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Satzzeichenführerschein

Kommas im Zeitalter von WhatsApp und Twitter

Zeichensetzung ist ein wahres Hassthema für die meisten Schüler. Ein kleiner pädagogischer Trick motiviert sie, sich intensiv mit den Satzzeichen zu beschäftigen, persönliche Erfolgserlebnisse eingeschlossen.

Satzzeichenführerschein: Kommas im Zeitalter von WhatsApp und Twitter Die Zeichensetzung ist für manche Schüler ein Buch mit vielen Fragenzeichen © Stepan Popov - Fotolia.com

Zeichensetzung existiert im Zeitalter sozialer Netzwerke nur noch rudimentär. Es geht ja irgendwie auch ohne:

ey sag mal wann kommst denn du morgen in die schule ich habe gar keinen bock die hausaufgaben habe ich auch nicht gemacht lass uns mal fußball zocken gehen ich gehe jetzt mit meinen eltern essen bis morgen

So sieht ein Text aus, den ein normaler Schüler heute verfasst. Kommuniziert wird hauptsächlich via WhatsApp oder Twitter, selbst Facebook scheint nicht mehr en vogue zu sein. Sehen wir einmal von der Groß- und Kleinschreibung ab, so fällt dem Lehrer natürlich — als Dorn im Auge — die fehlende Interpunktion auf. Satzzeichen scheinen in der heutigen Zeit keine Relevanz mehr zu haben. Dabei ist es noch immer sehr wichtig zu wissen, wann man welche Zeichen wo setzt und warum. Nicht zuletzt wird niemand erfolgreich sein, der schreibt:

sehr geehrter herr xy ich bewerbe mich als praktikant in ihrer firma da ich mich besonders für autos interessiere meine stärken sind verantwortungsbewusstsein und überblick meine schwächen sind interpunktion und grammatik

DieVermittlung von Grundlegenden Kenntnissen zur Zeichensetzung scheitert jedoch — wie so häufig beim Thema Grammatik — an der Motivation und am Interesse der Schüler. Wie also motiviere ich Schüler etwas zu lernen, das ihm fremd, uninteressant und völlig überflüssig erscheint? Ein ermutigender Ansatz ist der Einsatz von Übungsmaterial, mit dem die Schüler einen „Satzzeichenführerschein“ erwerben können. Die Schüler werden dadurch mit einer Situation konfrontiert, die im wahrsten Sinne des Wortes an eine Führerscheinprüfung erinnert.

Übungen dem Lerntempo und dem Leistungsniveau angepasst

Der Satzzeichenführerschein ist so aufgebaut, dass die Schüler auf unterschiedlichen Niveaustufen (A-C) gemäß ihres Lernstandes und ihres Lerntempos verschiedene Übungen bearbeiten, die jeweils ein Themenfeld zur Zeichensetzung behandeln. So gibt es beispielsweise auf der Niveaustufe A Übungen zum Einsatz von Doppelpunkten. Konkret sieht die Übung vor, dass die Schüler zunächst in einem Text alle Stellen, an denen ein Doppelpunkt gesetzt wurde, unterstreichen sollen. Der folgende Schritt aktiviert nun die Beobachtungsgabe der Schüler: Sie sollen in eigenen Worten beschreiben, was ihnen an diesen Stellen auffällt (z. B. Groß- oder Kleinschreibung nach dem Doppelpunkt). Es folgt ein Merkkasten, in dem nun die konkrete Regel für die Verwendung von Doppelpunkten dargelegt wird. Die Schüler sollen ihre Beobachtungen mit diesen Informationen vergleichen. Abschließend überlegen sich die Schüler nun selbst zwei Sätze, in denen ein Doppelpunkt verwendet wird – dabei sollen sie auf Groß- und Kleinschreibung achten.

Dasselbe Thema wird selbstverständlich auch auf der höchsten Niveaustufe C aufgegriffen und sei der Anschaulichkeit halber kurz skizziert, um die Differenzierung darzustellen: Auf dieser Niveaustufe wurden Doppelpunkt und Gedankenstrich als zusammengefasst.

Der Gedanke dahinter ist, dass lernschnellere bzw. lernstärkere Schüler eher verstehen, wozu diese Satzzeichen dienen: der Unterbrechung eines Satzes mit einem bestimmten Zweck.

So ist hier auch eine andere Herangehensweise gewählt worden. Den Schülern werden zunächst zwei Merkkästen mit den jeweiligen Regeln zur Verwendung von Doppelpunkten und Gedankenstrichen präsentiert. Sie sollen die Informationen der Merkkästen nutzen, um einen eigenen zusammenhängenden Text zu verfassen, in dem sie das neu gelernte Satzzeichen verwenden sollen. Da dieser Aufgabentypus wesentlich stärker das eigene Denken und den eigenen Transfer erfordert, ist er konsequenterweise auch in der höchsten Niveaustufe anzufinden.

Anreiz für die Schüler, sich zu steigern

Ein großer Vorteil des Satzzeichenführerscheins sei an dieser Stelle angesprochen. Nehmen wir den Fall, dass ein Schüler mit der Niveaustufe A beginnt. Er bearbeitet die Aufgaben und merkt, dass ihm das Meiste sehr leichtfällt. Dadurch, dass es am Ende einer jeden Niveaustufe eine „Führerscheinprüfung“ gibt, wird der Schüler automatisch motiviert, die nächste Stufe erlangen zu wollen. Dies bedeutet, dass der Einsatz des Satzzeichenführerscheins intrinsisch motiviert und gleichzeitig ein Thema behandelt, das die meisten Schüler ablehnen.

Der Aufbau des Satzzeichenführerscheins ist in sich logisch aufgebaut. Jeder Niveaustufe ist ein Laufzettel vorangestellt, der den Schülern den Überblick erleichtert und ihnen zeigt, was bereits erledigt wurde und was noch zu tun ist. Dieser Laufzettel fördert auch das individuelle Lernen, weil die Schüler selbst entscheiden können, welche Übung zuerst bearbeitet wird.

Ein Selbstcheck als Ausgangsbasis

Zu Beginn einer jeden Niveaustufe werden die Schüler dazu aufgefordert, einen Selbstcheck durchzuführen. Dieser ist explizit nur für den Schüler selbst. In diesem Selbstcheck wird eruiert, welches Wissen der Schüler bereits über die Interpunktion mitbringt bzw. in welchen Bereichen er vielleicht noch Entwicklungsbedarf hat. Der Selbstcheck funktioniert nach einem klassischen Ja/Nein-Prinzip.

Eine Beispiel sei kurz aufgegriffen: Wenn ich ein Komma setze, setze ich es, weil ich genau weiß, warum es gesetzt werden muss. Kreuzt der Schüler Ja an, so wird er höchstwahrscheinlich im Laufe der Übungen herausfinden, dass es doch noch die ein oder andere Kommaregel gibt, die er noch nicht kannte. Denn der Satzzeichenführerschein ist so konzipiert, dass der Schüler auf jedem Niveau mit Aufgaben — und seien es nur Teilaufgaben — konfrontiert werden wird, die sein Wissen übersteigen werden. So wird er in einem Prozess der Selbstreflexion — diese sollte vom Durchführenden angeleitet werden — diese Erkenntnis einsehen. Dies bedeutet für den Durchführenden einfach, dass die Schüler nach Absolvierung eines Führerscheintests kurz dazu aufgefordert werden sollen, nochmals auf die Antworten beim Selbstcheck zu schauen und zu überlegen, ob ihr Kreuz richtig gesetzt wurde. Kreuzt er Nein an, so erklärt sich von selbst, warum er den Satzzeichenführerschein machen sollte.

Es folgen die Übungen nach bereits kurz beschriebenen Muster. Am Ende einer jeden Niveaustufe steht die sogenannte „Führerscheinprüfung“. In dieser sind Fragen aufgelistet, die sich aus den einzelnen Kapiteln zusammensetzen. Dabei variiert das Aufgabenformat: manchmal müssen die Schüler Aussagen ankreuzen, manchmal müssen sie Stichworte aufschreiben, oder sie müssen eigene Antworten formulieren. Je nach Niveaustufe kann eine unterschiedlich hohe Punktzahl bei diesem Test erreicht werden.

Wettbewerb — aber jeder nach seinen Fähigkeiten

Die Lösungen können anschließend durch den Lehrer ausgehändigt werden und die Schüler gleichen eigenständig ihre Ergebnisse ab. Alternativ kann die Überprüfung der Lösungen auch im Klassenplenum oder in Kleingruppen erfolgen.

Ein wichtiger Punkt, den der Lehrer beim Einsatz dieses Übungsmaterials beachten sollte, ist, dass die Schüler unbedingt verstehen müssen, dass es nicht schlimm ist, wenn jemand nicht gleich mit der höchsten Niveaustufe beginnt. Konkret bedeutet das, dass der Wettbewerb innerhalb einer Klasse zwar gern befeuert werden darf, er sollte aber nicht dazu führen, dass Mitglieder dieser Klasse aufgrund ihres womöglich geringeren Lerntempos angegangen werden. Dies ist sicherlich ein wichtiger Aspekt, den der Lehrer beim Einsatz des Satzzeichenführerscheins beachten sollte. — Schließlich ist auch eine bestandene Prüfung auf niedrigem Niveau eine erfolgreich bestandene Prüfung.

Tim Heidemann

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