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Hörkompetenz

Von der Wichtigkeit des Vorlesens (1)

Älteren Schüler/-innen noch vorlesen? – Unbedingt, denn das konzentrierte Zuhören bereichert den Unterrichtsalltag, schult das Hörverstehen und macht Lust aufs Selbst(vor)lesen.

Hörkompetenz: Von der Wichtigkeit des Vorlesens (1) Es ist für alle eine besondere Zeit, wenn die Lehrerin/der Lehrer eine Geschichte vorliest © Zlatan Durakovic - stock.adobe.com

Jeden Morgen nimmt sich Frau Graber [Name geändert], die Klassenlehrerin der 6c, Zeit, um ihrer Lerngruppe vorzulesen. Hierfür versammelt sich die ganze Klasse im Sitzkreis. Die Lernenden folgen der Handlung der Geschichte jeweils gebannt und zeigen eine große emotionale Teilnahme an der Handlung. Für dieses Ritual allerdings muss sich Frau Graber häufig gegenüber engagierten Eltern rechtfertigen, die der Ansicht sind, dass die Unterrichtszeit effizienter genutzt werden könnte.

Nicht selten müssen sich Lehrpersonen, die das Vorlesen in ihrem Unterricht als festen Bestandteil etabliert haben, gegenüber Eltern, anderen Lehrpersonen und weitern Akteuren des Schulalltags rechtfertigen, da Vorlesen nach wie vor und vor allem auf der Mittelstufe als Zeitverschwendung verunglimpft wird. Daher widmet sich der folgende Artikel der Wichtigkeit des Vorlesens, sowohl im Regelschulbereich wie auch im sonderpädagogischen Setting. Während sich der vorliegende erste Teil mit der praktischen Umsetzung des Vorlesens im Unterricht beschäftigt, wird in Teil zwei das theoretische Hintergrundwissen geliefert und die Wichtigkeit des Vorlesens durch verschiedene Erkenntnisse breit abgestützt. 

Nachstehend soll also auf die verschiedenen Aspekte des Vorlesens im Unterricht eingegangen werden. Zweifelsohne ist es möglich, einige der genannten Sichtweisen ohne Weiters auf das Vorlesen im privaten Setting zu übertragen. 

Wahl eines geeigneten Vorlesewerkes

Im weltweiten Netz sind schier unzählige Listen mit Büchertipps für jedes Alter, jede Schulstufe und auch quasi jedes Thema vorhanden. Die Herausforderung besteht also darin, aus der Flut von Informationen und gut gemeinten Vorschlägen die richtigen Werke auszuwählen. Doch nach welchen Kriterien soll vorgegangen werden? Hierzu erscheinen drei Überlegungen zentral:

  • Ist die Sprache des Buches meiner Lerngruppe angemessen? Es ist beispielsweise denkbar, dass für eine Lerngruppe, in der die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler Deutsch als Zweitsprache spricht, andere Werke geeignet erscheinen als für eine sprachlich homogeneren Lerngruppe.
  • Gefällt mir als Lehrperson das Buch auch? Bei der Auswahl des Werkes sollten nicht nur die Vorlieben der Lernenden in Betracht gezogen werden, sondern auch die eigenen. 
  • Wie lang sind die Kapitel? Obwohl dieser Punkt vernachlässigt werden kann, erleichtern kurze Kapitel die Einteilung der täglichen Lesemenge und verhelfen sowohl den Schülerinnen und Schülern als auch der Lehrperson zu einer gut strukturierten Vorlesezeit.

Von der Wichtigkeit des Settings

Das Setting, in welchem (im Unterricht) vorgelesen wird, kann entscheidend zur Vorlesefreude der Lehrperson respektive zur Zuhörfreude der Lernenden beitragen. Hierbei sollten Sie die individuellen räumlichen und strukturellen Gegebenheiten ebenso berücksichtigen wie soziale Komponenten, die in jeder Lerngruppe eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Mögliche Überlegungen hierzu können sein:

  • Sitzen die Lernenden während der Vorlesezeit an ihren Plätzen oder trifft man sich in einem Sitzkreis?
  • Dürfen die Lernenden auswählen, neben wem sie während der Vorlesezeit sitzen oder nicht?
  • Ist es denkbar, einen anderen Raum als das angestammte Klassenzimmer zu nutzen?
  • Wo positioniere ich mich als Lehrperson und als vorlesende Person während der Vorlesezeit?

So oder so erscheint eine gemütliche und entspannte Atmosphäre als beste Voraussetzung für ein erfolgreiches Vorleseerlebnis. 

Nicht nur vorlesen, sondern auch darüber sprechen

Die Anschlusskommunikation, also das Sprechen über das in einer Vorleseeinheit Gehörte, ist ein zentrales Element des Vorlesens und sollte ebenso viel Beachtung finden wie das Vorlesen selbst. Nicht nach jeder Vorleseeinheit muss über das Gehörte gesprochen werden, jedoch sollte das Weglassen der Anschlusskommunikation eher die Ausnahme statt die Regel sein. 

Die Anschlusskommunikation kann ritualisiert werden, beispielsweise mit Fragekärtchen. Auch muss nicht zwingend laut über das Gehörte gesprochen werden, die Kommunikation kann auch schriftlich oder durch vorgefertigte Fragebögen oder andere Feedbackmöglichkeiten stattfinden.  

Selbst lesen lassen und vorlesen

Gerade in der Mittelstufe stellen sich manche Eltern und Lehrpersonen die Frage, ob das Vorlesen überhaupt noch altersgerecht ist, zumal gerade im Regelschulbereich ein Großteil der Schülerinnen und Schüler in diesem Alter bereits selbst Bücher liest oder zumindest Bücher lesen kann. Allerdings erinnert sich vielleicht mancher Erwachsene auch heute noch lebhaft an vorgelesene Geschichten, denn sie prägen sich uns häufiger tiefer und anders ein als selbst gelesene Geschichten. Wenn es also um die Frage „selber lesen oder vorlesen?“ geht, dann bleibt nur zu sagen: Das eine tun und das andere nicht lassen. 

Abschliessend kann gesagt werden, dass die Tätigkeit des Vorlesens wohl mit zu den bereicherndsten Tätigkeiten der Lehrperson gehört, sowohl für sie selbst wie auch für die Lerngruppe. Wenn das Vorlesen als neues Ritual in der Klasse etabliert werden soll, ist es durchaus möglich, dass einige Lernende etwas länger brauchen, um sich daran zu gewöhnen als andere. Obwohl dies gerade zu Beginn entmutigend sein kann, lohnt es sich durchaus, dran zu bleiben und dem Vorlesen im Unterricht den Stellenwert einzuräumen, den es verdient.

Chantal Daniela Horst


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