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Handlungsorientierte Selbstreflexion

Rollenspiele als Vorbereitung auf Elterngespräche

Konflikte zwischen Eltern und Lehrern gibt es immer wieder. Dann müssen Gespräche geführt werden, die sich zuweilen schwierig gestalten. Um sich in der Gemengelage von Missverständnissen, Meinungen und unausgesprochenen Gefühlen zurechtzufinden, kann ein Perspektivwechsel durch ein Rollenspiel Klarheit verschaffen.

Handlungsorientierte Selbstreflexion: Rollenspiele als Vorbereitung auf Elterngespräche Szenische Darstellungen können helfen, die Beziehungsdynamik zu erhellen © tomer turjeman - Fotolia.com

Wenn Frau Müller wiederholt die Hausaufgaben ihrer Tochter Julia macht und dann womöglich noch den Lehrer beschimpft, weil der Julias Leistung nicht anerkennen will, dann muss man dringend miteinander reden.  Gar nicht so leicht, denn im Kontakt mit Eltern kann (unausgesprochener) Ärger entstehen, weil persönliche Grenzen des Lehrers durch einen Vater oder eine Mutter verletzt wurden (z. B. verbale Abwertungen) oder Eltern offen ihre Missachtung durch Handeln und Körpersprache kundtun. Die Selbstachtung kann meistens durch eine klare Grenzziehung gewahrt werden (Bieri 2015, S. 240 ff.). Ärger aber durchbricht den normalen Fluss der Beziehung.

Ärger kann ein leichter Anstoß für eine Veränderung sein, aber ebenso Ausdruck eines Konfliktes der nach einer klaren Grenzziehung oder auch nach einer Grenzauflösung ruft. Der Unmut kann sich auf das Gegenüber (die Eltern) beziehen, aber auch auf sich selbst, weil es nicht gelingt, sich angemessen zu behaupten. Der Sinn des Ärgers ist es schließlich, Situationen so zu verändern, dass Selbsterhaltung und Selbstentfaltung im Kontakt mit dem Gegenüber wieder ermöglicht werden (Kast 2010, S. 31 f.).

Rollenspiele entlasten und helfen, Lösungen zu finden

Ein Rollenspiel (unter Kollegen) ist deshalb eine gute Methode zur Überprüfung und Veränderung von Verhalten. Will man menschliches Handeln verstehen und verändern, muss man neben dem beobachtbaren Verhalten auch Motive, Ziele, Gedanken, Gefühle als verhaltenssteuernde innere Zustände sowie die Wechselwirkungen zwischen den an der Interaktion beteiligten Menschen berücksichtigen (vgl. Ameln und Kramer 2014, S. 2–6).

Die Verwendung einer solchen handlungsorientierten Methode kann helfen,  Beziehungsdynamiken zu verstehen, aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und sozial angemessene Handlungsstrategien zu entwickeln. Sie helfen aber auch dabei, tiefere Schichten von mitschwingenden emotionalen Empfindungen wahrzunehmen, lebendig und kreativ darzustellen und persönlichen Regungen Raum zu geben. Es ist daher hilfreich, sich beider Ebenen (spontane emotionale Reaktionen vs. reflektierte Handlungsstrategien) bewusst zu sein und diese nicht zu vermengen.

Ein Beispiel soll das verdeutlichen. Es entstammt einer Fortbildung für Grundschullehrer. Ausgangspunkt war das Verhalten einer Mutter, die immer wieder unangemeldet im Klassenraum erschien, sich nicht entschuldigte und dem Sohn Schulbücher brachte, die dieser morgens vergessen hatte. Dieses Verhalten schien veränderungsresistent zu sein. In kurzen Rollenspielen wurden verschiedene Handlungsvarianten erprobt:

  • In der ersten Variante stand eine als positiv angenommene Motivation der Mutter im Fokus der Aufmerksamkeit.  Aufgrund dieser Annahme reagierte der Lehrer zunächst ruhig: „Sie sind eine sehr fürsorgliche Mutter. Das ist anerkennenswert. Es ist schön, dass Sie Ihrem Sohn das Buch kurz vorbeibringen.“ — Der leitende Gedanke des Lehrers (gedankliche Einschätzung der Situation) lautete: „Ich will diese Störung einmal ruhig angehen und freundlich bleiben.“
  • Eine weitere Variante berücksichtige eine Hypothese über die Beziehung zwischen Mutter und Sohn: „Ich vermute, dass Ihnen die Trennung von Ihrem Sohn schwerfällt. Gelingt es Ihnen, ihn gehen zu lassen, ermöglichen Sie Ihrem Sohn selbstständiges Handeln.“
  • Bei weiteren Wiederholungen der Szene trat der Ärger des Lehrers in den Vordergrund: „Ist Ihnen bewusst, dass Sie regelmäßig den Unterricht stören, wenn Sie unangemeldet im Klassenraum erscheinen? Wäre es Ihnen möglich, auch schon zu Hause darauf zu achten, ob Ihr Sohn die Schultasche vollständig gepackt hat?“ — Der leitende Gedanke des Lehrers lautete: „Langsam ärgere ich mich, aber ich will die Mutter meines Schülers mal ein wenig zum Nachdenken bringen.“
  • In einer letzten Variante, bei der der Ärger des Lehrers am deutlichsten zutrage trat, packte er die Mutter (dargestellt durch eine weitere Grundschullehrerin) mit ärgerlichem Gesicht am Arm, drehte sie um und schob sie aus dem Klassenraum. Dieses Szenario diente eher der emotionalen Entlastung des Lehrers, der sich durch das wiederholte Verhalten der Mutter missachtet fühlte. — Der leitende Gedanke des Lehrers lautete: „Die Mutter betritt den Klassenraum mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre sie noch in ihrer Wohnung. Das kann ich so nicht mehr zulassen.“

In der anschließenden Reflexion (Rückmeldung aus den Rollen) wurde deutlich, dass die sprachlich ausgefeilten Reaktionen des Lehrers seine ursprüngliche spontane Empfindung verschleierte und die Botschaft so für die Mutter hinter dem freundlichen Gesicht des Lehrers nicht sichtbar wurde („Warum habe ich so gehandelt wie ich gehandelt habe?“ — „Wie erlebt mich mein Gegenüber aus seiner Sicht?“)

Die Wahrnehmung und Akzeptanz eigener Emotionen in einem geschützten Rahmen helfen, eine gesunde Distanz zu den eigenen Emotionen zu gewinnen und in der Folge angemessene Vorgehensweisen zu entwickeln.

Literatur zum Thema:

Ameln, Falko von / Kramer, Joseph: Psychodrama: Grundlagen. Berlin 2014

Bieri, Peter: Eine Art zu leben. Über die Vielfalt menschlicher Würde. Frankfurt am Main 2015

Kast, Verena: Vom Sinn des Ärgers. Anreiz zur Selbstbehauptung und Selbstentfaltung. Freiburg im Breisgau 2010

Das Rollenspiel bietet die Möglichkeit eines Perspektivwechsels durch Rollentausch, sowohl mit der Mutter (dargestellt durch eine Lehrerin) als auch mit dem Schüler (Rollenübernahme durch einen Lehrer).

Aus der Sicht des Schülers war das fürsorgliche Verhalten der Mutter anfangs angenehm, denn er musste ja gar nicht an seine Schulsachen denken Je öfter die Mutter ihm die Sachen hinterhertrug, desto peinlicher wurde es ihm.  Gleichzeitig verdeutlichte es ihm aber auch  sein „Unvermögen“, die Schultasche selbst mit den erforderlichen Büchern und Materialien zu packen (altersangemessene Selbständigkeit). Die Rückmeldung des mitspielenden Lehrers in der Rolle des Schülers zeigte auch, dass die Sympathie des Schülers für seinen Lehrer mit der Zeit langsam wuchs.

In der Rollenreflexion der Mutter wurde deutlich, dass diese keinen Blick für den Lehrer und die soziale Situation hatte, sondern lediglich das Augenmerk auf den Sohn richtete.

Hypothesen bilden mithilfe von Spielfiguren

Die Verwendung von Spielfiguren kann in der Vorbereitung von Elterngesprächen oder auch im Rahmen einer Fortbildung Aspekte verdeutlichen, die durch Sprache allein nicht erkennbar werden. Figuren (z. B. Handpuppen) können besondere (Eltern- und Schüler-)Charaktere darstellen. Es empfiehlt sich, auch eine Figur für den Lehrer zu wählen. Dadurch werden der Lehrer und seine Sicht auf die Eltern/den Schüler in die Reflexion mit einbezogen. Die Spielfiguren haben ihr eigenes Gesicht. Es ist möglich, sie sprechen zu lassen, ihrer Stimme einen eigenen Klang zu geben und Situationen aus ihrer Sicht darzustellen. Dabei kann die spontane Resonanz auf verschiedene Figuren recht unterschiedlich sein.

Wählt der Lehrer für einen Vater zum Beispiel spontan einen König als Figur, kann dies ein Hinweis darauf sein, welche Rolle der tatsächliche Vater einnimmt und eine Botschaft beinhalten, welche Rolle aus der Sicht des Vaters dem Lehrer zugestanden wird (Lehrer als Respektsperson, die aber weit ab von der Familie steht; Lehrer als Konkurrent, der sich leider indirekt in die Erziehung der Kinder einmischt). Eine solche spontane Wahl kann beim Lehrer den Wunsch hervorrufen, für sich selbst eine starke Figur zu wählen (Hinweis auf Konkurrenz) oder einen Hinweis bieten, welche komplementäre Rolle der Lehrer spontan im Kontakt mit dem Vater einzunehmen bereit ist.

Allen Familienmitglieder und dem Lehrer werden Figuren zugewiesen, denen sie eine Stimme verleihen. So kann  z. B. ein Lehrer bei einem dominant auftretenden Vater auch zum starken Beschützer des Schülers werden. Fehlt seitens der Eltern das Verständnis für ihr Kind, kann ein Lehrer in die Rolle des Förderers hineinschlüpfen. Im späteren Elterngespräch kann dadurch die Überzeugung, den Schüler im Ausgleich zum fehlenden Verständnis des Vaters gezielt zu fördern, zum tragenden Motiv werden.

Die Spielfiguren sind schnell greifbar und können relativ einfach dazu verwendet werden, unterschiedliche Hypothesen über die Eltern zu entwickeln und Strategien für ein Elterngespräch zu planen. Zusätzlich können durch Symbole Haltungen, Ziele, Fähigkeiten, aber auch zu erwartende Fallstricke dargestellt werden.

Ein weiteres Beispiel: Die Figuren für beide Eltern stehen eng nebeneinander. Die Figur für den Lehrer steht frontal vor den Eltern. Der Schüler versteckt sich hinter seinen Eltern. Die vermuteten Botschaften der Eltern lauten: „Sie sind Schuld, dass unser Sohn so schlecht in der Schule ist.“ Der Schüler könnte denken: „Schön, dass meine Eltern mich so verteidigen. Da brauche ich nicht über mich selbst nachzudenken.“

Der Lehrer könnte nun verschiedene Vorgehensweisen erproben:

  • „Das lasse ich mir von den Eltern nicht sagen!“ (Konfrontation).
  • „Ich höre erst einmal zu, was die Eltern in ihrer momentanen Empörung sagen und achte darauf, ob sich ihre Haltung danach ändert.
  • Vielleicht gibt es auch Unterschiede zwischen den Eltern, die bislang noch nicht zum Tragen gekommen sind!“

Die Verwendung von Figuren wird im Vergleich zum Rollenspiel eher als kognitive Reflexion wahrgenommen.

Szenische Darstellungen

Szenische Darstellungen erhellen die Beziehungsdynamik, in die Schüler in ihrer Familie eingebunden sind und die in die Beziehungsdynamik, die Schüler in der Schule zeigen, hineinwirken kann. Sie helfen dabei, den Ursachen des Schülerverhaltens auf den Grund zu gehen und sind Ansatzpunkte für dann folgende Gespräche mit den Eltern.

Szenische Darstellungen beinhalten u. a. die Erstellung von Beziehungsskulpturen (Familienskulpturen) und kurzen gespielten Szenen. Das folgende Beispiel entstammt ebenfalls einer Fortbildung für Grundschullehrer.

  • Ein 6-jährigerJunge in der ersten Klasse fällt durch seine Unruhe auf. Um die Situation des Schülers in der Familie genauer zu verstehen, stellten einige Lehrer in einer Fortbildung die Familie auf. Die Mutter war mit 23 Jahren sehr jung, hatte aber bereits  vier Kindern. Der Vater des Schülers war10 Jahre älter als die Mutter. Alle Geschwisterkinder zerrten an der jungen Mutter, ebenso ihr Ehemann. Die junge Frau entfloh dieser Situation immer wieder. Sie wollte ihr Leben genießen, statt sich um die Familie zu kümmern. Darunter litt der Sechsjährige:  Die wiederholte Abwesenheit seiner Mutter ließ ihn unruhig werden.

In der Nachbesprechung (Rückmeldung) äußerte der Lehrer, der den 6-jährigen Schüler darstellte, dass er Angst verspürt habe, dass die Mutter von der Familie fortginge und nie wiederkehre. In der Rolle des Schülers habe er gemerkt, dass die Unruhe des Schülers dazu diente, seine auftauchenden Ängste („Hilfe, meine Mama verlässt die Familie!“)  zeitweise etwas loszuwerden.

Szenenische Darstellungen können sehr gut die emotionale Lage verdeutlichen, in der sich Schüler, die Probleme haben, befinden. Das Verständnis für persönliche Sichtweisen und die sie begleitenden Empfindungen hilft,  passende pädagogische Maßnahmen zu entwickeln, z. B. ein persönliches, unterstützendes und emotional entlastendes Gespräch mit dem Schüler. — Das wiederum ist eine gute Vorbereitung und  Argumentationshilfe für ein Krisengespräch mit den Eltern.

Andreas Schulz

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