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Mediennutzung

Der etwas andere Elternabend zur Medienerziehung

Ein Elternabend zum Medienkonsum der Kinder: statt langer Vorträge praktische Übungen zu einem komplexen Thema wie Medienerziehung. Eltern kommen spielerisch in Bewegung und miteinander ins Gespräch — und das bei sehr unterschiedlichen Voraussetzungen.

Mediennutzung: Der etwas andere Elternabend zur Medienerziehung Gut ist es, wenn Eltern und Kinder sich Internetseiten gemeinsam ansehen © zinkevych - Fotolia.com

Medienerziehung kann nur gelingen, wenn man die Eltern einbezieht, betont Günter Steppich, Schulberater und Referent für Jugendmedienschutz am Hessischen Kultusministerium, auf seiner Website medien-sicher.de. Schließlich nutzen die Schüler Medien überwiegend in ihrer Freizeit, und da sind die Einflussmöglichkeiten der Schule begrenzt.

Doch die meisten Eltern fühlen sich mit dieser Aufgabe überfordert und leisten „nur sehr unzureichend Medienerziehung“, so Steppich an anderer Stelle: Die einen, weil sie „keine Lust auf permanente Diskussionen haben“ und weil es ihnen schwer fällt, ihren Kindern Grenzen zu setzen. Die anderen, weil sie nur wenig Ahnung von der Materie haben und von ihren Kindern ohnehin nicht ernst genommen würden (ebd.). Auch die medienaffinen „Digital Parents“, also die „Eltern, die auf Handys starren“, legen oft den Grundstein für einen problematischen Umgang mit digitalen Medien. Viele von ihnen leben ihren Kindern vor, wie man Handy, Tablet & Co. besser nicht nutzen sollte: mit Priorität vor Familiengesprächen oder anderen gemeinsamen Unternehmungen mit den Kindern.

Medienpädagogen sehen sich also bei der Elternarbeit einer heterogenen Zielgruppe gegenüber, die von unterschiedlichen Mediennutzungsgewohnheiten, Einstellungen und Vorkenntnissen geprägt ist. Hier wäre es sinnvoll, mit den Eltern ins Gespräch zu kommen und sie dort abzuholen, wo sie stehen. Doch wie soll das bei einem Elternabend gehen?

Vielfältige Ideen dazu versammeln Sabine Eder und Carola Michaelis im „Werkstattbuch Medienerziehung“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (im Folgenden abgekürzt mit „WBME“).

Eltern in Bewegung: 10 praktische Übungen

Mit ihrem Pool von Methoden und „Aufwärmspielen“ fokussieren die beiden Medienpädagoginnen „nicht nur auf Informationsvermittlung (...), sondern auf praktische Hilfestellungen und Tipps für den Erziehungsalltag“ (WBME, S. 129). Dabei werden alle Eltern aktiv und kommen miteinander ins Gespräch, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Weiterführende Links:

Der Jugendmedienschutz-Experte Günter Steppich gibt bei seinem zweistündigen Vortrag „Pubertät 2.0 Einblick ins digitale Kinderzimmer". Und mit seinem laufend aktualisierten „Handbuch Medienerziehung & Jugendmedienschutz“ bietet er Eltern und Lehrern einen „Crashkurs“, der sich genauso spannend wie ein Krimi liest.

Speed-Dating — ein rotierendes Partnergespräch (WBME, S. 136 ff.): Die Eltern bilden einen Stuhlkreis, und die Gruppe wird durch Abzählen geteilt („1, 2, 1, 2 ...“). Die „Einser“ nehmen ihre Stühle und setzen sich jeweils einem „Zweier“ gegenüber und tauschen sich über vom Moderator gerufene „Impulse“ aus: „In meiner Kindheit waren Medien ...“, „Wenn ich an Medienerziehung denke, dann ...“, „Computerspiele spiele ich ...“ usw. In Runde 1 spricht jeweils nur der Innenkreis (die Einser), während der Außenkreis zuhört. Der Moderator stoppt die Zeit (2 Minuten), nach deren Ablauf der Außenkreis zu einem neuen Impuls spricht. Auf ein Zeichen des Moderators rückt dann der Innenkreis jeweils zwei Plätze nach rechts, und alles beginnt mit neuen Partnern von vorn.Die Übung eignet sich als Kennenlernspiel oder als Auflockerung zwischendurch (geht auch im Stehen ohne Stühle). Danach ist garantiert jeder „wach“ und steckt mitten im Thema.

„Daumen hoch“, „Daumen runter“ — Position beziehen (WBME, S. 133 ff.): Mit Kreide oder einem Kreppband wird der Raum durch eine Linie von Wand zu Wand geteilt. Auf der einen Seite befestigt der Moderator einen Zettel mit der Aufschrift „trifft genau zu“ (oder/und Symbol „Daumen hoch“), gegenüber steht „trifft überhaupt nicht zu“ (oder/und Symbol „Daumen runter“). Jetzt beziehen die Eltern zu polarisierenden Statements Position, zum Beispiel: „Im Grundschulalter brauchen die Kinder eigene Handys“ oder „Kinder sollen so früh wie möglich an Medien herangeführt werden“. — Die Verteilung im Raum zeigt ein klares Meinungsbild. Dann tauschen sich die Eltern mit Umstehenden aus, anschließend diskutiert die Gruppe im Plenum. Am Ende fragt der Moderator die Eltern, ob sie stehen bleiben oder die Position wechseln möchten. Diese praktische Übung regt die Eltern zum Nachdenken und Sprechen über Medienthemen an. Sie sehen, wie andere Eltern dazu stehen, reflektieren die eigene Position und kommen buchstäblich in Bewegung. – Mit dieser Methode könnte zum Beispiel ein Elternabend über die FAQs der Medienerziehung durchgehend gestaltet werden. Sie könnte aber — wie alle anderen Übungen auch — als Hinführung zu einem Vortragsthema oder als Vertiefung bzw. Abschluss des Abends dienen.

Auch ein Eltern-Kind-Workshop, etwa zum Thema „Cybermobbing“, ist mit „Daumen hoch, Daumen runter“ möglich: Die Teilnehmer entscheiden dann z. B., ob es „OK oder Nicht OK“ ist, witzige Partyfotos hochzuladen, Gerüchte auf dem Schulhof oder in der WhatsApp-Gruppe zu verbreiten, der Gruppe „Schüler gegen Rechts“ anzugehören oder jemanden in einer peinlichen Situation zu filmen.

Die Freizeitpyramide (WBME, 142 ff.): Bei dieser Übung denken die Eltern gemeinsam über Medienzeiten und andere Beschäftigungen ihrer Kinder nach. Sie arbeiten dabei mit der Freizeitpyramide, die ähnlich aufgebaut ist wie die bekannte Ernährungspyramide: Die rote Spitze bedeutet „sparsam“, die gelbe Mitte „mäßig“ und die grüne Basis „reichlich“. In Kleingruppen besprechen die Teilnehmer, wie sich die Karten mit verschiedenen Freizeitbeschäftigungen (Vordrucke der Basispyramide und Aktivitäten auf S. 145 f., leere Karten können von den Eltern beschriftet werden) so auf die Pyramide verteilen lassen, dass eine ausgewogene Freizeit ohne problematischen Medienkonsum entsteht. Dabei merken die Eltern, „dass sie mit ihren Fragen und Problemen nicht allein sind, dass es anderen Eltern ähnlich geht“, so die Autorinnen.

Die Moderation lässt zunächst unterschiedliche Sichtweisen zu, gibt aber am Ende Empfehlungen zu einer „gesunden“ Freizeitgestaltung (vgl. dazu den unten verlinkten Beitrag „Vorsicht: digitale Überflutung der Kids!“).

Wissen + Elternaustausch = nachhaltige Elternarbeit

Viele Eltern fühlen sich abgehängt und meist liegt der Ball bei der Schule, wenn es darum geht, über Limits, Risiken und neue Entwicklungen aufzuklären, um die Eltern soweit „auf Stand“ zu bringen, dass sie den Medienkonsum ihrer Kinder angemessen regulieren können. Hier sind die meisten Eltern auf Input von medienpädagogisch versierten Lehrkräften angewiesen.

Die praktischen Übungen im „Werkstattbuch Medienerziehung“ bringen eine zusätzliche Qualität herein: Die Eltern setzen sich aktiv mit Fragen auseinander, die besonders oft für Konflikte mit ihren Kindern sorgen: feste Medienzeiten, eine ausgewogene Freizeitgestaltung und klare Ansagen zur Medienausstattung im Kinder- oder Jugendzimmer. Die Eltern diskutieren, korrigieren eigene Positionen und gewinnen im Austausch mit anderen Müttern und Vätern Klarheit — und damit einen festen Stand, um Grenzen setzen zu können. Und das wirkt vermutlich länger nach, als ein Vortrag allein, den viele Zuhörer nach einem langen Tag vielleicht nur „mit halbem Ohr“ hören.

Martina Niekrawietz

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