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Positive Elternarbeit

Mit bildungsfernen Eltern kooperieren? So geht’s!

Wie „kriegen“ Sie auch die bildungsfernen Eltern? Öfter mal was Nettes über die Kinder sagen und die Motivation durch personalisiertes Lernen fördern – eine Hamburger Stadtteilschule macht es vor.

Positive Elternarbeit: Mit bildungsfernen Eltern kooperieren? So geht’s! Anrufe mit positiven Rückmeldungen über die Schüler/-innen © New Africa - stock.adobe.com

Als Lehrkraft kennen Sie beide Extreme: Die oft „überbesorgten deutschen Eltern, die täglich mit ihren Kindern Hausaufgaben machen“ und „an ihrem Schulleben regen Anteil nehmen“ auf der einen Seite. Auf der anderen Seite stehen die bildungsfernen Eltern, oft mit Migrationshintergrund, die zwar für ihre Kinder das Beste erreichen möchten, „was das deutsche Bildungssystem hergibt“, „sich allerdings nicht für den Schulalltag“ interessieren und die Verantwortung für den Bildungsaufstieg ihrer Kinder häufig auch allein bei der Schule sehen. Sie wissen auch meist gar nicht, wie sie ihre Kinder beim Lernen unterstützen können. – So beschreibt Bildungs-Journalistin Heike Schmoll im Gespräch mit SWR 2 „die riesige Kluft“ (ebd., PDF, S.4) zwischen bildungsnahen und bildungsfernen Eltern. Die Leidtragenden sind am Ende die Kinder und Jugendlichen aus benachteiligten sozialen Verhältnissen.

Karlheinz Kruse, Schulleiter der Gretel-Bergmann-Schule in Hamburg-Allermöhe will sich damit nicht abfinden und besonders auch die bildungsfernen Eltern „als Erziehungspartner gewinnen“. Dazu beschreitet er ganz neue Wege, die er in seinem überaus lesenswerten Artikel in der Zeitschrift PÄDAGOGIK 10/19 (für angemeldete User auf der Website des Deutschen Schulportals schildert).

Guter Kontakt ist keine pädagogische Kooperation

In der inklusiven Ganztags-Stadtteilschule mit den Klassenstufen 5 bis 13 kommen viele Schülerinnen und Schüler „aus herausfordernden Familiensituationen“, 86 Prozent haben „eine Migrationsgeschichte“ und viele Eltern „haben keinen oder höchstens einen Hauptschulabschluss“, schreibt Karlheinz Kruse in seinem Beitrag (Link s. o., S. 30). 
Oftmals sei der Schulalltag geprägt „durch Konflikte innerhalb und außerhalb des Unterrichts“. Diese ließen sich „zum Wohle der Entwicklung der Schüler*innen“ nur durch „enge Kooperation mit den Eltern“ lösen – davon ist der Schulleiter überzeugt. Deshalb hat er „einige Maßnahmen fest in den Strukturen der Schule verankert“: 

  • Elternmentoren aus verschiedenen Kulturkreisen bieten „als niedrigschwelliges Beratungsangebot für Eltern“ wöchentlich zwei Elternsprechstunden in den Sprachen der Eltern an. 
  • Es gibt zwei Lernentwicklungsgespräche pro Jahr, auf Wunsch der Eltern mit Dolmetscher.
  • Elternabende finden in verschiedenen Sprachen statt.
  • Ein Schulplaner dient als Medium für den alltäglichen Kontakt und Austausch.
  • Die Schule vernetzt sich mit den Hilfsangeboten im Stadtteil.

Eltern und Kinder stecken in einem Teufelskreis

Zwar konnte das Kollegium mit den oben aufgeführten Maßnahmen, „einen guten Kontakt zu den meisten Eltern“ zu bekommen, es gelang aber in vielen Fällen nicht, „daraus eine erfolgreiche pädagogische Kooperation zu entwickeln.“ (ebd., S. 31) Vor allem nicht mit den Eltern, deren Kinder „häufig durch destruktives Unterrichtsverhalten“ auffielen, und denen doch eine Kooperation zwischen Elternhaus und Schule „besonders guttäte“ (ebd.). 

Warum ist das so? Beide – Eltern und Kinder aus bildungsfernen Verhältnissen – stecken im schulischen Kontext in einem Teufelskreis: Die Kinder „erleben sich als Störer, (...) Unwillige und letztlich als Schulversager“, wodurch schulische Erfolgserlebnisse „kaum noch wahrgenommen“ werden. Die Eltern haben oft in ihrer eigenen Schulzeit schlechte Erfahrungen mit Schule gemacht und fühlen sich nun wieder „als Versager“. Das führt dazu, „dass sie sich noch mehr von der Schule abwenden“ (ebd.). Diesen schädlichen Mechanismen versucht Karlheinz Kruse mit seinem Kollegium durch zwei gezielte Maßnahmen entgegenzuwirken.

„Ihr Kind hat heute etwas Tolles gemacht“

Wenn die Schule bei Eltern von „schwierigen Schüler*innen“ anruft, wird’s in der Regel ungemütlich: Diese Kontakte „sind überwiegend negativ konnotiert, denn normalerweise erfolgen sie „(erst) dann (...), wenn es um die Leistungsdefizite“ oder um „Schwierigkeiten mit deren destruktivem und störendem Verhalten geht“ (ebd., S. 31).

Da waren die Eltern sehr überrascht, als die Anrufe von Lehrkräften bzw. Schulsozialarbeiter/-innen plötzlich eine ganz andere Tonalität hatten:
„Guten Tag, Herr Keser. Haben Sie kurz Zeit? Ich würde Ihnen gern kurz erzählen, dass sich Yasin heute sehr für eine Mitschülerin eingesetzt hat“, so beginnt einer der neuen Lobanrufe, die die Eltern jetzt öfter erhalten. Sie erfahren, dass ihr Sohn „als Einziger erkannt hat“, dass eine Mitschülerin Bauchschmerzen hat. Ganz detailliert wird das umsichtige und vorbildliche Verhalten des Jungen geschildert: Dass er die Lehrkraft informiert hat, das Mädchen dann zum Bus begleitet und sogar gewartet hat, bis sie eingestiegen ist. „Und das alles von sich aus.“

Die Idee der Lobanrufe nimmt laut Karlheinz Kruse Bezug auf die „Interventionstechnik ‚paradoxe Sanktion‘“ (ebd., S. 32), und der Erfolg bei vielen Eltern ist tatsächlich „durchschlagend“: Der Schulleiter hat „die berechtigte Hoffnung“, dass Eltern dadurch mit ihren Kindern „noch einmal anders in das Gespräch über die Schule kommen“, und auch die Beziehung zwischen Eltern und Kindern werde „gestärkt“ (ebd.). 

Inwiefern sich durch die Lobanrufe die Beziehung zwischen Lehrkraft und Eltern verändert, schildert Karlheinz Kruse zwar nicht. In jedem Fall erleben die Eltern aber, dass die Lehrkräfte ihre Kinder wertschätzend wahrnehmen, an einer guten Entwicklung interessiert und auch dem Elternhaus gegenüber freundlich gesonnen sind. Und das ist eine gute Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Eltern.

Erfolgserlebnisse durch personalisiertes Lernen

Damit alle Schüler und Schülerinnen trotz der sehr heterogenen Lernstände Lernerfolge erringen können, hat die Gretel-Bergmann-Schule „eine adaptierte Form des personalisierten Lernens“ eingeführt. Das kommt besonders auch den Kids zugute, „die sich selbst überwiegend als Schulversarger wahrnehmen und die in der Folge als destruktive Unterrichtsstörer auftreten“ (ebd., S. 31). 

Die Lehrkräfte entwickeln dazu „Kompetenzraster, Lernweglisten und Lernaufgaben“, die dann die Jugendlichen „digital auf einem iPad“ parat haben und nutzen. Die individuellen Lernpläne stellen an die oder den Lernende/n „Herausforderungen (...), die sie oder er auch wirklich schaffen kann (ebd., S. 32).“ Lernerfolge werden sichtbar und die Motivation der Kids steigt.

Wenn die Kinder zustimmen, können auch die Eltern über eine Lernplattform „die Lernerfolge ihrer Kinder unmittelbar einsehen“, was speziell bei bildungsfernen Vätern und Müttern „auf großes Interesse stößt“ (ebd.). Auch diejenigen, die nicht in Deutschland in die Schule gegangen sind, bekommen so nach und nach eine Vorstellung davon, wie sie ihre Kinder unterstützen können. Darüber hinaus erläutern die Kinder den Eltern „ihre Lernprodukte auch in der jeweiligen Muttersprache“ (ebd.). Davon profitieren beide.
Inwieweit die beiden Projekte an der Gretel-Bergmann-Schule – wie erhofft – tatsächlich „gravierend“ die Resilienz der Kinder und Jugendlichen und eine kooperative Erziehungspartnerschaft fördern, ist noch nicht bewiesen: Zum Zeitpunkt der Entstehung des Artikels jedenfalls stand eine „Evaluation mit belastbaren Ergebnissen“ noch aus. Die Lehrkräfte hatten aber schon ‘mal „einen sehr guten Eindruck“ (ebd., S. 34).

Und wer heute auf die Schul-Homepage der von allen liebevoll nur „Gretel“ genannten Schule schaut, findet dankbare Statements von Absolvent/-innen und Eltern: „Herzlichkeit, Offenheit, Toleranz – das sind die ersten drei Worte, die mir zur Gretel einfallen und die dafür gesorgt haben, dass die letzten Jahre für mich unvergesslich bleiben!“ schreibt Jana, die im Jahr 2017 Abitur gemacht hat. Und Brigitte F., deren Sohn acht Jahre lang die Gretel besuchte, schreibt: „Es gab, glaube ich, keinen Tag, an dem er nicht gern zur Schule gegangen ist.“ – Gibt es ein schöneres Kompliment für eine Schule?

Martina Niekrawietz


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