Fach/Thema/Bereich wählen
Handlungssicherheit

Rituale als Bereicherung des Fachunterrichts

Rituale strukturieren Zeitabläufe im Schulalltag und geben den Schülern (Selbst-)Sicherheit. Das gilt besonders für den Fachunterricht, wenn fachliche Inhalte auch via Ritual transportiert werden können.

Handlungssicherheit: Rituale als Bereicherung des Fachunterrichts Ein Kurzvortrag zu Beginn der Unterrichtsstunde kann ein kleines Ritual zur Einstimmung ins Thema sein © JackF - Fotolia.com

Unser Alltag ist von unzähligen ritualisierten Handlungen bestimmt: Wenn mein Radiowecker angeht, stehe ich auf, gehe ins Bad, gehe die Morgenrunde mit meinem Hund, frühstücke, lese meine Wochenzeitung weiter und mache mich auf den Weg zur Arbeit — jeden Tag aufs Neue nach demselben Muster. In diesem Sinne sind ritualisierte Handlungsabläufe oft strukturierender, weniger emotionaler Natur.

Bewusst initiierte Rituale können jedoch auch beflügeln und eigene Dynamiken entwickeln. Einmal etabliert können solche Rituale als Anlässe bestimmte Handlungsweisen auslösen, die eine Rollensicherheit innerhalb dieses Rituals vorgeben und somit Sicherheit bieten können. In diesem Sinne wirken Rituale verhaltensprägend. Genau diesen Ansatz kann sich das System Schule zunutze machen und eigene schulische, aber auch fachspezifische Rituale entwickeln und etablieren.

Rituale markieren Zeitabläufe

Die wohl bekanntesten Formen schulischer Rituale bzw. schulischer Ritualisierungen finden sich in der Rhythmisierung des Schulalltags — wie den Anfängen oder Endpunkten einer Unterrichtsstunde, des Schultags oder der Schulwoche — selbst. Hierbei werden an markanten Punkten unterschiedliche Akzente gesetzt, um mithilfe wiederkehrender Arrangements, eine Besonderheit zu markieren: die Begrüßung als Stundenbeginn und das Klingelzeichen als Stundenende oder der Erzählkreis am Anfang der Woche und die Feedbackrunde am Ende der Woche. Die Rahmung bleibt grundsätzlich gleich, aber die Inhalte und Nutzung des Gestaltungsfreiraums verändern sich von Mal zu Mal. „Damit werden Anfang und Ende hervorgehoben, die Zeit bewusster und nuancierter erlebt“, resümiert Susanne Petersen. (Petersen, Susanne: Rituale für kooperatives Lernen in der Sekundarstufe I. Berlin 2001, S. 14)

Rituale stärken die Gemeinschaft

Diese wiederkehrenden Abläufe geben dem Einzelnen — nach der Etablierung — mehr Handlungssicherheit. Damit können gut etablierte Rituale den Schulalltag entlasten, da die für die speziellen Anlässe vorgesehenen und erprobten Verhaltensweisen wortlos ihren Lauf nehmen können. „Die Arbeits- und Rollenaufteilung ist geklärt, bewährte Kooperationsformen greifen, verabredete Formulierungen entemotionalisieren Konflikte und erleichtern Klärung und Lösungsfindung ebenso wie sie Schutz vor verletzender Kritik bieten.“ (ebd.) Susanne Petersen geht sogar noch einen Schritt weiter und argumentiert, dass Rituale aufgrund des gemeinsamen Erlebens einer Gruppe gemeinschaftsbildend seien, da sie eine exklusive Situation schaffen, in der sich nur Eingeweihte angemessen verhalten können. Auf der anderen Seite wirken Rituale jedoch auch disziplinierend auf die Gruppenmitglieder, sich entsprechend der ritualisierten Regeln zu verhalten.

Rituale setzen im Fachunterricht besondere Akzente

Um den Schulalltag für die Schülerinnen und Schüler und schlussendlich auch für die Lehrerinnen und Lehrer angenehmer zu gestalten, plädiert Petersen für eine stärkere Ritualisierung auch des Fachunterrichtes. Hierfür schlägt sie beispielsweise gestaltete Erholungspausen zwischen den unterschiedlichen Fächern sowie Ankommenszeichen im Sinne einer Erkennungsmelodie für einzelne Fächer oder Fachinhalte, aber auch für einzelne Lehrer und Klassen vor. „Es ordnet sich für die Schüler etwas, wie auch der neue Lehrer und die Lehrerin sich mit einem ritualisierten Einstieg etwas Muße gönnen, um in der anderen Klasse anzukommen.“ (ebd. S. 134) Darüber hinaus sind aber auch fächerübergreifende Ritualisierungen für Themenbearbeitungen sowie Präsentations- und Feedbackrituale denkbar.
Auch ein ritualisierter spielerischer Beginn kann ein sinnvoller Einstieg in den Fachunterricht sein. Petersen schlägt hierbei eine von Schülern gestaltete ritualisierte Wiederholung mithilfe von Quizfragen vor. Die Vorteile liegen auf der Hand: Unterrichtliche Ergebnisse können effektiv verarbeitet und Basiswissen kontinuierlich trainiert werden. Außerdem stimmen sich die Schüler spielerisch auf das Fach ein. Das Repertoire solcher spielerischer Einstiege reicht von Tauschwörtern und Tabu über Detektivaufgaben und Ratefixe bis hin zu Begriffsassoziationen und Vokabelabfragen.

Beispiel für Ritual im Fremdsprachenunterricht: die 5-Minuten-Redezeit

Am Anfang einer festgelegten Unterrichtsstunde in der Woche erhalten die Schüler im Fremdsprachenunterricht fünf Minuten freie Redezeit. Als Vorbereitung wird der Fachraum jeweils so präpariert, dass alle Tische und Stühle zur Seite geräumt werden. Anschließend wird eine festgelegte Musik leise angespielt und die Schüler dürfen sich frei im Raum bewegen. Nach einer kurzen Zeit stoppt die Musik und die Paare, die sich nun gebildet haben, haben Gelegenheit, sich inhaltlich frei in der Fremdsprache zu unterhalten. Nach etwa zwei Minuten beginnt die Musik erneut für kurze Zeit und es finden sich neue Paare zusammen. Der zweite Gesprächsdurchgang sollte deshalb gewählt werden, damit auch diejenigen eine Gesprächsidee haben, die selbst vielleicht kein Thema finden konnten, über das sie sich hätten unterhalten können. Jetzt aber können sich sie sich zumindest über das vorher stattgefundene Gespräch austauschen. Die Dauer der Gesprächsblöcke sollte in Abhängigkeit zur Leistungsfähigkeit der Schüler gewählt werden.

Die Musik, die die Phasen der Bewegung im Raum markiert, sollte so gewählt werden, dass diese die Schüler einerseits animiert, sich im Raum zu bewegen, sie sich andererseits aber auch auf das Ritual fokussieren. Deshalb empfiehlt es sich, jeweils dieselbe Musik zu nutzen, um das Ritual zu unterstützen.

Mithilfe dieses Rituals können die Schüler nicht nur auf den Fachunterricht eingestimmt werden, sondern es können auch mögliche Sprachblockaden, die sich in der Großgruppe des Klassenverbandes ergeben können, reduziert werden, da das erste Sprechen regelmäßig im geschützten Raum erfolgt.

Gerade in der Phase der Etablierung dieses Rituals sind Blockaden denkbar durch Aussagen wie: „Wir wissen nicht, worüber wir uns unterhalten sollen.“ Dem kann zielgerichtet begegnet werden, indem der Lehrer immer ein neues Bild mitbringt und für alle Schüler sichtbar präsentiert. Dieses Bild kann, muss jedoch nicht, als Gesprächsanlass genutzt werden.

Beispiel für Ritual in Gesellschaftswissenschaften: die aktuelle Stunde

Zu Beginn einer Politikstunde präsentiert ein zuvor benannter Schüler in der Rolle eines Nachrichtensprechers ein selbst gewähltes aktuelles Thema aus dem Bereich Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft. Als ritualisiertes Signal wird die Melodie einer Nachrichtensendung eingespielt. Anschließend präsentiert der Schüler seinen Bericht, den er mit einem Hintergrundbild oder kurzen Einblendungen visualisieren kann. Hieran schließt sich eine von diesem Schüler moderierte kurze Diskussionsrunde an, die durch eine von diesem Schüler vorbereitete Diskussionsfrage eingeleitet wird. Diese Diskussion sollte nicht völlig ausgeschöpft werden, sondern eher zu weiterem Nachdenken anregen. Danach erhält der Schüler ein konstruktives Feedback der Zuhörer, bezogen auf Inhalt und Gestaltung seiner „aktuellen Stunde“. Zum Abschluss begründet der Schüler mit wenigen Worten, warum er gerade dieses Thema gewählt hat. Insgesamt sollte die „aktuelle Stunde“ (gemeint ist damit die Gesamtheit von Präsentation, Diskussion, Feedback und Erklärung zur Auswahl) zehn Minuten nicht überschreiten.

Die Vorteile dieses Rituals sind offensichtlich: Die Schüler üben sich in der Recherche und Auswahl aktueller Ereignisse sowie in der Präsentation ihres Themas und der Moderation einer Diskussion. Darüber hinaus erhalten sie im Laufe des Schuljahres einen umfangreichen Einblick in unterschiedlichste politische Ereignisse, obwohl sie selbst nur einen geringen Aufwand hierfür betreiben müssen. Nicht zuletzt wird ihre Kommunikationsfähigkeit gestärkt sowie ihre Reflexions- und Urteilskompetenz gefördert.

Um das Ritual nicht zu beschädigen und dieses wirklich in die Hände der Schüler zu legen, sollte sich die Lehrkraft — auch in der Feedbackrunde — stark zurücknehmen. Dies setzt natürlich voraus, dass das Ritual gut etabliert wurde. In meinen Klassen spiele ich nur noch den Jingle der Tagesschau an — hier summen die meisten Schüler schon von selbst mit — und gebe maximal kurze Handzeichen, um zu markieren, wie viele Schüler noch in der Diskussion dran genommen werden sollten, damit sich die Diskussion nicht totläuft.

Um ein wirklich konstruktives Feedback zu gewährleisten, empfiehlt es sich, gemeinsame Feedbackregeln zu formulieren und zu visualisieren. Wichtig ist hierbei vor allem eine klare Kriterienorientierung. Solche Kriterien könnten das Sprechtempo sowie die Sprechlautstärke, die Körpersprache und die Adressatenorientierung, aber auch die klare inhaltliche Strukturierung und Fokussierung sowie die inhaltliche Verständlichkeit sein.

Dieses Ritual kann durchaus auch im Geschichtsunterricht implementiert werden. In diesem Falle wählen die Schüler ein Ereignis aus, das sich in der aktuellen Woche jährt. Dabei sollten die Schüler dann nicht nur das Ereignis vorstellen, sondern auch deutlich herausstellen, welche Bedeutung diesem Ereignis für die Gegenwart beigemessen werden kann.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Rituale das System Schule, aber auch den Fachunterricht bereichern können, wenn diese gut etabliert wurden. In diesem Fall geben sie den Lernenden Handlungssicherheit innerhalb der Situationen und entlasten die Beteiligten. Nicht zuletzt bieten sie eine gute Möglichkeit, unterschiedlichste Kompetenzen zu fördern.

Frank Lauenburg

Dazu passender Ratgeber
Dazu passende Arbeitshilfe

Mehr zu Ratgeber Fachunterricht
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×