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Fächerübergreifender Unterricht

Rap: reflektieren, debattieren, formulieren, musizieren

Ein fächerübergreifendes Unterrichtsprojekt zum Thema Rap fördert eine kritische Auseinandersetzung mit den Texten und Inhalten, aber auch kreatives Schreiben und das Selbst-Rappen vor Publikum.

Fächerübergreifender Unterricht: Rap: reflektieren, debattieren, formulieren, musizieren Cool sein ist alles beim Rappen, aber welche Botschaften werden sonst noch transportiert? © Joshua Resnick - stock.adobe.com

„Der Musikpreis ‚Echo‘ wird abgeschafft“ meldete die Süddeutsche Zeitung am 25.04.2018. Grund dafür war der Eklat bei der Echoverleihung 2018: Felix Blume alias Kollegah und Farid Hamed El Abdellaoui alias Farid Bang, zwei deutsche Rapper, waren für ein Album mit antisemitischen Texten ausgezeichnet worden. Campino, der Sänger der Toten Hosen, fand während der Gala „deutliche Worte“ und einige frühere und aktuelle Preisträger gaben ihren Echo zurück. Die Preisvergabe beim Echo hatte sich dabei an den Chartplatzierungen und Verkaufszahlen orientiert. Das heißt, dass sich das aktuelle Album der beiden Deutsch-Rapper (Titel „Jung, Brutal, Gutaussehend 3“, abgekürzt „JBG 3“) bei jungen Hörern besonders gut verkauft hat.

Wegen seiner Texte hat der WDR das Album am 16.04.2018 indexiert. Und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hatte schon die beiden Vorgängeralben (JBG 1 und 2) auf den Index gesetzt. Die wörtlichen Song-Zitate in der Begründung zur Indexierung des Vorgänger-Albums „Jung, Brutal, Gutaussehend 2“ offenbaren neben Homophobie und Sexismus dumpfe psychopathische Gewaltfantasien bis hin zu Mord und (sexueller) Verstümmelung der Opfer.

Solche jugendgefährdenden Texte, häufig aus der „Gangsta-“ oder „Battle-Rap“-Ecke, haben im Unterricht sicherlich nichts verloren. Es finden sich jedoch genügend „gemäßigtere“ Raptexte, die als Diskussionsgrundlage im Unterricht dienen können.

„Respekt“ im Gangsta-Rap

Viele Schüler lieben deutschsprachigen Gangsta-Rap. Das kann problematisch werden, sagt der Medienpädagoge Moritz Becker im Vorwort zu seinem Unterrichtsentwurf „Respekt oder nicht: Gangsta-Rap“ (S. 1): Dann nämlich, wenn die Rapper als Vorbild verehrt und ihre Texte „als bloße Meinungsäußerung interpretiert werden“ oder wenn Jugendliche „andere mit entsprechenden Begriffen beschimpfen (bzw. ‚dissen‘)“ (ebd.).

Die mehrstündige Unterrichtseinheit für Schüler ab Jahrgangsstufe 8 eignet sich für ein fächerübergreifendes Projekt ebenso wie für den Fachunterricht in Deutsch, Religion/Ethik und Musik. In verschiedenen Sozialformen erarbeiten die Schüler die Lerninhalte: Sie vergleichen den Rap-Battle mit einem Boxkampf, wodurch ganz schnell klar wird: „Dissen“ geht nur auf der Bühne, genau wie ein Boxer nur im Ring, nicht aber im Alltag zuschlagen darf. Die Schüler erkennen die Merkmale und das Prinzip des Battle-Rap (sich selbst aufwerten, indem man den Gegner abwertet), und sie interpretieren einen Textabschnitt aus Bushidos „Feuersturm“. — An dieser Stelle der Unterrichtseinheit dürfen die Schüler auch einmal selbst aktiv mit dem Text arbeiten, indem sie versuchen, „die Verse ins Standard-Deutsch zu übertragen“. Dabei erkennen sie (vielleicht), „dass der Inhalt dafür zu dürftig wäre und die Wirkung des Textes dabei vollständig verloren ginge“ (S. 10).

Sämtliche minutiös vorbereiteten Materialien können von der Website der Niedersächsischen Landesmedienanstalt heruntergeladen werden. Und wer die Unterrichtseinheit mit weiteren Schüleraktivitäten zu einem handlungsorientierten Projekt ausbauen möchte, findet im Folgenden Anregungen dazu.

Neue Regeln fürs Rap-Texten entwickeln

Wie wäre es, wenn man im Rahmen eines fächerverbindenden Deutsch-Musik-Projekts die immer gleichen stereotypen Beleidigungen und Diskriminierungen weglässt und nach neuen, eigenen Regeln rappt? An die Stelle von Gewalt treten dann Argumente und statt des „Straßenkampfs im Ghetto“ streiten die Jugendlichen für etwas, wofür es sich — in ihrer realen Welt — wirklich zu kämpfen lohnt.

Die Schüler versetzen sich dabei in eine bestimmte Rolle bzw. Situation und fingieren ein Streitgespräch: Zwei Jungs/Mädchen haben sich in das gleiche Mädchen/den gleichen Jungen verliebt und überzeugen den Angebeteten oder die Angebetete, den Abend mit ihm/ihr zu verbringen. Oder der Sohn/die Tochter möchte auf eine Party gehen, die Mutter/der Vater ist dagegen. Die Schüler überlegen sich dann in Partner- oder Gruppenarbeit zunächst zwei oder drei Sätze mit Argumenten und dazu jeweils eine Replik.  

Bevor die Dialoge in Rap-Form gebracht werden, wird der Beat ausgesucht: Free Beats gibt es im Netz, zum Beispiel hier. Dann übt der Musiklehrer mit der Klasse das rhythmische Sprechen entsprechend dem gewählten Beat. Auch ein gerappter Musterdialog erleichtert den Schülern das Texten im richtigen Rhythmus. Beim Reimen helfen Online-Tutorials, zum Beispiel auf wikiHow oder auch als Video bei YouTube.

Nach einer Übungsphase in Partnerarbeit setzen sich die Schüler in zwei Reihen gegenüber, der Beat läuft durch. Nacheinander stehen jeweils zwei Jugendliche auf und rappen gegeneinander.

Let’s talk about Rap: eine Diskussion als Rollenspiel

Auch bei einer Podiumsdiskussion über Gangsta-Rap entwickeln die Schüler eine gesunde Streitkultur, die sich vom bloßen „Bashen und Dissen“ dadurch abhebt, dass die Kontrahenten diskutieren und argumentieren. Diese Gesprächsrunde könnte im Politik- oder Sozialkundeunterricht angesiedelt sein, aber auch in Religion, in Ethik oder auch im Deutschunterricht.  

Die Autoren der Website des Sächsischen Staatsinstituts für Bildung und Schulentwicklung geben einen Überblick über das methodische Vorgehen in den einzelnen Arbeitsphasen. Ausgehend von einem realen (oder fiktiven) Konflikt, zum Beispiel dem Echo-Skandal 2018, formuliert die Lehrkraft ein spannendes Thema, das dann von mehreren Akteuren  kontrovers diskutiert wird: „Echo 2018: Gangsta-Rap — wo ist die Grenze?“ wäre ein Formulierungsvorschlag. Mögliche Akteure (2 eher pro, 2 eher contra) wären dann zum Beispiel ein Rabiner, eine junge Lehrerin mit Rap-Affinität, ein Gangsta-Rapper und eine linke Journalistin mit zwei halbwüchsigen Söhnen.

Die Klasse macht sich mit dem Konflikt vertraut, verteilt sich auf vier Kleingruppen (Rapper, Mutter, Rabiner und Lehrer), die gemeinsam die Argumente und Rollen der Akteure erarbeiten. Jede Gruppe entsendet einen „Interessenvertreter“ aufs Podium, wo der Moderator die Gäste erwartet und begrüßt. Es folgt eine kurze Runde mit Statements der Akteure, dann „eröffnet der Moderator mit einer Frage an eine Partei die offene Diskussion“ (ebd.) Der Moderator sorgt dafür, dass die Diskussionsregeln eingehalten werden (Zuhören, andere nicht unterbrechen oder dazwischen rufen, keine endlosen Monologe ...). Auch die Zuschauer können ihre Meinung äußern.
In der Auswertungsphase am Ende berichten die Diskutanten, wie sie sich gefühlt haben. Im Plenum bespricht die Klasse, ob sich Positionen und Haltungen verändert haben bzw. ob man einem Konsens nähergekommen ist.

Elternabend: Rap mit Rahmenprogramm

Eine reale Podiumsdiskussion wäre auch ein informativer Auftakt für einen Elternabend zum Thema Rap. Dabei kämen dann zum Beispiel ein Jugendmedienschutz-Beauftragter, ein Schulpsychologe, Eltern und natürlich Rap-Fans und -Gegner auf Schülerseite ins Gespräch.

Wahrscheinlich relativiert sich bei einem solchen Elternabend so manche Befürchtung, zum Beispiel, dass die Kinder in die kriminelle oder Drogenszene abrutschen, dass sie zu frauen- und schwulenverachtenden Machos werden oder dass der verbalen Gewalt brachiale folgt.

Oft ist die Vorliebe für Gangsta-Rap ja für die Kids vor allem ein extrem effektiver Weg, den Eltern in der Pubertät zu demonstrieren: „Ich bin nicht wie ihr, ich mach jetzt mein eigenes Ding, auch wenn euch das gar nicht gefällt.“ Aber auch darüber kann man reden.

Martina Niekrawietz

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