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Kunst kreativ interpretieren

Bilder „sehen“ lernen – eine Aufgabe für den Kunstunterricht

Die visuelle Wahrnehmung, die kognitive Verarbeitung sowie Beurteilung von Bildern stellt eine wichtige Komponente zur Alltagsbewältigung dar. Hier erhalten Sie verschiedene Ansätze für die Interpretation von Bildern.

Kunst kreativ interpretieren: Bilder „sehen“ lernen – eine Aufgabe für den Kunstunterricht Unscharfe Bilder - eine Methode zum Bilder "sehen" © thampapon1 - stock.adobe.com

„Ich habe schon viereckige Augen“, klagt eine Kollegin nach der dritten Online-Konferenz des Tages. Die Bildschirmzeit hat sich über die Corona-Pandemie für uns alle stark vervielfacht. Wir – und natürlich auch die Schüler/-innen - sind oft den ganzen Tag mit dem Sehen beschäftigt, sei es im Internet, bei Online-Konferenzen, im Distanzunterricht, bei Youtube-Videos oder schlicht beim Fernsehen.  

Die visuelle Wahrnehmung, aber auch die kognitive Verarbeitung und Beurteilung von Bildern stellt daher eine wichtige Komponente zur Alltagsbewältigung dar. Denn Bilder oder andere künstlerische Erzeugnisse wie Videos, Gemälde, Fotos, Collagen oder Plastiken sind aus unserem Alltag nicht wegzudenken und beeinflussen uns auf die ein oder andere Weise. Sie fordern uns, regen uns an, können uns aber auch manipulieren und berieseln. Es ist daher wichtig, Bilder entschlüsseln zu können. Der Zugang zu einem Bild - und allen Kunstwerken im weiteren Sinn - beinhaltet didaktisch gesehen mehrere Richtungen und kann im Kunstunterricht systematisch geschult werden.

Ein Sprichwort sagt, für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance. Im Bruchteil einer Sekunde können wir das visuell Wahrgenommene einordnen und beurteilen. Dieser Vorgang verläuft in der Regel so stark beschleunigt, dass wir ihn fast als automatisch wahrnehmen. Im Kunstunterricht besteht jedoch die Möglichkeit, sich sozusagen „in aller Ruhe“ mit dem Sehen und der Betrachtung von Bildern (Kunstwerken) auseinanderzusetzen. Für die Erschließung stellen wir uns verschiedenen Fragen: 

Wie ist der erste Eindruck?

Wie wirkt das Bild auf mich, spricht es zu mir, was sagt es mir? Der erste Eindruck wird häufig schon zu einer Beurteilung führen. Das Bild „gefällt“ spontan oder eben nicht. Man kann jedoch auch tieferen Zugang gewinnen, wenn man eigene Erfahrungen, Interessen oder Ideen mit dem Bild verknüpft:  

Was will der Künstler damit sagen?

Was ist das für ein Motiv, welche Geschichte steckt dahinter? Wann ist das Bild entstanden und wer ist überhaupt dieser Künstler? Über die Informationen, die man damit zum Bild erfährt, kann sich eine völlig neue Sichtweise ergeben, so kann beispielsweise eine einzelne Linie, die wie ein Riss durch eine Leinwand führt, einen neuen Sinn ergeben, wenn ich weiß: dieses Bild hat Miro gemalt und trägt den Titel „Die Hoffnung des zum Tode Verurteilten“. So werde ich vermutlich zu einer neuen, anderen Sichtweise gelangen und meine Beurteilung sogar revidieren. Noch intensiver wird der Bildzugang mit der Frage: 

Wie ist das gemacht?  

Welche formale Gestaltung steckt in dem Bild? Das Motiv und die Arbeitsweise können genauer analysiert werden. Wer und was ist darauf eigentlich zu sehen?  
Alle drei Schritte zusammen ergeben abschließend ein vertieftes Verständnis des Bildes. Schüler/-innen lernen so einen kreativen und zugleich reflektierten Umgang mit Kunstwerken und sind in der Lage, Kunstwerke mit künstlerischen Gesichtspunkten zu beschreiben. Für den ersten Bildeindruck bieten sich vielerlei kreative und spannende Bildzugänge an (vgl. Schoppe, Andreas).

„Darf ich vorstellen“ – Titelsuche:  

Für den ersten Eindruck wird ein Bild präsentiert und nach einem passenden Titel gefragt. Wie könnte das Bild heißen? Die Schüler/-innen lassen das Bild auf sich wirken und notieren ihre Idee. Sie denken über die wahrgenommenen Bildelemente nach und bilden Assoziationen. Gemeinsam werden alle Ideen ausgewertet. Welcher Titel könnte der passende sein? Wie heißt das Bild in Wirklichkeit? Gegenständliche Bilder können hier anfangs leichter erschlossen werden, für geübte Schüler/-innen sind abstrakte Bilder motivierend.

„Unscharf kann so scharf sein“ – Betrachten:  

Ein Bild wird über den Beamer gezeigt und zunächst unscharf gestellt. Man kann nur Farbflecken und Umrisse erkennen. Die visuelle Aufmerksamkeit wird auf Details, aber auch den Gesamteindruck gelenkt, man muss genauer hinsehen. Im Gesetz der Gestaltschließung werden die Schüler/-innen verschiedene Assoziationen haben, die sie als Motiv interpretieren, z. B. ein gelber Fleck über einer grünen Linie kann eine Butterblume sein. Nach und nach wird das Bild schärfer gestellt und man spricht über die veränderte Wirkung und die neuen Bildinformationen. Hier eigenen sich farbige und grafisch eindeutige Bilder gut. Überraschende kleine Details führen am Ende zu spannenden Wendungen.

„Go on“ – Bildergänzung:

Schüler erhalten einen Ausschnitt aus einem Bild, den sie weitergestalten dürfen. Man kann z. B. einen Teil aus einer Tuschezeichnung in die Mitte eines weißen Blatts kopieren, und die Schüler/-innen zeichnen außenherum weiter. Am Ende werden die Arbeiten der Schüler/-innen mit dem Original und auch untereinander verglichen. Neben der Auseinandersetzung mit dem Bildinhalt und der Vorstellungskraft spielt auch die Frage nach Urheberschaft und Original eine Rolle („Darf ich einfach ein Bild verändern“). Gut geeignet sind anfangs einfache grafisch-gegenständliche Bildvorlagen, so dass die Schüler/-innen auch motivisch in der Lage sind, es weiter zu zeichnen.

„Das C ist gelb und schmeckt nach Kiwi“ – Geräuschkulisse zum Bild: 

Der berühmte Kandinsky hatte die Fähigkeit zur Synästhesie. Er konnte Farben nicht nur sehen, sondern durch eine besondere Ausprägung seiner Wahrnehmungsleistung auch riechen, fühlen, hören. Mit solch einer spannenden Künstlerbiografie kann man auch Bildzugänge schaffen für Bilder, die beispielsweise motivisch das Hören in sich tragen. Die Schüler/-innen suchen nach Tönen, Klängen oder Geräuschen, die in ihrer persönlichen Wahrnehmung zu dem Kunstwerk passen. Zusammen mit dem Bild werden die einzelnen Geräusche vorgestellt und können wirken. In einer gemeinsamen Abschlussbetrachtung wird aus all diesen Geräuschen ein Klangteppich zur Bildbetrachtung gelegt. Dies ist auch als Gemeinschaftserlebnis für die ganze Klasse spannend.  

Literaturtipp

Schoppe, Andreas (2017): Bildzugänge. Methodische Impulse für den Unterricht, Seelze.

„Dürer-Selfie“ – Portraits nachstellen:

Die Betrachtung von Portraits alter Meister, beispielsweise in Museen, wirkt auf viele Jugendliche eher ermüdend und nichtssagend. Wie wäre es, mit entsprechenden Requisiten ein solches Portrait nachzustellen? Die Schüler können sich sowohl in die Rolle des Models als auch die des Künstlers hineinversetzen und mit den Darstellungsformen experimentieren. Eigene Wünsche können bei der Portraitauswahl berücksichtigt werden. Zugleich lernen sie auch viel über die Zeitgeschichte und Kunstgeschichte. In einem Fotoprojekt finden die neu erschaffenen Nachbildungen einen Platz und bieten viele Möglichkeiten zur Weiterarbeit. 

Mit kreativen und spannenden Methoden zur Bilderschließung bereichert man den Kunstunterricht. Die Schüler werden über unterschiedlichste Bildzugänge dazu angeleitet, sich Kunstwerke gerne anzusehen, die Fantasie walten zu lassen und sich nachfolgend weitere Informationen zu holen. Der variationsreiche Zugang ermöglicht es, alle Lerntypen anzusprechen und so eine Vielfalt an Unterrichtsmethoden einfließen zu lassen, die den Kunstunterricht mit Sicherheit bereichern.  

Claudia Omonsky


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