Fach/Thema/Bereich wählen
Leseförderung

Sekundarschüler für das Lesen von Ganzschriften begeistern

Lesen ist nicht Jeder-Schülers-Sache – und schon gar nicht, wenn es um Ganzschriften geht. Hier ist es wichtig, die richtige Lektüre gemeinsam mit den Schülern auszuwählen und eine produktionsorientierte Bearbeitung des Lesestoffs zu ermöglichen.

Leseförderung: Sekundarschüler für das Lesen von Ganzschriften begeistern Es ist manchmal nicht so einfach, gerade Jungen zum Lesen zu motivieren © Sabphoto - stock.adobe.com

Zwar suggeriert das gegliederte Schulsystem und das System der Jahrgangsklassen den Lehrkräften eine gewisse Homogenität der Schülerschaft in einer Jahrgangsstufe, doch ist die Realität, was das Lesen betrifft, eine andere. Von kompetenten „Leseratten“ bis zu wenig motivierten und motivierbaren „Pflichtlesern“ ist alles vertreten. Auch da die thematischen Interessen äußerst vielfältig sind, ist es für Lehrkräfte nicht leicht, aus der Vielfalt des Angebots der Jugendbuchverlage ein Werk auszuwählen, das möglichst viele Schüler der konkreten Klasse anspricht. Bei der Auswahl der Lektüre sollten die folgenden Aspekte bedacht werden:

  • Die Leser müssen dort abgeholt werden, wo sie sind.
  • Die Leser müssen emotional angesprochen werden.
  • Die Leser sollen sich in ihrer aktuellen Situation besser erkennen, verstehen und bewerten lernen.
  • Die Leser sollen mögliche Zukunftsprojektionen entwickeln, durchspielen und bewerten lernen.
  • Manchmal kann der Zugang zur Klassenlektüre auch über Unterrichtsfächer wie Geschichte, Biologie, Erdkunde, Sozialkunde, Politik, Ethik oder Religion erfolgen.

Lesegewohnheiten der Schüler ermitteln

Hilfreich ist es stets, mit einem Fragebogen zu beginnen, der der Lehrkraft eine erste Orientierung über die Lesegewohnheiten in der Klasse gibt. Sowohl thematische Interessen einzelner Schüler sowie Kenntnisse über Bücher werden erfahrbar und damit für den Unterricht nutzbar. Es empfiehlt sich, Fragen, z. T. auch als Auswahlantworten gestaltet, zu folgenden Bereichen zu stellen:

  • Welches sind deine Lieblingsbeschäftigungen?
  • Welche Arten von Büchern liest du am liebsten?
  • Woher bekommst du die Bücher hauptsächlich?
  • Wie viele Bücher liest du durchschnittlich in der Monat?
  • Welche drei Bücher hast du zuletzt gelesen?

Weitere Schritte bei der Auswahl einer Ganzschrift können die folgenden Aktionen sein:

  • Schüler bringen ein Buch mit, das sie gelesen haben, und stellen dies vor.
  • Bei einem Unterrichtsgang in die Volksbücherei/Bücherhalle erhalten die Schüler nach der Einführung eine Lesezeit in der Jugendbuchabteilung und notieren Bücher, die sie gern lesen würden bzw. die im Unterricht gelesen werden sollten.
  • Die Lehrkraft liest aus unterschiedlichen Büchern vor und lässt dann die Schüler wählen, welches Buch oder welche Bücher von der ganzen Klasse gemeinsam gelesen werden sollte(n).
  • Anlässlich einer vorgesehenen Autorenlesung in der Schule bzw. der Bücherei stellt die Lehrkraft Bücher vor, aus denen die Schüler dann eine Klassenlektüre auswählen.

Das Hauptaugenmerk der Lehrkraft sollte beim Auswahlprozess auf den Nichtlesern und den kompetenten Weniglesern der Klasse liegen. Sie gilt es zum Lesen zu verlocken. D. h. der Schaffung und Weckung von Lesefreude sollte die oberste Priorität bei der Auswahl und auch bei der Arbeit im Unterricht eingeräumt werden.

Arbeitsmaterialien zur Klassenlektüren im Netz

Der Autor dieses Beitrags erarbeitet seit vielen Jahren Handreichungen für den Unterricht zu aktuellen Jugendbüchern. Diese können kostenlos „downgeloadet“ werden.

Zu berücksichtigen ist, dass die in den „Downloads“ skizzierten Sequenzen noch von der Lehrkraft auf die jeweilige konkrete Klasse zu beziehen sind. Die grundlegende Struktur der Arbeit und die Zielsetzung für den Unterricht bleiben jedoch weitgehend erhalten: Es gilt, möglichst vielen Schülern durch das gemeinsame Lesen der Ganzschrift im Unterricht ein Leseerlebnis zu ermöglichen, das sie als persönliche Bereicherung erleben.

Motivation und Texterschließung als erster Schritt

Erste Aufgabe im Unterricht ist es, das Interesse der Schüler für das Buch zu wecken und die Kenntnis des Textes herbeizuführen. Da Bücher im Buchladen durch Titel, Gestaltung des Umschlags und den Klappentext potenzielle Leser für sich einnehmen sollen, bietet es sich auch im Unterricht an, durch das Nachdenken über diese drei Aspekte bei den Schülern eine Erwartungshaltung aufzubauen.

Lektüre, zu der es Material gibt

Jugendbücher am Fachunterricht orientiert:
Günther Bentele: Friedrich der Große und die Mühlen der Gerechtigkeit

Maria Regina Kaiser: Augustus und die verlorene Republik

Ludger Schadomsky: Nelson Mandela und die Kraft der Menschlichkeit

Jugendbücher, in denen die Schicksale von heute lebenden Jugendlichen autobiografisch beleuchtet werden:
Anna B. in Zusammenarbeit mit Kerstin Dombrowski: Ich werde die Bilder im Kopf nicht los. Mein Leben nach dem Missbrauch

Timo F.: Neonazi, Autobiografischer Roman

Abdullah Al-Sayed in Zusammenarbeit mit Kerstin Kropac: Geflüchtet. Zu Hause in Deutschland, daheim in Syrien

Jugendromane, in denen Leben und persönliche Zukunftsprojektionen von Jugendlichen in einer sich rasant verändernden Welt differenziert und spannend thematisiert werden:
Antje Babendererde: Der Gesang der Orcas

Angela Mohr: Vergiss nicht, dass du tot bist

Andreas Eschbach: Aquamarin

Auch längeres Vorlesen durch die Lehrkraft kann die Schüler für das Buch einnehmen. An einer geeigneten Stelle kann dann das Vorlesen abgebrochen werden. Aus Fragen über den Fortgang erwächst die Motivation zum Weiterlesen. Die Fragen können sodann, auf Plakate fürs Klassenzimmer geschrieben, das Weiterlesen einzeln oder in Kleingruppen begleiten. Zur Rezeption des Inhalts ist es hilfreich, wenn den Schülern ein Verzeichnis der im Buch vorkommenden bzw. agierenden Figuren zur Verfügung gestellt wird. Mit kurzen Vermerken zu den Figuren können sich so besonders schwächere Leser Orientierungshilfen schaffen. Notizen zum Inhalt der einzelnen Kapitel ermöglichen beim Erlesen eine erste reflektierte, persönliche Aneignung des gesamten Textes und können als Orientierungshilfe für die sich anschließende handlungs- und produktionsorientierten Umsetzungen dienen.

Handlungs- und produktionsorientierte Bearbeitung des Lesestoffs

In dieser Phase geht es darum, dass die Schüler Abschnitte, Szenen, Figuren oder Sequenzen des Buchs als Ausgangspunkt für unterschiedliche schriftliche oder darstellende Aktivitäten wählen. Dies kann sowohl in Einzelarbeit, Partnerarbeit, arbeitsteilig in Kleingruppen oder mit der ganzen Klasse erfolgen.

Die Aktivitäten können sehr vielfältig sein. Hierzu einige Beispiele:

  • Briefe an Figuren des Buchs schreiben
  • Briefe aus der Perspektive von Figuren verfassen
  • Tagebucheinträge aus unterschiedlichen Perspektiven schreiben
  • Themen des Buchs als Texte für eine Schülerzeitung entwerfen
  • Textstellen dialogisch ausgestalten
  • Figuren des Buchs charakterisieren
  • Textstellen zu Szenen mit Regieanweisungen umschreiben, die Szenen den Mitschülern vorspielen
  • Konfliktsituationen des Buchs in Rollenspielen erproben
  • Standbilder bauen, die die Beziehungen von Figuren zueinander deutlich machen
  • Talkshows mit einzelnen Figuren planen und durchführen
  • Diskussionen zu Themen des Buchs planen und durchführen

Je nach Buch sind weitere Aktivitäten denkbar. Das Ziel all der Aktivitäten ist es, die persönliche Auseinandersetzung der Schüler mit dem Buch zu vertiefen. Allerdings sollte hierbei der Bogen nicht überspannt werden. Ein Zuviel ist der Lesefreude abträglich. Es sollte daher vermieden werden.

Leseleine als abschließende Bewertung

Das Lesen ist ein individueller Prozess, bei dem der Leser einem Text Sinn zuschreibt. Eine wichtige Rolle spielt hierbei dessen Wissen und Weltwissen. Was für erwachsene Leser selbstverständlich ist, kann für jugendliche Leser eine schwer zu überwindende Hürde darstellen, da sie meist nicht über das Weltwissen der Erwachsenen verfügen. Daher ist es für die Lehrkraft wichtig, die Schüler zum Abschluss der Arbeit zu befragen, um ihre Sicht auf das gelesene Buch kennenzulernen.

Dies kann mit einer „Leseleine“ erfolgen. Auf einem Blatt teilen die Schüler einzeln mit, was ihnen am gelesenen Buch gefallen, und was ihnen nicht gefallen hat. Sodann nennen sie jeweils eine Textstelle mit Seitenzahl, die nochmals mit der ganzen Klasse gelesen und besprochen werden soll und begründen dies. Die Blätter der Schüler werden hierauf nach den Seitenzahlen geordnet und an einer Leine befestigt.

Durch das sich anschließende Lesen und Sprechen über die Textstellen erfolgt für die Schüler eine abschließende, z. T. klärende Begegnung mit dem Buch. Zudem bekommt die Lehrkraft einen Einblick in den „Lesekosmos“ ihrer Schüler. Dies kann hilfreich bei weiteren Buchprojekten sein.

Klaus Vogel

Dazu passender Ratgeber
Dazu passendes Unterrichtsmaterial

Mehr zu Ratgeber Fachunterricht
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×