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Lerncoaching im Wechselunterricht

Individuelle Förderung durch Lerncoaching

Der Deutsche Schulpreis bringt kreative Leuchtturm-Schulen zum Vorschein. So auch die Blautopf-Schule, die ein tolles Lerncoaching-Konzept hat, um individuelles Lernen zu fördern.

Lerncoaching im Wechselunterricht: Individuelle Förderung durch Lerncoaching Ziele vereinbaren ist Teil des Lerncoachings © Memed ÖZASLAN - stock.adobe.com

Aufgrund von Lehrermangel und fehlenden Kontakten vor Ort bleibt die individuelle Förderung in vielen Schulen auf der Strecke. Doch es geht auch anders, wie einer der Finalisten des deutschen Schulpreises 20/21 beweist: In der Blautopf-Schule lernten die Schülerinnen und Schüler bereits vor der Pandemie ein Drittel der gesamten Lernzeit in personalisierten Lern-Settings. Die Schulschließungen und die damit verbundene Verlagerung der Lernangebote in den digitalen Raum nutzte das Kollegium als Chance, um dem individuellen Lernen noch mehr Gewicht zu geben.  

Der folgende Beitrag stellt Ihnen das pädagogische Konzept der Schule vor und zeigt, wie die Lehrer/-innen dieses Vorhaben in die Tat umsetzen.  

Statt Noten kompetenzorientierte Rückmeldung 

„Wenn eine Schule Noten verteilen muss, dann entsteht immer die Situation, dass der Tag X der Klassenarbeit ansteht, an dem alle Kinder zur gleichen Zeit über das gleiche Stöckchen springen müssen“, sagt Schulleiter Thomas Hilsenbeck im Info-Film zur pädagogischen Konzeption auf der Webseite des Deutschen Schulportals. Und unter dieser Voraussetzung ist personalisiertes Lernen auch „nicht vorstellbar“, wie Thomas Hilsenberg in einem „Digitalen Impuls“ zur Themenwoche individuelle Förderung auf der Website der Deutschen Schulakademie ergänzt (vgl. dazu das Video auf der Seite ab min. 57:40).  

Das Kollegium der Blautopf-Schule verzichtet deshalb auf Schulnoten und setzt stattdessen auf kompetenzorientierte Rückmeldung im Rahmen des individuellen Lerncoachings. Im Fokus steht dabei ausschließlich das persönliche Ziel jeder Schülerin und jedes Schülers. „Wir individualisieren nicht nur, sondern personalisieren dadurch das Lernen“, erläutert Thomas Hilsenbeck im oben verlinkten Infofilm der Blautopf-Schule auf der Website des Deutschen Schulportals. Hier stellt die für den deutschen Schulpreis nominierte Schule ihr pädagogisches Konzept vor, das neben einem individuellen Lernfeedback viele weitere Impulse für einen effizienten (Fern)Unterricht gibt. 

Persönliches Lerncoaching und Lernbüro 

„Herzstück“ des pädagogischen Konzepts der Blautopf-Schule ist das Lerncoaching: Einmal pro Woche hat jede Schülerin und jeder Schüler einen festen Termin mit einer Lehrkraft. Sie übernimmt die Rolle eines persönlichen Lerncoaches und reflektiert, plant und strukturiert die Arbeitswoche der Schüler und Schülerinnen. „Der gibt dir auch mal ‘nen kleinen Schubs, dass du deine Ziele erreichen kannst“, erzählt eine Schülerin im Infofilm auf der Website des Deutschen Schulprotals (siehe oben). Und wenn es mal Probleme gibt, reden die Kinder und Jugendlichen mit ihrem Coach darüber. Dieser spricht dann mit der Klassen- oder Fachlehrkraft darüber, „und dann wird das meistens geklärt“, so die Erfahrung der Achtklässlerin Sina (ebd.).  

Zwei Stunden täglich erledigten die Schüler/-innen ihre Aufgaben vor der Pandemie im sogenannten Lernbüro, einem Raum mit vielfältigen Lernangeboten und -Materialien für die verschiedenen Fächer. „Da kann man sehr konzentriert und gut arbeiten, da einfach Ruhe ist“, sagt Simon aus der achten Klasse (ebd. im Infofilm).  

Digitalisierung im Turbogang 

Während der Schulschließungen konnten die Lernangebote und Räumlichkeiten des Lernbüros natürlich nicht mehr genutzt werden. Da verlagerten die Lehrkräfte der Blautopf-Schule das Lernbüro kurzerhand in den digitalen Raum: Innerhalb weniger Wochen stemmte das Kollegium die Digitalisierung sämtlicher Lern- und Aufgabenformate. Im virtuellen Lernbüro erschlossen sich dadurch ganz „neue Möglichkeiten“: Während „vor der Krise immer nur eine begrenzte Zahl“ von Schüler/-innen gleichzeitig das Lernbüro nutze, fiel diese Begrenzung im Fernunterricht weg. Mit den „digitalen Lernarrangements“ konnten die Schüler und Schülerinnen zu jeder beliebigen Zeit und „länger an den eigenen Zielen arbeiten“ (Website des Deutschen Schulportals, Link s. o.). Die digitalen Materialien sowie fachbezogene Lernkompetenzraster, Lernwegelisten, Lernjobs und Diagnosearbeiten waren in der Schulcloud für die jeweils berechtigten User verfügbar. 

Die wöchentlichen Coachings laufen über das Videosystem der Schulcloud. Sie sind in Distanz-Lern-Phasen natürlich besonders wichtig, denn die Lehrkräfte strukturieren dabei gemeinsam mit den Lernenden die Arbeitswoche und das häusliche Lernen. Dabei gewinnen sie auch gleich Einblick in die familiäre Situation der Kinder und Jugendlichen. Über das Videosystem verabreden sich Lerncoaches, Lerngruppenleitungen und Fachlehrkräfte außerdem zu „Speeddatings“ mit Kolleg/-innen, „um schnelle Absprachen treffen zu können“ (ebd.). Die Schüler/-innen erreichen ihre Lehrkräfte darüber hinaus auch über einen Messenger-Dienst. Durch diese vielfältigen Kommunikationswege und -formate funktioniert die Kommunikation zwischen allen am Lernprozess Beteiligten ohne Abstriche.  

Die Schule übernahm auch die Verantwortung für die digitale Ausstattung der Schüler/-innen: Diejenigen ohne digitales Endgerät konnten über „Spenden und Geräte-Recycling“ mit der erforderlichen Hardware versorgt werden. Die IT-Support-Hotline und eine spezielle IT-Sprechstunde für Eltern gewährleisten überdies ein rasches Troubleshooting bei Anwendungs- und IT-Problemen. 

Eltern voll eingebunden 

Auch der intensive Kontakt zu den Eltern trägt zum Gelingen des Schulkonzepts der Blautopf-Schule bei. Durch die regelmäßigen Lerncoaching-Termine haben die Lehrkräfte immer den Überblick über die häusliche Situation und können „bei Problemen sofort gegensteuern“, zum Beispiel durch aufsuchende Elternarbeit der Schulsozialpädagog/-innen.  

Zwei- bis dreimal im Jahr treffen sich die Lehrkräfte auch mit den Erziehungsberechtigten zu einem Lernentwicklungsgespräch, dem sogenannten „Elterncoaching“.  

Bereits nach den ersten Schulschließungen im Frühjahr 2020 gab es zudem eine Befragung der Eltern und Kinder zu ihren Erfahrungen beim Lernen zu Hause. Dabei ging es besonders darum, „wie die Schülerinnen und Schüler mit dem größeren Anteil an individualisierten Lernformaten zurechtkamen, wie die Arbeit in digitalen Kleingruppen lief und welche Lernbedingungen sie zu Hause hatten“ (vgl. Website Deutsches Schulportal unter „Hinweise zur Umsetzung“). Durch ein solches Feedback fühlen sich Eltern und Schüler/-innen ernst genommen. Gleichzeitig hilft es der Schule, das Lernen im Distanzunterricht zu optimieren. 

„Eine ganz normale Gemeinschaftsschule“ 

Lerncoaching, Elterncoaching, verstärkte Kooperation mit dem Kollegium u. v. m. – ist das Schulkonzept der Blautopf-Schule für die Lehrkräfte nicht mit erheblich mehr Aufwand verbunden? Keineswegs: „Wir sind eine ganz normale Gemeinschaftsschule, wir haben dieselben Stundenzuweisungen wie alle anderen Schulen auch“, sagt Schulleiter Thomas Hilsenbeck im Video zur Themenwoche „Individuelle Förderung“ auf der oben verlinkten Website der Deutschen Schulakademie. Jeder Coach hat im Deputat Stunden fürs Coaching: jeweils eine Deputatsstunde à 90 Minuten für vier Kinder pro Woche und das Elterncoaching zwei- oder dreimal im Jahr. Das sei arbeitszeitmäßig „ziemlich exakt (...) abgebildet und abgerechnet“.  

Schüler übernehmen Verantwortung für ihr Lernen 

Dass die Schüler/-innen beim Lerncoaching einen wesentlichen Beitrag leisten, verdeutlicht die Lernagenda für das Coaching-Gespräch, die für angemeldete Besucher auf der Website des Deutschen Schulportals zum Download steht. Die Schüler/-innen füllen den Vordruck vor jedem Termin aus und machen sich vorab Gedanken über ihre Erfolge, ihre Arbeitsweise und über mögliche „Stolpersteine“ in der vergangenen Arbeitswoche. Gemeinsam mit dem Coach legen sie dann die Ziele für die nächste Woche fest und notieren sich auch, woran sie „unbedingt denken“ sollten („Material, Absprachen, Termine, ...“).  

Für jede Woche gibt es auch einen „Wochenplaner“, auf dem die Schüler/-innen nicht nur die Aufgaben für jeden Tag und jedes Fach festhalten und abhaken, sondern am Ende fachbezogen auch ihre Arbeitswoche auf einer vierstufigen Skala („gut“, „häufig gut“, „weniger gut“, noch nicht gut“) beurteilen. 

Personalisiertes Lernen in Verbindung mit dem Lerncoaching aktiviert und motiviert die Schüler/-innen offensichtlich, wie auch die „Erfolgsgeschichten der Absolventinnen und Absolventen“ zeigen (vgl. dazu auf der eingangs verlinkten Website des Deutschen Schulportals „Eine Geschichte aus der Praxis“): Von den sechs Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die im „Pionier-Jahrgang“ 2014 an die Schule kamen, haben 2020 alle „einen vollwertigen Hauptschulabschluss“ geschafft. Vier von ihnen streben 2021 sogar die Mittlere Reife an. 

Martina Niekrawietz


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