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Draußen unterrichten

So geht Fachunterricht in der Draußen-Schule

Das Klassenzimmer kann auf dem Schulhof, im Park, im Wald oder an einem anderen Ort sein. Neue und kreative Ideen zur Draußenschule erhalten Sie in diesem Beitrag.

Draußen unterrichten: So geht Fachunterricht in der Draußen-Schule Schüler/-innen sind in der Draußenschule viel entspannter © Markus Bormann - stock.adobe.com

Kennen Sie den Film „Eine Saison in Hakkari“  ? 1983 Jahren gewann er auf der Berlinale einen Silbernen Bären und kam in die Programmkinos. Es geht um einen Lehrer aus Istanbul, der aus politischen Gründen in ein kleines, abgelegenes Gebirgsdorf in der kurdischen Provinz Hakkari strafversetzt wird. Gesprochen wird in diesem Film fast nichts, aber es gibt eine Szene, die überaus eindrucksvoll zeigt, was Draußen-Schule bedeutet:

An seinem ersten Schultag (ab min 15:00) steht der Lehrer vor den Kindern des Dorfes und fordert sie auf, ihre Hefte und Bücher herauszunehmen. Doch die Kinder schauen ihn nur an: Sie verstehen nicht, was er meint, denn sie hatten noch nie Schulsachen. Da macht der Lehrer die Tür auf und unterrichtet die Kinder draußen. Er zeigt ihnen die Sonne, dann stellt er ein Kind in die Mitte, ein anderes umkreist es. Und auch wenn das oben verlinkte Video keine deutschen Untertitel hat, versteht man – wie die Kinder – sofort: Hier umkreist die Erde die Sonne. Eine echte Gänsehaut-Szene, wie sie Lehrenden und Lernenden in der Draußenschule immer wieder begegnet.

Draußen lernen heißt besser lernen

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Bilder sagen nicht nur oft mehr als tausend Worte, sie bleiben uns auch besser in Erinnerung. Die Kinder im Filmbeispiel sehen nicht nur eine zweidimensionale Animation von der Erde, die sich um die Sonne dreht. Sie sehen „live“, wie ein Kind um ein anderes läuft, und erleben so das Umkreisen quasi körperlich. Sie vollziehen die Bewegung mental nach, und wenn sie es dann selbst auch noch nachmachen, ist der Lerneffekt besonders hoch.

Der Draußenschul-Experte und Gymnasiallehrer Oliver Kunkel bringt in seinem Beitrag „Draußenunterricht – nicht nur zum Infektionsschutz“ auf den Punkt, warum der Unterricht im Wald, im Park oder auch nur im Freien vor der Schule so lernförderlich ist:

  • Die Lernenden können sich bewegen, was „vielfältige Gehirnregionen“, Kreativität und selbstentdeckendes Lernen anregt.
  • Konzentration und Merkfähigkeit werden „deutlich gesteigert“, Selbstwahrnehmung, Selbstvertrauen und auch „Teamgeist“ werden gefördert.
  • Nachhaltiges Lernen wird im Draußenunterricht unterstützt durch „Phasen des auswendigen Vortragens, des Kopfrechnens, des mündlichen Wiederholens“.
  • Draußenschule ermöglicht den Schülerinnen und Schülern „ganzheitliche Lernerfahrungen (...), bei denen alle Schüler etwas anfassen, Bewegungen vollziehen, aus Naturmaterialien etwas basteln oder legen – mit allen Sinnen und Kanälen.“ (Ebd.)

Nicht nur Kinder verinnerlichen und behalten Inhalte auf diese Weise besonders gut, alle Menschen lernen im Freien wesentlich motivierter und effizienter. Gerade auch Schülerinnen und Schüler der weiterführenden Schule können enorm profitieren, das zeigen die folgenden Ideen für den Fachunterricht. 

Negative Zahlen be-greifen 

Oliver Kunkel ist davon überzeugt, dass jeder Unterrichtsinhalt in jedem Fach im Waldklassenzimmer vermittelt werden kann. In seiner Handreichung „Hybrid Teaching – Praktisches in Wald und Netz“ entwirft er das Modell eines Hybridunterrichts, der zwischen Waldklassenzimmer und häuslicher Nachbereitung mit allen Sinnen und manchmal auch mit digitalen Mitteln changiert. 

Negative Zahlen (5. Klasse) lassen sich im Wald z. B. mit einem als Zahlenstrahl präparierten Baumstamm abschreiten und hautnah erleben. Die Schüler und Schülerinnen erkunden den Zahlenstrahl, rechnen im Kopf (den Zahlenstrahl als Vorstellungshilfe im Blick) und legen schließlich Rechnungen auf einem weißen Tuch mit Naturmaterialien (methodische Anregungen dazu ab S. 299 ff.).

Auch beim Nachbereiten zu Hause „soll körperliche und sinnliche Aktivität nicht vergessen, sondern ausdrücklich weitergeführt werden“ (ebd., S. 286 f.): Der oder die Lernende steht im Raum „auf Null“. Bei einer Pluszahl wird nach vorn gezeigt, bei einer Minuszahl nach hinten und gerechnet wird „nach räumlicher Vorstellung“ (ebd., S. 287). Oder er /sie beklebt eine Treppe zu Hause von -5 bis +5 und steigt entsprechend von Übungsaufgaben auf und ab. Auch meditativ können positive und negative Zahlen körperlich erlebt werden: Die Augen sind geschlossen, er/sie konzentriert sich auf den Ellbogen. Das ist der Nullpunkt. Die Hand liegt bei +10, die Schulter bei -10. Beim Rechnen spürt er/sie, wie Ellenbogen Wärme auf- und absteigt. 

If I had a dream

Bewegung, Entspannung, Imagination – das alles baut Oliver Kunkel variabel in seinen Draußen-Unterricht ein. In der 7. Klasse startet eine Stunde über If-Clauses (Typ 2) mit einer Meditation: Die Schülerinnen und Schüler liegen mit geschlossenen Augen auf Matten, die Lehrkraft leitet auf Englisch eine entspannende Atemübung an, die auf ein „Gefühl der Befreiung und Leichtigkeit“ abzielt. Entspannt trainieren die Schülerinnen und Schüler ihr Hörverstehen und sollen aus dieser „freien Versenkung (...) nun Träume“ entwickeln, Tenor: Denkt an die nächsten Ferien und stellt euch eine Situation vor, in der sich ein persönlicher Wunsch erfüllt (“This may be some money, a special support by anybody, travelling to a special place.“)

Anschließend artikulieren die Mädchen und Jungen ihre Träume mit einem If-Satz à la „If I had more money, I would buy a horse“ mit Bewegung und einer festgelegten Stimmmodulation. Im Waldklassenzimmer ist dazu „ein geradliniges ‚if‘ (...) tatsächlich nachgebildet mit Stecken“. Hier formulieren die Schüler die Bedingung: “If I had more money ...“, wobei sie zum „if“ starre, karateähnliche Handkantenbewegungen vollführen und besonders das Perfect „had“ „faktisch-hart“ aussprechen. 
Hinter dem „if“ ist aus einer weißen Schnur eine große Wolke gelegt, in der mit weißer Schrift „WOULD“ steht. Hier beendet der Sprecher/die Sprecherin den Satz mit der WOULD-Konstruktion, wobei die Arme „wolkig-weich“ in der Luft bewegt, und „would“ und die Hauptverben ebenfalls „wolkig-weich“ wiedergegeben werden.

Reihum äußern alle ihre Träume auf diese Weise, „die andern hören zu und wiederholen unverzüglich in der you-Form“ mit entsprechenden Betonungen und Gesten. Wichtig für den Lernerfolg: Auch die Kids in der Gruppe imaginieren die Bewegung, die der- oder diejenige vollzieht, der/die grade dran ist. Außerdem versuchen die anderen, sich das Gesagte jeweils bildlich vorzustellen. Ihre Aufgabe ist es, sich vier andere Träume von Träumenden zu merken.

Dann gehen alle an ihren Platz (Schreibpult, Matte o. Ä.) und schreiben drei If-Clauses ins Heft. Bei einem Unterrichtsgespräch definiert die Gruppe dann eine Regel und notiert sie „auswendig“ ins Heft.

Weitere Impulse für Ihr Draußen-Repertoire

Diese beiden Beispiele vermitteln schon einen guten Eindruck, wie sich effizientes Lernen im Fachunterricht in der Draußenschule gestalten lässt. Oliver Kunkel gibt in der Handreichung viele weitere gute Impulse für den Draußenunterricht, zum Beispiel in Geografie:

Da suchen sich die Schülerinnen und Schüler ihren persönlichen „tollen Ort“ im Freien, zum Beispiel eine kleine Schlucht, einen Hügel, eine faszinierende Baumgruppe auf einer Erhöhung etc. Dann machen sie für die Gruppe ein Foto und lediglich ungefähre Angaben, wo sich der „tolle Ort“ befindet. Aufgabe der anderen ist es dann, diesen Ort mit Google Earth und einer topographischen Karte (ein Tool ist verlinkt) zu finden (vgl. dazu S. 304). – Diese Idee eignet sich sogar für Homeschooling-Phasen.

In dem oben verlinkten Beitrag „Draußenunterricht – nicht nur zum Infektionsschutz“ stellt Oliver Kunkel noch eine gute Alternative zur Fixierung des Gelernten als Tafelanschrieb/Hefteintrag vor: Collagen oder Legebilder in der Mitte des Schülerkreises. Sie können während der Erarbeitung entstehen und haben einen großen Vorteil: „Lehrer wie Schüler können sich erläuternd in den Collagen bewegen und damit ihre Gedanken darin verorten“, schreibt Kunkel. Auch Arbeitsgruppen können Collagen oder Legebilder zur Ergebnispräsentation erstellen. Die Klasse wandert dabei von Bild zu Bild. Und „als freie Ergebnissicherung“ machen die Schülerinnen und Schüler einfach Fotos von den Collagen. – Eine gute Idee für Gruppenarbeit in allen Fächern!

Und wenn Sie jetzt Lust auf noch mehr Background-Wissen zum Draußenlernen haben, sei Ihnen diese Website empfohlen. Hier machen sich der Bayerische Elternverband und Oliver Kunkel mit sehr überzeugenden Materialien und Argumenten stark fürs Unterrichten an der frischen Luft.

Martina Niekrawietz


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