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Unterrichtsideen

Deutschunterricht mit Rap macht Spaß!

Wer Schüler für den Deutschunterricht begeistern will, muss sie bei ihren Interessen packen: Ob fürs Lesen, Schreiben oder Vortragen von Lyrik — Raps sind ein vielseitiges Medium, die Kernkompetenzen im Fach Deutsch zu erweitern.

Unterrichtsideen: Deutschunterricht mit Rap macht Spaß! Eine Aufgabe als Herausforderung, aber auch als großer Spaß für die Gruppe: Gedichte oder Literatur auswählen, um sie zu Raps umzuarbeiten © LIGHTFIELD STUDIOS - stock.adobe.com

Die meisten seiner Schüler finden ihn wahrscheinlich richtig „cool“: Realschullehrer Andreas Klein kann „richtig rappen“, und wenn er sich von einer Abschlussklasse verabschiedet, dann klingt das so. Andreas Klein alias Ak.ademiker hat vor dem Abitur in einer Schul-AG mit dem Rappen angefangen. Im Song „Eure Welt“ erzählt er seine eigene Geschichte: „Im Westen aufgewachsen in den 90ern“ ist die Hiphop-Jugendkultur fest mit seiner Generation verwoben. Lehrer Hannes Loh hingegen ist 1971 geboren und macht ebenfalls Deutsch-Rap. Seine Hiphop-Band ANARCHIST ACADEMY besteht aus vier „smarten Ü-30 Rappern“ und zieht mit schnellen, intelligenten Hiphop-Texten zum Beispiel gegen „alle bescheuerten Pimp-Rapper des Landes“ wie „Kool Savas“ zu Felde. Ein Track der beiden rappenden Lehrer wäre sicherlich ein guter Einstieg in ein Unterrichtsprojekt im Fach Deutsch, bei dem der Rap eine zentrale Rolle spielt. Vorangehen könnte eine kleine Umfrage, welche Musik die Schüler hören, wie viele Rap-Fans unter ihnen sind, und welche Art von Hip-Hop sie bevorzugen.

Raptexte lesen — flüssig lesen

Leseförderung mit Hiphop-Texten motiviert die Schüler und erzeugt positive Emotionen wie Spaß, Freude oder Stolz. Und das wiederum führt dazu, dass das Lesen in Schule und Freizeit auch auf der sozialen Ebene des Lesens aufgewertet wird. Dr. Steffen Gailberger erzielt diese positiven Effekte im Rahmen eines mehrwöchigen Leseflüssigkeitsprojektes, das „grundsätzlich mindestens drei, besser noch sechs bis acht Wochen durchgeführt und dabei drei bis vier Mal die Woche für 20 Minuten wiederholt werden“ sollte, so der Deutschdidaktiker im „Dossier zur Leseförderung in außerschulischen Einrichtungen“ der Stiftung Lesen (S. 1 f.).
Jede Übungseinheit besteht aus sechs Schritten:

  1. Einteilen der Schüler in Dreiergruppen, die sich einen Band-Namen geben dürfen und einen Hip-Hop-Song aus „einem allen Kindern und Jugendlichen bekannten Pool möglicher Stücke“ wählen.
  2. Die Schüler sehen sich das zugehörige Video an: per Beamer oder Whiteboard, wenn die ganze Klasse am selben Song arbeitet, oder auch gruppenweise individualisiert auf dem Smartphone eines Gruppenmitglieds.
  3. Mit einem Textblatt üben die Schüler nach dem „Prinzip der Wiederholung“: Jede/r leise für sich eine Strophe, bis sie laut und „geläufig“ vorgelesen werden kann.
  4. Nach dem Rotationsprinzip tauschen die Schüler alle Strophen durch, bis jeder alle Strophen flüssig vortragen kann.
  5. Zum Abschluss lesen alle den Text im Chor. Wahlweise tragen Freiwillige einzelne Strophen solistisch vor.
  6. Neustart mit der Wahl des nächsten Songs.

Weiterführende Hinweise:

Wer sich der Website des Lehrerclubs der Stiftung Lesen registriert hat, kann sich die Textsammlung zum Leseförderungsprojekt „Vom Sonett zum Rap — Die Liebe in Lyrik und Musik“ kostenfrei herunterladen.

Wie genau man einen Rap-Text aufbaut und am Computer vertont, zeigt der Musik-Pädagoge Matthias Rheinländer in seiner Unterrichtseinheit „Rapping“.

„Goethe and Schiller go Hip-Hop“ — die Musik-Beispiele auf dem Landesbildungsserver Baden-Württemberg zeigen, dass schon die alten Dichterfürsten „coole“ Raptexter waren. Unbedingt zur Nachahmung empfohlen!

Viele Tipps und Websites mit freier Musik, Melodien und Geräuschen zur Vertonung von Gedichten finden sich hier auf dem Landesbildungsserver Baden-Württemberg.

Mozarts Requiem und Rap? Im Projekt SPEAK! erklingen alle Teile der bekannten Totenmesse. Kölner Schüler rappen dazu ihre eigenen Texte. Eine kurzweilige Doku informiert über das Projekt.

Nicht jeder Rap-Song ist geeignet

Bei der Zusammenstellung des Song-Pools ist natürlich auf altersgerechte Texte zu achten, „jenseits von Vertretern eines Hip-Hops, der sich systematisch homophober, chauvinistischer und/oder fremdenfeindlicher Klischees bedient“, rät Steffen Gailberger. Er nennt auch einige „quasi zeitlose“ Bands „wie Fettes Brot, Die Fantastischen Vier, Die Absoluten Beginner, Freundeskreis, Jazzkantine, Deichkind etc.“

Auch Hannes Loh, der rappende Lehrer, hat eine Favoritenliste mit Hip-Hop-Songs, die sich für den Unterricht eignen. „Gute biographische und selbstreflexive Texte wirken auf Jugendliche sehr motivierend“, sagt er in einem Interview mit der Bundeszentrale für politische Bildung. „Kapitel Eins“ von Torch beispielsweise erzähle „wortgewaltig und künstlerisch klug“, „wie man seine eigene Geschichte schreibt“, und auch „Schlüsselkind“ von Cora E. oder „Nichtsnutz“ von den Massiven Tönen funktionierten „sehr gut in der Schule“.

Und was, wenn die Schüler ihre eigenen Lieblings-Raps mitbringen möchten? „Im Rahmen des Fachunterrichts mache ich das nicht“, sagt Hannes Loh. „Rassistische, homophobe oder sexistische Songs kann man kaum unkommentiert stehen lassen“, und bei einer „Exkursodysee“ mutiere der „coole Lehrer“ dann „plötzlich zum Moralapostel“.

Gefühle in Worte fassen

Schüler der Sekundarstufe I für Lyrik begeistern — das ist für Deutschlehrer eine echte Herausforderung. Das Leseförderungsprojekt „Vom Sonett zum Rap — Die Liebe in Lyrik und Musik“ vermittelt Mittel- und Förderschülern in den Jahrgangsstufen 7 bis 10 „die Vielfalt lyrischen Sprechens“ auf jugendgerechte Weise: „Nicht staubtrocken, sondern nah an der Erfahrungswelt der Jugendlichen“ setzen die Unterrichtsmaterialien auf einen spielerischen und kreativen Umgang mit Sprache.

Die Schüler experimentieren mit Sprache und erkunden Liebeslyrik handlungsorientiert und mit allen Sinnen: Zunächst befassen sie sich mit Gefühlen. In Schuhkartons ertasten sie mitgebrachte Gegenstände und beschreiben sie mit Worten. In Kleingruppen hören sie sich einen Song zum Thema „Verliebt sein“ an. Was gehört dazu? Woran merkt man, dass man sich in jemanden „verguckt“ hat? Welche Gefühle können durch enttäuschte Liebe hervorgerufen werden? Und vor allem: Wie fasst man Gefühle möglichst differenziert in Worte? Die Jugendlichen diskutieren und assoziieren, clustern  und schreiben Liebesbriefe an fiktive Personen.

Gefühle ausdrücken ist für Jugendliche in der Pubertät möglicherweise peinlich. Lehrer-Blogger Kubiwahn hat deshalb seine ganz eigene Methode entwickelt, um den Schülern das Handwerkszeug fürs Liebesbriefe-Schreiben mitzugeben.

Textwerkstatt: Crashkurs „Dichten“

„Lyrik — was ist das?“ Um das herauszufinden schreiben die Schüler einen längeren Aussagesatz ohne Kommas in Versform und variieren bei den Zeilenumbrüchen. „Verse produzieren Pausen“ erläutern die Autoren der Materialien (Unterrichtsmaterialien „Vom Sonett zum Rap“, Link s. o., S. 3). Diese Pausen verleihen dem Text Rhythmus: „Wenn ihr mögt, könnt ihr den Rhythmus mit einem einfachen Instrument schlagen: einer leeren Plastikflasche, einem Löffel, einem Buch.“ — Und schon klingt der Satz ein wenig wie ein Gedicht oder Song. Anhand der Lektüre einiger Gedichte (in der zugehörigen Textsammlung, Link unten unter „Weiterführende Hinweise“) versuchen die Schüler eine Definition von Gedichten zu finden.

Es folgt ein Crashkurs mit „Tipps und Tricks rund ums Dichten“: Reime finden durch Alphabetisieren, Nachschlagen im Reimlexikon, Rochieren oder Ersetzen durch Synonyme, falls es kein Reimwort gibt, das alles üben die Schüler anhand einfacher Beispiele. Bevor sie ihre ersten eigenen Texte schreiben, recherchieren sie noch im Netz verschiedene Reimformen und untersuchen daraufhin einige gereimte Gedichte aus der Textsammlung.

Schreibend erschließen sich die Schüler nicht nur die Form des Gedichts, sondern auch die verschiedenen lyrischen Texte der Textsammlung: Sie verfassen ein Happy End zu Heines „Ein Jüngling liebt ein Mädchen“, bauen ein „Gegenteil-Gedicht“ nach dem Muster von Goethes „Freudvoll und leidvoll“ oder sitzen als „Anti-Liebes-Tribunal“ über die Liebe zu Gericht und verpacken ihre Einwände dann in einem „Es-ist-was-es-ist-sagt-die-Liebe-Text“ à la Erich Fried.

Gedichte rappen

Es folgt die Königsdisziplin: Gedichte vertonen und rappen. Für weniger Rap-affine Deutschlehrer bietet sich hier eine fächerverbindende Zusammenarbeit mit dem Musiklehrer an.

Zunächst tragen die Schüler eigene Texte aus dem Projekt „in verschiedenen Gefühlslagen“ vor, zum Beispiel „glücklich, erschrocken, traurig, schüchtern, wütend“ (ebd., S. 8). Sie befassen sich mit „Pattern“ (ein- bis viertaktigen Sequenzen), Refrains und Breaks (Letzteres bedeutet: die Instrumente pausieren). Anschließend interpretieren sie eigene Gedichte oder Gedichte bzw. Songtexte aus der Sammlung als Rap. In der „Ideenbörse Songs“ (S. 9 ff.) finden sich vielfältige Ideen für eine handlungs- und produktionsorientierte Auseinandersetzung mit Gedichttexten und Hip-Hop-Songs. Bei „Songs on Stage“ (S. 9) stellen die Schüler einen Song auf der Bühne szenisch dar oder drehen ein Video dazu. An dieser Stelle könnte man auch noch weitere Fachkollegen ins Boot holen: Der Kunstlehrer sorgt vielleicht für eine stilechte Hip-Hop-Kulisse (Graffiti?) und der Sportlehrer für eine Hip-Hop-Tanz-Choreographie. Und bei der Produktion eines eigenen Musik-Videos mit einem Computerprogramm unterstützt der IT-Kollege die Schüler.

Der Kafka-Rapper

Kurze und prägnante Texte, Reime und wiederkehrende Rhythmen — naturgemäß hat der Rap mit lyrischen Texten viele Gemeinsamkeiten. Doch funktioniert Rap auch bei Prosa im Deutschunterricht? Denkbar wäre hier zum Beispiel, dass die Schüler aus der Klassenlektüre gezielt bestimmte Schlüsselszenen herausgreifen und dazu Raptexte verfassen. Oder ein Schüler erzählt und interpretiert den Inhalt des Romans in Rap-Form, wie im Deutschunterricht des Baden-Württembergischen Deutschlehrers Christian Mahnke: „Normalerweise hält ein Schüler (...) ein Referat über Goethe oder eine literarische Epoche", erzählt der Pädagoge im Spiegel. Seinem Schüler Tobias Stoll schlug er jedoch vor, seine Gedanken über Kafkas Roman „Der Proceß“ als Rap zu präsentieren. — Das Ergebnis: Aus dem „Proceß“ wurde der „Raprozess“, eine Arbeit, für die Tobias Stoll eine „Eins mit Stern“ (15 Punkte) und enorme Resonanz in den Medien bekam.

Martina Niekrawietz

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