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Religion

Religion erlebbar machen durch performativen Religionsunterricht

Erkenntnisprozesse im Religionsunterricht sind viel mehr als reine Wissensprozesse. Es geht um religiöses Orientierungswissen und die Erfahrung von Religion und Glaube. Performativer Religionsunterricht macht all das möglich.

Religion: Religion erlebbar machen durch performativen Religionsunterricht In einem Sitzkreis können die Schüler ihre Erkenntnisse zum Thema Gleichnisse besprechen © Ruth Hildebrand-Mallitsch

Wenn Schüler in einer 5. Klasse im Religionsunterricht eine Erdkugel aus Pappmaché basteln und erarbeiten, dass diese Kugel durch Kernkraftwerke, Öltanker, Flugzeuge, Auto- und Fabrikabgase bedroht ist, und am Ende der Stunde zu der Erkenntnis gelangen, dass wir Gottes Schöpfung bewahren müssen, indem wir keinen Müll auf den Schulhof werfen, unser Butterbrot aufessen, das Wasser nicht verschmutzen, dann hat das mit Religionsunterricht gar nichts zu tun, sondern mit blindem Aktionismus ohne Lernzuwachs. Wenn Lehrer sich als Pfadfinder verkleiden, mit einer Schatzkarte wedeln, obwohl es überhaupt keinen Schatz zu entdecken gibt, Schüler den Schöpfungsbericht erhalten und zu jedem Tag etwas malen sollen, dann ist das blanker Unsinn und kein guter Religionsunterricht.

Schüler zu eigenen Erkenntnissen führen

Wenn aber Schüler z. B.

  • ihr Vorwissen durch ein anschauliches Bodenbild über Gottes Zusage an Mose und das Volk Israel aktivieren können,
  • anschließend die Geschichte von der Errettung des israelischen Volkes am Schilfmeer durch einen guten Lehrer-Vortrag mit Unterstützung von Bildern in einem Kamishibai kennenlernen,
  • die Lehrperson das Erzähltheater durch zielgerichtete Fragen leitet, sodass Schüler sich intensiv in die Erzählung einfühlen,
  • sie sich anschließend in einem kooperativen Verfahren, hier Placemat, genau in diese Situation hineinversetzen, die fast aussichtslose Lage des Volkes Israel erkennen und mitfühlen,
  • sich in Mose, seine Sorgen und Zweifel hineindenken und das Gottvertrauen erkennen, das ihm den Mut gibt, sein Volk durchs Meer zu führen, dann ist das guter Religionsunterricht.

So kommen Schüler  zu der Erkenntnis, dass Gott Mose diese Kraft gegeben hat, weil er an ihn geglaubt, ihm vertraut hat, dass Gott sein Versprechen gehalten hat.

Wenn nun noch in der letzten Phase ein Transfer stattfindet und die Schüler die gewonnenen  Einsichten auf ihr Leben übertragen und sie lernen, dass Gottvertrauen auch in ausweglosen Situationen hilfreich sein kann, dann ist das performativer Religionsunterricht.

Religiöses Orientierungswissen erlangen

Der Begriff performativer Religionsunterricht stammt von Rudolf Englert (2002) und meint, dass Religion wahrnehmbar, erlebbar, erfahrbar und religiöse Praxis probeweise vollzogen werden sollte.

So wird ein Unterricht erreicht, in dem Schüler nicht vorwiegend von der Lehrperson lernen, sondern voneinander in Kooperation, Diskussion, im Austausch über die eigenen Gefühle, Gedanken, Erfahrungen, sodass das lebendige Unterrichtsgeschehen im Mittelpunkt steht.

Erkenntnisprozesse im Religionsunterricht sind viel mehr als reine Wissensprozesse. Es geht nicht mehr nur um ein Bescheidwissen über Religion, sondern um religiöses Orientierungswissen und die Erfahrung von Religion und Glaube. Das kann nur gelingen, wenn Lernprozesse schülerorientiert, lebensbedeutsam, sinnerfüllt, entdeckend und handlungsorientiert sind. Man versteht Religion nur dann, wenn man sich einlässt, sie erlebt, sie begreift, sie kreativ für sich persönlich weiterentwickelt und kritisch reflektiert.

Schon seit vielen Jahren kann der Religionsunterricht nicht mehr auf einen Vorlauf religiöser Erziehung durch Elternhaus und Kirche aufbauen und somit hat er eine andere Grundaufgabe erhalten: Der Unterricht muss mit Religion bekannt, vertraut machen, wenn religiöse Reflexion nicht gegenstandslos werden soll. Dem Ausfall religiöser Sozialisation muss Rechnung getragen werden, der verschüttete Zugang zur eigenen Religion muss freigelegt oder ein Weg überhaupt angelegt werden, bevor Schüler ein Gespür für Religion entwickeln können.

Performative Religionsdidaktik ist daran interessiert, christliche Inhalte mit persönlichen Erfahrungen und Haltungen zu verknüpfen, also innere Beteiligung zu erreichen. Vor allem darf guter Religionsunterricht nicht in Inszenierungen steckenbleiben, stattdessen müssen die gewonnenen Gedanken, Gefühle, Fragen, Einstellungen durchdacht werden, so dass Schüler zu lebensbedeutsamen Erkenntnissen gelangen. „Religionsunterricht darf nicht zum Schauplatz werden, sondern muss Denkort bleiben." (Godwin Lämmermann in Theo-Web, Zeitschrift für Religionspädagogik 7/2008, S. 121)

Also wenn Schüler das Gleichnis vom verlorenen Sohn  zunächst handlungsorientiert durchdringen (Rollenspiele mit der Aufgabe, unterschiedliche Reaktionen des Vaters darzustellen) und in einem anschließenden Plenumsgespräch die Deutung des Gleichnisses erarbeiten und sie im folgenden Tafelbild festhalten, dann  handelt es sich um eine gewinnbringende Religionsstunde, in der Schüler religiöse Kompetenzen entwickeln können.

 

Der Transfer auf die Lebenswelt der Schüler erfolgt dadurch, dass der Klassenraum durch Girlanden unterteilt ist  in „Willkommen“ und „Nicht willkommen“ Schüler können sich am Ende der Stunde einer Seite zuordnen und ihre Positionierung begründen. So wird religiöses Lernen nachhaltig!

Ruth Hildebrand-Mallitsch

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