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Politische Bildung

Mit Planspielen Demokratie üben

Demokratische Grundwerte lassen sich am besten durch ein Planspiel vermitteln, indem sich die Schüler innerhalb eines fiktiven Szenarios aktiv mit Wertvorstellungen und Handlungsoptionen auseinandersetzen.

Politische Bildung: Mit Planspielen Demokratie üben Demokratie gemeinsam spielerisch üben © grechsantos - stock.adobe.com

Die Frage, ob Demokratieerziehung Aufgabe der Schule sei, beantwortete die Kultusministerkonferenz (KMK) bereits in einem Beschluss von 2009 mit einem klaren „Ja“. Aufgrund „der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen sowie des rasanten Voranschreitens der Digitalisierung“ überarbeitete die KMK im Oktober 2018 ihre Empfehlungen neu, wie sie auf ihrer Website begründet. In der Neufassung mit dem Titel „Demokratie als Ziel, Gegenstand und Praxis historisch-politischer Bildung und Erziehung in der Schule“ (Link auf der KMK-Website) zeigen die Minister die Ziele demokratischer Erziehung auf (S. 3 ff.): Grundlegend für das pädagogische Handeln sind die demokratischen Werte und Haltungen, „die sich aus den Grundrechten des Grundgesetzes und aus den Menschenrechten ableiten lassen“. Bei allem gebotenen „Respekt vor Freiheit und Meinung des Andersdenkenden“ dürfen jedoch „demokratische Grundwerte wie Frei-heit, Gerechtigkeit, Solidarität und Toleranz niemals zur Disposition stehen“, betont die KMK (S. 5).

Um Teilhabe, Partizipation und Engagement der Schüler zu fördern, rät die KMK zu „regelmäßigen Demokratietagen“ und -projekten und zum Einsatz „vielfältiger handlungs- und erfahrungsorientierter Methoden“. (S. 9). Der folgende Beitrag unterstützt Sie bei einem lebendigen und aktivierenden Demokratieunterricht mit Anregungen und Materialien aus dem Netz.

Eine spannende Umfrage zum Einstieg

Was denken Jugendliche und junge Erwachsene in Deutschland und Europa über Politik und Medien? Das beantwortete im Jahr 2017 „GENERATION WHAT?“, eine europaweite Online-Studie. Große Resonanz fand die Befragung aufgrund eines spielerischen und interaktiven Fragebogens, der über 930.000 User aus 35 Ländern animierte, über sich selbst zu sprechen und ihre Meinung zu verschiedensten Themen und Fragen zu äußern: Europa, Toleranz, Zufriedenheit und Vertrauen in Politik, Medien und Justiz, Freiheit, Zukunftserwartungen — zu diesen und vielen weiteren Bereichen positionierten sich die Befragten, indem sie ein paar einfache Fragen zu dem jeweiligen Thema beantworteten. 

Zum Auftakt eines Demokratieprojektes könnte man zum Planspiel-Szenario passende Fragen auswählen, klassenintern auswerten (Mathematik: Prozentrechnen!) und die Ergebnisse dann mit den Zahlen in Deutschland vergleichen.

Die Studie „GENERATION WHAT?“ zeigte übrigens, dass nur 37 Prozent der jüngeren Befragten (18–19 Jahre) der Politik vertrauen. 61 Prozent fühlten sich von der Politik im Stich gelassen. Interessant wäre — bei einem vergleichbaren Befragungsergebnis in der Klasse — auch ein Test nach erfolgter Projektarbeit im Planspiel: Verändern sich negative Einstellungen durch eigenes politisches Handeln im Planspiel? — Ein interessantes Feedback für die unterrichtenden Lehrer, denn auch darum geht es in einem Politikunterricht, bei dem die Schüler selbst zu politischen Akteuren werden: Durch die aktive Übernahme verschiedener Rollen tiefere Einblicke in politisches Handeln zu gewinnen und die eigene Einstellung zu Politik und demokratischen Grundrechten durch Perspektivwechsel und wachsende Sachkenntnis zu reflektieren. 

Planspiel-Kompetenzen aufbauen

Planspiele simulieren oft politisch komplexe Situationen, die mit der Methode nicht vertraute Schüler überfordern: Sich in unterschiedliche politische Rollen hineinzudenken, Strategien zu entwickeln, Bündnispartner zu suchen, Konflikte ergebnisorientiert zu lösen, Kompromisse auszuhandeln usw. — das alles will kleinschrittig geübt werden. Die Planspiel-Datenbank der Bundeszentrale für politische Bildung unterstützt Sie dabei mit einfacheren „Spielarten“ wie Rollenspielen oder „Simulationskonferenzen“. Wer unter Spielarten (Pfeilmenü) beispielsweise „Rollenspiel“ anklickt, findet die Übung „Soundcheck“ zur (Rechts-)Extremismusprävention. Die Ausgangssituation entspricht der Erfahrungswelt der Schüler: Bei einer Schülerratssitzung beraten sich die Schüler, ob eine Band „mit rechtslastigen Texten und einem verdächtigen Logo“ bei einem Schülerbandfestival auftreten darf. Ein detailliert ausgearbeitetes Konzept zum Projekttag sowie direkt übernehmbare Materialien erleichtern Ihnen als Lehrkraft die Vorbereitung. 

Die über 300 Planspiele umfassende Datenbank greift auch noch in weiteren Rollenspielen und Simulationen ein breites Spektrum von „Themenbereichen“ auf: Da besiedeln die Schüler ein verlassenes Dorf, in dem sie sich als Gruppe eine neue Existenz aufbauen müssen. Sie simulieren einfache Entscheidungen des Gemeindesrates einer fiktiven Stadt (Erhöhung der Eintrittspreise im Freibad), lernen in verschiedenen Rollen den Ablauf eines Asylverfahrens kennen oder simulieren eine Redaktionssitzung der Schülerzeitung, bei der darüber debattiert wird, ob in der nächsten Ausgabe mehrere Seiten in der Sprache von Schülern ausländischer Herkunft erscheinen sollen. — Bei diesen leicht nachvollziehbaren Planspielszenarien sind Ausgangssituation und Ziel schnell erläutert und Schüler und Lehrer können sich auf das Training der verschiedenen politischen „Skills“ fokussieren.

„Die Beste Aller Welten“ — Planspiele für Einsteiger

Zwei Planspiele und ein handlungsorientiertes Gruppenquiz umfasst ein Bildungsprogramm zur demokratischen Bildung, das die Bundeszentrale für politische Bildung mit der Universität Köln auf die Beine gestellt hat. Es nennt sich „Die Beste Aller Welten“ (DBAW) und stellt die für jede Gesellschaft elementaren Fragen: „Wie möchten wir zusammenleben? Welche Regeln halten wir für wichtig? Was habe ich selbst für Handlungsoptionen in einer Gemeinschaft?“ (vgl. dazu die DBAW-Website). Für die beiden Planspiele und das abschließende Quiz sind jeweils einzelne Projekttage vorgesehen. Jedes Modul kann für sich stehen, sollte jedoch an einem Tag abgeschlossen werden. 

Ausdrücklich betonen die Autoren, dass sie mit DBAW „alle Schulformen“ ansprechen, „insbesondere die Gesamt- und Hauptschule“. Ein Mitspielen ist auch „ohne große (deutsche) Sprachkenntnisse möglich“, da die Autoren „auf unterstützende visuelle wie mediale Vermittlung und leicht anschauliche Arbeitsblätter“ setzen und auf „ein ‚Zuviel‘ an Lese- und Schreibarbeit“ verzichten (ebd.). 

Auch für Lehrkräfte bietet „Die Beste Aller Welten“ entscheidende Vorzüge: Der Vorbereitungsaufwand hält sich dank direkt übernehmbarer Materialien in Grenzen. Und weil die Module des Bildungsprogramms zwei Jahre lang mit Schülern unterschiedlicher Schularten erprobt und evaluiert wurden, sind Lehrende auch in Puncto Methodik und Didaktik bestens aufgestellt, wie im Folgenden anhand der „Inselwelt“ (Modul 1) erläutert werden soll.

Materialien und Praxistipps für die Lehrenden

Das Szenario und der Ablauf des ersten DBAW-Planspiels sind schnell skizziert: Eine Insel mit Feriendorf wird von einem Vulkan bedroht, der kurz vor dem Ausbruch steht. Hier spielt eine Reality-TV-Serie mit den Schülern als Protagonisten. Sie verteilen sich auf vier Gruppen mit unterschiedlichen Herrschaftsformen: Monarchie, Gottesstaat, Demokratie und Diktatur. Zunächst versuchen die politischen Gruppen jeweils, die Regierung auf der Insel zu übernehmen. Später geht es darum, sich vor dem ausbrechenden Vulkan auf ein Boot zu retten, in dem jedoch nicht alle Inselbewohner Platz finden.

Eine fünfte Schülergruppe bildet das Fernsehteam, das nicht nur das Geschehen filmt, sondern auch „mitmischt“. — Auf diese Weise lernen die Teilnehmer auch gleich, wie die Medien das politische Geschehen beeinflussen (können), und nebenbei auch, wodurch sich manipulative Berichterstattung von einer seriösen unterscheidet. 

Mit einem ausführlichen Video verschaffen Sie sich zunächst den Überblick über den Ablauf des Inselspiels. Wie Sie die Schüler über ihre Rolle und den Spielverlauf briefen, zeigen kurze Videos, sogenannte „Einspieler“, die auch direkt als Informationsquelle für die Schüler fungieren können. Bei der Realisierung begleitet Sie dann in jeder Phase des Spiels eine detaillierte Spielanleitung mit gezielten methodischen Hinweisen. 

Eine Troubleshooting-Liste mit Handlungsanweisungen für alle Eventualitäten beantwortet alle Fragen zu Problemen, die den erfolgreichen Spielverlauf gefährden können: Wie reagieren Sie, wenn das Spiel nicht in Gang kommt? Wie unterstützen Sie die Schüler, wenn diese Schwierigkeiten haben, sich mit ihrer Rolle zu identifizieren? Was machen Sie, wenn ein Team von einer anderen Gruppe ignoriert wird? Oder wenn es laut und chaotisch wird? 

Sämtliche Materialien für das Spiel stehen zum freien Download und können direkt übernommen werden. Eine Überblicksliste zeigt auch gleich, wie viele Ausdrucke Sie wovon jeweils brauchen. Zudem minimieren gebündelte Druckaufträge den Zeitaufwand für die Vervielfältigung. 

Im Idealfall begleiten Sie das Spiel mit mehreren Ko-Moderatoren, die den Schülern in den Gruppen zur Seite stehen. In der zweijährigen Erprobungsphase von DBAW erwies sich insbesondere die Berichterstattung der Filmcrew als schwierige Aufgabe für die Schüler. — Hier bietet sich verstärkter Support durch den Deutschlehrer oder den Betreuer der Schülerzeitung an. 

Reflexionsrunde — zurück in die Gegenwart

Am Ende eines Planspieltages steht immer eine Reflexionsrunde. Sie „dient dazu, die Eindrücke des Spieltages gezielt zu bearbeiten, mögliche emotionale Spannungen zu klären und psychische Belastungen von Teilnehmenden (TN) durch reflektierende Nacharbeit zu vermeiden“, so die Autoren des DBAW-Bildungsprogramms. Auch hierfür finden Sie als Lehrkraft methodisch-didaktische Anregungen und Materialien: Ein Film zeigt, wie eine solche Abschlussrunde aussehen kann. 

In schriftlich auszufüllenden Reflexionsleitfäden fassen die Schüler ihre persönlichen Eindrücke zusammen und lassen anschließend auch in ihrer Arbeitsgruppe den Projekttag noch einmal Revue passieren. Die Ergebnisse werden dann im Plenum besprochen, Fragenkataloge helfen der Lehrkraft dabei, die zentralen Punkte anzusprechen. Die Vorgaben differenzieren sogar nach unterschiedlichen Spielverläufen. 
Da die Teilnehmer nach einem Planspiel in der Regel erschöpft sind, sollte diese Phase nicht allzu lange dauern. Offene Fragen oder Probleme können ggf. auch am nächsten Tag nochmals aufgegriffen werden. In jedem Fall sollte in einer abschließenden Reflexionsphase aber ein „Transfer in den Alltag“ erfolgen, denn: „Der nachhaltige Lerneffekt eines Planspiels steht und fällt mit den Brücken, die nach dem Spiel zur tatsächlichen Realität geschlagen werden“ , so heißt es auf der DBAW-Website. — Vermutlich wird nach den Erfahrungen mit diesem Spiel so mancher Schüler unsere demokratische Lebensform mit ganz neuen Augen sehen.

Martina Niekrawietz


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