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Demokratieerziehung

„Die Welle“ – ein Lehrstück in Zeiten des Rechtspopulismus

Durch den Film oder Roman „Die Welle“ lässt sich gut demonstrieren, wohin autokratische Regime führen. Ein wichtiges Thema nicht nur für den Deutsch- und Politikunterricht, sondern um Jugendliche stark zu machen für Demokratie und gegen Rechtspopulismus.

Demokratieerziehung: „Die Welle“ – ein Lehrstück in Zeiten des Rechtspopulismus Unterdrückung und Ausgrenzung — So leicht zu tun, aber so schwer zu ertragen © Paolese - stock.adobe.com

Im Jahr 1967 spricht Ron Jones, Geschichtslehrer an der Cubberley High School in Palo Alto, mit seinen Schülern über die Entstehung des Nationalsozialismus in Deutschland. „Wie ist es möglich, dass Millionen Deutsche nichts dagegen unternommen haben und keiner –versucht hat, sich dagegen aufzulehnen?“, fragt Neuntklässlerin Laurie im Film „Die Welle – Macht durch Disziplin“. – Der Lehrer wird ihre Frage mit einem „Sozialexperiment“ beantworten, das durch den US-Fernsehfilm „Die Welle“ im Jahr 1981 weltweit bekannt wurde.

Jones war es innerhalb weniger Tage gelungen, faschistische autokratische Strukturen zu etablieren. Die meisten Schüler glaubten, Teil einer „neuen“ Bewegung „Die dritte Welle“ unter Führung des Lehrers zu sein und machten begeistert mit. Sie wurden „Mitglieder“ mit Mitgliedskarte und mussten auf die Regeln der Gemeinschaft schwören. Jones nährte ein trügerisches Gemeinschaftsgefühl durch Drill („Disziplin“), Rituale (Gruß) und Zeichen und schürte Angst bei Kritikern, indem er einigen Schüler die Aufgabe erteilte, andere bei Regelverstößen zu melden. Mehr und mehr verschmolzen die Schüler mit ihren Rollen, viele denunzierten selbst Eltern und beste Freunde. Auch Ron Jones ertappte sich dabei, wie er die Gefolgschaft der Schüler genoss und somit die Distanz zu seiner zunächst gespielten Rolle als Führer zu verlieren begann. – Der Schulversuch geriet außer Kontrolle und der Lehrer brach das Experiment am fünften Tag ab, indem er den Schülern die Parallelen zu Jugendorganisationen im Dritten Reich aufzeigte.

Autokratische Strukturen, die die Demokratie und die damit verbundenen Werte gefährden, Fanatismus und Kadavergehorsam statt eigenständigem Denken, Denunziation und Manipulation durch politische Führer – die Bezüge zu aktuellen politischen Ereignissen weltweit sind unübersehbar. Deshalb bietet sich „Die Welle“ nicht nur als zeitgemäße Lektüre im Deutschunterricht an, sondern auch als fächerübergreifendes Projekt, das den Politik-, Geschichts- und Ethikunterricht mit einbezieht. 

Texte, Film- und Hörspieladaptionen vergleichen 

Lange war dieser Unterrichtsversuch für Ron Jones schambesetzt: „For years I kept a strange secret“, so beginnt der Artikel „The Third Wave“, in dem er in den 70er-Jahren darüber berichtete und den Ablauf jedes der fünf Projekttage minutiös schildert. Dieser spannende Text könnte in Auszügen oder als Lektüre im Englischunterricht der 9. oder 10. Klasse gelesen werden. Jones Text stand auch Pate für die US-amerikanische Verfilmung des Stoffes von 1981. Im selben Jahr veröffentlichte Morton Rhue den Roman „The Wave“, der sich am Drehbuch zum Film orientierte.

2008 wurde der Stoff von dem Filmemacher Dennis Gansel neu verfilmt. Der Regisseur verlegte die Handlung in eine deutsche Schule der 2000er-Jahre. Auf der Basis dieses Films entstand zudem ein Filmhörspiel. 

Ron Jones‘ Text und die verschiedenen Adaptionen des Stoffs eröffnen vielfältige Möglichkeiten für den Unterricht. So könnten die Schüler beispielsweise die inhaltlichen Unterschiede zwischen dem Roman bzw. dem alten Film und der Neuverfilmung von 2008 herausarbeiten. Eine Aufgabe, die sich sehr gut für Gruppenarbeit oder Einzelreferate anbietet, wobei jeweils ein unterschiedlicher Fokus gesetzt werden könnte: Die Darstellung der Hauptfiguren, die Veränderung des Außenseiters Robert (Buch) bzw. Tim (Neuverfilmung), der Vergleich wichtiger Schlüsselszenen, Widerstand gegen die Welle, Reaktion des Direktors bzw. der Direktorin, der Öffentlichkeit, des Umfeldes der Schüler und der Lehrer etc. 

Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht

Die Welle bietet auch vielfältige Möglichkeiten für einen handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterricht: Die Schüler könnten etwa Romankapitel mit eigenen Überschriften versehen, Dialoge szenisch umsetzen oder Briefe, Tagebucheinträge etc. aus der Perspektive verschiedener Protagonisten verfassen.

Ein handlungsorientiertes Unterrichtskonzept von Deutschlehrer Volker Frederking findet sich in „Praxis Deutsch“ (21/1994, 123, S. 45–48). Nach der Lektüre des Buches erstellen die Schüler hier im Rahmen einer Doppelstunde eine „Bild-Wort-Satz-Collage“. Sie gibt den Schülern Gelegenheit, „ihre ganz subjektive Disposition zur ‚Welle‘-Problematik in den unterrichtlichen Diskurs einzubringen“ (S. 46): Während oder nach dem Lesen notieren die Schüler „Begriffe, Gedanken oder Probleme“ und schreiben dann die fünf bis zehn Kernsätze des Romans heraus, in denen die wichtigsten Themen behandelt sind. Anschließend gestalten die Jugendlichen mit Wörtern, Gedanken und Zitaten sowie mit Fotos aus politischen Magazinen oder eigenen Zeichnungen Kollagen im A1-Format. Die Kollagentechnik erlaubt den Schülern einen nicht nur kognitiven, sondern ganzheitlichen Zugang zum Text, der auch „lernschwächere“ Schüler einbezieht.

Frederking schlägt interessante weitere Verfahren vor, zum Beispiel eine Pro-und-Kontra-Debatte oder auch die Entwicklung von „Utopiebausteinen“, in Frederkings Verständnis „persönliche Phantasie- und Idealbilder der Schüler(innen) von einem Menschen, einer Gemeinschaft und der sie tragenden Ideen, in denen ‚Welle'-Strukturen keine Chance haben“ (S. 48). In diesem Zusammenhang bietet sich zudem ein Vergleich der „Welle“ mit dem „Club der toten Dichter“, wobei das Medium „Film“ Abwechslung in den Unterricht bringt.

Anregungen für ein fächerübergreifendes Projekt

Bei den handlungs- und produktionsorientierten Verfahren sind die Bezüge zu anderen Fächern offensichtlich: Die Kollage könnte in Zusammenarbeit mit dem Kunstkollegen entstehen. Und die Utopiebausteine bieten gute Ansatzpunkte für eine fächerübergreifende Zusammenarbeit mit den Geschichts-, Sozialkunde-, Religions- oder Ethiklehrern. 

Gute Anregungen für fächerverbindende Kreativprojekte finden sich auch in den Unterrichtsbausteinen zum Roman „Die Welle“ auf dem Landesbildungsserver Baden-Württemberg: Da gestalten die Schüler zum Beispiel Mitgliedskarten und Plakate zur Mitgliederwerbung im Kunstunterricht. Hübsch auch die Idee, eine Ausgabe der Schülerzeitung „Ente“ (vgl. Kap. 8 in Rhues Roman) zu fabrizieren (ebd.), wobei die vorgeschlagenen Artikel- und Beitragsthemen verschiedene journalistische Darstellungsformen (Bericht, Kommentar, Interview) abdecken. Die Illustrationen könnten wieder im Kunstunterricht angefertigt werden.

Die Psychologie der Welle praktisch ergründen

Auch die Unterrichtsmaterialien zum Gansel-Film geben Impulse für einen fächerverbindenden Unterricht, der die Schüler mit außergewöhnlichen praktischen Übungen (S. 14 ff.), gestaffelt nach Jahrgangsstufen 8 bis 10, aktiviert:

Die „Bestandsaufnahme“ (ab Klasse 8) referiert auf folgendes Interviewzitat von Ron Jones: „Das Experiment funktioniert, weil die meisten von uns einsam sind. Weil sie keine Familie haben, keine Gemeinschaft, kein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe ... Es funktioniert heute immer noch, an jeder Schule! ...Hey, geht zu eurer Schule vor Ort. Wo findet ihr da Demokratie?“

Das verifizieren die Schüler mit „Beobachtungen“ in Familie, Freizeit, Schule und Klasse. Sie dokumentieren etwa die „Sitzordnung am Familientisch“ mit einem Handyfoto oder mit „Tischkärtchen“: Wer sitzt neben wem? Wie groß sind die körperlichen Abstände zwischen den Familienmitgliedern? etc. Ähnlich verfahren die Schüler bei ihren Beobachtungen auf dem Schulhof und in der Klasse: Welche Gruppierungen gibt es? Ethnische Merkmale, Pärchen ... Wo stehen die Aufsichtspersonen/Lehrer? – Dabei lernen die Kids, „bewusst zu beobachten“ und „Ergebnisse wertfrei festhalten“. Sie werden dann die Konstellationen im Film besser analysieren können. 

Das „Wellenspülspiel“ ist ein gruppendynamisches Experiment, „um Ausgrenzung und Macht hautnah zu erfahren und nur für Klassen mit stabiler Vertrauensbasis geeignet: Die Schüler sitzen in einem engen Stuhlkreis, einer steht in der Mitte. Spontan rücken die Schüler einen Platz weiter, eine „Welle der Bewegung entsteht“, und der Schüler in der Mitte versucht, in eine Lücke zu kommen und einen Stuhl zu ergattern. Danach tauschen sich die Schüler über ihre Erfahrungen aus: „Wie fühlt sich der Ausgegrenzte? Wie verhält sich die Gruppe? Wie entsteht Ausgrenzung? Warum wird ausgegrenzt? Wann fühlt man Überlegenheit?“

Einen kleinen Crashkurs in Sachen „Psychologie der Macht“ absolvieren die Schüler bei der Übung „Status Wo“: Sie ergründen im improvisierten Spiel zum Beispiel „Blick-Hierarchien“ oder versuchen, den Status durch Gesten, Blicke, Sprache etc. zu steuern.

Last but not least eine Anregung für den Musikunterricht: „Über körperliche Aktion und Rhythmus“ entwickeln die Schüler „eine Bewegung (...), die stetig an Kraft zunimmt; das Ende ist offen“, so heißt es im Arbeitsheft (S. 21). – Vielleicht können die Schüler danach ein wenig erahnen, wie es sich angefühlt haben muss, Teil der Bewegung „Die Welle“ zu sein, und wie schwer es damals war und heute ist, die Kontrolle zu bewahren und rechtzeitig Distanz einzunehmen und auszusteigen.

Martina Niekrawietz

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