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Politische Bildung

Flüchtlinge als Thema im Unterricht

Immer mehr junge Flüchtlinge besuchen deutsche Schulen. Damit erreicht die Tagespolitik deutsche Klassenzimmer und Flucht, Asyl und Integration werden zu aktuellen Themen, die den Schulalltag begleiten und im Unterricht thematisiert werden sollten.

Politische Bildung: Flüchtlinge als Thema im Unterricht Das Thema Flüchtlinge sollte mit den Schülern im Unterricht besprochen werden, um Vorurteile gar nicht erst entstehen zu lassen © Jonathan Stutz - Fotolia.com

In manchen Schulen sind sie schon da, in vielen anderen werden sie bald ankommen: Kinder und Jugendliche, die vor Hunger, Krieg und Verfolgung geflohen sind. Von „circa 325.000 zusätzlichen Schülerinnen und Schülern“ geht die Kultusministerkonferenz in ihrer Prognose vom 9. Oktober 2015 aus. Für alle Beteiligten, vor allem für die Lehrer, ist das eine außergewöhnliche Situation: Ängste, Vorurteile und sprachliche Barrieren erschweren meist die Integration der Neuankömmlinge in der Klasse. Die jungen Flüchtlinge ihrerseits haben oft traumatische Erfahrungen zu verarbeiten und müssen sich in einer für sie völlig fremden Kultur zurechtfinden. Jetzt ist es vordringliche Aufgabe des Unterrichts, Berührungsängste abzubauen und das politische Topthema Flucht und Asyl im Unterricht zu behandeln.

Der Sächsische Flüchtlingsrat hat in Zusammenarbeit mit PRO ASYL dazu eine Handreichung für Lehrer entwickelt, die die drei wichtigsten Lernziele zum Thema „Flucht und Asyl“ auf den Punkt bringt (S. 3 ff.): „(1) die Erzeugung eines Perspektivenwechsels bzw. von Empathie, (2) Wissensvermittlung sowie (3) Aufzeigen von Handlungsmöglichkeiten.“ Diesen drei übergeordneten Zielen entsprechen auch die Anregungen, fertigen Stundenkonzepte, Materialien und Linksammlungen zum Unterrichtsthema „Flucht und Asyl“, die im Netz frei verfügbar sind und die sich auch bestens für Projekttage eignen.

Zahlen, Fakten und Zusammenhänge auf einen Blick

Ständig steigende Flüchtlingszahlen, die Änderung des Asylrechts, Bombenangriffe verschiedener Akteure mit wechselndem Ziel in Syrien, der Umgang der Europäischen Staaten mit Flüchtlingen — selbst für politisch Interessierte ist es derzeit schwer, den Überblick zu behalten.

Die Bundeszentrale für politische Bildung informiert Lehrer und Schüler mit Kurz-Dossiers über aktuelle Entwicklungen bei Zuwanderung und Flucht. Im Hinblick auf wachsende Fremdenfeindlichkeit, die sich etwa in brennenden Flüchtlingsunterkünften und Aufmärschen von Pegida und Co. äußert, sei auch besonders auf das umfassende Dossier „Rechtsextremismus“ hingewiesen.

Aktuelle Tagesmeldungen, Kommentare und Zusammenfassungen unter bestimmten Aspekten bieten seriöse Medien wie z. B. die Süddeutsche Zeitung, die ZEIT oder tagesschau.de. Und die aktuellen Meldungen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge offenbaren unter anderem die neuesten Statistiken und laufende Forschungsprojekte.

Empathie fördern: mit den Augen der Flüchtlinge sehen

Weiterführende Hinweise:

Das Online-Quiz der UNHCR sensibilisiert Schüler ab 12 Jahren für die Flüchtlingsthematik.

Eine „umfassende Liste von Unterrichtsmaterialien“ bietet der Beitrag „Flüchtlinge als Unterrichtsthema. 10 Tipps für die Praxis“ auf der Website der GEW.

„Flucht und Asyl — zwischen Not und Gesetz“: Im Mittelpunkt dieser sechsstündigen Unterrichtseinheit für die Klassen acht bis zehn auf der Webplattform „Zwischentöne“ steht Jamila, die nach Beginn des Krieges zwischen Russland und Tschetschenien mit ihrer Familie nach Deutschland geflohen ist.

Die Broschüre „Lernen über Migration und Menschenrechte. Flüchtlinge gestern — Flüchtlinge heute“ thematisiert den Umgang mit Flüchtlingen von der NS-Zeit bis heute. Die anspruchsvollen Stundenkonzepte mit Arbeitsblättern beleuchten die rechtliche Seite (Migration und Menschenrechte, Genfer Flüchtlingskonvention, Status) und beantworten die zentralen W-Fragen (Wer? Wann? Wie? Warum? Wohin?).

Wer auf der Suche nach geeigneter Literatur, nach Dokumentar- oder Spielfilmen, Hörspielen, Ausstellungen oder Theaterstücken ist oder sich mithilfe von Fachpublikationen, über das Thema Flucht und Asyl informieren möchte, wird in der Handreichung des Sächsischen Flüchtlingsrats fündig.

Der Jugendwettbewerb „Alle Kids sind VIPs“ der Bertelsmann Stiftung prämiert alljährlich besonders gelungene Integrationsprojekte. Die zugehörige Website stellt die besten Ideen vor und informiert über die attraktiven Preise für die komplette Sieger-Klasse.

Ein Perspektivwechsel gelingt am besten mit Unterrichtmaterialien, die von der Erfahrungswelt der Schüler ausgehen: Was wäre für dich persönlich ein Grund, aus deiner Heimat zu fliehen? Was würdest du mitnehmen? Worauf könntest du verzichten und was ist dir wirklich wichtig im Leben? Mit diesen Fragen startet die Stationenarbeit der Karl Kübel Stiftung. An insgesamt zwölf Lernstationen werden die Schüler aktiv: Sie betrachten Fotos von Flüchtlingen und versetzen sich in sie hinein, sie interpretieren Karikaturen, entscheiden in konkreten Fallbeispielen über die Anwendung des Asylrechts oder recherchieren im Internet zu verschiedenen Hilfsorganisationen. Mit fertigen Materialien und didaktischen Hinweisen ist der Vorbereitungsaufwand für Lehrer fast „gleich Null“.

Bei dem Rollenspiel „Stationen einer Flucht“ schlüpfen die Schüler in bestimmte Familienrollen und spielen eine Fluchtgeschichte. Krieg, Trennung der Familie, Einpacken der nötigsten Gegenstände, Schikanen etc. — all das erleben die Teilnehmer buchstäblich am eigenen Leib, zum Beispiel das Chaos nach dem plötzlichen Kriegsausbruch („Geräusche: Pfiffe, Schreie, verzweifelte Rufe“, verzweifelte Menschen, die sich an sie klammern etc., vgl. S. 14 der Spielanleitung). Für das Spiel sollte man — je nach Teilnehmeranzahl und verwendeten Stationen — 45 bis 75 Minuten plus mindestens eine Schulstunde für die Diskussion im Anschluss einplanen.

Auch beim interaktiven Onlinespiel „Last Exit“ des UN-Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR) durchlaufen die Schüler „als Flüchtling“ verschiedene Stationen einer Flucht. Im Wettlauf gegen die Zeit packen sie ihre Sachen, fliehen aus ihrer Heimatstadt, in der an allen Ecken Gefahren lauern, suchen im Grenzland Schutz für die Nacht, kommen im Zielland in ihre neue Klasse, wo sie keiner versteht etc. Der zugehörige Lehrerleitfaden liefert Ideen für vertiefende Übungen und Diskussionsanregungen im Unterricht.

Refugee-Chair: Vorurteile ausräumen!

Skepsis und Vorurteile werden immer wieder durch die Angst genährt, die Flüchtlinge könnten den Europäern „etwas wegnehmen“ („Asylbetrug“ durch Wirtschaftsflüchtlinge). Doch stimmt das? Wie viel haben die reichen Länder? Wie wenig die anderen? Und wer nimmt de facto die meisten Flüchtlinge auf? Die Antworten auf diese Fragen sind verblüffend, besonders wenn sie mithilfe der Methode „Refugee-Chair“ offensichtlich werden.

Dabei repräsentieren fünf Bögen Papier in Pinnwandgröße die fünf Kontinente, die man in einem großen, leeren Raum (Turnhalle?) entsprechend ihrer geografischen Lage auslegt. Die Schüler verteilen sich als Weltbevölkerung (Stand 2013) auf die Kontinente (Tabellen zeigen das richtige Verhältnis je nach Klassengröße). Die frappierenden Unterschiede werden dann sofort evident: Bei einer Klassengröße von 35 Schülern etwa stehen 4 in Europa und 2 in Nordamerika, während sich in Afrika 5 und in Asien und Ozeanien sogar 21 drängen. Anschließend werden die Stühle gemäß des Bruttoinlandsproduktes auf die Kontinente verteilt (10 in Europa, 8 in Nordamerika, 1 in Afrika und 13 in Asien und Ozeanien), auf denen dann die „Bevölkerung“ wieder Platz nimmt. Auf den armen Kontinenten teilen sich jetzt viele Teilnehmer zu wenige Stühle und umgekehrt. — Die ungleiche Verteilung wird evident und „fühlbar“. Die Zahlen der Refugee-Chair-Übung werden in regelmäßigen Abständen aktualisiert und entsprechen derzeit (Dezember 2015) dem Stand von November 2013.
Die ungerechte Verteilung von Flüchtlingen lässt sich ebenfalls mit der Methode Refugee-Chair verdeutlichen. — Da momentan viele Flüchtlinge nach Europa kommen, sind die Zahlen nicht mehr „up-to-date“ und müssen gegebenenfalls angepasst werden. Die laufend aktuellen Zahlen und Statistiken der UNHCR helfen dabei.

Schülerprojekte: Begegnungen mit Flüchtlingen

„Jeder kann etwas tun. Am besten fangen wir gleich damit an!“ — Das ist die Devise des Aktionsheftes „Flüchtlinge willkommen“ der „youngcaritas in Deutschland“. Die vier Unterrichtsvorschläge widmen sich den Themen „Wohnsituation von Flüchtlingen“, „Kinderrechte“, „unbegleitete Kinder-Flüchtlinge“ und „Bleiberecht“ und orientieren sich an der Erfahrungswelt von 13- bis 18-jährigen Schülern der Sekundarstufe (z. B. „Checkt eure Kinderrechte!“ oder „Jeder träumt von einer schönen Zukunft!“). Immer geht es darum, soziales Engagement zu fördern und die Jugendlichen für die Lebenssituation von Flüchtlingen zu sensibilisieren. Konkrete Ideen regen die Schüler dazu an, selbst die Initiative zu ergreifen und in Kontakt zu jungen Flüchtlingen zu treten, etwa bei gemeinsamen Unternehmungen in der Schule oder in lokalen Flüchtlingsunterkünften vor Ort (Songcontest, gegenseitige Sprachkurse, Workshop „Zukunftsbilder“ etc.).

Sinnvoll sind besonders auch „öffentlichkeitswirksame“ Aktionen, bei denen die Schüler vor Ort journalistisch tätig werden, etwa um auf die Lebenssituation von Flüchtlingen aufmerksam zu machen, oder um die kulturelle Vielfalt einer Stadt oder Gemeinde mit Fotos und Interviews zu dokumentieren. Ihre Ergebnisse könnten die Schüler dann zum Beispiel in einer Extra-Ausgabe der Schülerzeitung oder im Rahmen einer kleinen Ausstellung für Eltern und Freunde präsentieren, oder auch einem größeren Publikum auf der Website der jeweiligen Stadt oder Gemeinde, wie bei dem Projekt „Gesichter meiner Stadt“ in Osnabrück. 

Finanzierung von Projekten für Flüchtlinge

Starthilfe für schülerfinanzierte Flüchtlingsprojekte gibt der gemeinnützige Verein „Das macht Schule“ (DmS). Die nötigen Gelder sammeln die Jugendlichen bei einem Spendenlauf. Checklisten und Vorlagen für die Organisation, ein Start/Ziel-Banner und eine Videokamera zum Ausleihen gibt es kostenlos nach Registrierung auf der Website von DmS.

Weitere Ideen für Spendenaktionen in der Schule hat die UNO-Flüchtlingshilfe zusammengetragen: Ein Benefiz-Sportturnier oder -Schulkonzert, ein Adventsbasar — all diese Events eröffnen zugleich auch die Möglichkeit, gemeinsam mit gleichaltrigen Flüchtlingen etwas auf die Beine zu stellen und Begegnungen auf Augenhöhe zu erleben. — Zwei wesentliche Voraussetzungen für eine schnelle und nachhaltige Integration künftiger Mitbürger.

Martina Niekrawietz

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