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Ökonomische Bildung

Wie viel Wirtschaftsunterricht darf’s denn sein?

Ökonomische Bildung ist wichtig. Die Frage ist dabei nicht nur, ob sie in einem Separatfach Wirtschaft oder verstärkt im Politikunterricht gelehrt wird, sondern auch wie viel Zeit und qualifizierte Lehrer man für den Unterricht zur Verfügung stellt.

Ökonomische Bildung: Wie viel Wirtschaftsunterricht darf’s denn sein? Viel spricht dafür, dass Schüler im Unterricht mehr über Wirtschaft und auch Finanzmärkte erfahren © Eisenhans - Fotolia.com

Nach der 2017 für CDU und FDP erfolgreich verlaufenen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, kündigten die neuen Regierungsparteien in ihrem Koalitionsvertrag die Ausweitung ökonomischer Bildung an.

Wir wollen Schülerinnen und Schüler besser auf eine selbstbestimmte Lebensgestaltung und einen erfolgreichen Berufseinstieg vorbereiten“, denn Ökonomische Bildung sei „ein unverzichtbarer Bestandteil der Allgemeinbildung. Christdemokraten und Freie Demokraten werden daher an allen weiterführenden Schulen das Schulfach Wirtschaft etablieren, in dem unter anderem Kenntnisse unserer Wirtschaftsordnung ebenso wie Aspekte der Verbraucherbildung vermittelt werden.“ ( NRWKoalition (Hrsg.): Koalitionsvertrag für Nordrhein-Westfalen 2017–2022. Düsseldorf 2017, S. 10)

Die Politik fordert mehr Wirtschaft

Worin jedoch der qualitative Unterschied zur bestehenden ökonomischen Bildung liegen soll, bleibt vor allem mit Blick auf die aktuellen Lehrpläne in NRW noch unklar, findet sich doch schon jetzt für alle Schulformen die Forderung nach einer ökonomischen Bildung, wie sie im Koalitionsvertrag ohne ein neues Separatfach Wirtschaft formuliert wird. Beispielhaft sei hier auf den Kernlehrplan für die Realschule in NRW verwiesen, in dem es u. a. heißt: „Das Fach Politik in der Realschule trägt dazu bei, dass die Lernenden politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen sowie relevante Probleme und Gegebenheiten, aber auch das Handeln von Individuen und Gruppen unter Berücksichtigung der dahinterliegenden Wertvorstellungen verstehen und kompetent beurteilen können.“ Darüber hinaus soll sie das Fach Politik befähigen, „ihre Bürgerrollen in der Demokratie wahrzunehmen und politische, gesellschaftliche sowie ökonomische Prozesse aktiv mitzugestalten.“ Nicht zuletzt soll der Unterricht im Fach Politik „das Interesse an gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Gegenständen wecken.“ (Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Kernlehrplan für die Realschule in Nordrhein-Westfalen — Politik. Düsseldorf 2011, S. 9 f. Äquivalente Formulierungen finden sich auch in den Kernlehrplänen für die Gesamtschule sowie das Gymnasium. Vgl.: Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Kernlehrplan für die Gesamtschule — Sekundarstufe I — in Nordrhein-Westfalen — Gesellschaftslehre: Erdkunde, Geschichte, Politik. Düsseldorf 2011, S. 11. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Kernlehrplan für das Gymnasium — Sekundarstufe I (G8) — in Nordrhein-Westfalen — Politik/Wirtschaft. Düsseldorf 2007, S. 12 ff.)

Separatfach Wirtschaft wird kritisch gesehen

Auf die Berufsorientierung sowie den Verbraucherschutz wird dabei — unabhängig von den Forderungen des Koalitionsvertrages — schon heute ein besonderes Augenmerk gelegt Die Forderung nach einem Separatfach Wirtschaft ist jedoch gar nicht so neu und wird schon seit Jahren — vor allem von Vertretern der Wirtschaft oder Verbänden zur Förderung ökonomischer Bildung — in durchaus regelmäßigen Abständen postuliert. Angeheizt wurde die Debatte sicherlich durch den Tweet eines Jugendlichen, der — nicht nur mit Blick auf seine ökonomische Bildung — kritisierte: „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann eine Gedichtsanalyse schreiben. In vier Sprachen.“ (Naina Kümmel (nainablabla), Tweet am 10.01.2015 um 3:49 Uhr. [Stand: 01.04.2018])

An einem potenziell neuen Separatfach Wirtschaft wird vor allem kritisiert, dass der Einfluss einzelner Unternehmer auf den schulischen Unterricht größer werden könnte. In diesem Sinne wird auch angeführt, dass schon heute Banken und Unternehmen Unterrichtsmaterialien zur Verfügung stellen, die teils einseitige Positionen der Wirtschaft einnähmen. Auf der anderen Seite argumentiert beispielsweise Michael Schuhen vom Zentrum für ökonomische Bildung der Universität Siegen in die genau entgegengesetzte Richtung. Er glaubt, dass eine Stärkung der ökonomischen Bildung Einzelunternehmen und deren Unterrichtsmaterialien aus der Schule verdrängen würde. Im Falle einer Aufwertung des Fachbereiches würden ordentliche Lehrpläne erarbeitet und anschließend renommierte Schulbuchverlage Schulbücher erarbeiten, die wiederrum für die Zulassung von den Ministerien geprüft werden müssten. Sein Fazit: „Durch ein Schulfach kommen die Unternehmen viel weniger in die Schulen, weil die frei erhältlichen Unterrichtsmaterialien aus der Wirtschaft nicht mehr gebraucht werden.“ [Stand: 29.03.2018]

Wirtschaftsunterricht vs. politische Bildung?

Oft wird auch kritisiert, dass der aktuell bestehende Wirtschaftsunterricht, welcher als Integrationsfach im Rahmen der Gesellschaftswissenschaften in den Fächern Erdkunde, Politik, Sozialwissenschaften, Arbeitslehre und Geschichte zu einseitig negativ wäre und gerade die negativen Folgen der Wirtschaft, wie Wirtschaftskrisen, Folgen von Arbeitslosigkeit, mangelnde Nachhaltigkeit o. Ä. herausstellen würde. Dem entgegnen die Befürworter der Integration wirtschaftlicher Zusammenhänge in gesamtgesellschaftliche Prozesse, dass Wirtschaftsabläufe eben gerade im gesellschaftlichen Kontext betrachtet werden sollten, um somit nicht nur die Schnittmengen, sondern auch die Abhängigkeiten von politischen, soziologischen, geografischen und historischen mit wirtschaftlichen Aspekten zu betrachten.

Gegenwind erhielt die neue Landesregierung prompt vor allem von Verbänden der politischen Bildung, die den schon jetzt hohen Stellenwert der ökonomischen Bildung auf Kosten politischer Bildung bemängeln. Soziologen der Universität Bielefeld untersuchten in diesem Zusammenhang die Stundentafeln der Sekundarstufe I in Nordrhein-Westfalen und kamen zu dem Ergebnis, dass politische Themen im planmäßigen Unterricht nur eine marginale Rolle zukommt: „Im gesamten Unterricht der Sekundarstufe I stehe den Schülern nur wenig mehr als ein Prozent ihrer Lernzeit zur Verfügung, um sich mit Fragen der Demokratie, ihren Grundlagen und Voraussetzungen, Chancen und Problemen zu beschäftigen.“  (Vergleiche hier [Stand: 29.03.2018]) „17 Minuten Politik, 20 Sekunden Redezeit“ lautete, wahrlich etwas verkürzt, der Titel ihrer Studie.

Betrachtet man das Empfinden der jungen Schülerinnen und Schüler, die den Eindruck haben, sie würden nicht über ausreichend ökonomische Bildung verfügen, um ihren Alltag angemessen bestreiten zu können, (Beispielhaft vgl.: ING-DiBa Online-Untersuchung, durchgeführt von Ipsos im August 2017. Zitiert u.a. in der Börsen-Zeitung vom 26.10.2017: „Deutsche sehnen sich nach Finanzbildung“) so scheint die Forderung nach einer Ausweitung der ökonomischen Bildung wahrlich schlüssig. Ob eine solche Ausweitung jedoch auf dem Rücken anderer gesellschaftswissenschaftlicher Teildisziplinen ausgetragen werden sollte, mag angezweifelt werden. In diesem Sinne erscheint es weit sinnvoller, den schon heute oft vorhandenen fachfremden Unterricht, gerade im gesellschaftswissenschaftlichen Bereich zielgerichtet zu minimieren, um dem Anspruch einer umfassenderen ökonomischen und politischen Bildung gerecht zu werden — durch Lehrkräfte, die dafür ausgebildet wurden.

Frank Lauenburg

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