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Unterrichtsgestaltung

Durch Irritationen Schüler motivieren

Irritierendes Lehrerverhalten, bewusst eingesetzt, fordert die Schüler zu eigenem Denken und Handeln heraus. Das motiviert und gibt dem Unterricht einen spannenden Impuls.

Unterrichtsgestaltung: Durch Irritationen Schüler motivieren Sich schweigend an die Tafel lehnen und nichts tun — das irritiert Schüler © contrastwerkstatt - Fotolia.com

Jeder Lehrer, der seinen Unterricht mit bloßen Wortsilben beginnt, wird seine Schüler wahrlich irritieren: Was sollen „tssssssssssssss“, „t-t-t-t“, „grrrmmmmm“ oder „scht“ bedeuten? Warum redet der so?

Oder: Obwohl ich meinen Politikunterricht i. d. R. mit dem Ritual der „Aktuellen Stunde“ (ein von einem Schüler vorbereitetes Kurzreferat zu einem aktuellen Thema im Sinne einer Nachrichtensendung) beginne, setze ich mich auch manchmal demonstrativ in die letzte Reihe meiner Klasse und warte einfach ab. Meistens fragen die Schüler mich dann nach kurzer Zeit, ob ich den Unterricht nicht endlich beginnen wolle. Tun sie dies nicht, frage ich provokant nach, ob wir denn nun endlich mit dem Unterricht beginnen könnten. Manchmal erhalte ich dann die etwas patzige Antwort, ich solle dafür doch einfach nach vorn kommen und beginnen. Worauf ich dann entgegne, warum gerade ich dies tun sollte.

Irritationen geben Raum für neue Gedanken

Beide Beispiele wirken komisch, irritierend, vielleicht auch provozierend. Aber schauen wir genauer hin, so entsteht aus beiden (gezielt initiierten!) Anlässen ein spannendes Gespräch. Im Falle der „Wortsilben“ frei nach Jandl (vgl. das Gedicht „Schtzngrmm“ von Ernst Jandl aus dem Jahr 1957. Hier: Jandl, Ernst: sprechgedichte. In: neue wege Nr. 123/ 1957, S. 11) werden die Schüler sich und mich fragen, was das soll. Die Nachfrage nach Assoziationen erscheint hier bereichernd. „t-t-t-t“ klinkt wie ein Ticken, „tssssssssssssss“ wie ein Zischen, ähnlich das eher kurze, aber aufeinanderfolgende „scht“. Ganz anders klingt das gluckernde und sich zunehmend steigernde „grrrrrrrrrt“ und das eher schnell vorbeifliegende „grrrmmmmm“. All diese Laute erzeugen Bilder im Kopf des Zuhörenden. Den einen oder anderen werden sie an das Rattern eines Maschinengewehrs (grrrrrrrrrt), das Ticken einer Bombe (t-t-t-t), das Abbrennen einer Zündschnur (tssssssssssssss) oder das Vorbeifliegen und Einschlagen einer Granate (grrrmmmmm) erinnern. Dieses Gedicht bietet somit einen gelungenen Einstieg in das Themengebiet Erster Weltkrieg und im Speziellen in das Gebiet der Lyrik dieser Zeit. Wieso, so werden die Schüler fragen, verfasst jemand ein solches Gedicht? Was sagt dieses Gedicht über diese Zeit aus?

Das zweite Beispiel verwende ich gern, um in das Themengebiet der „sozialen Rollen“ einzusteigen. Warum, so lässt sich fragen, wird von mir als Lehrer erwartet, dass ich die Unterrichtsstunde beginne und leite? Warum wird von mir erwartet, dass ich den Unterricht vorbereite? Und was wird im Gegenzug von der sozialen Rolle der Schüler erwartet? Was geschieht, wenn wir die an uns und unsere Rolle gestellten Erwartungen nicht erfüllen? Somit bietet sich mithilfe dieser kleinen Irritation ein guter Einstieg zum Gegenstand soziale Rolle, Rollenerwartungen und -konflikte.

Link zum Gedicht:

Das Gedicht „Schtzngrmm“ von Ernst Jandl finden Sie auch hier. Dort ist auch ein Video mit Ernst Jandl zu finden, in dem er das Gedicht selbst vorträgt.

Irritation und Provokation als didaktisches Prinzip

Ein gelungener Unterrichtseinstieg kann unterschiedliche Funktionen erfüllen: Er kann bereits vermitteltes Wissen wiederholen und erinnern, er kann bestehendes Vorwissen eruieren, er kann aber auch in den geplanten Unterricht überleiten und den folgenden Arbeitsprozess vorstrukturieren. Gerade die Ansätze des erfahrungsorientierten Lernens (u. a. Klippert, Heinz: Durch Erfahrung lernen – Ein Prinzip (auch) für die politische Bildung. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Erfahrungsorientierte Methoden der politischen Bildung. Bonn 1988, S. 75-93) und der Problemorientierung (u. a. Breit, Gotthard: Problemorientierung. In: Sander, Wolfgang (Hrsg.): Handbuch politische Bildung. Bonn 2005, S. 108-125.) nutzen die Irritation als Einstieg in ein Unterrichtsthema gezielt aus, um die Schüler für einen Unterrichtsgegenstand zu motivieren.

Folgen wir dem Ansatz der Rollentheorien (u. a. Linton, Ralph: Mensch, Kultur, Gesellschaft. Stuttgart 1979 oder Goffman, Erving: Wir alle spielen Theater — Die Selbstdarstellung im Alltag, 10. Auflage. München 2003.), so sind mit der Rolle des Lehrers bestimmte Erwartungen verbunden. Sicherlich füllt jeder Kollege seine soziale Rolle mit einer persönlichen Note aus, aber im Grundkanon werden sich vermutlich Eigenschaften wie Zuverlässigkeit, Strukturiertheit, Empathiefähigkeit, Seriosität und Ähnliches wiederfinden.

Setzt sich ein Lehrer hingegen eine lockige Perücke auf, um einem historischen Rollenspiel zur Erörterung der Frage, ob Ludwigs XVI. hingerichtet werden soll, Nachdruck zu verleihen, so erscheint diese Geste für viele Schüler im ersten Moment lustig, vielleicht sogar ein wenig lächerlich. Der Fachkollege unterstützt das historische Rollenspiel unter Verwendung dieser Irritation jedoch und schafft damit eine Bühnensituation als visuelle Unterstützung des Rollenspiels und fördert somit Alteritätserfahrung für das historische Lernen.

Eine Provokation kann selbstverständlich auch zum Abschluss einer Unterrichtsstunde bzw. -einheit genutzt werden, um ein zuvor erarbeitetes Thema zu bewerten oder noch einmal bündelnd zu wiederholen. Gerade Karikaturen bieten sich hier an, um vermittelte Inhalte zu wiederholen, aber noch einmal unter anderer Perspektive zu hinterfragen.

Provokation und Bluff nur sparsam einsetzen

Die Vorteile einer gezielten Provokation oder Irritation scheinen auf der Hand zu liegen. Regen sie die Schüler doch zu einer (ersten) Stellungnahme an und können somit in ein Unterrichtsgespräch einleiten oder dieses vorstrukturieren. Sie können somit auch zur Auseinandersetzung mit einem unterrichtlichen Gegenstand anregen. Entscheidend ist hierbei, dass der Bluff glaubhaft ist und eine Betroffenheit erzeugt (zu den Stichworten Bedeutsamkeit und Betroffenheit vgl. u. a. Gagel, Walter: Einführung in die Didaktik des politischen Unterrichts. Opladen 1983, S. 85ff.).

Zur Erarbeitung der Wahlgrundsätze einer Demokratie kann beispielsweise die Behauptung verwendet werden, dass eine neue Regelung festlegt, dass sich nur noch Jungen als Klassensprecher bewerben dürfen. Diese müssen mindestens die Note gut im Fach Politik haben. Die Kandidatenliste wird vom jeweiligen Klassenlehrer durchgesehen und gegebenenfalls korrigiert. Da Mädchen keine Stimme mehr erhalten, da diese sich sowieso nicht für Politik interessieren, erhält bei der Abstimmung jeder männliche Schüler, der rechts von einem Mädchen sitzt zwei Stimmen. Wenn ich dann noch behaupte, dass die Schulleitung dieser Regelung festgelegt hat, hat das bisher noch jede Klasse zu einem zielführenden Diskurs über Grundsätze einer demokratischen Wahl angeregt. Selbstverständlich sollte die Situation zum Abschluss aufgeklärt werden.

Gerade dadurch, dass die Schüler sehr schnell dazu veranlasst werden, sich in das Gespräch mit einzubringen und hierfür scheinbar erst einmal wenig bis kein Vorwissen aufweisen müssen, neigen oft auch schwächere Schüler dazu, sich in das Gespräch mit einzubringen.

Hieran schließen sich jedoch schon die Nachteile einer solchen Methode an: Einerseits darf der Bluff nicht zu weit gehen. Emotionale (Erst-)Äußerungen sind zwar erwünscht, müssen jedoch mithilfe fachlicher Kategorien auf eine sachliche Ebene gelenkt werden. Andererseits funktioniert solch eine Methode nur, wenn sie sparsam eingesetzt wird — ein regelmäßiger Einsatz bietet weder Überraschung, noch Irritation und verfehlt somit den besonderen Motivationseffekt völlig.

Wichtig bleibt auch, dass das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrer stimmen muss. Ist dies nicht der Fall, so könnten sich die Schüler veralbert oder „hinters Licht geführt“ fühlen. In solchen Fällen kann die Stimmung sehr schnell kippen und ins Negative umschlagen. Nicht zuletzt muss das Entwicklungsniveau der Schüler berücksichtig werden, denn die Schüler müssen über ein gewisses geistiges Entwicklungsniveau und eine wenigstens in Ansätzen entwickelte Ich-Stärke verfügen, um eigene Standpunkte — auch gegen die Meinung des Lehrers — darzustellen und vertreten zu können.

Frank Lauenburg

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