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Betriebserkundungen

Exkursion in die Arbeitswelt: Betriebe aktiv erkunden

Berufsorientierung gelingt vor allem dann, wenn Schüler Unternehmen selbstständig und aktiv erforschen und sich dabei auf genau die Aspekte konzentrieren, die für ihr Leben bedeutsam sind. Denn auf diese Weise gewinnen sie realistische Einblicke in die Arbeitswelt und finden heraus, welche Kriterien ihr persönlicher Ausbildungsplatz erfüllen sollte.

Betriebserkundungen: Exkursion in die Arbeitswelt: Betriebe aktiv erkunden Bei einer Betriebserkundung sollen die Schüler einen tieferen Einblick in das Aufgabenfeld verschiedener Berufe bekommen © industrieblick - Fotolia.com

Viele Handwerksbetriebe suchen händeringend Azubis: „Die Zahl der Lehrlinge erreichte jetzt einen historischen Tiefstand“, berichtete am 08.04.2014 das Handwerkmagazin unter Berufung auf den aktuellen Berufsbildungsbericht der Bundesregierung. Eine gute Ausgangssituation für Jugendliche auf Ausbildungsstellensuche, sollte man meinen. Doch der Ausbildungsreport der DGB-Jugend vermeldet beunruhigende Entwicklungen: Nur gerade einmal zwei Drittel „der ausbildungsinteressierten jungen Menschen“ fänden eine Ausbildungsstelle. Dabei hätten gerade die Berufe die größten Besetzungsprobleme, deren Ausbildungsqualität zu wünschen übrig lässt: Wegen mangelnder „Ausbildungsreife“ müssten 11,7 Prozent der Azubis ausbildungsfremde Tätigkeiten hinnehmen, 10,8 Prozent hätten „selten oder nie“ Kontakt zu ihrem Ausbilder und 14,5 Prozent bekämen Arbeitsvorgänge selten oder nie erklärt. (Ausbildungsreport 2014: Die wichtigsten Zahlen im Überblick) 36,6 Prozent müssten regelmäßig Überstunden machen, wobei gar 13,2 Prozent der Unter-18-Jährigen mehr als 40 Stunden arbeiteten — „ein klarer Verstoß gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz“ (ebd.)

Für die Jugendliche wesentliche Fragen formulieren

Vor diesem Hintergrund wird ganz schnell klar, dass sich Jugendliche in der Phase der Berufsorientierung von Unternehmen ein möglichst klares Bild machen sollten, um eine spätere „Bruchlandung“ zu vermeiden. Doch dazu „bedarf es umfangreicher Informationen und der Fähigkeit, diese erschließen und bewerten zu können“, betonen die Autoren der DGB-Handreichung „Go and find out! Die Betriebserkundung in der Arbeitswelt“ (S. 12) Es gehe dabei um eine schülerorientierte, multiperspektivische Herangehensweise. Ausgangspunkt sollten die „Lernbedürfnisse der Schülerinnen und Schüler“ (S. 5) sein, also die für die Jugendlichen bedeutsamen Fragen, z. B.: „Kann ich mich und meine Familie vom Erwerbsentgelt finanzieren? Welche körperlichen und psychischen Belastungen kennzeichnen den Beruf? Gibt es Prognosen zur (…) Arbeitsplatzsicherheit, Veränderung der Anforderungen durch Technisierung etc.? Welche beruflichen Entwicklungschancen gibt es?“ (S. 14)

Und genau darin liegt ein wesentlicher Unterschied zur eher passiven Betriebsbesichtigung, bei der vor allem die Erwartungen des zukünftigen Arbeitgebers im Mittelpunkt stehen.

Betriebserkundung vs. Betriebsbesichtigung

Während die Betriebsbesichtigung eine „Zusatzveranstaltung“ ist, „die sich nicht aus der Unterrichtsarbeit ergibt“, ist die Betriebserkundung in eine Unterrichtsreihe eingebettet. (S. 14) Die Schüler werden dabei selbst aktiv (entdeckendes Lernen) und fokussieren auf „sozioökonomische Zugangsweisen“, wobei sie der Unterricht didaktisch und methodisch unterstützt.

Hinter einer Betriebsbesichtigung verbirgt sich meist nur eine Werbe- und Informationsveranstaltung mit Event-Charakter, die die Schüler passiv-rezeptiv konsumieren. — Eine systematische fachliche Auseinandersetzung fehlt ebenso wie eine fachliche Vor- und Nachbereitung. (ebd.)

Im Gegensatz dazu verfolgt die Betriebserkundung eine klare Bildungsintention: Unterrichtsziel ist es, sich mit den Erkenntnissen aus der Betriebserkundung unter bestimmten fachlichen Aspekten (wirtschaftlich, soziologisch, politisch) auseinanderzusetzen und die Ergebnisse im Unterricht zu reflektieren. (ebd.)

Frühzeitig planen

Das ist wichtig, denn durch „die steigende Anzahl der Betriebserkundungen wird die Anzahl der zur Verfügung stehenden Betriebe, die geeignet und willens sind, Erkundungen durchzuführen, knapp“, warnt Realschulrektor Peter Thumann auf seinem „Arbeitsblatt Betriebserkundung“. Leitfäden zu Betriebserkundung setzen für eine erste Kontaktaufnahme meist „ein halbes Jahr vor dem beabsichtigten Termin“ an (lehrerfortbildung-bw.de). Im Idealfall wendet man sich dabei an Unternehmen im Umkreis der Schule.

Win-win-Situation für Schüler und Unternehmen

Für die Unternehmen ist eine Betriebserkundung weitaus zeit- und organisationsaufwendiger als eine Besichtigung. Zudem investieren Firmen heutzutage viel in ihre Außenwirkung und befürchten womöglich einen Imageverlust, wenn Schüler allzu selbstständig recherchieren.

Solchen möglichen Widerständen könnte man mit dem Argument begegnen, dass auch die Unternehmen von Betriebserkundungen profitieren: Schüler, die sich aufgrund einer Betriebserkundung bewusst für einen Ausbildungsplatz entscheiden, kennen die eigenen Erwartungen und können besser beurteilen, ob sie zum Unternehmen passen. Das gilt auch umgekehrt. Damit wird es wahrscheinlicher, dass die Auszubildenden ihre Ausbildung auch wirklich erfolgreich abschließen. — Damit sparen Unternehmen unterm Strich Ressourcen, denn statistisch gesehen wird fast jeder vierte Ausbildungsvertrag vorzeitig beendet, wie aus dem Ausbildungsreport 2014 hervorgeht (S. 45).

Martina Niekrawietz

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