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Live-Stream-Portal YouNow

Präventive Medienerziehung durch Eltern und Lehrer

Eine Web-Livecam im Kinder- oder Jugendzimmer? Seit Anfang des Jahres 2015 posieren immer mehr „Kids“ auf der Internetplattform YouNow und chatten dabei mit anonymen Beobachtern, die sie ausfragen, beleidigen und sexuell belästigen. Um Heranwachsende davor zu schützen, sollten Lehrer die Eltern über die Risiken informieren und über präventive Möglichkeiten beraten.

Live-Stream-Portal YouNow: Präventive Medienerziehung durch Eltern und Lehrer Die beste Prävention vor Risiken aus dem Internet ist, wenn Eltern wissen, welche Plattformen Ihre Kinder nutzen © goodluz - Fotolia.com

Zwei Mädchen sitzen an einem gedeckten Küchentisch vor einer sauberen Küchenzeile, auf dem Herd zwei Töpfe, offensichtlich sind sie allein zu Hause. Sie agieren vor der Webcam ihres Laptops, essen, albern herum und versuchen, ihren acht überwiegend stummen Zuschauern mit Nicknames wie „dickeballons72“, „Mskipper89S“ oder „mamaschautzu“ Kommentare zu entlocken.

Die spärlichen Postings der Beobachter werden mit überschwänglichen Luft- und Handküssen der Mädchen in Richtung Kamera quittiert. Schon nach zwei Minuten haben die beiden verraten, dass sie 12 und 13 Jahre alt sind (sie sehen jünger aus!) und in welche Schule sie gehen. Aus welcher Stadt sie kommen ist sowieso von Anfang an klar, denn in der Kopfzeile des Livestreams auf der Internetplattform „YouNow“ steht das direkt hinter dem Usernamen: „Augsburg, Germany, DE“. — Für Pädophile wären diese Informationen bereits ausreichend, um den beiden vor der Schule aufzulauern.

Kir Schee und ihre Freundin streamen live mit „YouNow“ , einer amerikanischen Internetplattform, die neuerdings auch in Deutschland inflationär genutzt wird: laut stern.de 16 Millionen Mal allein im Januar 2015, überwiegend von 13- bis 16-Jährigen, oft aber auch von jüngeren. Mit Webcam oder Handykamera filmen sie sich, allein, mit Freunden, unterwegs, in der Schule oder zu Hause, meist im Kinder- oder Jugendzimmer.

Altersgrenzen und die Risiken für Kinder

Vermutlich wären die Eltern der beiden Augsburger Schülerinnen schwer beunruhigt, wenn sie wüssten, was ihre Töchter nach der Schule so treiben. Eigentlich liegt laut YouNow-AGB das Mindestalter bei 13 Jahren und Jugendliche unter 18 Jahren müssten ihre Eltern vor Nutzung des Streamingdienstes um Erlaubnis fragen. Doch offensichtlich wird die Einhaltung der Altersgrenzen von den Betreibern nicht kontrolliert.

Das beobachteten auch die Tester der Web-Selbstschutz-Plattform „juuuport“. In ihrem Beitrag auf der juuuport-Website berichten sie von auffällig vielen Kindern auf YouNow: „Viele geben ihr Alter mit ‚13‘ an“, doch man könne häufig „deutlich jüngere Kinder sehen“, so die juuuport-Bilanz einer „halbstündigen ‚Rundreise‘ auf YouNow“: Etwa ein Drittel aller Streamer sei vermutlich unter 13 gewesen. Ein kleiner, etwa fünf Jahre alter Junge habe allein gestreamt, zwei ca. acht Jahre alte Kinder wurden beleidigt („du bist voll fett“) und ein Mädchen von ungefähr 10 Jahren filmte sich im heimischen Badezimmer vor dem Spiegel und wurde aufgefordert „geh mal baden“. Wie viele Kinder vor der Live-Webcam war auch sie mit ihrem Klarnamen unterwegs. (ebd.)

Bundesfamilienministerium warnt vor YouNow

Kein Wunder also, dass selbst Bundesfamilienministerin Schwesig eindringlich vor YouNow warnt: Sie halte die Internetplattform für problematisch „für Jugendliche (…) und für Kinder sogar für gefährlich“, betonte sie am 18.02.2015 im Interview mit dem ZDF. Deshalb forderte sie, dass YouNow für Kinder gar nicht zugänglich sein sollte und für Jugendliche geschützte Räume bieten sollte. Doch noch sind diese Forderungen auch nicht ansatzweise umgesetzt, weshalb nur präventive Maßnahmen, besonders natürlich in Schule und Elternhaus Schutz bieten können.  

Per Elternbrief vor YouNow warnen

Schulen in Hessen wandten sich deshalb unlängst mit einem Rundschreiben an die entweder rat- oder ahnungslosen Eltern ihrer Schüler, berichtete die Elternredaktion des Webportals t-online.de in einem informativen Beitrag.

Wer sich als Lehrer ebenfalls zunächst an die Eltern wenden möchte, findet dazu eine Vorlage auf der auch sonst in Sachen Medienschutz äußerst ergiebigen Website www.medien-sicher.de Günter Steppich, erfahrener Experte für Jugendmedienschutz in Hessen, warnt in dem Text eindringlich vor YouNow und überdies vor Dating Apps.

Elternabend zum Thema YouNow

Wie Facebook und andere soziale Medien nutzen die Schüler auch YouNow meist zu Hause. Schon allein deshalb kommt den Eltern bei der Aufklärung über Risiken von Livestreamings eine Schlüsselrolle zu.

Bei einem Elternabend könnte man die Eltern zunächst über YouNow informieren. Als kleinen „Eisbrecher“ könnte man zu Beginn der Veranstaltung den klicksafe-Spot „Wo ist Klaus“ zeigen und den Eltern anschließend „live“ einen ersten Eindruck von YouNow geben.

Alles, was Eltern dazu darüber hinaus noch wissen sollten, findet sich ebenfalls auf der bekannten Medienschutz-Seite klicksafe.de. Hinweise für die Nutzung von YouNow finden sich außerdem auf fsm.de.

Damit Lehrer und Eltern an einem Strang ziehen, könnte man auch gegebenenfalls gleich die Regeln präsentieren, die man zuvor im Präventions-Unterricht mit den Schülern erarbeitet hat.

Panikmache bringt nichts, vielmehr sollte man YouNow als „Erziehungsherausforderung“ sehen und seine Kinder über die Risiken aufklären, rät der Berliner Medienexperte Thoma Feibel im mdr. Mit strikten Verboten erreiche man gerade bei Jugendlichen ab 13 Jahren — der Hauptzielgruppe von YouNow — eher einen gegenteiligen Effekt.

Eltern sollten deshalb an die Vernunft appellieren, wie es zum Beispiel auch Rechtsanwalt Tobias Röttger, Experte für Medienrecht, auf der Website seiner Kanzlei tut. Er formuliert die drei wichtigsten Regeln im Umgang mit YouNow, die nicht „verhandelbar“ sein sollten: „Gebt für ein paar Likes nicht eure privaten Daten preis, verwendet am besten keine Hintergrundmusik und achtet darauf, dass keine anderen Personen ungewollt in eurem Livestream auftauchen.“

Neu: Altersabfrage und Sperrmöglichkeit für die Eltern

Seit Anfang März 2015 erscheint beim Öffnen von YouNow ein Popup mit Altersabfrage. Wer zugibt, unter 13 zu sein, dessen IP-Adresse wird sofort für den YouNow-Zugang geblockt. — Ein erster Schritt, der jedoch vermutlich wenig bringen wird, da nach wie vor kein Altersnachweis erforderlich ist und sich unter den „Kids“ schnell herumsprechen wird, was man anklicken muss, um die Sperre zu umgehen. Wissen die Eltern jedoch darüber Bescheid, so können sie zumindest die heimischen PCs und Smartphones mit einem Klick kindersicher machen.

Martina Niekrawietz

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