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Kunst-Challenge

Jetzt du! – Kunstwerke nachstellen und neu interpretieren

Kunstwerke nachzustellen und kreativ zu interpretieren, das ist ein Riesenspaß mit hohem Erkenntniswert. Die Schüler/-innen befassen sich intensiv mit dem Schaffensprozess des Künstlers und entdecken dabei die eigene Kreativität bei der Neuinterpretation.

Kunst-Challenge: Jetzt du! – Kunstwerke nachstellen und neu interpretieren Michelangelos Fresko „Die Erschaffung Adams“ ist eines der vielen Gemälde, die gern nachgestellt werden © Pixabay

Obwohl sie auf einem Sockel in Augenhöhe steht, ist die kleine Bronzeskulptur in der Hamburger Kunsthalle recht unscheinbar: Das nach hinten ausgestreckte Bein der Tänzerin von Degas bildet eine gerade, aufsteigende Linie mit dem nach vorn gebeugten Oberkörper, die Arme spreizt sie graziös links und rechts wie ausgebreitete Flügel ab. – Es ist eines der bekanntesten Werke des Künstlers, doch die fünf 14-jährigen Schüler/-innen, die es umringen, würden ihm wahrscheinlich eher wenig Aufmerksamkeit schenken, wäre da nicht ein kreativer Impuls der Kunstlehrerin.

„Versucht einmal, die Skulptur nachzustellen“, sagt sie, „achtet dabei auf jedes Detail: Wie hält sie die Hände, wie den Kopf? In welchem Winkel stehen die Beine zueinander?“ Jetzt betrachten die Schüler/-innen das Exponat eingehend. Anfangs noch um Balance bemüht nehmen sie die Pose der Tänzerin ein. Sie korrigieren unter Anleitung der Pädagogin die Stellung von Rumpf und Gliedmaßen, bis sie ein möglichst exaktes Abbild der Skulptur abgeben. – Diesen Moment hält die Pädagogin auf einem Foto fest.

Skulpturen, Gemälde und Fotos nachstellen – das ist eine altbekannte museumspädagogische Methode. Während des Corona-bedingten Lockdowns erlebte die Methode einen wahren Hype. Lesen Sie hier, wie und mit welchen Kunstwerken Sie Ihre Schüler/-innen am besten „auf den Geschmack bringen“. 

Vorbereitung: ein geeignetes Kunstwerk finden

Während des Pandemie-bedingten Lockdowns vertrieb sich die Niederländerin Anneloes Officer die Quarantänezeit mit dem alltäglichen Nachstellen eines Bildes, das sie dann in ihrem Instagram-Account tussenkunstenquarantaine postete. Den Anfang machte sie mit einer Adaption des Gemäldes „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ von Jan Vermeer. Statt des blauen Turbans wickelte sie sich ein Küchentuch um den Kopf, der Perlenohrring wird zur einfachen Knoblauchknolle, und anstelle des braunen Mantels trägt sie ein Platzdeckchen. 

Ob Sie selbst als Lehrkraft einige Gemälde für die Kunst-Challenge Neuinterpretation aussuchen oder die Schüler/-innen eigenständig nach geeigneten Kunstwerken „stöbern“ lassen möchten – Anneloes Officers Account bietet zahllose Anregungen, ebenso wie der der Twitter-Account des kalifornischen Getty-Museums, das die Challenge ursprünglich initiierte. Hier finden sich aber auch immer gleich findige Neuinterpretationen, die womöglich eigene kreative Impulse der Schüler/-innen hemmen. Deshalb wäre hier zu überlegen, wie und mit welchen Materialien Sie die „Aktion“ starten: vielleicht ja nur mit einigen wenigen gelungenen Beispielen, die den Schülerinnen und Schülern das breite Spektrum der Möglichkeiten zwischen detailgenauer und „freier“ Interpretation aufzeigen. 

Eine weitere ergiebige Quelle für geeignete Bilder sind die Präsentationen mehrerer Museen, die dazu aufriefen, berühmte Kunstwerke ihrer Sammlung nachzustellen: zum Beispiel die Aktion „Und jetzt Du!“ der Bremer Kunsthalle. – Je nach Ausstattung könnten hier auch die Exponate des nächstgelegenen Museums Ihrer Schule Pate stehen. Bestimmt werden die Schüler/-innen die Kunstwerke bei einem späteren Live-Besuch dann mit völlig anderen Augen sehen.

Umsetzung: kreative Neuinterpretation mit Liebe zum Detail

Bevor Ihre Schüler/-innen sich ans Werk machen, konkretisieren Sie am besten anhand einiger Beispiele die Aufgabenstellung. 

Es ist in jedem Fall sinnvoll, für den Anfang einen Richtwert von drei zusätzlichen Elementen festzulegen, denn diese Beschränkung erleichtert Ihren Schüler/-innen die Bildauswahl. Wie das Ergebnis dann aussehen könnte, zeigen die 12 gelungenen Arbeiten der Schüler/-innen der Realschule Walldorf. Hier findet sich übrigens auch eine witzige Variante des beliebten „Mädchens mit dem Perlenohrring“, die den Schülerinnen und Schülern auch gleich vermittelt: Originelle Abweichungen vom Original sind ausdrücklich erwünscht.

An der TTG Primarschule Embrach Dorf gibt es kein Limit: „Stelle das Kunstwerk so gut du kannst nach“, heißt es auf der Website, und: „Du darfst dafür alles verwenden, was du in deiner Umgebung findest – Tücher, Möbel, Haushaltgegenstände, Toilettenpapierrollen, Naturmaterialien, dich selbst – deiner Fantasie sind keine Grenzen gesetzt!“ – Damit lassen sich auch komplexere Bilder nachstellen, zum Beispiel Stilleben, Städtedarstellungen mit Menschen oder auch „Familienbilder“ mit mehreren Personen und Tieren.

Nachbereitung: gegenseitiger Austausch

Wie schon das Eingangsbeispiel zeigt, bedeutet Kunst nachzustellen zunächst einmal, sehr genau hinzusehen: Wie beim ursprünglichen Schaffensprozess betrachten die Schüler/-innen das „Modell“ bzw. das Motiv oder die dargestellt Szene eingehend, sozusagen mit den Augen des Künstlers, um das dann in einem zweiten Arbeitsschritt selbst darzustellen bzw. neu zu arrangieren. Bei Darstellungen von Menschen versetzen sie sich nicht nur in die Rolle des Modells, sondern werden selbst zum Modell. Wenn die Schüler/-innen im nächsten Schritt die nachgestellte Szene, z. B. ein Stillleben, selbst fotografieren, nehmen sie auch die Perspektive eines Künstlers ein, der ein ganz neues Werk entstehen lässt. Bei der abschließenden vergleichenden Betrachtung schließlich sehen sie ihr Werk aus dem Blickwinkel des Betrachters. 

Beim Kunstnachstellen erfahren die Schüler/-innen auch, welchen Herausforderungen sich die wichtigsten Beteiligten an der gestalterischen Produktion bzw. Kunstrezeption stellen müssen: Sie erleben z. B., wie anstrengend es sein kann, Modell zu stehen, wie mühsam, ein Stillleben zu gruppieren. Vielleicht durchleiden sie auch einen kreativen Schaffensprozess mit seinen Höhen und Tiefen oder sie müssen so lange Durchhaltevermögen und Geduld bei der Umsetzung ihrer Ideen beweisen, bis das Ergebnis auch wirklich ihren Vorstellungen entspricht. – Bei der Nachbereitung der Kunst-Challenge tauschen die Schüler/-innen sich gegenseitig über ihre erfahrungsbasierten Einblicke in die Erlebniswelt der verschiedenen Protagonisten des Kunstbetriebs aus. 

Bilder einer (virtuellen) Ausstellung

Bei der Präsentation der Ergebnisse stehen sich immer jeweils Original und Neuschöpfung gegenüber. Besonders wirkungsvoll ist das dann, wenn die Proportionen des Bildpaares weitgehend übereinstimmen. – Das ist auch ein wichtiger Tipp für die Foto-Phase der Umsetzung.

Schulwebsite oder Instagram, Twitter & Co. – bevor Sie die Exponate im Netz veröffentlichen, sollten Sie bei minderjährigen Schülerinnen und Schülern das Einverständnis der Eltern einholen, dass die Fotos ihrer Kinder ins Internet gestellt werden dürfen. Auch sollten Sie bei der Bildauswahl der Originale darauf achten, dass die Kunstschaffenden bereits mindestens 70 Jahre tot sind. Dann nämlich sind die Bilder gemeinfrei und dürfen gezeigt werden.

Am reizvollsten wäre natürlich eine richtige Ausstellung im Schulhaus. Mit geladenen Gästen und einem kleinen Buffet bei der Vernissage. Doch das wird leider erst wieder möglich sein, wenn der Corona-Spuck vorüber ist.

Martina Niekrawietz

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