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Wirtschaftspraxis an Schulen

Vom Schüler zum Gründer

Eben war Prozentrechnung noch langweilig — jetzt hilft sie, Träume zu erfüllen: Wenn Schüler ihre eigene Geschäftsidee entwickeln, lernen sie den Schulstoff neu kennen und entdecken versteckte Talente. Deutschlandweit unterstützen inzwischen zahlreiche Initiativen den Unternehmergeist an Schulen.

Wirtschaftspraxis an Schulen: Vom Schüler zum Gründer Schüler sind mit Begeisterung dabei, ihr Wissen einzusetzen, wenn es um die Gründung einer eigenen Schülerfirma geht © yanlev - Fotolia.com

Ashley-Celestina Twumasi tanzt in ihrer Freizeit gerne Hip-Hop. Aber mit den Sporthosen war sie unzufrieden: „Sie sind im Schritt immer zu eng“, sagt die Neuntklässlerin. So kam ihr die Idee, im Projektunterricht an der Hamburger Erich-Kästner-Schule ein eigenes Hosen-Design zu entwerfen. Insgesamt drei Prototypen fertigte die Vierzehnjährige mit Hilfe ihrer Lehrerin an, suchte Stoffe aus, und setzte Nähte. Die fertige Hose weist im Knie- und Schrittbereich einen dehnbaren Sportstoff auf, ähnlich wie bei einer Reiterhose. Ihre Kunden können Farben und Stoffe mitbestimmen. „Das gibt es so noch nicht.“

Mit ihrer Idee setzte Ashley sich zunächst beim schulinternen Wettbewerb um das beste Projekt durch. Dann kam im Oktober 2014 die Überraschung: Sie gewann den Schülerpreis für Unternehmergeist, der vom Network for Teaching Entrepreneurship (NFTE) in Berlin vergeben wurde. Ashley konnte es kaum glauben: „Ich hätte niemals gedacht, dass ich vor so vielen Leuten etwas vorstellen kann, dass ich so etwas überhaupt erst erreichen kann.“

Schülerinteressen stehen im Vordergrund

Über 200 deutsche Schulen beteiligen sich zurzeit an dem NFTE-Programm für Jugendliche Gründer. Im Rahmen des Programms entwickelt jeder Schüler eine individuelle Geschäftsidee, die zu seinen Fähigkeiten und Hobbys passt. Auf diese Weise sollen die Jugendlichen ihre Stärken kennenlernen und im besten Fall auch eine berufliche Perspektive entdecken. Ganz nebenbei eignen sie sich im Projektalltag auch wirtschaftliches Grundwissen an.

„Der Kern des Unterrichts ist, die Schüler bei ihren Interessen abzuholen“, sagt Prof. Dr. Holger Zumholz, Geschäftsführer von NFTE Deutschland. „Wir glauben, dass jeder Schüler Stärken, Interessen und Talente hat, die jedoch im Schulalltag manchmal unentdeckt bleiben.“ Die Aufgabe des Lehrers bestehe darin, genau hinzuhören, und die Kinder mit Lob und Anerkennung in ihrem Vorhaben zu bestärken.

Weitere Links:

NFTE Kursziele und didaktisches Konzept hier.

Materialien und Tipps vom BMWI für den Entrepreneurship-Unterricht hier.

Das Online-Wirtschaftsspiel Be-Boss hier.

Durch die Projektarbeit lernen die Kinder den Schulstoff neu kennen: „Wenn sich die Schüler zum Beispiel dem Thema nähern, was ihr Produkt kosten soll, wird plötzlich auch Mathematik interessant“, sagt Zumholz. So kann sich der Unterricht positiv auf die Leistung in anderen Schulfächern auswirken.

Gerade für Schüler, die weniger stark von den Eltern gefördert werden, kann der Unterricht wertvoll sein: „Der Gedanke sich selbstständig zu machen ist in den Köpfen von benachteiligten Kindern ja oft gar nicht vorhanden“, sagt Maren Wächter, Fachlehrerin für Modedesign und Betreuerin von Ashleys Projekt. „Wirklich in die Praxis zu gehen hat vielen Selbstvertrauen gegeben.“

Kurze Fortbildung für Lehrer

Der erste Schritt zur Umsetzung des NFTE-Programms ist die Fortbildung der Lehrkräfte: In einer dreitägigen Schulung werden ihnen die Grundlagen des Entrepreneurship-Unterrichts vermittelt. „In diesen drei Tagen durchleben die Lehrer in einer kompakten Form, was die Schüler hinterher im Schuljahr erleben“, sagt Zumholz.

Die Lehrer schliessen die Schulung als „Certified Entrepreneurship Teacher“ ab, und können mit dem Unterrichtsmaterial von NFTE gleich im Anschluss einen Kurs leiten. Das Unterrichtsformat bestimmen die Schulen selbst. „In einigen Schulen sind es AGs, aber oft sind wir so weit etabliert, dass der ganze Wirtschaftsunterricht mit diesem Ansatz durchgespielt wird.“ Auch bei der Einführung des Kurses an den Schulen kann die Organisation helfen. „Wir haben in einigen Bundesländern Regionalmanager, die für Rückfragen zur Verfügung stehen.“

Großes Angebot an Initiativen

Andere Initiativen stellen anstelle der persönlichen Interessen die Gruppenarbeit in den Fokus. Bei „Junior“ zum Beispiel gründen Schüler im Team eine Schülerfirma, die sie dann über ein Schuljahr hinweg selbst führen. Wie in einem richtigen Unternehmen weisen sie sich untereinander Aufgaben zu. So wird zum Beispiel entschieden, wer sich um das Marketing kümmert und wer die Buchführung übernimmt. Hier geht es also besonders darum, die Teamfähigkeit der Jugendlichen zu fördern.

Die Organisation „Jugend denkt Zukunft“ organisiert ein Planspiel, bei dem die Schüler über fünf Tage ein regionales Unternehmen besuchen. Dabei lernen sie das Produkt der Firma kennen, und bekommen einen Eindruck davon, was es bedeutet, in einem Unternehmen zu arbeiten. Insgesamt 40 Initiativen sind beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie registriert.

Wie es mit ihrem Hosen-Entwurf jetzt weitergeht? Da ist sich Ashley selbst noch unsicher. „Es sind jetzt schon sehr viele Aufträge, da müssen wir gucken, wie wir das umsetzen. Vielleicht suche ich Sponsoren“, sagt die junge Designerin. Im April kommenden Jahres steht erst einmal eine Reise zum Gala-Event von NFTE nach New York an. Dort wird sie ihr Projekt vor über 1500 Wirtschaftsvertretern, Lehrern und anderen Schülern präsentieren. Ein bisschen Lampenfieber hat sie zwar schon. „Aber dafür lohnt es sich auf jeden Fall.“

Julian Dee

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