik durch einen Kinder- und Jugendpsychiater. Die Diagnose basiert ausschließlich auf der Entwicklungsgeschichte und auf Verhaltensbeobachtungen“, betont Dr. Dana Schneider (in: „Diagnostische Kriterien und Standards bei Autismus-Spektrum-Störungen“, S. 3), denn „es gibt keine etablierten biologischen Marker“.

Einen Überblick über relevante Beobachtungskriterien und typische Verhaltensweisen bietet die Website der Neurologen und Psychiater im Netz, oder auch dieses Schaubild der Autismus-Therapie-Ambulanz Niederrhein.
Der Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus schildert ausführlich …

  • die „Besonderheiten im Umgang und in der Kommunikation mit Mitmenschen“ (Schwierigkeiten, soziale und emotionale Signale einzuschätzen und auszusenden, eingeschränktes Imitationsverhalten, fehlende Flexibilität im Sprachausdruck, in der Sprachmelodie, wenig begleitende Gestik etc.),
  • die „Besonderheiten im Verhalten“ (Bestehen auf Handlungsroutinen, motorische Stereotypien, Interesse an Teilaspekten von Objekten, starke Reaktionen auf Veränderungen etc.) und
  • die „Besonderheiten in der Wahrnehmung und der Verarbeitung von Umwelt- und Sinneseindrücken“, die ja das eingangs verlinkte Video über den Asperger-Autisten Alex eindrücklich gezeigt hat. Bei Überforderung kann es „sehr schnell“ zu einer „Überladung mit Sinneseindrücken“ (Sensory Overload) kommen, wie auch dieses Video auf der Website interactingwithautism.com noch einmal veranschaulicht.

Formen des Autismus: Diagnosekriterien im Umbruch

Die derzeit noch gültigen Diagnosekriterien der Weltgesundheitsorganisation (ICD-10, F84, Link s. o.) unterscheiden mehrere Formen von Autismus. Neben Rett-Syndrom und „sonstigen“ beziehungsweise „nicht näher bezeichneten tiefgreifenden Entwicklungsstörungen“ sind das vor allem die folgenden Autismus-Spektrum-Störungen:

  1. „Frühkindlicher Autismus“ (auch Kanner-Syndrom) zeigt sich bereits vor dem 3. Lebensjahr besonders deutlich (vgl. unten die Merkmale autistischen Verhaltens). Intelligenz- und Sprachentwicklung „sind meist stark verzögert bzw. gestört“, so die „Neurologen und Psychiater im Netz“ (abgekürzt „NPiN“). Etwa die Hälfte der Patienten leidet zusätzlich an einer geistigen Behinderung.
  2. Das „Asperger-Syndrom“ äußert sich hingegen meist erst im Vorschul- oder Schulalter (vgl. dazu hier). Auffälligkeiten sind in der psychomotorischen Entwicklung und in der sozialen Interaktion beobachtbar, während sich in der sprachlichen und kognitiven Entwicklung keine Beeinträchtigungen oder Verzögerungen zeigen (BVA, Link s. o.), im Gegenteil: Schüler mit Asperger-Syndrom verblüffen häufig durch „erstaunliche Fähigkeiten, Kenntnisse und Gedächtnisleistungen“ (ebd.).
  3. Der „atypische Autismus“ entspricht weitgehend dem frühkindlichen Autismus, weicht jedoch hinsichtlich einzelner Merkmale (Erkrankungsalter oder Symptomatik) von diesem Störungsbild ab. (Vgl.: NPiN)

Zunehmend werden heute „leichtere Formen der einzelnen Störungsbilder diagnostiziert“ (BVA, Link s. o.), sodass eine kategoriale Diagnostik („normal“ vs. „abnormal“) nicht mehr greift (vgl. dazu: Dr. Dana Schneider, „Diagnostische Kriterien und Standards bei Autismus-Spektrum-Störungen“, S. 6). Daher spricht man „nach neuesten diagnostischen Standards (DSM-5) von einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS)“ mit verschiedenen Schweregraden der auftretenden Probleme (ebd. S. 8).

Wenngleich die neuen diagnostischen Standards differenziertere Diagnosen (Schweregrad!) ermöglichen, so sind damit doch auch Vorbehalte verbunden, besonders aufseiten der Eltern autistischer Kinder und Jugendlicher: „Manche befürchten (…), dass es für betroffene Asperger-Autisten in Zukunft schwieriger werden wird [sic!] eine Diagnose zu bekommen oder dass durch die Möglichkeit der Klassifizierung in Schweregrade nur eine milde Form des Autismus-Spektrums bescheinigt wird“, erläutert Silke Bauerfeind in ihrem Elternblog „Ellas Blog“. Möglicherweise könnten dann notwendige Therapieformen nicht mehr genehmigt werden.

Anstieg autistischer Störungen

„Sind autistische Störungen sehr seltene oder sehr häufige Krankheitsbilder?“ Diese fast paradox anmutende Frage beantwortet ein Beitrag auf der Website der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Marburg: „Bemerkenswert ist, dass in den neueren epidemiologischen Untersuchungen ein enormer Anstieg der Prävalenzzahlen zu verzeichnen ist“, heißt es da. Den deutlichen Anstieg der Prävalenzzahlen führen die Autoren zum einen auf eine erhöhte Aufmerksamkeit für autistische Störungen „in den letzten Jahrzehnten“ zurück, zum anderen auf bessere diagnostische Möglichkeiten. Die Mediziner der Uni Marbrug gehen von einer Prävalenz von „0.6 bis 1.0 für alle Autismus-Spektrum-Stärungen insgesamt“ aus, wobei das Verhältnis von Jungen zu Mädchen bei 3 bis 4 zu 1 liege.

Dr. Dana Schneider von der Universität Jana (Link s. o., S.) referiert mit ihren „Prävalenzraten [von] 1 in 110“ auf noch aktuellere Forschungen (Weintraub, 2011) und kommt auf vergleichbare Ergebnisse.

Ursachen: verschiedene Erklärungsansätze

„Es gibt verschiedene Erklärungsansätze für die Entwicklung von Autismus, es gibt jedoch keine allgemeingültige Ursache“, so die Neurologen und Psychiater im Netz auf ihrer Website. Es sei bei ASS von „ganz“ unterschiedlichen Ursachen auszugehen, bekannt sei jedoch, „dass verschiedene biologische Faktoren eine wesentliche Rolle spielen“. So würden erbliche Dispositionen „als eine der Hauptursachen für autistische Störungen“gelten: Das Risiko für ASS sei zum Beispiel besonders hoch, wenn ein Elternteil von einer Autismus-Spektrum-Störung betroffen ist. Auch bei älteren Eltern erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für Kinder mit ASS, ebenso wie bei bestimmten „Risikofaktoren in [sic!] Schwangerschaft und Geburt“, zum Beispiel bei gewissen (Infektions-)Krankheiten, bei der Einnahme verschiedener Medikamente oder bei „eine[r] (starke[n]) Frühgeburtlichkeit“ (ebd.).

Prognose und Verlauf

Autismus „hat neurologische Gründe und ist keine temporäre psychische Störung“, betont der Sonderpädagoge Mike Stanton in seinem Artikel „Autismus verstehen: Das Problem mit Schulen“ auf der Website autismus-kultur.de. Deshalb lässt sich Autismus auch nicht „wegtherapieren“.

Wie sich eine Autismus-Spektrum-Störung entwickelt, hängt vom Schweregrad und von möglichen Begleiterkrankungen (vgl. dazu ausführlich einen Beitrag der Uniklinik Köln, ab S. 4 ff.) ab. Die Symptome der Krankheit unterscheiden sich je nach Altersstufe: In „der Kindheit sind sie meist am stärksten ausgeprägt. Im Vorschulalter entwickelt sich häufig das Vollbild der Erkrankung. Im Schulalter lässt die Schwere der Krankheit oft nach“, so die Neurologen und Psychiater im Netz auf ihrer Website (s. o.).

Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zeigt sich bei circa 50 Prozent „eine deutliche Verhaltensbesserung, während die Störung bei anderen stagniert oder sich die Krankheitsanzeichen wieder verstärken“ (ebd.). Bei normal intelligenten Patienten dieser Altersgruppe stelle sich „nicht selten“ eine Depression ein, „wenn ihnen das Ausmaß ihrer Krankheit bewusst wird“ (ebd.).

Wichtig ist in jedem Fall zunächst, „dass die Krankheit früh erkannt und die Betroffenen entsprechend behandelt und gefördert werden“. (s. o. , Neurologen und Psychiater im Netz). Wird das versäumt, so können verschiedene zusätzliche Störungen auftreten, warnen die Autoren der Website der Therapie-Ambulanz Niederrhein.

Und nicht nur das: Kinder und Jugendliche mit ASS, die sich ohnehin schwertun, sich in die Klassengemeinschaft einzufügen, werden häufig gehänselt oder gar gemobbt. Mike Stanton (Link s. o.) hält das für das „größte Problem in der Schule“ und er weiß, wovon er spricht: Sein Sohn hat das Asperger-Syndrom und „musste geflüsterten Spott wie ‚Psycho‘ und ‚Schizo‘ erleiden. Er wurde gestoßen und auf dem [sic!] Kopf geklatscht. Mädchen flirteten mit ihm. Wenn er antwortete, wurde er grausam vor den Kopf gestoßen. Wenn er sie ignorierte, wurde er der ‚Schwuli‘“.

Auch das ist für Lehrer von Schülern mit Autismus-Spektrum-Störung also eine wichtige Aufgabe: Den Mitschülern zu vermitteln, wie die Kinder und Jugendlichen mit ASS „ticken“ und Empathie und Verständnis zu wecken. – Das eingangs verlinkte Video von Alex ist ein guter Stundeneinstieg in eine Unterrichtseinheit zu diesem Thema.

Martina Niekrawietz

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