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Lyrik/Neue Medien

Gedichtinterpretation per Tweet und Videomessage

Gedichte — bitte ohne mich! Jugendliche stöhnen meist auf, wenn Lyrik auf dem Lehrplan steht. Dabei kann man sie durchaus begeistern, wenn man neue Ideen und moderne Medien mit ins Spiel bringt.

Lyrik/Neue Medien: Gedichtinterpretation per Tweet und Videomessage Eine Interpretation als Tweet schreiben — das kann Schüler für Gedichte begeistern ©Rawpixel - Fotolia.com

Frau Schmidt am Montagsmorgen in der 7c: „Max, beschreibe einmal, wie sich der Zauberlehrling in Goethes Gedicht fühlt, als der Besen beginnt, sich zu vervielfältigen.“
Max: „Alter, was soll das denn?! Was’n für’n Besen, Alter?! Ich hab keinen Bock auf diese langweiligen Gedichte. Gedichte — was soll das eigentlich?! Ich hasse Gedichte! Und die Sprache verstehe ich auch nicht!“

Diese Situation wird dem einen oder anderen Kollegen bekannt vorkommen. Sie beschreibt manchmal unseren Unterrichtsalltag im Fach Deutsch, sobald es um Gedichte geht — vor allem an einem Montagmorgen. Erst neulich beschwerte sich eine Schülerin in öffentlichen Netzwerken darüber, dass sie „in 3 Sprachen ‘ne Gedichtanalyse schreiben [könne], aber [sie] keine Ahnung [habe], wie ´ne Steuererklärung geht“.

Gedichte  —  für Jugendliche ein Rätsel

Es scheint, als wäre den heutigen Schülern der Zugang zu Gedichten ein Rätsel, als wüssten sie nicht mehr, was Gedichte eigentlich sind — und können.  Für Schüler stellen Gedichte eine Lernhürde dar. Etwas, das hermetisch erscheint, als Ding, das nicht erschlossen werden kann. Und wenn es erschlossen wird, dann immer nach einem bestimmten Muster. Nach einem Muster, das vom Lehrer vorgegeben wird: Reimschema, rhetorische Mittel, Struktur analysieren, Deutungshypothese formulieren und die sogenannte „richtige Interpretation“ finden. Das sagen, was der Lehrer hören will.

Ist Lyrik im Deutschunterricht out? „Die Motivation dieser Frage ist falsch — und das ist das Problem der Behandlung von Lyrik im Unterricht. Die Welt verändert sich — so wie sich Literatur, wie sich Lyrik verändert. Die Jugend verändert sich in einem immerwährenden Veränderungsprozess unserer Gesellschaft. [...] Deshalb ist es unsere Aufgabe, eine Methode zu finden, die den SuS Lyrik wieder näher bringt, die den SuS zeigt, dass Gedichte — in all ihrer Durchstrukturiertheit und Komplexität — Mittel des Ausdrucks sind, eines Ausdrucks, den alle SuS, einmal verstanden, durchaus zu schätzen wissen in der Lage sind.“ (Payrhuber, Franz-Josef: Gedichte im Unterricht — einmal anders. München 1993, S. 12).

Die Welt der SuS ist eine Medienlandschaft. In dieser können sich die SuS hervorragend bewegen, dort kennen sie sich aus. Ob im Fernsehen, Internet oder Computer — moderne Medien sind ein integraler Bestandteil der heutigen Jugend. Und die Aufgabe des Lehrers ist es, die SuS in dieser Welt, in ihrer Alltagswelt, abzuholen. Lyrik nicht mehr als fremd erfahren zu lassen. Den Zugang zu einem Gedicht zu ebnen. Es nicht als hermetisches Ding erfahren zu lassen.

Kein Bezug zur Lebenswelt Jugendlicher

Wir müssen uns als Lehrer fragen, wie wir einem Jugendlichen das Gedichtlesen schmackhaft machen können. Wir müssen uns als Lehrer diesem „immerwährenden Veränderungsprozess“ stellen. Wie geht das? Wie also schafft es Frau Schmidt, Max aus der 7c für den Zauberlehrling zu begeistern?  Mich an meine eigene Schulzeit erinnernd, an klassische Zugänge wie z.B. Haikus und Elfchen schreiben, Konstellationen komponieren, Bildgedichte erstellen oder Reimspiele spielen (vgl. Waldmann, Günter: Produktiver Umgang mit Lyrik. Baltmannsweiler 2001, Inhaltsübersicht), muss der Hauptgedanke sein, dass Gedichte in ihrer rein textlichen Form der Alltagswelt eines Jugendlichen heute zu fern sind.

Weitere Links zum Thema:

Der Zauberlehrling Micky Maus hier.

Junge Dichter und Denker: Der Zauberlehrling hier.

Hinweise zum Film von POEM von Ralf Schmerberg finden Sie hier.

Es fehlen der Bezug und somit auch die Motivation, ein Gedicht erschließen zu wollen. Diesem Problem ist die nächste Hürde, die Lehrhürde, immanent: Wie breche ich dieses Fernsein, diese Getrenntheit auf?

Einsatz moderner Medien als Brücke

Schüler der Mittelstufe in ihrer Alltagswelt abzuholen, ganz besonders im Zusammenhang mit einem Thema, das ihnen von Haus aus suspekt zu sein scheint, ist nur dann möglich, wenn die entsprechenden Lernkanäle angesprochen werden. Ein audiovisueller Zugang zu Gedichten ist also sinnvoll und zielführend. Es gibt mittlerweile Podcasts von Gedichten, YouTube-Videos oder Gedichtverfilmungen wie z. B. der Film POEM von Ralf Schmerberg.

Zurück zum Lehrling: Lassen sie doch einmal den Lehrling eine Not-SMS an seinen Lehrmeister schreiben, in der er um Rat bittet. Oder lassen sie ihn, nachdem der Lehrmeister ihn gerettet hat, einen #tweet verfassen: #scheißtag oder #zauberspruchverkackt. Lassen sie die Schüler ihr Handy benutzen, um eine Videomessage zu verfassen, in der die mentale Verfassung des Lehrlings zum Vorschein kommen soll. Und dann können sie versuchen, sich gemeinsam mit Max an den symbolischen Wert des Gedichtes zu wagen, Stilmittel zu analysieren und das Reimschema bestimmen.

Dieses Vorgehen ist kein blinder Aktionismus, sondern zielführender Einsatz moderner Medien im Schulalltag, denn „der wahre Leser muss der erweiterte Autor seyn.“ (Novalis (Friedrich von Hardenberg): Vermischte Bemerkungen.)

Tim Heidemann

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