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Elterngespräch

Hochbegabt oder doch nur faul?

Viele Eltern überschätzen die Fähigkeiten ihrer Kinder und entschuldigen schulische Probleme mit Hochbegabung. Andere sind verunsichert, weil ihr Kind tatsächlich hochbegabt ist. In beiden Fällen ist die Beratungskompetenz des Lehrers gefragt.

Elterngespräch: Hochbegabt oder doch nur faul? Wenn hochbegabte Schüler keine Lust auf Schule haben, sollte man mit ihnen darüber reden, was sie interessiert © De Visu - Fotolia.com

Lehrerin Catrin Kurtz ist genervt: Louis, einer ihrer Schüler, steht in Deutsch auf einer Fünf. „Auch in Mathe und Englisch hat er jeweils eine, Louis ist schlicht: stinkfaul“, schreibt sie in ihrem Blog in der Süddeutschen Zeitung. Louis Eltern, die sich „erst nach mehrmaligem Nachhaken“ in die Sprechstunde bequemen, sehen die Sache ganz anders: „Hochbegabt sei er, der Louis, eindeutig! Er langweile sich im Unterricht und schreibe deshalb schlechte Noten.“ Catrin Kurtz kennt das Phänomen: „Wie viele unterforderte Genies es allein an meiner Schule gibt!“, bemerkt sie lakonisch, und: „Hätten all die Mütter und Väter recht mit ihrer Einschätzung über das Leistungsvermögen ihrer Kinder, müssten wir uns um Deutschlands Zukunft keine Sorgen mehr machen.“

Prof. Dr. Detlef Rost, Gründer der Begabungsdiagnostischen Beratungsstelle „Brain“ an der Universität Marburg, sieht das ähnlich: Für viele Eltern sei es mittlerweile zu einer „Prestige-Frage“ geworden, ein hochbegabtes Kind zu haben. Sie hielten fälschlicherweise Langeweile im Unterricht oder Verhaltensprobleme für Hochbegabungsindikatoren. Doch dieses „Gerücht stimmt nicht“, so der Hochbegabungsforscher auf der Website news4teachers.de, Kinder langweilten sich im Unterricht eher, „weil sie überfordert sind“. Es gäbe häufig „falsche Vorstellungen von Hochbegabung“ (ebd.).

Das gilt auch für die Eltern tatsächlich hochintelligenter Kinder. Deshalb geht es in Beratungsgesprächen mit Eltern — vermeintlich oder tatsächlich — hochbegabter Kinder immer wieder auch darum, Klischees und Vorurteile auszuräumen.

Mythen und Vorurteile über hochbegabte Schüler

Die „Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind“ räumt auf ihrer Website mit diversen Ressentiments auf, zum Beispiel:

  • Hochbegabte sind KEINESWEGS überdurchschnittlich häufig „Problemkinder“,
  • wenn sie früher eingeschult werden oder lesen und rechnen können, beraubt man sie NICHT eines Teils ihrer Kindheit und
  • sie bekommen auch NICHT ZWANGSLÄUFIG soziale Probleme, wenn sie mit Älteren zusammen lernen.

Interessant in diesem Zusammenhang auch ein Beitrag im MinD-Magazin 94 vom Juni 2013: Unter dem Titel „Schlau, aber schräg?“ fasst Kreativitätsforscherin Dr. Tanja Gabriele Baudson die Ergebnisse einer Studie zusammen, die beleuchtet, was Lehrkräfte tatsächlich über Hochbegabte denken: „Zu Unrecht schrieben sie ihnen (…) Defizite im sozial-emotionalen Bereich zu: stärkere Introvertiertheit, geringere Verträglichkeit und geringere emotionale Stabilität.“ (ebd., S. 19)

Ein IQ-Test gibt Gewissheit

Es gibt klar definierte „Merkmale im Bereich intellektueller Fähigkeiten“, die die LMU München auf ihrer Website zusammenfasst. Dazu gehören zuvörderst deutlich überdurchschnittliche Leistungen in Intelligenztests (ebd.).

Weiterführende Hinweise:

Die wichtigsten „Fragen und Antworten zum Thema Hochbegabung“ für Eltern und Pädagogen bringt eine Broschüre der Karg-Stiftung auf den Punkt.

Zahlreiche Angebote zur Begabungsförderung in Ihrer Nähe finden Sie per Klick auf eine Deutschlandkarte auf der Website Bildung und Begabung des Zentrums für Begabungsförderung in Deutschland.

Wodurch fallen hochbegabte Kinder auf? Die Website der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK) fasst typische Merkmale zusammen, differenziert nach Kindergarten, Schule und privatem Umfeld.

Worauf Eltern bei Intelligenztests achten sollten, darüber informieren zum Beispiel die Autoren der Internetplattform logios. Die Eltern können sich hier über die gängigsten Verfahren informieren und erfahren auch, welchen Kriterien die Testsituation genügen muss, um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten. Ganz wichtig dabei: „Der Tester muss fachlich versiert sein. Testen dürfen ausschließlich Personen, die eine abgeschlossene Hochschulausbildung (Fachhochschule reicht nicht) in den Fächern Psychologie oder Pädagogik/Erziehungswissenschaften nachweisen können. Dies bedeutet mindestens einen Abschluss in Form eines Diploms, eines Magisters oder eines Masters.“

Diagnose Hochbegabung bestätigt — und jetzt?

Weisen die Tests tatsächlich auf eine kognitive Hochbegabung hin, ist im gemeinsamen Gespräch mit den Eltern die Frage zu klären: Wie gestaltet sich die schulische Förderung?

Hochbegabungsförderung in der Schule bietet verschiedene Möglichkeiten: frühere Einschulung, differenzierte Förderung, das Drehtürmodell, das Überspringen einer Klasse etc. (Vgl. dazu auch den unten verlinkten Beitrag „Hochbegabung: individuelle Lernwege fördern“). Um eine Überforderung und Demotivation der Schüler durch diese besonderen Fördermaßnahmen auszuschließen, sollte zunächst im Rahmen einer psychodiagnostischen Untersuchung geprüft werden, ob die intellektuelle Begabung des Schülers ausreicht, um zum Beispiel eine Klasse zu überspringen. Detailinformationen und natürlich auch Adressen qualifizierter „Beratungsstellen für Hochbegabung“ finden sich im Fachportal Hochbegabung der KARG-Stiftung (Rubrik „Hochbegabung erkennen“!).

Wo haben die Eltern Beratungsbedarf?

Hochbegabtenberatungsstellen berichten regelmäßig über Beratungsanliegen der Eltern. Diese Daten bieten Lehrkräften auch Anhaltspunkte für Beratungsgespräche im schulischen Umfeld.

Bezogen auf den Leistungsbereich bewegt die Eltern ein breites Spektrum von Fragen, u. a. zu „Unter- oder auch Überforderung, Perfektionismus, fehlender Leistungsmotivation, mangelnden Lern- und Arbeitstechniken, Diskrepanz zwischen Begabung und Schulleistung (Underachievement), Teilleistungsstörungen (z. B. Legasthenie), zur weiteren Schullaufbahn oder auch nach Schulabschluss zur Berufs- und Studienfachwahl“, so die Autoren der Website der KARG-Stiftung.

Im zwischenmenschlichen Bereich thematisieren Ratsuchende u. a. Schwierigkeiten in der Lehrer-Schüler-Beziehung, Mobbing in der Schule, Unterrichtsstörungen, aggressives Verhalten, Isolation und familiäre Konflikte. Auch im persönlichen Bereich kommen vielfältige Fragen, etwa zu besonderen Interessensgebieten, „Fördermöglichkeiten in den Bereichen der Begabung oder auch in Bereichen individueller Schwäche, Selbstwert und Selbsteinschätzung der eigenen Begabung, Ängstlichkeit, Schulunlust, Depression, psychosomatische Beschwerden, Konzentrationsfähigkeit“ oder zu einer „Aufmerksamkeitsdefizit- bzw. Hyperaktivitätsstörung“.
Eine Priorisierung der Beratungsanliegen nach Häufigkeit zeigt ein tabellarischer Überblick in dem Beitrag „Wenn das Kinderhirn ständig nach Nahrung schreit“ in der Zeitung DIE WELT (Quelle: Jahresbericht 2013 der „Begabungsdiagnostischen Beratungsstelle der Universität Marburg). Demnach stehen bei den Eltern eine „Schullaufbahnberatung“, die „Suche nach Fördermöglichkeiten“, das Thema „Unterforderung“ und „Verhaltensauffälligkeiten“ auf den Rängen 1–4. An sechster Stelle folgen „schulische Leistungsprobleme“, die es natürlich auch bei hochbegabten Schülern gibt.

Eltern-Weiterbildung: Sicherheit im Umgang mit hochbegabten Kindern

„Wie werde ich meinem hochbegabten Kind gerecht?“ — Diese Frage bewegt besonders die Eltern, die bisweilen unvermutet davon überrascht werden, dass ihr Sohn bzw. ihre Tochter hochbegabt ist. — Eine Erziehungsberatung sprengt natürlich den Rahmen der Lehrer-Eltern-Interaktion. Hilfreich ist es dann jedoch, auf qualifizierte Angebote zu verweisen.

Das von Hochbegabungsforschern der Universität Trier entwickelte und evaluierte Weiterbildungsseminar KLIKK®-Elterntraining richtet sich an Erziehungsberechtigte von „klugen Kindern im Grundschulalter“. Im Mittelpunkt stehen dabei die vier Inhaltsbereiche wertschätzende Kommunikation, Lösungsorientierung, Motivation und Stressvermeidung im familiären Kontext.

Viele weitere professionelle Beratungsangebote für hochbegabte Kinder, Jugendliche und deren Familien finden sich in der Broschüre „Psychologische Beratung im Feld Hochbegabung“ (Karg-Stiftung) von Christine Koop und André Jacob.

Vordringliche Aufgabe der Eltern

Ein hoher IQ allein ist kein Garant für schulischen Erfolg: „Für gute Ergebnisse brauchen Schüler und Schülerinnen Durchhaltevermögen und Selbstdisziplin, müssen sich organisieren lernen und können so ihr Potenzial nutzen“, sagt Bettina Zydatiß von der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK) im Interview mit der WELT. Sie sieht die vordringliche Aufgabe der Eltern darin, Ausdauer zu fördern.

Auch Schuldzuweisungen sind wenig zielführend und verstärken möglicherweise die Leistungsproblematik eines unterforderten Schülers noch. Eltern und Schule sollten vielmehr konstruktiv zusammenarbeiten, um Schüler mit besonderen intellektuellen Fähigkeiten optimal zu fördern und — wie andere Schüler auch — wo nötig zu fordern.

Martina Niekrawietz

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