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Medienerziehung

Eltern mit Migrationshintergrund für Medienschutz sensibilisieren

Eine migrationssensible medienpädagogische Elternarbeit scheitert nicht nur an Sprachbarrieren. Doch mit muttersprachlichen Materialien und niederschwelligen Angeboten steigen die Chancen, auch Eltern mit Migrationshintergrund zu erreichen.

Medienerziehung: Eltern mit Migrationshintergrund für Medienschutz sensibilisieren Während die Kinder wie selbstverständlich mit den neuen Medien umgehen benötigen besonders Eltern mit Migrationshintergrund zuweilen kleine Nachhilfe © WavebreakMediaMicro - Fotolia.com

Über 130 Elternabende an Grund- und weiterführenden Schulen hat Günter Steppich, Schulberater und Referent für Jugendmedienschutz am Hessischen Kultusministerium, bereits gehalten. Dabei hat sich eine „klar belegte Tatsache“ herauskristallisiert: „Jedes Mal, wenn ich einen Infoabend zur Medienerziehung an einer Schule mit überdurchschnittlich hohem Migrationsanteil halte, spiegelt sich diese Relation im Publikum nicht ansatzweise wieder, sondern kehrt sich um“, berichtet der Medienpädagoge auf seiner Website medien-sicher.de.

Dafür ist „keineswegs die Nationalität“ ursächlich, sondern der Bildungsgrad der Eltern sowie „bei einem Teil sicherlich (...) Sprachbarrieren“, wobei auch viele Eltern fernbleiben, die „sprachlich in der Lage wären, den Vortrag zu verstehen“ (ebd.). Wie lassen sich Eltern mit Migrationshintergrund mobilisieren, für Jugendmedienschutz sensibilisieren und für eine verantwortungsbewusste Medienerziehung motivieren? Der folgende Beitrag unterstützt Sie dabei mit praktischen Anregungen und Links zu mehrsprachigen Materialien.

Vorurteilsbewusste medienpädagogische Elternarbeit

Mona Kheir El Din zeigt in einem Beitrag im „Werkstattbuch Medienerziehung“ (S. 58 ff.), wie eine vorurteilsbewusste medienpädagogische Elternarbeit gelingen kann (S. 61 f.): 

  • Längerfristige Angebote (Elterncafés, Förderprogramme etc.) seien „persönlicher und nachhaltiger als hochschwellige Elternabende“.
  • Termine und Treffpunkte müssten an die Eltern und deren Lebenswirklichkeit angepasst sein und z. B. in Räumlichkeiten stattfinden, die den Eltern vertraut sind (Zusammenarbeit mit Migrantenorganisationen, Nutzung von Sozialräumen in Quartieren etc.)
  • Parallel zu den Elternveranstaltungen sollte eine Kinderbetreuung angeboten werden (evtl. von Schülern höherer Jahrgänge).

Wichtig sei es besonders, dass die teilnehmenden Eltern sich respektiert und wertgeschätzt fühlen. Dazu gehört es auch, dass man auf verschiedene Art und Weise kommuniziert, um sicherzustellen, dass alle Teilnehmer folgen können: zum Beispiel durch eine Auswahl „passender Methoden, die mehrere Sinneskanäle ansprechen“, durch „Leichte Sprache“ und natürlich mithilfe von mehrsprachigen Angeboten. 

Weitere Links zum Thema:

Hier ein Video einer äußerst informativen und sehenswerten Elternveranstaltung von Günter Steppich.

So zeigt man etwa mit einer mehrsprachigen Einladung auch den Eltern, die gut Deutsch verstehen, „dass man einen wichtigen Teil ihrer Identität wertschätzt“, betont Mona Kheir El Din. Für die so angesprochenen Eltern könne das „ein Motivationsschub sein, die Veranstaltung zu besuchen“ (ebd., S. 62 f.).

Im Lehrerbüro finden sich unter „Arbeitshilfen/Elternarbeit“ bereits viele unterschiedliche Musterschreiben in verschiedenen Sprachen. Auch im Netz gibt es Angebote wie zum Beispiel hier

Mehrsprachige medienpädagogische Materialien anbieten

In jedem Fall ist es bei einem sprachhomogenen Elternabend auf Deutsch sinnvoll, die wesentlichen Informationen zu den komplexen medienpädagogischen Themen mehrsprachig auszulegen. Dazu bieten verschiedene medienpädagogische Portale Informationsseiten, Flyer und Broschüren zu zentralen Themen in türkischer, arabischer und russischer Sprache an: siehe klicksafe in anderen Sprachen. Als deutsche Lehrkraft ersehen Sie auf dieser Seite, welche Materialien bereits in diesen drei Sprachen vorliegen. Derzeit sind verfügbar

  • Abzocke im Internet,
  • Digitale Spiele: Tipps für Eltern,
  • Datenschutz-Tipps für Eltern und
  • Internet-Tipps für Eltern.

Als Türöffner bei Elternabenden dient häufig der bekannte Werbespot der Jugendmedienschutz-Initiative „Schau hin!“ mit dem Titel „Wo ist Klaus?“ Das Video steht ebenfalls bei klicksafe.de in insgesamt 16 Sprachen zum Download.

Auf der Download-Seite auf Schau-hin.info finden sich zudem die Medienbriefe neben Deutsch auch in türkischer und arabischer Sprache. Die 11 Infoblätter fassen jeweils kompakt auf zwei Seiten die wichtigsten Medientipps für Kinder der Altersstufen 3 bis 13 zusammen. Hier erfahren die Eltern zum Beispiel, wie viel Zeit ein Achtjähriger mit „Games“ verbringen sollte, ob ein Handy in diesem Alter bereits ratsam ist oder welche Sicherheitseinstellungen im Internet angezeigt sind.

Mona Kheir El Din rät übrigens, den Eltern nicht etwa einen Flyer in der vermuteten Sprache in die Hand zu drücken, „denn ein Rückschluss vom Herkunftsland auf die Sprache kann tückisch sein und Eltern in ihrer Identität verletzen“ (S. 63). Besser sei ein offenes Angebot: „Ich habe hier Flyer in verschiedenen Sprachen, wählen Sie sich Ihre Sprachen aus.“ Auch könnte man Eltern dazu auffordern, Fragen in der Sprache, die ihnen am leichtesten fällt, zu stellen. „Vielleicht haben wir hier Eltern, die übersetzen können, damit alle verstehen können“ (ebd.). – Um zu vermeiden, dass sich Eltern bloßgestellt fühlen, weil sich eben niemand findet, sollte man sich allerdings besser im Vorfeld nach Übersetzern für die exotischeren Sprachgruppen innerhalb der Elternschaft umsehen.

Professionell begleitete, muttersprachliche Projekte von Eltern für Eltern

ELTERNTALK bietet in Bayern (an derzeit 38 Standorten, aber auch vereinzelt in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen) moderierte Gesprächsrunden. Dabei laden zum Moderator ausgebildete Mütter und Väter mit Kindern bis 14 Jahre zu sich nach Hause ein, um sich etwa zwei Stunden lang über Medien, Konsum, Sucht und gesundes Aufwachsen auszutauschen. „Die Gesprächsrunden finden nach Wunsch in Türkisch, Russisch, Deutsch oder auch in anderen Sprachen statt“, so heißt es auf der Website von ELTERNTALK. Sie richten sich überwiegend an Eltern mit Migrationshintergrund.

Das Programm MedienFit der Fachstelle für interkulturelle Bildung und Beratung e. V. richtet sich ausschließlich an „Familien mit anderen Familiensprachen als Deutsch“ und bietet bewusst ein Gegengewicht zu hochschwelligen Elternabenden, Informationsbroschüren und Elternkursen an Familienbildungsstätten. Der ganzheitliche medienpädagogische Ansatz bezieht Eltern und Kinder ein, stärkt die Medienerziehungskompetenz der Eltern und fördert die medienpädagogische Bildung ihrer Kinder „im sozialen Nahraum“, z. B. in der Kita, Schule oder Bibliothek. Die Eltern werden einmal wöchentlich zu medienpädagogischen Themen geschult, während die Kinder von vorbereiteten, zweisprachigen Eltern-Kind-Aktivitäten zu Hause profitieren (ebd.). Immer stehen dabei altersentsprechende Themen im Mittelpunkt: „Fernsehen“, „erste Schritte ins Internet“, „elektronische Spiele“ u. Ä. bei Familien mit kleineren Kindern (5 bis 7 Jahre) und „Verhalten im Internet“, „Privatsphäre und Datenschutz“, „Propaganda“ oder „Cybermobbing“ etc. bei Familien mit Kindern der Klassen 4 bis 6.

Seit dem Jahr 2000 qualifiziert die Aktion Jugendschutz Referentinnen und Referenten, die in Baden-Württemberg im LandesNetzWerk für medienpädagogische Elternarbeit zusammenarbeiten. In vielen Orten und Landkreisen gibt es auch migrationssensible Angebote (mit Globus auf der Übersichtskarte gekennzeichnet), die von Schulen für Elternveranstaltungen gebucht werden können. 

Natürlich könnte das Prinzip „Eltern beraten Eltern“ auch ohne professionelle Moderation in der Schule gewinnbringend zum Einsatz kommen. Zum Beispiel in interkulturellen Elterncafés oder bei Elterntreffen von Müttern und Vätern bestimmter Sprachgruppen. 

Peer Teaching erreicht die Schüler — und die Eltern!

Auch die Möglichkeit der Peer-Beratung sollte genutzt werden, zum Beispiel, indem man Schüler mit unterschiedlichen Muttersprachen zu Medienscouts ausbilden lässt. Die Schulung durch Ehrenamtliche ist kostenfrei, und die jungen Medienpädagogen holen die Kids oft wirklich ins Boot, wie Medienscout Max in einem Video erzählt: Bei seiner ersten Präsentation in einer Klasse mit Gleichaltrigen wollten die Mitschüler noch nicht einmal Pause machen, weil sie die Themen so spannend fanden. — Hier eröffnen sich ebenfalls gute Möglichkeiten für Eltern-Veranstaltungen, indem man das Peer-Teaching-Konzept erweitert: Medienscouts und Schüler geben gemeinsam das Gelernte an die Eltern weiter. Die Vorteile: Bei den Jugendlichen wächst das Selbstvertrauen und das Verantwortungsbewusstsein für den eigenen Umgang mit Medien und sie bekommen außerdem Gelegenheit, die neu erworbenen Kenntnisse zu vertiefen. Auch diejenigen Eltern werden kommen, die Schulveranstaltungen sonst eher meiden würden, schon allein deshalb, um ihre Kinder nicht zu enttäuschen.

Schüler-Projekte mit Geflüchteten bringen Eltern in die Schule

Als größter medienpädagogischer Dach- und Fachverband für Institutionen und Einzelpersonen ist die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur e.V. Plattform für Diskussionen, Kooperationen und neue Initiativen. Der bundesweit agierende gemeinnützige Verein engagiert sich besonders auch für eine inklusive und integrative Medienpädagogik, zum Beispiel mit der Initiative „Medienpraxis mit Geflüchteten“

Für Medienpädagogen interessant sind auf dieser Website beispielsweise die „Handlungsempfehlungen zur Medienarbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen“, die folgende Fragen beantworten:

  • „Wie können Geflüchtete mit medienpädagogischen Projekten in ihrem neuen Alltag, in der Aneignung von Sprache und Kultur, in ihrem Selbstausdruck und ihrer Teilhabe unterstützt werden?
  • Welche Methoden eignen sich, um Neuankömmlinge mit der einheimischen Bevölkerung in kreativen und kommunikativen Austausch zu bringen?
  • Und wie können Good-Practice-Modelle in die Breite gebracht und weiterentwickelt werden?“

Bei den Workshops und Projekten der Initiative werden die Jugendlichen aktiv: Sie gestalten Radiosendungen, drehen Videos von eigenen Tanzprojekten, lernen mit audio-visuellen Spielübungen und erforschen ihre Stadt bei digitalen Schnitzeljagden. — Die ausführlich dokumentierten Projektideen geben gute Anregungen für die medienpädagogische Arbeit mit jungen Migranten. Und spätestens bei der Projektpräsentation oder Aufführung kommen auch die Eltern in die Schule. — Die ideale Gelegenheit für einen anschließenden inklusiven Elternabend zum Thema Jugendmedienschutz!

Martina Niekrawietz

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