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Leseförderung

Mehrsprachiges Lesetheater fördert die (Fremd-)Sprachkompetenz

Das neue mehrsprachige Lesetheater (Abkürzung: MELT) fördert die Sprach- und besonders Lesekompetenz der Schüler: sowohl in der Muttersprache als auch in der Fremdsprache.

Leseförderung: Mehrsprachiges Lesetheater fördert die (Fremd-)Sprachkompetenz Die Schülerinnen und Schüler können für die Präsentation in Gruppenarbeit ihre Sprechtexte gemeinsam erarbeiten © Syda Productions - Fotolia.com

„In meiner Freizeit lese ich eigentlich gar nicht. Wenn ich ehrlich bin, ganz ehrlich: Ich hasse es zu lesen. Aber so, mit Lesetheater, liebe ich es“, gesteht ein etwa 14 Jahre alter Schüler in dem Video „LOUD, DEUTLICH, LENTEMENT“. Der gut 35-minütige Film zeigt, wie Schüler der 6. bis 8. Klasse mit mehrsprachigem Lesetheater, abgekürzt „MELT“, Sprachgrenzen überwinden, und nicht nur das: Das szenische Lesen mehrsprachiger Texte verbessert auch die Leseflüssigkeit und erhöht die Lesemotivation. Die mehrsprachige Lesefördermaßnahme wurde zwischen 2014 und 2017 entwickelt und als „Erasmus+“-Forschungsprojekt von der Europäischen Union finanziert. Beteiligt waren dabei verschiedene Bildungseinrichtungen in den Partnerländern Deutschland, Luxemburg, Österreich und in der Schweiz.

Beim mehrsprachigen szenischen Lesen sind verschiedene Sprachkombinationen möglich: neben den Schul- und Fremdsprachen auch die Herkunftssprachen der Schüler. — Die Methode zur Leseförderung eignet sich also nicht nur für den Deutsch- oder DaZ-Unterricht, sondern bereichert auch den Fremdsprachen-Unterricht. Und sie kann direkt in Ihrem Unterricht eingesetzt werden. Denn geeignete Lesetexte, methodisch-didaktische Hinweise und wissenschaftlich fundierte Hintergrundinformationen sind auf der Projekt-Website frei verfügbar.

Die drei übergeordneten Ziele von MELT

Worum geht es letztlich beim mehrsprachigen Lesetheater? Die Autoren der Studie reagieren mit ihrer Fördermaßnahme auf „drei zentrale Probleme und Forderungen im Bereich der Schul- und Fremdsprachendidaktik“, die sie in der didaktisch-methodischen Begleitbroschüre für Lehrer umreißen (S. 3):

  1. Sie möchten den großen Defiziten in der Lesekompetenz entgegentreten, die sich bei aktuellen Studien „insbesondere in der Sekundarstufe I“ immer wieder zeigen.
  2. Im US-amerikanischen Raum ist das szenische, laute Vorlesen eine bewährte Methode zur Förderung von Leseflüssigkeit und -motivation. Mit dem mehrsprachigen Lesetheater adaptieren die Autoren der Studie die Lesefördermaßnahme für europäische Zielsetzungen, denn: Mit MELT lässt sich die individuelle Mehrsprachigkeit der Schüler fördern. Das ist „ein erklärtes Ziel der EU-Bildungspolitik“.
  3. MELT eröffnet zudem eine Möglichkeit, den Deutschunterricht mit dem Fremdsprachenunterricht zu vernetzen und „das mehrsprachige Repertoire von Schülerinnen und Schülern im Leseunterricht“ stärker zu nutzen.

Leseförderung in acht Schritten

Einen ersten Eindruck von der praktischen Arbeit mit der MELT-Leseförderung im Unterricht vermittelt das eingangs verlinkte Video. In acht Schritten führen die Lehrkräfte der Versuchsschulen die Maßnahme durch. Jeder dieser Schritte entspricht einem Lehr-Lern-Prozess. Die Schüler arbeiten dabei in verschiedenen Sozialformen und im Verlauf des Projektes zunehmend selbstständig:

  1. Einführung in den Text und dramapädagogische Übungen: Im Vorfeld kann die Lehrperson „Erklärungen zum Kontext der Handlung und zu den in der Geschichte vorkommenden Figuren geben“. Sie tut das in einem 15- bis 20-minütigen, mehrsprachigen Unterrichtsgespräch (Sitzkreis). Auf diese Weise bereitet sie den Lesetheatertext vor und erleichtert den Schülern das Textverständnis. Auch für dramapädagogische Aktivitäten wie Erzähl-, Stimm- oder pantomimische Übungen ist jetzt der geeignete Zeitpunkt: „Sie dienen dazu, die Schüler auf die Geschichte einzustimmen und auf das ausdrucksstarke Lesen vorzubereiten“, so heißt es im Video. Die Schüler sprechen mit Korken zwischen den Zähnen, beißen in saure Äpfel, rezitieren einen Text und stellen ihn zugleich mit Gesten, Mimik sowie korrespondierenden Körperbewegungen dar usw.
  2. Vorlesen durch die Lehrperson: Die Lehrperson liest eine Passage aus der literarischen Vorlage mehrsprachig vor. Die Schüler erleben den Lehrer dabei als Modell für die Textgestaltung. Im anschließenden Unterrichtsgespräch rekapituliert der Lehrer mit den Schülern das Gehörte.
  3. Lesen der Lesetheaterszene und Rollenverteilung: Dann bilden die Schüler Gruppen, die jeweils unterschiedliche Szenen lesen. Der Lehrer teilt die Szenentexte aus und jeder liest zunächst für sich den Text. Im Gruppengespräch mit dem Lehrer klären die Schüler Verständnis- und andere Fragen. „Die Gruppe weiß oft schon sehr viel“, erzählt der Lehrer in einer Luxemburger Schule. Seine Rolle bestehe „eher darin, den Prozess zu begleiten und die Fragen in die Gruppe zurück zu leiten [sic!]“. Auch die Rollen verteilen die Schüler eigenständig, die Lehrkraft gibt lediglich kleine Impulse: „Jason, das Mammut spricht Französisch. Du bist gut in Französisch ...“ Das heißt aber keineswegs, dass die Schüler nur die fremdsprachigen Rollen übernehmen (sollen), die ihnen leichtfallen. Da MELT eine „spielerische Dimension“ hat, wagen sich viele Schüler auch von sich aus an Texte/Sprachen, die ihnen Schwierigkeiten bereiten, so die Erfahrung des Lehrers in der Luxemburgischen Projektschule.
  4. Erarbeiten einer Inhaltsangabe der Lesetheaterszene: Dann lesen die Schüler ihre Szene mit verteilten Rollen. Mithilfe von Leitfragen analysieren sie den Text und vertiefen ihr Textverstehen: Welche ein bis zwei Wörter sind in jedem Satz wichtig? Das sind die Wörter, die auch beim Lesetheater betont werden sollten, um auch dem Zuhörer den Text verständlich zu machen. Beim Üben des sinngebenden Vorlesens einzelner Sätze lesen die Schüler den Text mehrmals. „Ganz tiefgehend werden da Strukturen angeschaut und interpretiert“, sagt der Lehrer der Schweizer Versuchsschule.  „Die Kinder machen da Riesenschritte, was die Sprachbetrachtung anbelangt. “
  5. Vorstellen der Szenen und der Figurenrollen: Dann stellen die Gruppen ihre jeweiligen Szenen und die einzelnen Figuren vor. Jede Gruppe kann nun ihre Szene als Teil eines Stücks begreifen und die Handlung in das große Ganze einordnen. Die Präsentation der Szenen wird mit dramapädagogischen Mitteln noch eindrücklicher: „Der Inhalt einer Szene kann (...) mit zuvor erarbeiteten Standbildern vorgestellt werden“, schlagen die Autoren der didaktisch-methodischen Begleitbroschüre (Link s. o., S. 13) vor. Für die Charakterisierung der handelnden Figuren eignet sich die Übung „Hot Chair“. Dabei schlüpft ein Schüler in die Rolle des jeweiligen Protagonisten und die anderen Schüler können „der Figur“ Fragen stellen.
  6. Üben der Leserollen und gegenseitiges Feedback: Nun folgen mehrere Übungsdurchgänge. Dabei stehen zunächst „korrektes Dekodieren und Aussprache im Vordergrund“, so heißt es im Begleitvideo. Durch mehrmaliges halblautes Lesen ihrer Rollen „verbessern die Schüler ihre Leseflüssigkeit“, weil sie die Worterkennung und die Verbindung von Wortfolgen automatisieren (ebd.). Wie ein Schauspieler notieren sich die Schüler „Markierungen“ im Stück: Sie unterstreichen besonders betonte Wörter, zeichnen Pausen und „Regieanweisungen“ („Zornig!“) ein. Sie üben ihre Rollen mit bestimmten Techniken, zum Beispiel mit „Tandem-Lesen“: Ein Schüler spricht vor, die Gruppe spricht ihm „im Chor“ nach. Oder die Schüler versuchen, sich während des Vortrags kurzzeitig vom Blatt zu lösen usw. Leseschwierigkeiten treten immer mehr in den Hintergrund und der Vortrag wird authentischer.
  7. Generalprobe und Feedback: Jede Gruppe führt eine Generalprobe ihrer Szene durch, wobei die einzelnen Leserollen „aufeinander abgestimmt und im Zusammenspiel geübt“ werden (Video). Die Schüler überlegen mit dem Lehrer während des Probens, was sich verbessern und wie sich der Text inszenieren lässt, und sie geben einander Rückmeldung. „Beim Lesetheater schaffen sie einen Kontext“, erläutert der Luxemburgische Lehrer. Dieser Lernprozess gehe „weit über den Text hinaus und wird kompletter“, es entstehe „ein ganzes Konstrukt“ um den Text herum. Die Schüler überlegen etwa, was sie wie sagen, wie sie gestisch und mimisch interagieren, welche Requisiten sie verwenden, wie sie sich passend kleiden können etc.– und das alles in zwei Sprachen. Dadurch werde „das Verständnis immens gefördert“. Vor dem letzten Probedurchgang, bei dem alle Szenen ohne Unterbrechung durchgespielt werden, kümmern sich Lehrer und Schüler auch um den Aufführungsraum, die Bühne, Bühnenpositionen und um Kostüme und Requisiten. Worauf man bei der Organisation achten sollte, bringt die didaktisch-methodische Begleitbroschüre (S. 17) auf den Punkt.
  8. Aufführung: Zuletzt führen die Schüler ihre Szenen zum Beispiel vor der Klasse auf. Im Video ist die Aufregung der Kids offensichtlich: Manche „kleben“ plötzlich wieder an ihren Textblättern und sind gehemmt. Mehrsprachiges Lesetheater ist eben schon eine sehr komplexe Aufgabe und die Jugendlichen müssen auf vieles gleichzeitig achten. Für eine Aufführung im größeren Rahmen, zum Beispiel bei einer Schulfeier mit Eltern und Freunden, müsste man vermutlich noch weitere Probendurchläufe einplanen.

Doch die Lehrkräfte der vier Versuchsschulen in den Partnerländern ziehen durchweg eine positive Bilanz. Es habe sich klar gezeigt, dass die Schüler bei der Lesetheaterarbeit Spaß haben und bestens motiviert sind. Vor allem bei den „ganz schwachen Schülern“ seien „riesige Fortschritte“ zu beobachten gewesen. Das mehrsprachige Lesetheater wirkt sich positiv auf das Selbstbewusstsein dieser Schüler aus. Sie lernen, sicher aufzutreten. Davon könnten sie auch später profitieren, etwa bei einem Bewerbungsgespräch, so die Überzeugung der Lehrerin im Schweizer Projekt.

Direkt übernehmbare Lesetheatermanuskripte

Wer Lust verspürt, die im Video verwendeten Texte im eigenen Unterricht einzusetzen, kann sich die Lesestücke direkt von der eingangs verlinkten Projekt-Website downloaden. Gegliedert nach unterschiedlichen Sprachkombinationen finden sich hier zudem zahlreiche weitere Texte in unterschiedlichen, teilweise auch ausgewiesenen Sprachniveaus (Englisch A1.2 — A2 und B1): Tom Sawyer, Sherlock Holmes, Dr. Jekyll & Mr. Hyde oder auch einige allseits bekannte Märchen wie Hänsel und Gretel oder der Froschkönig. Mit dabei sind auch szenische Texte, die viele Schüler bereits als Film gesehen haben, wie zum Beispiel Billy Elliot oder das Dschungelbuch. Das erleichtert den Jugendlichen nicht nur das Textverständnis, sondern auch die Identifikation mit ihren jeweiligen Rollen.

Fremdsprachendidaktik bei MELT

Bei jedem der acht Schritte spielt die „fremdsprachliche Unterstützung“ eine zentrale Rolle, wie ein Blick in die didaktisch-methodische Begleitbroschüre (Link s. o.) beweist: Die Autoren der Studie empfehlen, die Arbeitsschritte „ganz oder zum Teil in der Fremdsprache durchzuführen“ (S. 7), was für Fremdsprachen- oder Deutsch-Lehrer vermutlich gewöhnungsbedürftig ist. Im Video wechseln beim Einstudieren der Szenen sowohl Lehrkräfte als auch Schüler wie selbstverständlich zwischen den verschiedenen Sprachen hin und her: Die Englischlehrerin fragt etwas auf Englisch, der Schüler antwortet auf Deutsch, worauf auch die Lehrkraft ins Deutsche fällt. Doch die mehrsprachige Kommunikation zwischen Lehrer und Schülern korrespondiert mit der Mehrsprachigkeit im Lesetheater. Oder in einem gesellschaftspolitischen Zusammenhang: Das „Reenactment der Mehrsprachigkeit im Klassenraum repräsentiert das Europa des 21. Jahrhunderts“, wie Dominic Unterthiner im Rahmen des MELT-begleitenden internen Lehrertrainings anmerkt. (Vgl. dazu die Vortragspräsentation zu seinem Einführungsvortrag, Thema „Mehrsprachigkeit und mehrsprachiger Unterricht“, S. 26).

Mehrsprachigkeit gehört in deutschen Klassenzimmern zum Alltag. MELT lenkt die Aufmerksamkeit der Schüler auf diese Mehrsprachigkeit, so Unterthiner. Durch „den spielerischen Gebrauch von Sprachen entsteht Reflexion und Sprachbewusstsein“. Gefördert wird das durch vielfältige Übungen und Methoden, bei denen die Schüler eigenständig arbeiten und sich gegenseitig unterstützen: Gemeinsam löst die Gruppe Verständnisprobleme und jeder Schüler schlägt unbekannte Vokabeln selbst nach.

Beim Tandem-Lesen, beim gemeinsamen Üben mit Audiofiles oder bei freien Dialogen korrigieren die Schüler gegenseitig ihre Aussprache. Das Gute daran: In Partner- und Gruppenarbeit dürfen Fehler gemacht werden, niemand gibt sich dadurch eine Blöße oder erntet deswegen eine schlechte Bewertung. Das ist sicherlich auch ein Grund, warum sich die Schüler bei MELT an schwierige Texte und ungeliebte Fremdsprachen heranwagen.

Martina Niekrawietz

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