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Sexualpädagogik

Pubertät: Sexualaufklärung und Pornografie im Netz

Sexualerziehung in Zeiten des Internets stellt an Lehrkräfte ganz neue Anforderungen. Denn Pornografie im Netz muss im Sexualkundeunterricht thematisiert werden, um Jugendlichen einen realistischen Zugang zur eigenen Sexualität zu ermöglichen.

Sexualpädagogik: Pubertät: Sexualaufklärung und Pornografie im Netz Fragwürdige Sexualaufklärung im Internet sollte auch Thema im Unterricht sein © Soifer/Shutterstock.com

„Bei keinem Thema herrscht unter Lehrern so viel Unsicherheit wie bei der Sexualaufklärung“, beobachtet Christian Scheidt bei seiner Porno-Nachhilfestunde für Lehrerinnen und Lehrer: Sexting, häufiger Pornokonsum in den neuen Medien, „Porno-Raps von Sido oder Frauenarzt“ – da fragten sich viele Lehrer/-innen: „Was wissen meine Schüler überhaupt? Was darf ich im Unterricht dazu mitteilen?“ Und: „Muss ich die Eltern fragen?“ – Doch auch wenn es für die meisten Pädagogen eher eine unliebsame Aufgabe ist, plädiert der Biologielehrer im Gespräch mit Jeanette Otto und Johanna Schoener von ZEIT ONLINE dafür, die Aufklärung der Schüler/-innen keinesfalls der Pornoindustrie zu überlassen. – Eine Ansicht, die viele Sexualpädagogen teilen: Sie fordern die Vermittlung einer „Pornokompetenz“, auch damit die oft nur 11 oder 12 Jahre alten Schüler/-innen mit Pornoerfahrung „all die Bilder, die aus der virtuellen Welt auf sie einströmen, verkraften“ können (ebd.). 

Mit den Anregungen und direkt übernehmbaren Unterrichtsmaterialien im folgenden Beitrag packen Sie das heiße Eisen „Pornokompetenz“ im Fach- oder fächerübergreifenden Unterricht locker und entspannt an.

Als Lehrkraft gut vorbereitet sein

Während über Sex zu sprechen für die meisten von uns schon mit vertrauten Menschen gar nicht so einfach ist, ist es „noch viel schwieriger“ mit Jugendlichen darüber zu reden, so die Erfahrung der sexualpädagogisch versierten Autoren der Unterrichtsmaterialien „Let’s talk about Porno“ (S. 7). Deshalb ist es wichtig, vorab einige Fragen zu klären bzw. eigene Einstellungen zu reflektieren: „Wie spreche ich das Thema an, ohne sie [die Schüler/-innen] zu verunsichern oder zu verstören? Wie viel von meiner eigenen Sexualität soll oder muss ich offenbaren? (...) Was sagen die Kollegen, wenn ich Pornografie im Unterricht behandle? Was darf ich 15-Jährigen überhaupt zeigen, ohne mich strafbar zu machen?“ (ebd.)

Hier schafft das Kapitel „Bevor Sie mit den Jugendlichen sprechen“ (ebd., S. 11 ff.) Klarheit. Es startet mit konkreten Praxistipps: Zunächst sollten Sie die Eltern von den Gründen und der Notwendigkeit einer „qualifizierten Beschäftigung“ mit dem Thema überzeugen. „Bedenken Sie, dass allein die Wortwahl ‚Pornografie‘ unter Umständen bei den Erwachsenen Ängste und Vorbehalte auslöst, denen Sie sich stellen müssen, wenn Sie die Eltern informieren“, raten die Autoren der Broschüre, die in Kooperation des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg mit klicksafe und pro familia Bayern entstanden ist. Weitere sinnvolle Tipps: Jungen und Mädchen getrennt unterrichten, wobei die Jungs mit einem Lehrer und die Mädchen mit einer Lehrerin arbeiten. Auch an einer kleinen Porno-Recherche im Netz führt kein Weg vorbei (Virenschutzprogramm!). Wo Sie die einschlägigen Webseiten finden, erfahren Sie auf S. 12 von „Let’s talk about Porno“.

Selbsterkundungsbogen für Lehrer/-innen

Zunächst sollten Sie sich als Lehrkraft darüber Klarheit verschaffen: Wie sieht die Geschichte meiner eigenen Sexualitätsentwicklung aus? Und wie stehe ich zur Pornografie? – Diese beiden Fragen explorieren Sie anschließend mit einer Selbstevaluation per Fragebogen. Die Lehrkraft überlegt z. B., was die eigene sexuelle Entwicklung behindert oder unterstützt hat, was sie an der eigenen Weiblichkeit bzw. Männlichkeit stört, ob sich Liebe und Sexualität trennen lassen, was als „pervers“ empfunden wird oder in welcher Situation sie „sich schon einmal sprachlos erlebt“ hat (ebd., S. 14). Die Fragen zum Thema Pornografie helfen der Lehrkraft dabei, den eigenen Standpunkt auszuleuchten. Auch die Gretchenfragen werden dabei nicht ausgespart: „Ich habe Pornografie in meinem Leben bereits zur sexuellen Stimulation (Selbstbefriedigung oder Paarsexualität) benutzt“ (S. 14) und – ganz wichtig: „Haben Sie überhaupt Lust auf das Thema Sexualität und Pornografie in der Schule (...)?“ und „Können Sie über das Thema Sexualität und Pornografie offen reden?“ – Letzteres ist auf jeden Fall mit den Unterrichtsmaterialien in „Let’s talk about Porno“ wesentlich einfacher, denn mit den detailliert ausgearbeiteten Projektvorschlägen haben Sie immer festen Boden unter den Füßen.

Stoff für viele fächerübergreifende Projekttage

138 Seiten umfasst der Material-Pool von „Let’s talk about Porno“. Und es ist keineswegs so, dass sich die Materialien ausschließlich um Pornografie drehen. Die vier Bausteine eignen sich vielmehr für den Sexualkundeunterricht in verschiedenen Jahrgangsstufen und widmen sich vier verschiedenen Themenbereichen: 

  • Baustein 1: Was ist schon normal? – Leben in der Pubertät
  • Baustein 2: Bin ich schön? Bin ich sexy? – Schönheitsideale in unserer Gesellschaft
  • Baustein 3: Alles Porno, oder was? – Pornografie im Netz
  • Baustein 4: „Der Typ ist voll Porno“ – Sexualisierte Kommunikation

Zu jedem der vier Module gibt es vier bis sieben handlungsorientierte Unterrichtsprojekte für verschiedene Ziel- und Altersgruppen, wenn sinnvoll auch getrennt nach Mädchen und Jungen. Immer verbinden die Unterrichtsvorschläge Sexualpädagogik mit Medienpädagogik, denn Internet, soziale Medien und Fernsehen spielen in der Sexualentwicklung heutiger Jugendlicher eine zentrale Rolle. Oder anders gesagt: „Sex ist überall – Gespräche sind selten“ (S. 20). 

Aktiv ins Gespräch kommen

Zu Gesprächen ist in den Let’s-talk-about-Porno-Projekten reichlich Gelegenheit, wie schon das 45-minütige Einstiegsprojekt „Tauschbörse Pubertät“ zeigt: Die Schüler/-innen erhalten drei bis fünf Kärtchen mit Begriffen wie „Sport“, „Zärtlichkeit“, „schön sein“, „Party machen“, „fummeln“, „Videos auf YouTube gucken“, „rasierte Intimzone“, „Akzeptanz durch Eltern“, „Akzeptanz durch Freundeskreis“ usw. Anschließend wird untereinander getauscht, bis zuletzt „jeder nur noch die Karten besitzen, die für ihn bzw. sie von Bedeutung sind“ (ebd., S. 28). Dann stellt jeder seine Begriffe vor. Mit einem kleinen Fragenkatalog bringt der Lehrer/die Lehrerin dann eine Diskussion in Gang: 

  • „Wer ist mit seinen Karten zufrieden?“
  • „Welche Begriffe waren besonders begehrt?“
  • „Welche Begriffe konntet ihr absolut nicht loswerden?“
  • „Könnt ihr euch vorstellen, dass sich eure Einstellungen verändern werden?“
  • „Waren für Mädchen andere Begriffe wichtig als für Jungen? Was können Gründe dafür sein?“ (ebd., S. 28)

Im Gespräch miteinander ergründen die Kids auch „Geschlechterstereotype“ und Geschlechterrollen (Projekt 2, „Typisch Junge, Typisch Mädchen“, S. 30): Bewaffnet mit einem Handy interviewen sie in Kleingruppen dazu Klassenkameraden oder Mitschüler/-innen auf dem Pausenhof und ordnen und diskutieren anschließend die Kommentare. Zuletzt begeben sie sich optional noch auf eine Gedankenreise: „Wie wäre dein Tag, wenn du ein anderes Geschlecht hättest?“

Sensibel mit Jugendlichen über Sexualität zu sprechen, ohne deren Grenzen zu überschreiten – auch das gelingt mit vielen Projektkonzepten von „Let’s talk about Porno“ mühelos, denn die Kids entscheiden oft selbst, was sie thematisieren. Im vierten Projekt zum Thema Pubertät etwa recherchieren die Schüler/-innen eigenständig in Beratungs- und Informationsportalen im Internet zu einer selbst gewählten Frage. Alternativ dazu – zum Beispiel im Deutschunterricht – erstellen die Schüler/-innen in Gruppenarbeit Briefe an die Redaktion von sextra.de, loveline.de & Co. Hierbei „soll es um fiktive (aber dennoch ernsthafte) Probleme gehen“ (S. 36), die dann eine andere Gruppe – nach Recherche in den Beratungsportalen – im Dr.-Sommer-Stil beantwortet. In der Auswertungsphase prüfen die Kids, ob die Antwort hilfreich und zufriedenstellend ist.

Themen und Fragestellungen in vielen Fächern spannend

Die Projekte von „Let’s talk about Porno“ passen auch sehr gut in den Unterricht verschiedener Fächer und bereichern den Fachunterricht mit kreativen und handlungsorientierten Aufgaben in unterschiedlichen Sozialformen. Das wird sofort evident, wenn man sich den Überblick über die Projekte im zweiten Baustein ansieht (S. 49): Anhand einer Bildbetrachtung (Kunst) erkennen die Schüler/-innen, dass Schönheitsideale „von der Gesellschaft gemacht werden und veränderbar sind“. Für „inszenierte und manipulative Techniken der Medienmacher“ sensibilisiert das Projekt „Bin ich schön“, wenn die Schüler/-innen die Möglichkeiten von Bildbearbeitungsprogrammen erkunden (IT-Unterricht bzw. Kunst) und über die eigene Körperzufriedenheit nachdenken (Ethik, Religion, evtl. Deutsch oder Sport). Im Projekt „Castingshow“ erhalten die Schüler/-innen verschiedene Rollen und vertreten die jeweilige Position in fiktiven Situationen (Theater-AG). Sie erarbeiten Argumente für Diskussionen mit dem jeweiligen Gegenpart (Tochter, die Model-Casting besuchen will, Mutter, die dagegen ist), was auch eine gute Übung für einen Erörterungsunterricht mit Bezügen zum Alltag der Jugendlichen im Fach Deutsch sein könnte. 

Porno vs. realer Sex – schnell erklärt

Ist alles an meinem Körper „normal“? – Das ist für viele Heranwachsende in der Pubertät eine zentrale Frage. Viele Jugendliche leiden unter oft quälenden Befürchtungen und Unsicherheiten, zum Beispiel bezüglich ihrer Brust- oder Penisgröße, die durch Pornokonsum noch verstärkt werden: Schließlich unterscheiden sich die optimierten Körper der Pornodarsteller in den allermeisten Fällen stark von ihrem eigenen. Auch in vielerlei anderer Hinsicht entspricht die Darstellung von Sexualität in Pornos überhaupt nicht der Realität. 

Mit dem Video „Porn Sex vs Real Sex“ der US-amerikanischen Kreativagentur kbcreativelab könnte man dieses Thema auch im Englischunterricht aufgreifen. Der humorvolle kurze Erklärfilm verdeutlicht die Unterschiede in einfachen englischen Sätzen anhand von Lebensmitteln. Und das ist witzig und null peinlich oder langweilig: Da werden z. B. die stets intimrasierten Pornodarsteller von einer nackten Zwiebelhälfte und einer Möhre auf einem Holzbrett bildlich dargestellt, bevor dann etwas Petersilie als „Schamhaar“ über Zwiebel und gelbe Rübe drapiert wird. Der begleitende Text ist auch für Schüler/-innen im zweiten oder dritten Englischjahr schon beim ersten Hören gut verständlich, die wichtigsten Infos werden zudem im Bild schriftlich eingeblendet.

In dieser Art geht es weiter: Unterschiede von Penislänge, Aussehen der Vulva, Dauer bis zur Erektion, Penetrationsdauer, Häufigkeit von weiblichen Orgasmen beim Geschlechtsverkehr und die bei Frauen im wirklichen Leben eher geringen Vorlieben für ungewöhnliche Sexualpraktiken – es ist erstaunlich, wie viele Informationen in dem kurzen Streifen mit noch nicht einmal zwei Minuten Länge stecken. Wegen der pointierten Präsentation wird vieles davon bei den Schülern „hängenbleiben“ und so manche entlasten, die durch Pornokonsum verzerrte Vorstellungen entwickelt haben.

Nicht jeder/jede ist zum Sexualkundeunterricht berufen

Während bei den Let’s-talk-about-Porno-Bausteinen 1, 2 und 4 das Thema Pornografie eher beiläufig anklingt, werden im dritten Modul „Pornografie im Netz“ viele Dinge sehr direkt beim Namen genannt: Mit ab 14-Jährigen über ihre Emotionen beim Kontakt mit Pornografie zu reden (Projekt 11) oder eine Raumskala zur Selbsteinschätzung der Schüler/-innen rund um das Thema Pornografie zu erstellen (Projekt 12) – das ist so mancher Lehrkraft womöglich „too much“. Aber das könnte man dann auch den Lehrerinnen/Lehrern überlassen, die – ähnlich wie Christian Scheidt – damit keine Probleme haben. Und davon profitieren dann auch die Schüler/-innen: Denn oft hängt es von der Schamgrenze des Lehrers/der Lehrerin ab, „wie gut Sexualkunde unterrichtet wird“, zu diesem Schluss kommen Jeanette Otto und Johanna Schoener bei ihren Gesprächen mit verschiedenen Sexualpädagogen im eingangs verlinkten ZEIT-Artikel. 

Besonders Frauen fällt es auch oft schwerer, auf Provokationen und blöde Witze mit Humor und Gelassenheit zu reagieren. Christian Scheidt schildert eine solche Situation: Einer seiner Schüler rief ihm zu: „Herr Scheidt, wir machen am Wochenende Gangbang!“, worauf er konterte: „Ah, wie viele kommen denn?“ – Eine „coole“ Reaktion, die besonders auch beweist, „dass das Thema nicht bierernst abgehandelt werden muss“ (ebd.), wie Scheidt sagt. – So manche weibliche Lehrkraft würde vermutlich entgegnen, dass diese Art von Humor nur unter Männern funktioniert.

Falls sich in Ihrem Kollegium keine Kollegin und auch kein Kollege bereit erklärt, das Thema Porno mit den Schülerinnen und Schülern zu behandeln, gibt es übrigens eine Alternative, wie der oben verlinkte ZEIT-Artikel ebenfalls zeigt: Viele Schulen engagieren externe Sexualpädagogen von Pro familia oder vergleichbaren Einrichtungen, die manchmal sogar nicht nur den Unterricht, sondern auch gleich Teile der Elternarbeit übernehmen.

Martina Niekrawietz

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